Béla Kun

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Béla Kun 1923
Béla Kun während der kommunistischen ungarischen Revolution 1919
Béla Kun zwischen Tibor Szamuely und Jenő Landler (1875–1928)[1] im Memento Park, Budapest

Béla Kun [ˈbeːlɒ kun], Pseudonym: Emmerich Schwarz[2] bzw. Elemér Schwarz[3] bzw. Imre Schwarz[4], (* 20. Februar 1886 in Szilágycseh in Siebenbürgen, damals Österreich-Ungarn; † 29. August 1938 in Moskau[5]; eigentlich: Béla Kohn) war ein ungarischer kommunistischer Politiker.

Biografie[Bearbeiten]

Béla Kohn entstammte einer jüdischen Familie in einfachen Verhältnissen. 1906 änderte er seinen Familiennamen Kohn in die ungarische Form „Kun“. Er studierte an der Universität Klausenburg, wo er mit Sozialisten in Kontakt kam. Später arbeitete er als Angestellter einer Arbeiterversicherungskasse. 1914 ging Kun nach Budapest, wo er eine sozialistische Zeitung herausgab. Im Ersten Weltkrieg diente er in der österreichisch-ungarischen Armee und geriet 1916 in russische Kriegsgefangenschaft. In der Gefangenschaft wurde er zum Anhänger der russischen Bolschewiki.

Im Dezember 1918 wurde er nach Ungarn entsandt, um dort für eine kommunistische Revolution zu wirken. Zu diesem Zweck gab er eine Zeitung unter dem Titel Rote Zeitung heraus. Er wurde dort bald von der Regierung des Grafen Mihály Károlyi inhaftiert, jedoch in der Folge der Wirren, die nach Ende des Ersten Weltkrieges ausbrachen, am 21. März 1919 wieder freigelassen. Er bildete darauf eine Räteregierung aus Sozialisten und Kommunisten, in der er zwar nur als Volksbeauftragter für Außenbeziehungen fungierte, aber die mächtigste Figur war. Unter anderem wurden unter seiner Leitung die Banken, Industriebetriebe und landwirtschaftlichen Güter verstaatlicht. Die Regierung wurde bald von den Kommunisten dominiert und entwickelte sich zu einer Diktatur, die mit Einsatz von Gewalt regierte.

Innen- und außenpolitisch sah sich die Räterepublik nicht nur mit gewaltigen sozialen und wirtschaftlichen Problemen als Folge des Weltkriegs konfrontiert, sondern auch mit umfangreichen Gebietsforderungen der Tschechoslowakei, Rumäniens und des SHS-Staates, die bei den Ententemächten Unterstützung fanden. Die Besetzung weiter Teile des einstigen Königreichs Ungarn durch tschechoslowakische, rumänische, jugoslawische und französische Truppen und die nationale Verbitterung der Ungarn über diesen „Raub“ ihres historischen Territoriums hatten zur Folge, dass sich aus patriotischen Gründen zahlreiche ehemalige Offiziere und Soldaten der k.u.k. Armee, wie beispielsweise Oberst Aurél Stromfeld, der neu aufgestellten Roten Armee der Räterepublik zur Verfügung stellten. Dieser gelang es schließlich, die „Invasoren“ zu stoppen und im Zuge einer Gegenoffensive im Norden weite Teile Oberungarns, das heißt der heutigen Slowakei, unter ihre Kontrolle zu bringen und dort eine Slowakische Räterepublik zu bilden.

Die Ausrufung der Slowakischen Räterepublik am 16. Juni 1919 in Prešov und eine mögliche weitere Ausdehnung der „ungarischen Revolution“ hatten in der ersten Junihälfte 1919 diplomatische Noten der Ententemächte an die Ungarische Räteregierung („Magyarországi Tanácsköztársaság“) zur Folge, in denen die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen und der Rückzug der Roten Armee hinter die auf der Pariser Friedenskonferenz festgelegte Demarkationslinie gefordert wurden. Die Annahme dieser Forderungen und der Rückzug aus den kurz zuvor eroberten Gebieten wurde von den Soldaten und Offizieren der Roten Armee und auch in der Bevölkerung mit Verbitterung und Unverständnis aufgenommen und bewirkte letztlich eine irreparable Schädigung des Ansehens der Räteregierung. Dadurch wurden auch jene gegenrevolutionären Kräfte Ungarns begünstigt, die von Anfang an auf einen Sturz der Räterepublik hingearbeitet hatten. Als schließlich tschechische und rumänische Streitkräfte ihren Vormarsch wieder aufnahmen, kam die Räterepublik ins Wanken. Im Zuge des Ungarisch-Rumänischen Krieges stießen rumänische Truppen bis weit ins Innere Ungarns vor. Am 30. Juli 1919 überquerten diese die Theiß und am 1. August 1919 kapitulierte die südliche Heeresgruppe der ungarischen Roten Armee nach Kämpfen bei Szolnok. Béla Kun ergriff die Flucht und setzte sich nach Österreich ab,[6] während die rumänische Armee Budapest besetzte und die Räteregierung gestürzt wurde.

