Bürgerrechtsbewegung

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Eine Bürgerrechtsbewegung ist nach allgemeinem Verständnis eine soziale Bewegung, die versucht, Menschen- und Bürgerrechte durchzusetzen.

Im engeren Sinn war die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung (Civil rights movement) der Afroamerikaner, die durch ihren populären Protagonisten Martin Luther King jr. und den von ihm propagierten Zivilen Ungehorsam gegen die gesetzlich festgeschriebene Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA in den späten 1950er und 1960er Jahren weltweite Aufmerksamkeit und Bedeutung erlangte, eine der historisch bekanntesten Bürgerrechtsbewegungen. Das Civil Rights Movement wird in einem verbreiteten Verständnis oft mit dem Begriff Bürgerrechtsbewegung synonym verstanden. Unabhängig davon gab und gibt es in vielen weiteren Staaten verschiedene andere Bürgerrechtsbewegungen.

Vereinigte Staaten von Amerika[Bearbeiten]

Die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten (Civil Rights Movement) setzte sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts für die Gleichberechtigung der Afroamerikaner und die Überwindung des Rassismus ein.

Seit dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 war die Sklaverei in den USA zwar abgeschafft, dennoch blieben die Afroamerikaner vor allem in den Südstaaten weiterhin unterdrückt.

Zunächst wurden den vormaligen Sklaven mit dem 14. Zusatzartikel zur Verfassung das Bürger- und mit dem 15. Zusatzartikel das Wahlrecht gewährt und schwarze Politiker in die Parlamente gewählt. Doch die Situation der Schwarzen verbesserte sich nur so lange, wie die Truppen der Union die Südstaaten besetzt hielten. Nach ihrem Abzug und dem Ende der Reconstruction kehrte sich der Trend um: Die so genannten Black Codes hielten die Beschäftigung der Schwarzen hauptsächlich als schlecht bezahlte Farmarbeiter aufrecht und umgingen das Wahlrecht, indem nur der wählen durfte, dessen Großvater schon gewählt hatte (Großvater-Klausel). Zusammen mit der massiven Einschüchterung schwarzer Wähler durch die Gewalt des 1865/66 gegründeten Ku-Klux-Klans führte das zum Erliegen der politischen Repräsentation der Schwarzen.

Gesetze und Klagen bis 1956[Bearbeiten]

Weiterhin wurde durch die Jim Crow laws genannten Gesetze die Rassentrennung (Racial Segregation) festgeschrieben, die alle öffentlichen Einrichtungen betraf, darunter Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, öffentliche Verkehrsmittel und Gebäude, Gaststätten, Theater, Kinos, Schwimmbäder und Parks. Die Segregation wurde 1896 im Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall Plessy v. Ferguson bestätigt und legitimiert. Es erklärte getrennte Einrichtungen für verfassungsgemäß, solange sie von gleicher Qualität waren („getrennt, aber gleichwertig“). Diese Gleichheit wurde aber nie überprüft, so dass Einrichtungen für Schwarze stets schlechter ausgestattet waren.

Die Entwicklungen dieser Zeit bildeten im weltweiten Vergleich, insbesondere bezüglich der politisch vorherrschenden Nationalstaaten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts keine Ausnahme. Zunächst hatte sich in Europa der Rassismus im Zuge des spätneuzeitlichen Kolonialismus und der Aufteilung Afrikas sowie der Verbreitung diverser Rassentheorien, denen zufolge eine „weiße Rasse“ anderen vermeintlich überlegen sei, ausgebreitet. Auch die Vereinigten Staaten begannen nun, imperialistische Ziele zu verfolgen. Das nationale Denken zu der Zeit war nicht nur gegenüber Afroamerikanern, sondern gegenüber allen nicht-„Weißen“ (im Sinn von als nicht-europäisch-stämmig verstandenen Bevölkerungsgruppen) von rassistischen Klischees und Vorurteilen geprägt, USA-spezifisch verbunden mit einem Sendungsbewusstsein im Sinne der Manifest Destiny zunächst bis zum Pazifik, schließlich auch darüber hinaus.

Booker T. Washington (1903)
W.E.B. DuBois (1918)

Es stellte sich für die Afroamerikaner die Frage, wie sie mit der erschwerten Situation umgehen sollten. Booker T. Washington vertrat um die Jahrhundertwende die Ansicht der Akkommodation (im Sinn einer Form der „Anpassung“). Seiner Meinung nach sollten die Schwarzen die bestehenden Unterschiede für den Moment hinnehmen - im Glauben an kommenden wirtschaftlichen Aufschwung hoffte er, eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage erreichen zu können. Durch eine bessere Bildung und das Erlernen besonders technischer Berufe sollten die Schwarzen mit der Zeit zu Gleichberechtigung und friedlicher Koexistenz mit den Weißen gelangen. Wie er war auch der Separatist Marcus Garvey auf die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Schwarzen bedacht (black business power). Er und die 1914 von ihm gegründete Universal Negro Improvement Association förderten darüber hinaus die politische Unabhängigkeit von den „weißen“ USA, z. B. durch die kollektive Auswanderung nach Afrika. Seine Philosophie des schwarzen Stolzes (black pride) gab vielen Schwarzen mehr Selbstachtung und Identifikation mit sich selbst. Garveys Bewegung erfreute sich besonders in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg besonderer Beliebtheit. Die dritte und zur damaligen Zeit am weitesten gehende organisierte Bewegung propagierte die Integration und damit die vollständige auch gesetzliche Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung. Vertreten wurde diese Bewegung durch W.E.B. Du Bois und die 1909 gegründete National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Ihr Ziel war die schnellstmögliche Gleichstellung der Schwarzen gegenüber den Weißen. Vor Gericht versuchte die NAACP, die Rechte Schwarzer zu wahren. 1915 erreichte sie die Abschaffung der Großvater-Klausel in Maryland, was 1939 auf den gesamten Süden ausgedehnt wurde. Auch die National Urban League (NUL), die als Reaktion auf die vermehrte Abwanderung von Schwarzen in die Städte des Nordens deren dortige Lebens- und Arbeitsbedingungen verbessern wollte, zählt zu den Integrationisten.

Während der 1940er und 1950er Jahre gewann die NAACP mit Thurgood Marshall mehrere Verfahren, in denen er nachweisen konnte, dass die Bildungseinrichtungen seiner schwarzen Mandanten im Vergleich zu denen der Weißen nicht gleichwertig waren. Anfang der 1950er Jahre plante die NAACP jedoch, sich nicht mehr auf die Doktrin „getrennt, aber gleichwertig“ zu berufen, sondern sie anzugreifen. Nach einem mehrjährigen Prozess fällte der Oberste Gerichtshof 1954 ein historisches Urteil im Fall Brown v. Board of Education of Topeka, Kansas, das die Rassentrennung an Schulen als in sich nicht gleichwertig und somit für generell verfassungswidrig erklärte und ihre Aufhebung anordnete. Es gab zwar keinen festgelegten Zeitraum für die Umsetzung des Urteils, das im Übrigen keine anderen öffentlichen Einrichtungen als nur Schulen betraf. Doch das Urteil löste unter den Schwarzen Amerikas Begeisterung aus, während es unter Weißen - insbesondere im Süden - auf Widerstand stieß.

Der Montgomery-Busboykott (1955/56)[Bearbeiten]

Rosa Parks zusammen mit Martin Luther King (um 1955)

Der Busboykott von Montgomery von 1955/56 wird als Geburtsstunde der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung angesehen. Infolge der Festnahme von Rosa Parks, die sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery, Alabama, für einen Weißen zu räumen, boykottierte die afroamerikanische Bevölkerung der Stadt 13 Monate lang das Busunternehmen. Zusätzlich reichte eine Gruppe Betroffener Klage ein (Gayle v. Browder), mit der Begründung, die Regeln der Rassentrennung des Busunternehmens verstießen gegen den 14. Zusatzartikel zur Verfassung. Dieser Klage wurde mit Verweis auf die Grundsatzentscheidung Brown v. Board of Education stattgegeben, was der Oberste Gerichtshof am 13. November 1956 bestätigte.

Die Schwarzen hatten durch diesen Vorfall nationale Aufmerksamkeit gewonnen, insbesondere der Anführer des Boykotts, der Baptistenpfarrer Martin Luther King, jr., Mitbegründer der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), wurde zum populärsten Anführer der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

Little Rock und Schulintegration (1957)[Bearbeiten]

1957 verwehrte eine aufgebrachte Menge in Little Rock, Arkansas, neun schwarzen Schülern den Zugang zur bis dahin ausschließlich von Weißen belegten Little Rock Central High School. Der Gouverneur von Arkansas weigerte sich, den Schülern Zugang zur Schule zu verschaffen, ebenso sie zu schützen. Durch die erstmalige Live-Berichterstattung durch das Fernsehen sah sich Präsident Eisenhower gezwungen, die Nationalgarde von Arkansas dem Befehl des Gouverneurs zu entziehen und selbst den Schülern Schutz und Zugang zu ihrer Schule zu verschaffen.

Die Strategie des zivilen Ungehorsams[Bearbeiten]

Mit den Mitteln des zivilen Ungehorsams, zu dem der gewaltlose Widerstand mit unterschiedlichen Formen des friedlichen Protests gehörte, konnte die Bürgerrechtsbewegung die Aufhebung der institutionellen Segregationspolitik in den US-Südstaaten durchsetzen. In seinen Methoden und seiner Strategie orientierten sich King und seine Anhänger auch an den Methoden Mahatma Gandhis im gewaltfreien Kampf um die Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialmacht.
Studenten in North Carolina begannen 1960 als erste mit dem gewaltlosen Widerstand. Mit ihren Sit-ins in Restaurants für Weiße setzten sie eine nationale Bewegung zur Aufhebung der Rassentrennung in allen öffentlichen Einrichtungen ein. Aus dieser Bewegung ging 1960 das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) hervor.

1961 begannen die so genannten Freedom Rides (Freiheitsfahrten), Busfahrten über Grenzen von US-Bundesstaaten hinweg in Staaten, in denen die Rassentrennung lediglich formaljuristisch aufgehoben war. Den Freiheitsfahrern gelang es, der Öffentlichkeit aufzuzeigen, dass die Segregation auf diesen Busfahrten und den dazugehörigen Bahnhöfen faktisch weiter bestand. Die Schwarzen wurden an den Bahnhöfen von weißen Rassisten durch körperliche Gewalt misshandelt, was durch die Berichterstattung der Medien nationale Empörung auslöste. Der Druck auf die US-Regierung wuchs; ab 1962 wurde das bestehende Gerichtsurteil, das die Rassentrennung auf zwischenstaatlichen Busfahrten verbot, durchgesetzt.

Gewalt in Birmingham und das Bürgerrechtsgesetz (1963–64)[Bearbeiten]

Martin Luther King bei seiner berühmt gewordenen Rede „I have a dream
National Mall in Washington, D.C., 1963: Menschenmenge bei der Abschlusskundgebung des Marsches auf Washington

Die Bürgerrechtsbewegung hatte durch die Freiheitsfahrten ihre Methode des gewaltlosen Widerstands vervollkommnet. Sie offenbarte die Gewalt weißer Rassisten und stellte sie mit Hilfe der Berichterstattung der Medien als wirkungslos und falsch dar, wie es Martin Luther King formulierte. Durch die Bilder wuchs der moralische Druck auf die rassistischen Gewalttäter; die Offenlegung der Krise zwang die Behörden sich mit dem Thema zu befassen und es zu lösen. Mithilfe dieser Taktik setzte die Bürgerrechtsbewegung 1963 die Aufhebung der Rassentrennung in Birmingham, Alabama durch. Nach wochenlangen Demonstrationen, bei denen die Gewalt der Polizei unter Eugene „Bull“ Connor die USA schockierte, insbesondere angesichts der Misshandlung demonstrierender Kinder, setzten die um Birminghams Ruf besorgten Geschäftsleute der Stadt die Forderungen der Bürgerrechtsbewegung um. Präsident Kennedy und große Teile der US-amerikanischen Bevölkerung unterstützen nun Kings Bewegung.

Kennedy, dessen Wahl 1960 durch schwarze Wählerstimmen entschieden worden war, versprach, ein Bürgerrechtsgesetz zugunsten der Schwarzen in den Kongress einzubringen. Zur Unterstützung dieses Gesetzentwurfs veranstalteten die Bürgerrechtsorganisationen im August 1963 einen „Marsch auf Washington“, an dem 250.000 Schwarze und Weiße teilnahmen. Als Höhepunkt ließ Martin Luther Kings berühmte Rede „Ich habe einen Traum“ (I Have a Dream) die Integration Schwarzer in die weiße Gesellschaft Amerikas möglich erscheinen. Dazu trug auch das Bürgerrechtsgesetz von 1964 bei, das von Kennedys Nachfolger Lyndon B. Johnson unterzeichnet wurde, der ebenfalls die schwarze Bevölkerung in ihrem Bestreben nach Gleichberechtigung unterstützte. Im selben Jahr wurde Martin Luther King für sein Engagement und seine beispielgebende Politik der Gewaltfreiheit der Friedensnobelpreis zuerkannt. 1964 wird oft als Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung angesehen. Sie war ihrem Ziel so nah wie nie zuvor.

Selma und das Voting Rights Act, 1965[Bearbeiten]

Die SNCC hatte 1965 ein ehrgeiziges Wählerregistrationsprogramm in Selma (Alabama) begonnen, aber angesichts der Gegnerschaft des dortigen Sheriffs Jim Clark kam sie damit kaum voran. Nachdem örtliche Anwohner die SCLC um Hilfe gebeten hatten, kam King nach Selma, um eine Anzahl von Märschen anzuführen. Dabei wurde er mit 250 anderen Demonstranten verhaftet. Diejenigen, die weiter marschierten, trafen auf gewaltsamen Widerstand der Polizei. Ein Einwohner von Selma, Jimmie Lee Jackson, wurde von der Polizei bei einem späteren Marsch im Februar umgebracht.

Bloody Sunday, 7. März 1965 in Selma, Alabama: Polizisten versperren den Demonstranten an der Edmund Pettus Bridge den Weg

Am Sonntag, dem 7. März, der später als Bloody Sunday („Blutiger Sonntag“) benannt werden sollte, führte Hosea Williams vom SCLC und John Lewis von der SNCC einen Marsch von 600 Menschen an, die vorhatten, die 86 km Entfernung zwischen Selma und der Landeshauptstadt Montgomery (Alabama) zu gehen. Bereits nach einigen hundert Metern (sechs Blocks), an der Edmund Pettus Bridge, griffen Staatspolizisten und Beamte der kommunalen Polizei, von denen einige beritten waren, die friedfertigen Demonstranten mit Knüppeln und Tränengas, sowie mit Stacheldraht umwickelten Gummischläuchen und Bullenpeitschen an und trieben sie nach Selma zurück. John Lewis wurde bewusstlos geschlagen und in Sicherheit gezerrt, während mindestens 16 andere Teilnehmer des Zuges in Krankenhäusern behandelt werden mussten. Unter denen, die mit Gas und Schlägen angegriffen wurden, war Amelia Boynton Robinson, die sich damals im Mittelpunkt der Bürgerrechtstätigkeit befand.

Die nationale Rundfunkübertragung von Polizisten, die widerstandslose Marschierer angriffen, die nur das Wahlrecht zu erlangen suchten, provozierte eine nationale Reaktion, die der ähnelte, die von den Szenen aus Birmingham zwei Jahren vorher ausgelöst worden war. Während die Demonstranten eine gerichtliche Verfügung erlangen konnten, die ihnen das Recht, zwei Wochen später den Marsch unbehindert durchzuführen, einräumte, ermordeten extremistische Weiße einen weiteren Unterstützer vom Wahlrecht, den Rev. James Reeb, nach einem zweiten Marsch am 9. März, der die Stelle des „Blutigen Sonntags“ zum Ziel hatte. Er verstarb am 11. März in einem Birminghamer Krankenhaus. Vier Mitglieder des Ku-Klux-Klan erschossen eine Hausfrau aus Detroit, Viola Liuzzo, am 25. März, während sie in der Nacht Demonstranten nach Selma in ihrem Auto zurückbeförderte, nachdem sie den erfolgreichen Marsch auf Montgomery beendet hatten.

US-Präsident Johnson hielt acht Tage nach dem ersten Marsch eine Fernsehansprache an die Nation, bei der er um Unterstützung für den Gesetzentwurf des neuen Wahlrechtsgesetzes (Voting Rights Act) warb. Darin sagte er:

But even if we pass this bill, the battle will not be over. What happened in Selma is part of a far larger movement which reaches into every section and state of America. It is the effort of American Negroes to secure for themselves the full blessings of American life.
Their cause must be our cause too. Because it is not just Negroes, but really it is all of us, who must overcome the crippling legacy of bigotry and injustice. And We Shall Overcome.[1]
(frei übersetzt: „Aber selbst, wenn wir dieses Gesetz verabschieden, wird der Kampf nicht beendet sein. Was in Selma geschah, ist Teil einer weit größeren Bewegung, die bis in den letzten Winkel jedes Bundesstaates in Amerika reicht. Es geht um das Bemühen der amerikanischen Neger, sich alle Segnungen des amerikanischen Lebens zu sichern.
Ihr Anliegen muss auch unser Anliegen sein. Weil es nicht nur im Interesse der Neger, sondern tatsächlich in unser aller Interesse sein muss, die verkrüppelte Hinterlassenschaft von Bigotterie und Ungerechtigkeit zu überwinden. Und wir werden das schaffen“)
US-Präsident Johnson (Mitte) bespricht sich im Weißen Haus mit Vertretern des Civil Rights Movement: Martin Luther King (links), Whitney Young und James Farmer (rechts)

Am 6. August 1965 unterschrieb Johnson das Voting Rights Act. Dies hob sog. „poll taxes“ (Wahlsteuer), Lesetests und andere Prüfungen auf, und autorisierte die Aufsicht des Bundes für die Registrierung von Wählern in Staaten und Wahlbezirken, wo solche Tests zur Anwendung kamen. Afroamerikaner, die so bislang davon abgehalten worden waren, sich in den Wählerregister eintragen zu lassen, hatten damit erstmals eine Alternative zu einem Prozess vor Gericht. In Fällen, wo Diskriminierung im Hinblick auf Wahlen stattfand, autorisierte das Gesetz von 1965 den United States Attorney General Bundesuntersucher zu entsenden, die örtliche Registerführer ersetzen würden. Johnson habe angeblich zu Menschen in seinem Umfeld gesagt, dass die Unterschrift unter das Gesetz den Süden für die Demokratische Partei für die voraussehbare Zukunft verloren gehen lassen würde.

Das Gesetz hatte jedoch einen sofortigen und positiven Effekt auf Afroamerikaner. Innerhalb weniger Monate nach seinem Inkrafttreten ließen sich eine viertel Million schwarze Wähler neu registrieren; ein Drittel davon wurden von Bundesbeamten registriert. Innerhalb von vier Jahren verdoppelte sich die Zahl der registrierten Wähler in den Südstaaten. 1965 hatte Mississippi die höchste Wahlbeteiligung unter der schwarzen Bevölkerung (74 %) und führte die Nation an in der Zahl der gewählten schwarzen Amtsträger. 1969 hatte Tennessee eine Wahlbeteiligung von 92,1 % der schwarzen Wähler, Arkansas 77,9 % und Texas 73,1 %.

Einige Weiße, die gegen das Gesetz gewesen waren, mussten dafür einen unmittelbaren Preis bezahlen. Sheriff Jim Clark von Alabama, der berüchtigt dafür war, dass er Feuerwehrschläuche und Rindviehpiekser benutzen ließ, um gegen Bürgerrechtsdemonstrationen vorzugehen, stand 1966 zur Wiederwahl. Obwohl er sein Markenzeichen, eine Anstecknadel mit dem Wort "Niemals", von seiner Uniform entfernte, hatte er keinen Erfolg. Bei der Wahl verlor er, da Schwarze abstimmten, nur um ihn aus dem Amt zu bekommen.

Dass Schwarze das Wahlrecht bekamen, veränderte dauerhaft die politische Landschaft des Südens der USA. Als der Kongress den Voting Rights Act verabschiedete, hatten kaum 100 Afroamerikaner ein gewähltes Amt inne; bis 1989 gab es mehr als 7.200 Amtsinhaber, darunter mehr als 4.800 in den Südstaaten. Fast jeder County im Black Belt in Alabama hatte 1989 einen schwarzen Sheriff und Schwarze hatten auch weitere Spitzenpositionen in kommunalen und bundesstaatlichen Regierungen inne. So hatten Atlanta mit Andrew Young einen schwarzen Bürgermeister wie auch Jackson (Mississippi) mit Harvey Johnson und New Orleans mit Ernest Morial. Auf nationaler Ebene hat es auch schwarze Politiker gegeben wie Barbara Jordan, die für Texas im US-Repräsentantenhaus saß, und der ehemalige Bürgermeister von Atlanta, Andrew Young, der als US-Botschafter während der Carter-Regierung an die Vereinten Nationen entsandt wurde. Julian Bond wurde 1965 in das Landesparlament von Georgia gewählt; die politische Reaktion auf seine öffentliche Gegnerschaft zum Vietnam-Krieg verhinderte jedoch, dass er vor 1967 sein Mandat annehmen konnte. Gegenwärtig vertritt John Lewis den fünften Kongressbezirk von Georgia im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten, in das er 1986 erstmals gewählt wurde. Lewis gehört dort dem einflussreichen Finanzausschuss an. Seit dem 20. Januar 2009 ist Barack Obama der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Gewaltsame Unruhen, Ermordung von Martin Luther King[Bearbeiten]

Malcolm X (rechts) im Gespräch mit Martin Luther King (links)
Angela Davis, lange Jahre prominentes Mitglied der CPUSA

Ab Mitte der 1960er Jahre kam es jedoch zum Zerfall der Bürgerrechtsbewegung. Angesichts zunehmender Gewalt gegen Bürgerrechtler wuchs unter den jungen Radikalen der Bewegung die Sympathie für Anführer wie Malcolm X, einen prominenten Protagonisten der Black-Muslim-Bewegung. 1966 schwor das SNCC unter ihrem neuen, umstrittenen Vorsitzenden Stokely Carmichael dem gewaltlosen Widerstand ab und sagte sich von der Bürgerrechtsbewegung Kings los. Stattdessen forderte er Black Power. Dieser in den Medien umstrittene und kritisierte Begriff spaltete die Bürgerrechtsbewegung weiter. So distanzierten sich die NAACP und die NUL vom SNCC und auch von King, als dieser deren Verurteilung von Black Power nicht übernahm, sondern um Verständnis für die Black-Power-Bewegung warb.

