Béla Barényi

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Béla Barényi

Béla Barényi (* 1. März 1907 in Hirtenberg, Niederösterreich; † 30. Mai 1997 in Böblingen) war ein Konstrukteur, der als einer der Begründer der passiven Sicherheit im Automobilbau gilt.[1] Barényi hatte ungarische Wurzeln. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte die Staatszugehörigkeit von Österreich über Tschechoslowakei nach Deutschland.

Leben[Bearbeiten]

Geburtshaus Barényis[A 1]

Béla Barényi wurde in der Keller’schen Villa am Bach im Hirtenberg geboren. Da sein Vater Eugen Barényi (1866–1917)[2] aus Preßburg stammte, wurde er bei Gründung der ČSR (1918) tschechoslowakischer Staatsbürger. Barényis Vater war Oberstleutnant in der k.u.k. Armee, Lehrer an der Infanteriekadettenschule Kamenitz sowie Professor für Naturwissenschaften an der Militär-Realschule in Fischau; seine Mutter, Maria, stammte aus der sehr wohlhabenden Familie Keller. Barényis Urgroßvater war Seraphin Keller (1823–1882), Gründer der Hirtenberger Patronenfabrik, sein Großvater, Fridolin Keller (1849–1923), ab 1890 mit einer eigenen Firma Guldenmillionär[3] geworden, besaß einen luxury Austro-Daimler[1] und begründete bzw. vertiefte somit Bélas Interesse am Automobilbau. Bélas Bruder, Friedrich Barényi († 1984),[2] war als Mathematiker bei Junkers an der Entwicklung des ersten Düsentriebwerks beteiligt.

Nach Absolvierung von Volksschule (Preßburg), Bürger- und Realschule (Wien und Waidhofen an der Ybbs)[4] sowie einem ausgezeichneten Abschluss[A 2] an der öffentlich-rechtlichen Privatfachschule für Maschinenbau und Elektrotechnik in der Siebenbrunnengasse 35 in Wien-Margareten sammelte er ab 1928 Berufserfahrung bei den Steyr-Werken in Wien, den Adlerwerken in Frankfurt, der Firma GETEFO in Berlin sowie der Société Pendelastic bzw. Soprotec in Paris.[2]

Ab 1939 arbeitete Barényi auf Vermittlung seines Studienfreunds Karl Wilfert für die Daimler-Benz AG und machte die passive Sicherheit von Autos zu seinem Berufs- und Lebensziel. Ein Jahr später wurde er deutscher Staatsbürger und heiratete im selben Jahr Maria Killian[4] – die Ehe blieb kinderlos. Gemeinsam mit Daimler-Benz-Entwicklungsvorstand Hans Scherenberg formulierte Barényi 1966 die bis heute gültige Aufteilung von aktiver und passiver Sicherheit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann er mit den Projekt Terracruiser und Concadoro. 1946 wurde er, da er bereits vor dem Anschluss Österreichs der NSDAP beigetreten war, als politisch belastet entlassen, aber bereits 1948 erfolgte seine Wiedereinstellung als Entwicklungsingenieur mit dem Aufgabengebiet Spezialuntersuchungen und Ausarbeitung von Konstruktionsvorschlägen.

1953 setzte Barényi seine Ansprüche auf die von Ferdinand Porsche angemeldeten Patente vor Gericht durch. Barényi konnte nachweisen, dass er bereits in den 1920er Jahren das Konzept des Käfers detailliert dargelegt, aber nicht ausreichend durch Patente abgesichert hatte. 1955 verklagte Barényi die Volkswagenwerk G.m.b.H. auf Urheberrechtsverletzung, woraufhin seine Urheberschaft am VW Typ 1 gerichtlich anerkannt wurde.