In Österreich wurde Kun zunächst festgenommen und in Drosendorf[7], anschließend in Karlstein an der Thaya interniert. Von dort gelang ihm die Flucht in die Sowjetunion, wo er in den nächsten Jahren für die KPdSU und die Komintern in verschiedenen Funktionen tätig war. Unter anderem nahm er erfolglos an den Märzkämpfen in Mitteldeutschland 1921 teil. 1924 soll sich Kun in Wien aufgehalten haben, wo er unter den Decknamen Emmerich Schwarz, Elemér Schwarz sowie Imre Schwarz in einer im Juli 1924 von Karl Oeri gegründeten, von allen Budapester Kommunisten besuchten Agitationsschule (u. a. zusammen mit Jenő Landler und Imre Levai)[4] Vorträge hielt.[2] 1928 war er wieder in Wien, von wo aus er gleichfalls ohne Erfolg versuchte, sozialistische Strömungen in Ungarn zu organisieren.[8] 1934 nahm er als ausländischer Delegierter am XVII. Parteitag der KPdSU in Moskau teil. 1938 wurde er im Rahmen der Stalinschen Säuberungen in der Sowjetunion erschossen.

Werke[Bearbeiten]

  • –, Peter Kischka (Übers., Vorwort): Was wollen die Kommunisten? Hoym, Hamburg 1919, DNB.
  • Die Propaganda des Leninismus. Hoym, Hamburg 1924, DNB.
  • —, Willi Münzenberg (Vorwort):Der Kommunismus im Kampfe gegen die Sozialdemokratie. Verlag Unsere Zeit, Berlin 1933, DNB.
  • Die II. Internationale in Auflösung. Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau/Leningrad 1933, OBV.
  • Die Februarkämpfe in Österreich und ihre Lehren. Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau/Leningrad 1934, OBV.
  • Die brennendste Frage – Aktionseinheit. Verlagsgenossenschaft Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau/Leningrad 1934, DNB.
  • Otto Bauers Weg. Von der Anerkennung des Ständestaates – zur Anerkennung der Diktatur des Proletariats. von Schnurpfeil, Leipzig 1934, OBV.
  • —, Tibor Hajdú (Auswahl), Geza Engl (Übers.): Brüder, zur Sonne, zur Freiheit! Ausgewählte Reden und Artikel zur Zeit der ungarischen Räterepublik 1919. Corvina-Verlag Budapest 1977, ISBN 963-13-0226-1.

Literatur[Bearbeiten]

  • Rudolf Tőkés: Béla Kun and the Hungarian Soviet Republic. The Origins and Role of the Communist Party of Hungary in the Revolutions of 1918–1919. (englisch). F.A. Praeger, New York 1967, LOC, OBV.
  • Iván Völgyes (Hrsg.): Hungary in Revolution, 1918–19. Nine Essays. (englisch). University of Nebraska Press, Lincoln 1971, ISBN 0803207883, LOC.
  • Miklós Szinai: Otto Bauer und Béla Kun. In: Erich Fröschl (Hrsg.), Helge Zoitl (Hrsg.): Otto Bauer (1881–1938). Theorie und Praxis. Beiträge zum wissenschaftlichen Symposion des Dr.-Karl-Renner-Instituts, abgehalten vom 20. bis 22. Oktober 1981 in Wien. Europa-Verlag, Wien 1985, ISBN 3-203-50927-X, S. 11–24.
  • Am Rande der Räterepublik. Bela Kun und Österreich. In: Konrad Jekl: Auf den Spuren der Republik Österreich. Aufsätze zur österreichischen Zeitgeschichte. Lang, Frankfurt am Main/Wien (u.a.) 1992, ISBN 3-631-48950-1, S. 99–126.
  • György Borsányi, Mario D. Fenyo (Übers.): The Life of a Communist Revolutionary. Bela Kun. Atlantic studies on society in change, Band 75, ZDB-ID 1202668-2. Social Science Monographs, Boulder 1993. ISBN 0-88033-260-3, LOC, OBV.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jenő Landler. In: en.wikipedia.org. (englisch).
  2. a b Der Budapester Kommunistenprozeß. Erster Verhandlungstag. (…) Der angebliche Wiener Aufenthalt Bela Kuns. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 22208/1926, 13. Juli 1926, S. 4, unten links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp,
    Der Prozeß gegen Rakosi. In: Arbeiter-Zeitung, Morgenblatt, Nr. 191/1926 (XXXIX. Jahrgang), 13. Juli 1926, S. 5, oben links. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/aze.
  3. Der Kommunistenprozeß in Ungarn. In: Arbeiter-Zeitung, Morgenblatt, Nr. 193/1926, 15. Juli 1926, S. 2, Mitte oben. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/aze.
  4. a b Von dem Budapester Kommunistenprozeß. In: Arbeiter-Zeitung, Morgenblatt, Nr. 194/1926, 16. Juli 1926, S. 3, Mitte oben. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/aze.
  5. Списки жертв, russisch, abgerufen am 25. August 2012
  6. Tagesbericht. Bela Kuns Besuch in Wien. In: Wiener Morgenzeitung, Nr. 194/1919 (I. Jahrgang), 3. August 1919, S. 5, Mitte rechts.
  7. Einige Anmerkungen zum Fall Kun. In: Wiener Morgenzeitung, Nr. 195/1919 (I. Jahrgang), 4. August 1919, S. 3, Mitte oben.
  8. Bela Kun in Wien verhaftet. In: Arbeiter-Zeitung, Nr. 118/1928 (XLI. Jahrgang), 28. April 1928, S. 1. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/aze.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Béla Kun – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien