Bülent Ucar

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Bülent Ucar (* 24. Januar 1977 in Oberhausen, Deutschland) ist ein deutsch-türkischer Islamwissenschaftler und Religionspädagoge.

Seit Juni 2008 ist Bülent Ucar ordentlicher Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Er gilt als einer der gefragtesten Korangelehrten in Deutschland.[1]

Karriere[Bearbeiten]

Bülent Ucar studierte von 1996 bis 2002 Rechtswissenschaften an der Universität Bochum; von 1999 bis 2002 Islamwissenschaften, Politische Wissenschaft und Privatrecht mit Rechtsvergleich an der Universität Bonn. Seinen Magisterabschluss erhielt er nach nur fünf Semestern. Darauf folgte von 2002 bis 2005 ein Promotionsstudium an der Universität Bonn im Fach Islamwissenschaften mit dem Thema “Recht als Mittel zur Reform von Religion und Gesellschaft: Die türkische Debatte um die Scharia und die Rechtsschulen im 20. Jahrhundert”. Gleichzeitig war er sowohl als Lehrer für Islamische Unterweisung in deutscher Sprache in Bonn als auch als Lehrer für Islamkunde und Gesellschaftswissenschaften in Duisburg tätig. Von 2005 bis 2006 war er als Pädagogischer Mitarbeiter sowohl am Landesinstitut für Schule als auch in der Qualitätsagentur in Soest für den Bereich Religionslehre - insbesondere Islamkunde - zuständig. Er hat maßgeblich die Lehrplanentwicklung und Lehrerfortbildung in NRW geprägt und war mit der Betreuung des Schulversuchs Islamkunde beauftragt.

Nach der Auflösung des Landesinstituts für Schule war Ucar im nordrheinwestfälischen Ministerium für Schule und Weiterbildung im Referat für Integration tätig. Zugleich war er im Schulministerium für die Entwicklung eines Lehrplans für den alevitischen Religionsunterricht verantwortlich. Ucar hat sich 2008 im Fach Islamwissenschaften an der Universität Erlangen mit einer Arbeit über "Moderne Koranexegese und die Wandelbarkeit der Scharia in der aktuellen Diskussion der Türkei" habilitiert. Er zählt zu den ersten in Deutschland habilitierten türkeistämmigen Muslimen im Bereich Islamwissenschaften überhaupt.

Seit 2007 ist er am Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück tätig, wo er bis zu seiner Berufung zum ordentlichen Professor im Juni 2008 Verwalter der Professur war. Im September 2008 wurde er darüber hinaus zum Direktor des Zentrums für Interkulturelle Islam-Studien an der Universität Osnabrück gewählt. Bundesweit sorgte Ucar auf einer gemeinsamen Tagung mit dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble in Stuttgart für Aufmerksamkeit, als er gemeinsam mit dem Innenminister postulierte: "Wir brauchen eine islamisch-theologische Fakultät." Ucar hat mit seinen zahlreichen Schriften zur Entwicklung der Islamischen Religionspädagogik in Deutschland beigetragen. Im Februar 2010 hat Ucar gemeinsam mit dem Bundesministerium des Innern und dem Niedersächsischen Innenministerium die europaweit größte Internationale Tagung zum Thema "Imamausbildung" ausgerichtet. Er tritt für eine zeitgemäße, moderne islamische Religionspädagogik ein. Von einigen konservativen Kreisen wird Ucar daher kritisiert.

Ucar wurde von Bundesinnenminister Thomas de Maizière als Teilnehmer der 2. Deutschen Islamkonferenz berufen. Des Weiteren wurde er in die von der Bundeskanzlerin Angela Merkel initiierten »Dialogs über die Zukunft Deutschlands«, als Experte in die Arbeitsgruppe »Deutschlands Selbstbild« berufen. Bereits vor Beginn seiner Mitwirkung fasste er seinen Anspruch an die Arbeitsgruppe folgendermaßen zusammen »Der angemessene Umgang mit Minderheiten und Diversitäten bei einem allgemein verbindlichen Wertekodex wird für unsere Gesellschaft in Deutschland mittel- und langfristig überlebensnotwendig sein«.