In ihrer gewaltbereiten Form drückten sich Black Power und Schwarzer Nationalismus auch in der Black Panther Party aus. Diese legitimierte ihre Militanz mit der nach wie vor existenten rassistischen Gewalt gegen Schwarze in den USA. Neben ihrem Selbstverständnis als bewaffnete Wachen der schwarzen Bevölkerung verfolgte sie ein radikal sozialistisches Programm, das sich gegen die soziale Benachteiligung Schwarzer richtete. Diese Probleme erwiesen sich als schwieriger zu lösen als die politischen. Die geeinte Bürgerrechtsbewegung war an ihnen gescheitert, ebenso Malcolm X, der 1965 ermordet wurde. King erkannte die Brisanz dieses Themas, das sich von 1964 bis 1967 alljährlich in Rassenunruhen in den Ghettos der Städte des Nordens ausdrückte. Ab 1966 widmete er sich daher der Armut und sozialen Benachteiligung der Schwarzen in Chicago. Damit stieß er aber auch im Norden der USA auf Widerstand; seine Kampagnen brachten kaum Erfolg. King erkannte, dass Rassismus kein politisches Problem des Südens darstellte, sondern in den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen der USA ruhte. Daher forderte er im Kampf gegen diese soziale Segregation und den systeminhärenten Rassismus eine Revolution des amerikanischen Wertesystems und eine Umverteilung von Macht und Kapital.

Dazu sollte es jedoch nicht kommen. King kam 1968 durch ein Attentat ums Leben. Danach traten zögerliche Verbesserungen ein. Die amerikanische Gesellschaft hat sich jedoch bis in die Gegenwart in Bezug auf die Ungleichbehandlung der schwarzen gegenüber der weißen Bevölkerung nicht grundlegend gewandelt - soziale Differenzen zwischen Schwarz und Weiß bestehen nach wie vor. Allerdings sind seit der Bürgerrechtsbewegung neue Generationen geboren worden, die in einer veränderten Zeit allmähliche Verbesserungen auch der sozialen Probleme vornahmen.

Weitere Bürgerrechtsbewegungen in den USA[Bearbeiten]

Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren wurden auch von weiteren nationalen oder ethnischen Minderheiten in den Vereinigten Staaten Forderungen des Civil Rights Movement der Afroamerikaner aufgegriffen. Dies mündete in eigenständige Bürgerrechtsbewegungen, die sich gegen Rassismus bzw. rassistische Unterdrückung und soziale Benachteiligungen zur Wehr setzten.

So entstanden beispielsweise…

  • Das American Indian Movement – AIM – (Amerikanische Indianerbewegung) als Organisation der Ureinwohner der USA. Das AIM setzte sich für die Rechte der amerikanischen indigenen Bevölkerung ein – bis hin zur Forderung nach autonomen Selbstbestimmungsrechten für die Indianer, teilweise auch in einem von den USA unabhängigen Status. Diese Organisation erregte insbesondere in den frühen 1970er Jahren durch militante Widerstandsaktionen weltweite Aufmerksamkeit (vgl. auch Besetzung von Wounded Knee 1973).
  • Die Bewegung der mexikanischen Minderheit in den USA, der sogenannten Chicanos (die Bewegung hatte das ursprüngliche für ihre Herkunft verwendete Schimpfwort demonstrativ als Eigenbezeichnung übernommen und positiv besetzt). Diese Bewegung trat vor allem im Westen (z. B. in Kalifornien) und Südwesten der USA auf und kämpfte ebenfalls für die Gleichberechtigung ihrer Bevölkerungsgruppe mit den sonstigen US-Amerikanern (Siehe auch unter Geschichte der Mexican Americans, Chicanobewegung).

