Böhmischer Winkel

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Der Böhmische Winkel (tschechisch: Český koutek; polnisch: Czeski Zakątek) ist ein kleines historisches Gebiet im Westen der ehemaligen Grafschaft Glatz, die bis 1763 unmittelbar zu Böhmen gehörte und nach dem Hubertusburger Frieden an Preußen fiel.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Böhmische Winkel befand sich direkt an der Grenze zu Böhmen in der Umgebung des Kurortes Bad Kudowa. Er ist nicht identisch mit der Böhmischen Seite des ehemaligen Hummelbezirkes, zu dem auch das Kirchspiel Lewin gehörte, dessen Gebiet jedoch viel früher eingedeutscht wurde. Als Böhmischer Winkel wurde nur das Kirchspiel Tscherbeney mit den dazugehörigen Ortschaften Kudowa, Schlaney, Straußeney, Jakobowitz, Birkhagen, Blasewey (Błażejów), Bukowine/Tannhübel (Bukowina Kłodzka) und Nauseney bezeichnet. Sie gehörten ursprünglich zu böhmischen Herrschaften und wurden 1477 zusammen mit dem Kirchspiel Lewin in die Herrschaft Hummel und mit dieser zusammen im gleichen Jahr in die Grafschaft Glatz eingegliedert.

Die Bezeichnung des Gebietes als „Böhmischer Winkel“ erklärt sich durch seine geographische Lage unmittelbar an der Grenze zu Böhmen aber auch durch die schon erwähnte frühere Zugehörigkeit der betreffenden Dörfer zu böhmischen Herrschaften. Daraus ergaben sich starke wirtschaftliche und kulturelle Bindungen an Böhmen. Von Bedeutung waren auch die traditionell guten Beziehungen zur nächst liegenden böhmischen Stadt Náchod, die im Gegensatz zur Kreisstadt Glatz nur wenige Kilometer entfernt und leicht erreichbar war.

Auch die geographischen und hydrogeografischen Gegebenheiten haben vermutlich bei der Namensgebung eine Rolle gespielt. Während das Glatzer Land von Bergen umgeben ist, ist dessen westliches Gebiet geographisch nach Böhmen offen und war in früheren Zeiten von dort leichter zugänglich als von Glatz. Das Gebiet wird über die Schnelle (Bystra) und den Tscherbeneyer Bach (Czermnica), die beide jenseits der Landesgrenze in die Mettau (Metuje) münden, in die Elbe entwässert.

Im Gegensatz zu anderen Ortschaften des Glatzer Landes sprach ein Großteil der Bevölkerung des Böhmischen Winkels bis in die Neuzeit neben Deutsch auch ein altertümliches Tschechisch, das Idiome des 18. und des frühen 19. Jahrhunderts aufwies. Zudem fehlte den meisten Bewohnern die Kenntnis der tschechischen Schriftsprache. Diese Besonderheit wird dadurch erklärt, dass mit der Angliederung des Glatzer Landes nach dem Hubertusburger Frieden 1763 an Preußen auch die Bewohner des Böhmischen Winkels preußische Staatsbürger wurden und die Grenzlinie zu Böhmen nunmehr eine Staatsgrenze war. Dadurch nahm das tschechische Idiom der autochthonen Bevölkerung des Böhmischen Winkels nicht mehr an der Sprachentwicklung des Tschechischen teil.

Nach dem Zerfall von Österreich-Ungarn 1918 stellte die neu gegründete Tschechoslowakei Ansprüche auf das gesamte Glatzer Gebiet. Daraufhin rief der Verein für Glatzer Heimatkunde zu Kundgebungen auf, um den Gebietsanspruch der Tschechoslowakei abzuwehren. Zahlreiche Proteste wurden 1919 mit dem sogenannten Glatzer Plebiszit verfasst, u. a. an den amerikanischen Präsidenten Wilson. Auf dessen Veranlassung entsandten die Alliierten eine Kommission, die die Volksmeinung im Glatzer Land erkunden sollte. Nachdem sich diese von der entschiedenen und eindeutigen Haltung der Glatzer Bevölkerung für den Verbleib bei Deutschland überzeugt hatte, wurden die Ansprüche der Tschechoslowakei durch die Pariser Friedenskonferenz 1921 abgewiesen. Auch die Bewohner des Böhmischen Winkels bekannten sich mehrheitlich zum Deutschtum und sprachen sich in zahlreichen politischen Kundgebungen eindeutig gegen einen Anschluss an die Tschechoslowakei aus. Schon 1864 hatten Einwohner des Böhmischen Winkels einen Preußischen Militärverein gegründet, der sich vor allem der Pflege soldatischer Tradition auf deutsch-vaterländischer Grundlage widmete.

Auch nachdem das Glatzer Land zusammen mit Schlesien als Folge des Zweiten Weltkriegs 1945 an Polen fiel, wiederholte die Tschechoslowakei unter Edvard Beneš ihre Ansprüche auf das ganze Glatzer Land. Da deren Durchsetzung wenig erfolgreich erschien, forderte sie vorrangig nur das Gebiet des Böhmischen Winkels. Begründet wurde der Anspruch mit der noch erkennbaren ethnischen Zugehörigkeit eines Teils der Bevölkerung und deren freundschaftlichen und verwandtschaftlichen Beziehungen zum Gebiet jenseits der Grenze. In Nachod wurden am 9. Mai 1945 das Glatzer Komitee (Kladská komise) und am 18. Oktober 1945 der Verein der Glatzer Freunde (Svaz přátel Kladska), in Prag der Nationalausschuss für das Glatzer Land gegründet. Noch 1946 erschienen mehrere tschechische Publikationen, in denen über das Volkstum und über die Eigenheiten der tschechischen Mundart im Böhmischen Winkel berichtet wurde. Politische Bedeutung erlangten in diesem Zusammenhang auch die Werke des Schriftstellers Alois Jirásek, der aus dem grenznahen böhmischen Hronov stammte und starke patriotische sowie verwandtschaftliche Beziehungen zum Gebiet des Böhmischen Winkels hatte. In seinem vierbändigen Heimatroman „U nás“ spielen die Dörfer Schlaney (Slaney) und Straußeney (Stroužné) eine bedeutende Rolle. Eine vom Glatzer Komitee 1945 initiierte Unterschriftskampagne für die Eingliederung des Böhmischen Winkels in die Tschechoslowakei stieß auf entschiedenen und aggressiven Widerstand der Polen.

1946 wurde der Großteil der Bevölkerung des Böhmischen Winkels durch die polnischen Behörden nach Westdeutschland oder in die damalige Sowjetische Besatzungszone vertrieben. Zahlreiche Bewohner waren schon vorher über die nahe Grenze in die Tschechoslowakei geflohen, wo sie vom tschechischen Glatzer Komitee unterstützt und mit Wohnung und Arbeit versorgt wurden und deren Nachkommen dort zum Teil bis heute leben. Für die in der Heimat zurückgebliebenen deutschen Einwohner des Böhmischen Winkels wurde auf Initiative des Glatzer Komitees und mit Unterstützung der tschechischen Behörden ab dem Schuljahr 1947 in Kudowa-Zdrój eine tschechischsprachige Schule eingerichtet, die anfangs von 165 Kindern aus Kudowa und den umliegenden Dörfern besucht wurde. Sie wurde auf Bestreben der zurückgebliebenen Deutschen jedoch nach dem Schuljahr 1951/52 von den polnischen Behörden aufgelöst und als Schule mit deutscher Unterrichtssprache im Ortsteil Zakrze fortgeführt. Nachdem die meisten der nicht vertriebenen deutschen Bewohner in den 1950er Jahren im Wege der Familienzusammenführung in die Bundesrepublik umgesiedelt waren, wurde die Schule 1960 geschlossen[1].

Die Dörfer des ehemaligen Böhmischen Winkels wurden in den 1970er Jahren nach Kudowa-Zdrój (Bad Kudowa) eingemeindet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz Albert: Die Grafschaft Glatz kein Tschechenland! Ein deutscher Weckruf. 2. Auflage. Verlag des Vereins für Glatzer Heimatkunde, Glatz 1921 (Glatzer Heimatschriften 7, ZDB-ID 2520906-1).
  • Lydia Baštecká, Ivana Ebelová: Náchod. (Dějiny českých měst), Nakladatelství Lidové noviny, Praha 2004, ISBN 80-7106-674-5, S. 249–250 (Dejiny Ceských Mest).
  • Zdenek Bil: Der Böhmische Winkel. In: Grafschafter Bote. 2, 1999, ZDB-ID 952258-x, S. 14–16.
  • Milič Čapek: A key to Czechoslovakia. The territory of Kladsko (Glatz). A Study of a Frontier Problem in Middle Europe. Vogel, New York NY 1946.
  • Václav Černý: Kladský sborník. Druzstevní Práce, Prag 1946 (Svet. Nova rada 45, ZDB-ID 2241964-0).
  • Albert Hantsch: Vom Hummel zur Heuscheuer. Marx, Leimen/Heidelberg 1976.
  • Josef Št. Kubín: České Kladsko. Nástin lidopisný. Národopisné Společnosti ČSL, Prag 1926 (Narodopis lidu českoslovanského 2, ZDB-ID 415322-4).
  • Růžena Hlušičková: Kladsko a Československo v letech 1945–1947. (Studie a dokumenty). = Ziemia Klodzka a Czechoslowacja w latach 1945–1947. Ústav Historických věd Pedagogické Fakulty Vysoké školy Pedagogické, Hradec Králové 1999, ISBN 80-238-5087-3 (Kladský Sborník. Supplementum 1).
  • Arno Lubos: Das tschechische Volkstum in der Grafschaft Glatz. In: Arno Lubos: Deutsche und Slawen. Beispiele aus Schlesien und anderen Ostgebieten. Europaverlag, Wien 1974, ISBN 3-203-50510-X, S. 29–53.
  • Wolfgang Mader: Die Westecke der Grafschaft Glatz. In: Bunte Bilder aus dem Schlesierlande. 1. Band. 2. durchgesehene und vermehrte Auflage. Woywod, Breslau 1898, S. 300.
  • Ferdinand Graf von Magnis: Das Glatzer Land in seiner Beziehung zu Böhmen und Schlesien. Selbstverlag, Freudenberg-Rauenberg 1990, S. 155.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Krysztof Koźbiał: Szkoła z czeskim językiem nauczania v Kudowie-Zdroju. In: Kladský Sborník 5-2003, S. 177–185.

Siehe auch[Bearbeiten]