Im Juli 2013 stellte Ucar gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Johanna Wanka das Avicenna-Studienwerk der Öffentlichkeit vor. Nach der Gründung im März 2012, wurde das Avicenna-Studienwerk mittlerweile vom Bundesbildungsministerium neben den drei bisher bestehenden konfessionell ausgerichteten Studienwerken als ein viertes, islamisches, anerkannt. Die Berliner Zeitung kommentierte dies mit: "Eine bessere Wahl als Bülent Ucar hätte man nicht treffen können".[2]

Wissenschaftliche Schwerpunkte[Bearbeiten]

Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte umfassen die Islamische Religionspädagogik und Fachdidaktik im modernen Kontext, die gegenwartsbezogene Islamforschung mit Schwerpunkt Deutschland und Türkei, die Islamische Theologie in Geschichte und Gegenwart und die Entwicklung der Scharia im historischen und modernen Kontext. Diesen Themen sind seine zahlreichen Publikationen, wissenschaftlichen Vorträge und Diskussionsbeiträge gewidmet. Außerdem ist er als Verfasser und Herausgeber an den Publikationen von Schulbüchern- und Materialien für den Islamischen Religionsunterricht und den Islamkundeunterricht beteiligt.

Positionen[Bearbeiten]

Ucar betont die auf Zeit und Raum bezogene Wandelbarkeit der Scharia. Den Normenkatalog des islamischen Rechts betrachtet er prinzipiell als vereinbar mit den Standards der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.[3] Die Reaktion der Gesellschaft auf diese Position beschreibt die taz folgendermaßen: "Uçar hört Kritik von beiden Parteien: von denjenigen, die ihm vorwerfen, die Gesellschaft zu islamisieren und von denen, die sagen, er würde die Religion mit seiner Lehre verwässern".[4]

Sonstiges[Bearbeiten]

Schon vor Antritt seiner Professur war Bülent Ucar renommierter Fachmann für Fragen des Islamunterrichts in der Schule, der muslimischen Glaubenspraxis in der Türkei und Deutschland und des interreligiösen Dialogs. Er gilt als überzeugender Vertreter der jungen Generation in Deutschland sozialisierter Muslime. Zudem sind seine Kontakte zu hiesigen muslimischen Verbänden und Gemeinden für die Arbeit am neuen Lehrstuhl für Islamische Religionspädagogik eine wertvolle Ergänzung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Am 4. August 2009 gab Ucar ein das Vereinslied betreffendes Gutachten für den FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V. ab, in dem er zu der Auffassung gelangt, dass der Islam und speziell Mohammed in dem Lied nicht verunglimpft werden. Wiederum von streng konservativen Kreisen wurde er dafür kritisiert. Martin Spiewak bezeichnet ihn im Zeit-Porträt als Angehörigen einer neuen Generation von Muslimen: "Redegewandt und selbstbewusst, in Deutschland geboren und ausgebildet, im Glauben ebenso verwurzelt wie in der modernen Gesellschaft".[5] In dieselbe Kerbe schlägt auch die Süddeutsche Zeitung: "Wenn man das Musterbeispiel für einen Muslim sucht, der fromm und aufgeklärt zugleich ist, der dieses Land bereichert, dann muss man auf Ucar stoßen".[1]

Quellen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Matthias Drobinski: Bülent Ucar, Schlichter bei Schalke 04 und begehrter Korangelehrter. In: Süddeutsche Zeitung. 14. Oktober 2010, abgerufen am 1. Dezember 2010 (PDF; 288 kB).
  2. Studienwerk fördert begabte Muslime In: Berliner Zeitung 16. Juli 2013. Abgerufen am 4. August 2013.
  3. Antrittsvorlesung von Bülent Ucar. Uni Osnabrück. (Pressemitteilung Nr. 139/2009, Osnabrück 22. April 2009)
  4. Der Diplomat In: taz. die tageszeitung. 10. Oktober 2012. Abgerufen am 21. Oktober 2012.
  5. Koran und Vaterunser. In: DIE ZEIT. 25. Februar 2010, Nr. 09. Abgerufen am 26. März 2010.

Weblinks[Bearbeiten]