Siehe auch[Bearbeiten]

Südafrika[Bearbeiten]

Ebenfalls gegen den kolonial und religiös erklärten Rassismus und der daraus erwachsenen Apartheitsideologie wandte sich eine vielgliedrige Bürgerrechtsbewegung in Südafrika. Sie wurde zusammenfassend als Antiapartheitsbewegung bezeichnet. Eine Symbolfigur des Widerstands dort war der Bürgerrechtler und langjährige Vorsitzende des ANC (African National Congress) Nelson Mandela. Von 1964 bis 1990 als politischer Gefangener inhaftiert, wurde Mandela schließlich auf Druck einer internationalen Öffentlichkeit aus dem Gefängnis entlassen. Nach Aufhebung der Apartheid erhielt Mandela zusammen mit dem damaligen Staatspräsidenten Frederik Willem de Klerk 1993 den Friedensnobelpreis und wurde 1994 selbst Staatspräsident von Südafrika. Weitere Persönlichkeiten, die durch ihre familiäre Herkunft den indisch- und europäischstämmigen sowie farbigen Bevölkerungsteil repräsentieren, hatten in den Bürgerrechtsaktivitäten zur Herstellung gleicher Bürgerrechte führende Rollen eingenommen.

Europa[Bearbeiten]

Auch in Europa gab und gibt es verschiedene Bürgerrechtsbewegungen. Sie setzen sich für die Rechte von Minderheiten und/oder benachteiligten Bevölkerungsgruppen ein. Während der Zeit des Sozialismus/Kommunismus kämpften sie für die Einhaltung der Menschen- und Bürgerrechte in den jeweiligen Ländern.

Nordirland[Bearbeiten]

In Nordirland setzt sie sich für die Gleichberechtigung der katholischen Minderheit ein.

Ostblock während des Kalten Krieges[Bearbeiten]

In den 1970er und 1980er Jahren traten in den osteuropäischen kommunistischen Staaten des Warschauer Paktes zunehmend verschiedene oppositionelle Gruppen in Erscheinung, die unter Berufung auf die KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 die Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte im damaligen Ostblock forderten.

Sowjetunion[Bearbeiten]

Schon seit Anfang der 1960er Jahre wandten sich in der Sowjetunion einige systemkritische Schriftsteller und Wissenschaftler gegen die sowjetische Zensur, indem sie beispielsweise ihre Werke illegal im Selbstverlag veröffentlichten (Samisdat). Bekannte intellektuelle Bürgerrechtler in der ehemaligen Sowjetunion waren beispielsweise der Schriftsteller Alexander Solschenizyn oder der Wissenschaftler Andrei Sacharow. Solschenizyn wurde durch seine Bücher Der erste Kreis der Hölle, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch und vor allem Der Archipel Gulag bekannt.

Tschechoslowakei und Tschechische Republik[Bearbeiten]

In der damaligen Tschechoslowakei wurde die Bürgerrechtsbewegung nach der gewaltsamen Niederschlagung des reformkommunisitischen Prager Frühlings durch die Rote Armee der UdSSR 1968 zunächst ausgeschaltet. Jedoch wurde 1977 von einer tschechoslowakischen Gruppe die Charta 77 veröffentlicht, die erneut Reformforderungen im Sinne der Bürgerrechtsbewegung formulierte. Einer der Sprecher der Charta 77 war der Schriftsteller Václav Havel, der nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks zum Staatspräsidenten Tschechiens gewählt wurde.

Polen[Bearbeiten]

In Polen leitete 1980 die Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność (1981 unter Kriegsrecht verboten, 1989 wieder zugelassen) den Anfang vom Untergang des dortigen kommunistischen Systems ein. Deren Vorsitzender Lech Wałęsa wurde 1990 zum polnischen Staatspräsidenten gewählt.

DDR[Bearbeiten]

Hauptartikel u. a.: DDR-Opposition und Widerstand, Wende und friedliche Revolution in der DDR

Neben anderen kommunistischen Ostblockstaaten traten auch in der DDR seit den 1960er Jahren eine Reihe Prominenter wie der Wissenschaftler und Reformkommunist Robert Havemann, der jahrelang in staatlich verordnetem Hausarrest leben musste, oder der Liedermacher Wolf Biermann, dem 1976 die Wiedereinreise in die DDR verwehrt wurde, für die Ziele der Bürgerrechtsbewegung ein und forderten die Beendigung der Unterdrückung staatsbürgerlicher Rechte in der DDR.

Im Einzelnen machten Bürgerrechtler und Menschenrechtsorganisationen die DDR-Führung und die Mitglieder der Nomenklatura für folgendes verantwortlich:

Innenpolitik:

Außenpolitik:

Kritiker, die in der DDR diese Punkte öffentlich erwähnten, diskutierten oder verbreiteten, setzten sich der Gefahr aus, durch angeworbene Spitzel oder Stasi-Mitarbeiter entdeckt und der DDR-Justiz übergeben zu werden. Auch banale Zitierungen oder die Kritik der Abhängigkeit der DDR von der Sowjetunion führten in der Regel zu Verhören und Befragungen. Die Besetzung der Verantwortungsbereiche mit Nomenklatura-Mitgliedern verhinderte eine Erwähnung obiger Punkte und eine Diskussion dieser Themen in Medien, Kunst und Literatur.

