Böseckendorf

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51.47638888888910.201388888889233Koordinaten: 51° 28′ 35″ N, 10° 12′ 5″ O

Böseckendorf
Gemeinde Teistungen
Wappen von Böseckendorf
Höhe: 233 m
Einwohner: 53 (2. Okt. 1961)
Eingemeindung: 1. April 1999
Postleitzahl: 37339
Vorwahl: 036071
Böseckendorf (Thüringen)
Böseckendorf

Lage von Böseckendorf in Thüringen

Böseckendorf von Südwesten

Böseckendorf von Südwesten

Böseckendorf ist ein Ortsteil der Gemeinde Teistungen im Landkreis Eichsfeld an der Nordwestgrenze Thüringens nach Niedersachsen, der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Auf älteren Karten findet sich außer der heutigen Schreibweise[1][2] auch die Schreibweise Bösekendorf.[3]

Lage[Bearbeiten]

Böseckendorf liegt ungefähr 11 Kilometer nordöstlich der Kreisstadt Heilbad Heiligenstadt und fünf Kilometer südwestlich von Duderstadt im Untereichsfeld am Rande der Goldenen Mark. Verkehrsmäßig ist der Ort über die Landesstraßen 2014 und 2015 bzw. Kreisstraßen K 112 und K 113 mit den Nachbargemeinden verbunden.

Zum Ort gehört die etwa zwei Kilometer südöstlich liegende Ortschaft Bleckenrode. Weitere Nachbarorte sind die zu Duderstadt gehörenden Ortsteile Nesselröden im Norden und Immingerode im Nordosten sowie das ebenfalls zu Teistungen gehörende Neuendorf.

Geschichte[Bearbeiten]

Erstmals erwähnt wurde der Ort Böseckendorf 1250 in einer Schenkungsurkunde des Grafen Ulrich von Regenstein für das Kloster Beuren.

1961 kam es im Ort zu einer Massenflucht in die BRD (siehe unten).

Am 1. April 1999 wurde der Ort nach Teistungen eingemeindet.[4]

Massenflucht[Bearbeiten]

Der Ort erlangte Bekanntheit, nachdem am Abend des 2. Oktober 1961 knapp die Hälfte der Einwohner – 16 Familien mit 53 Personen, darunter 21 Kinder – gemeinsam durch das mittlerweile stellenweise verminte Sperrgebiet in Richtung Westen nach Immingerode geflohen waren.[5] Dies war die größte gemeinschaftliche Flucht über die innerdeutsche Grenze, die es je gab. Knapp eineinhalb Jahre später, in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1963, gelang 13 weiteren Personen die Flucht in die Bundesrepublik. Um ihre möglichst geschlossene Wiederansiedlung bemühte sich der Lagerpfarrer des Flüchtlingslagers Friedland, Monsignore Scheperjans.

Der Flucht vorausgegangen war der systematische Ausbau der Grenze durch die DDR-Führung. Nachdem in der Nähe von Böseckendorf schon die ersten Betonpfosten aufgestellt worden waren, kursierten Gerüchte über unmittelbar bevorstehende „Zwangsevakuierungen“ „negativer Elemente“ aus dem Grenzgebiet (Aktion Kornblume, siehe auch Aktion Ungeziefer). Das Ministerium für Staatssicherheit hatte Deportationslisten zusammenstellen lassen, auf denen vor allem die Namen von Bauern standen, die sich gegen die Eingliederung in die LPG gewehrt hatten, was für die meisten alteingesessenen Bauern im katholisch-konservativen Eichsfeld zutraf. Viele der Flüchtlinge fanden am Dorfrand von Angerstein nördlich von Göttingen eine neue Heimat. Diese Siedlung wird Neu-Böseckendorf genannt.[6]

Gedenkstein zur Erinnerung an die Massenfluchten aus dem Grenzgebiet[Bearbeiten]

Zur Erinnerung an die beiden Fluchten aus Böseckendorf errichtete man Anfang der neunziger Jahre an der Straße nach Immingerode zwei Gedenksteine. Der eine trägt die Inschrift Böseckendorf, der andere beinhaltet die Worte Zur / Erinnerung / an die Flucht / der Bewohner / des Dorfes / im Okt. 1961 / und Febr. 1963.

Filme zum Thema[Bearbeiten]

  • Ein ZDF-Dokumentarspiel mit dem Namen Neu-Böseckendorf behandelte 1969 die Geschichte der Flucht.[7]
  • „Wir wollten nur noch raus!“ Ein Dorf flieht in den Westen. Dokumentation von Peter Adler und Katrin Völker; Produktion: MDR, Deutschland 2005[8]
  • Dokumentation unter dem Titel Grenzfall „Böseckendorf“ – Flucht in letzter Sekunde[9]
  • 2009 entstand der Sat.1-Fernsehfilm Böseckendorf – Die Nacht, in der ein Dorf verschwand.

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Die St.-Nikolaus-Kirche
Steinskulptur von Roger Bischoff

Zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes gehören:

  • Kirche von 1714
  • Mariengrotte
  • Fachwerkhöfe

Mahnmal Deutsche Teilung[Bearbeiten]

Neben den Gedenksteinen existiert in Böseckendorf noch das von dem Bildhauer Roger Bischoff geschaffene „Mahnmal Deutsche Teilung“, das am 26. Juli 1991 an der Straße zwischen Böseckendorf und Nesselröden errichtet wurde. Es handelt sich um zwei mehr als zwei Meter hohe Steine, in deren Mitte ein dritter dreieckiger Stein vergraben ist, der symbolisch die Vorurteile gegenüber den Menschen begraben darstellt. Daneben erinnert dieser Stein an den Tod vieler Menschen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Die beiden geneigten Steine stellen Personen dar, die zueinander wollen, wie einst in Böseckendorf und Nesselröden und wie alle Deutschen entlang der ehemaligen Grenze – so Bischoffs eigene Interpretation seines Werkes.[10]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Böseckendorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur über Böseckendorf im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Preußische Landesaufnahme (Messtischblatt 4527, ursprünglich 2595) von 1854, herausgegeben 1870
  2. Preußische Landesaufnahme (Messtischblatt 4527, ursprünglich 2595) von 1854, herausgegeben 1870
  3. Preußische Landesaufnahme (Messtischblatt 4527, ursprünglich 2595) von 1907, herausgegeben 1909
  4. StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 1999
  5.  Inge Bennewitz, Rainer Potratz: Zwangsaussiedlungen an der innerdeutschen Grenze. Analysen und Dokumente. 3 Auflage. Links, Berlin 2002, S. 149.
  6. Allgemeine Staatengeographie von Martin Schwind
  7. http://www.imdb.de/title/tt0378434/
  8. http://www.deutsche-landwirte.de/080205b.htm
  9. http://www.zweitausendeins.de/filmlexikon/?sucheNach=titel&wert=534049
  10.  Annette Kaminsky (Hrsg.): Orte des Erinnerns. Gedenkzeichen, Gedenkstätten und Museen zur Diktatur in SBZ und DDR. 2 Auflage. Ch. Links, Berlin 2007, ISBN 3-86153-443-6, S. 455.