Seine Visionen, Konstruktionen und Erfindungen sorgten dafür, dass Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz zu den sichersten ihrer Zeit wurden. Erstes Projekt war ein neuartiger Plattformrahmen für das Mercedes-Benz-170V-Cabriolet (Baureihe W 136), der Insassen bei einem Seitenaufprall besser schützte als bei früheren Konstruktionen. Seine am 30. Oktober 1952 ausgegebene Patentschrift mit der Nummer (DE-)854157[5] gilt heute als die Basis der passiven Sicherheit im Fahrzeugbau.[6] Die Serieneinführung dieses Konzepts erfolgte 1953 bei der „Ponton“-Baureihe W 120. 1948 erfand er ein Prinzip für versenkte Scheibenwischer, die in abgeschaltetem Zustand von der Karosserie verdeckt sind und dadurch ein geringeres Verletzungsrisiko für Fußgänger bedeuten. Verwirklicht wurde diese Idee in der von 1979 bis 1991 gebauten S-Klasse W 126. Die Sicherheitslenksäule geht auf eine Barényi-Idee aus dem Jahr 1947 zurück.

1951 gelang Barényi ein Durchbruch in der Sicherheitsentwicklung, als er die Grundlage der Sicherheitsfahrgastzelle zum Patent anmeldete. Das Konzept der definierten Knautschzone[5] in Verbindung mit einer hochfesten Fahrgastzelle ist ein Meilenstein der passiven Sicherheit. In der im August 1959 präsentierten Oberklasse-Baureihe W 111, der „Heckflosse“, ging diese Innovation erstmals in Serie. 1963 erfand Barényi die „Sicherheitslenkwelle für Kraftfahrzeuge“ und ließ diese Technik patentieren. Als vollständiges System hatte diese Sicherheitslenkung 1976 in der Baureihe W 123 Premiere. Neben seinem Engagement für die passive Sicherheit entwickelte Barényi auch wegweisende Automobilkonzepte wie das Wohnmobil Mercedes-Benz Großer Reisewagen und das Kompaktfahrzeug K-5.

Ab 1955 bis zu seiner Pensionierung 1974[7] leitete er die Vorentwicklung bei Daimler-Benz. Sein Haus in Maichingen und das darin eingerichtete Archiv verkaufte Barényi Mitte der 90er Jahre an die Mercedes-Benz AG.[7]

Béla Barényi, der Vater der passiven Sicherheit, Urheber von 2500[7] angemeldeten Patenten, starb am 30. Mai 1997 im Alter von 90 Jahren in Böblingen. Teile seines Nachlasses erhielt das Technische Museum Wien.[8]

Ehrungen[Bearbeiten]

Barényi-Sitz in Baden bei Wien

Béla-Barényi-Preis[Bearbeiten]

Béla Barényi-Preis

Ihm zu Ehren wird seit 2005 von der Arbeitsgemeinschaft für Motorveteranen (AMV) und der Firma Robert Bosch für Leistungen an Personen, die sich in der Vergangenheit um den Kraftfahrzeugverkehr verdient gemacht haben, der Béla-Barényi-Preis in der Wiener Zentrale des ÖAMTC verliehen.[14]