Ende 1989 kam es nach zahlreichen Demonstrationen (siehe auch Montagsdemonstrationen) zum Fall der Berliner Mauer. Die Ereignisse führten 1990 zum Untergang des SED-Regimes und zur Wiedervereinigung Deutschlands.

Rumänien[Bearbeiten]

In den späten 1980er Jahren wurden auch in Rumänien Stimmen laut, die eine demokratische Staatsform, Menschen- und Bürgerrechte und wirtschaftliche Reformen forderten. Die Situation im damaligen Rumänien, insbesondere im Zusammenhang mit der Versorgungslage, wurde von einigen politischen Beobachtern als grotesk bezeichnet: Es wurde kritisiert, dass die hohen Parteifunktionäre im Luxus lebten, während ein Großteil der einfachen Bevölkerung oft nach Brot und Hühnerknochen (im Volksmund "Besteck" genannt) anstand. Politische Gegner wurden verhaftet, verhört oder „verschwanden“ in psychiatrischen Anstalten. Ungewollte, „überzählige“ und behinderte Kinder wurden vielfach in Kinderheime gesteckt, die von manchen mit den Verhältnissen in Konzentrationslagern verglichen wurden (siehe auch: Cighid), auf Abtreibung standen strenge Strafen, da das Regime seine Politik des „nationalen Bevölkerungswachstums“ rücksichtslos durchsetzen wollte.

Das enge Netz aus Spitzeln und Kollaborateuren, die staatliche Überwachung und die Allgegenwart der Geheimpolizei Securitate erschwerten jedoch die Gründung einer organisierten Demokratiebewegung erheblich. In den letzten Jahren der 1980er sammelten sich Oppositionelle um den Pastor Laszlo Tökes, der zu einer Symbolfigur der Revolution wurde. Ende 1989 kam es in Temeswar zu Demonstrationen gegen das kommunistische Regime. Ähnliches geschah auch in anderen Städten. Die Polizei und die Securitate schlugen die Aufstände zunächst rasch nieder, konnten aber längerfristig die Durchsetzung der Demokratiebewegung nicht aufhalten. Während der revolutionären Unruhen stellte sich heraus, dass ganz Bukarest untertunnelt und mit Bunkern für die Geheimpolizei durchzogen war. Im Dezember 1989 wurde der Diktator Nicolae Ceaușescu gestürzt und in einem Schnellverfahren verurteilt, bevor er kurz darauf zusammen mit seiner Ehefrau Elena Ceaușescu erschossen wurde.

Volksrepublik China[Bearbeiten]

In der Volksrepublik China verstärkte sich ab Mitte der 1980er Jahre eine vor allem von Studenten getragene Bürgerrechtsbewegung (Demokratiebewegung), die durch Demonstrationen und Wandzeitungen mehr Freiheiten und demokratische Reformen forderte. Trotz mehrfacher Aufforderungen der Regierung, die Demonstrationen zu beenden, erhielten diese immer mehr Zulauf. 1989 versammelten sich auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking etwa 100.000 Studenten und Arbeiter, um den Forderungen nach mehr Demokratie Nachdruck zu verleihen. Der Platz wurde schließlich unter Einsatz von massiver militärischer Gewalt geräumt. Etwa 1.000 Demonstranten kamen dabei ums Leben. Weitere Tausende wurden verletzt. Nach dieser Niederschlagung der chinesischen Bürgerrechtsbewegung folgte eine mehrjährige Phase der politischen Repression in China, die ein neues Aufflackern der demokratischen Bewegung bis dato verhinderten.

Dokumentarfilm[Bearbeiten]

  • zum Civil Rights Movement in den USA: Freedom on my Mind, 110 Minuten, 1994, Produktion und Regie: Connie Field and Marilyn Mulford, 1994 Academy Award Nominee, Best Documentary Feature

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Text der im Fernsehen übertragenen Ansprache des Präsidenten L. B. Johnson vor beiden Kammern des Kongresses auf der Website der US-Botschaft in Deutschland
  2. http://www.welt.de/print-welt/article468967/Auch-DDR-Zwangsarbeiter-fordern-Entschaedigung.html
  3. http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/9381/_die_wende_in_mir.html
  4. http://www.tagesspiegel.de/politik/zwangsarbeit-ddr-haeftlinge-mussten-fuer-ikea-schuften/6586614.html

Weblinks[Bearbeiten]