Quellen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Joachim Fischer: Béla Barényi. Es geht um das vernünftige Auto. Motor-Revue, Stuttgart 1974.
  • Béla Barényi: Viele hupen nimmer. Kraftfahrzeugtechnisches Archiv Barenyi, Maichingen 1984.
  • Béla Barényi: Porsche hatte einen Vordermann. Selbstverlag Barényi, Maichingen 1987.
  • Harry Niemann: Béla Barényi, Nestor der passiven Sicherheit. Mercedes-Benz-AG, Stuttgart-Untertürkheim 1994.
  • Harry Niemann: Béla Barényi – Sicherheitstechnik made by Mercedes-Benz. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2002, ISBN 3-613-02274-5.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Béla Barényi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Daimler AG: Béla Barényi. In: mercedesclass.net, englisch, abgerufen am 16. September 2011.
  2. a b c Niemann: Barenyi, Bela.
  3. Hanauska: Hirtenberg, S. 204.
  4. a b Hanauska: Hirtenberg, S. 368.
  5. a b Kraftfahrzeug, insbesondere zur Beförderung von Personen. In: dpma.de, Online (PDF; 85 kB), abgerufen am 16. September 2011.
  6. Thomas Karny: Der Vater der Knautschzone. In: wienerzeitung.at, Wiener Zeitung, 23. Februar 2007, abgerufen am 16. September 2011.
  7. a b c Stern-Zeichner – Béla Barényi und Bruno Sacco – Teil 1. In: motor-klassik.de, 15. Januar 2009, abgerufen am 16. September 2011.
  8. Bernhard Flieher: Technisches Museum: Wie ein Motor verschwindet. In: salzburg.com, Salzburger Nachrichten, 16. Februar 2010, abgerufen am 16. September 2011.
  9. Béla Barényi und sein Team im Hause Daimler-Benz. Beiträge zur Entwicklung eines verkehrsgerechten, sicheren und wirtschaftlichen Alltagsautos ; zusammengestellt aus Anlaß der Verleihung des Aachener und Münchener Preises für Technik und angewandte Naturwissenschaften 1981. Kraftfahrzeugtechnisches Archiv Barenyi, Maichingen 1981, OBV.
  10. Wallner: Von der Kommandantur zum Kongresscasino, S. 63.
  11. Auskunft des Bundespräsidialamtes
  12. Schloß-Hotel „Bellevue“. In: Badener Zeitung, Nr. 47/1920, 12. Juni 1920, S. 3, oben links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/bzt.
  13. Wallner: Von der Kommandantur zum Kongresscasino, S. 72.
  14. a b c ÖAMTC Fahrtechnik GmbH: Bela Barenyi-Preis 2010. Hohe Auszeichnung für verdiente Personen der österreichischen Veteranenszene. In: oeamtc.at, abgerufen am 16. September 2011.
  15. Höchste Auszeichnung der österreichischen Veteranenszene. Ehrenvoll – der Bela Barenyi-Preis. In: Klub der Fahrzeugfreunde und Technikhistoriker Österreichs, 6. September 2008, abgerufen am 13. September 2011. – Online (PDF; 654 kB).
  16. ÖAMTC Fahrtechnik GmbH: Oldtimer. Martin Pfundner. In: oeamtc.at, abgerufen am 16. September 2011.
  17. a b Angelika Kiessling: Bela Barenyi Preis 2009 vergeben. In: bosch-presse.at, 3. November 2009, abgerufen am 16. September 2011. – Online (PDF).
  18. ÖAMTC: Hans Peter Lenz mit Bela Barenyi Preis 2012 ausgezeichnet bei ÖAMTC vom 19. November 2012 abgerufen am 21. Dezember 2012
  19. ÖAMTC: Hans Herrmann mit Bela Barenyi Preis 2013 ausgezeichnet beim ÖAMTC am 13. November 2013
  20. BOSCH: Hans Alfred Staffen mit Bela Barenyi Preis 2014 ausgezeichnet bei Robert Bosch GmbH am 24. November 2014

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. 1887 von Karl Hinträger (1859–1913) erbaut für den Hirtenberger Stadtbaumeister Josef Tischler. 1919 schenkte die Industriellenfamilie Keller die Villa der Gemeinde, die sie als Rathaus (Gemeindeamt) nutzte und, nach kriegsbedingter Zerstörung, 1950 in der ursprünglichen Form wieder aufbaute. In den 1990er Jahren wurde der Bau geschleift und auf der Liegenschaft ein neues Gemeindeamt errichtet. — Hanauska: Hirtenberg, S. 272 f. sowie Allgemeine Bauzeitung, 1887 (LII. Jahrgang).
  2. Mit seiner Abschlussarbeit zu den Grundlagen des späteren Volkswagenkonzepts (Zentralrohrrahmen mit Boxermotor im Heck und Stromlinienkarosserie in Pontonbauweise) nahm er bereits (1925/26) entscheidende Konstruktionsmerkmale des VW vorweg. – Aus: Niemann: Barenyi, Bela.
  3. Einer der Wohnsitze von Barényis Großvater, Fridolin Keller. – Siehe: Edith Lappel: Karoline und Fridolin Keller. In: kaiser-franz-josef-museum-baden.at, 2008, abgerufen am 16. September 2011.