Hambacher Forst

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Der Hambacher Forst oder Bürgewald oder die Bürge ist ein nach dem Ort Hambach benannter, ursprünglich 5.500 Hektar großer Wald. Seit 1972 gehört Hambach zur Gemeinde Niederzier im nordrhein-westfälischen Kreis Düren. Der Forst liegt je zur Hälfte im Kreis Düren und im Rhein-Erft-Kreis. Zuständig als Untere Forstbehörde ist das Forstamt Eschweiler. Das ursprüngliche Waldgebiet musste weitgehend dem Braunkohletagebau Hambach weichen, ein weiterer Abbau ist bereits genehmigt. Nach Ende des Braunkohletagebaus sollen 300 ha Wald übrigbleiben.[1]

Die Bürge trennt die Jülich-Zülpicher Börde in die Jülicher Börde im Norden und die Zülpicher Börde im Süden; naturräumlich wird sie als Untereinheit (554.0) der Haupteinheit Jülicher Börde (554) zugerechnet.

Geschichte[Bearbeiten]

Der heilige Arnold von Arnoldsweiler hat der Legende nach den Bürgewald im 8. Jahrhundert umritten. Seit dem 16. Jahrhundert sind Buschordnungen überliefert, die eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes regeln und zum Teil drastische Strafen bei Holzfrevel und Diebstahl festlegen. In den umliegenden Gemeinden versammelten sich zu festen Terminen die genossenschaftlich organisierten Nutzer und hielten Holzgedinge ab.

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges rückte, im Rahmen der Operation Grenade der 9. US-Armee am 23. Februar 1945, ein Regiment durch den Bürgewald (Hambacher Forst) Richtung Erft vor.[2]

Flora und Fauna[Bearbeiten]

Bei dem Hambacher Forst handelt es sich um einen Wald mit hoher ökologischer Wertigkeit, die sich aus Relikten von wärmeliebenden Arten ergibt, die in den Altwäldern vorkommen.[3] In den noch verbliebenen Resten des Forstes wachsen Hainbuchen und Stieleichen. Zudem beherbergt der Wald zwei Kolonien der vom Aussterben bedrohten Bechsteinfledermaus, die durch Anlage von speziellen Weideflächen außerhalb des Forstes perspektivisch in andere Wälder im Umkreis des Tagebaus gelockt werden sollen.[4]

Laut BUND siedelten 2012 im bis 2030 von der Abbagerung betroffenen Waldgebiet, das aus 226 Hektar "wertvollster Waldflächen" bestehe, zwölf streng geschützte Fledermausarten. Insgesamt seien 142 geschützte Arten vorhanden.[5]

Braunkohlentagebau[Bearbeiten]

Seit 1978 wurde der Wald weitgehend für den sich weiter ausbreitenden Braunkohletagebau gerodet. Nordwestlich des ehemaligen Waldes befindet sich die künstlich angeschüttete Sophienhöhe.

Waldbesetzung[Bearbeiten]

Baumhaus der Waldbesetzer

Von Mitte April 2012 bis Mitte November hielten rund 50 Umweltaktivisten einen kleineren Teil des Waldes besetzt, um so gegen die Abholzung und für einen Kohleausstieg zu protestieren.[6] Das Camp, welches sich autark versorgt, findet mittlerweile auch überregional Aufmerksamkeit, so z. B. durch die Berichterstattung des WDR.[7] Am 13. November 2012 wurde mit der Räumung des Camps begonnen.[8] Ein einzelner Abholzgegner harrte vier Tage in einem selbst angelegten Tunnel sechs Meter unter der Erde aus. Am 16. November 2012 wurde er von der Polizei und Spezialkräften ausgegraben.[9]

Durch die Staatsanwaltschaft wurde festgestellt, dass die Waldbesetzer im Jahre 2012 keinerlei Straftaten begingen. Alle 27 Verfahren gegen die Besetzer wurden eingestellt. Dennoch werden die Protestler in einer Nachbarschaftsbroschüre des RWE-Konzerns vom August 2013 als Steine werfende Krawallmacher dargestellt.[10][11][12][13]

Ab 1. September 2013 wurde der Wald erneut besetzt. Die Besetzung wurde am 27. März 2014 mit großem Polizeiaufgebot geräumt.[14] Nur vier Wochen später wurde der Wald an gleich drei Stellen wiederbesetzt.[15]

Archäologische Forschung[Bearbeiten]

Unter Leitung des Frankfurter prähistorischen Archäologen Jens Lüning fanden in der Bürge experimentalarchäologische Versuche zur jungsteinzeitlichen Landwirtschaft statt.[16]

Literatur[Bearbeiten]

  • Theo Hamacher: Zur Geschichte unserer Wälder – Mittelalterliche Wertung des Waldes und die Bürgebuschordnung vom Jahre 1557. In: Rur-Blumen, Jg. 1928, Nr. 7

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Polizei räumt Waldbesetzer- Camp im Hambacher Forst. In: Hamburger Abendblatt, 13. November 2012. Abgerufen am 24. April 2014.
  2. Wolfgang Trees: Schlachtfeld zwischen Maas und Rhein: das Ende des Zweiten Weltkrieges September 1944 bis März 1945; wie es damals war …; Aachen: Triangel-Verlag, 1995; ISBN 3-922974-05-8
  3. Rolf Dieter Stoll, Christian Niemann-Delius, Carsten Debenstedt, Klaus Müllensiefen (Hrsgs.), Der Braunkohlentagebau. Bedeutung, Planung, Betrieb, Technik, Umwelt, Berlin - Heidelberg 2009, S. 523.
  4. Rinderdung soll Fledermäuse in die neue Heimat locken. In: Aachener Zeitung, 1. August 2013. Abgerufen am 26. April 2014.
  5. Bechstein-Fledermaus und Co.: BUND will Hambach stoppen. In: Kölnische Rundschau, 12. April 2012. Abgerufen am 26. April 2014.
  6. Blog „Hambacher Forst“; abgerufen am 16. November 2012
  7. Michael Reinartz: 100 Tage Waldbesetzung; Radiobericht im WDR vom 23. Juli 2012
  8. attac.de: Attac protestiert gegen Räumung von Camp im Hambacher Forst
  9. Hambacher Forst Polizei holt eingebuddelten Aktivisten aus Schacht; Bericht auf Spiegel-Online vom 17. November 2012
  10. Der Klima-Lügendetektor – RWE: Ohne jeden Respekt
  11. RWE räumt Hambacher Forst
  12. Verfahren gegen Aktivisten eingestellt; Kölner Stadt-Anzeiger vom 2. Juli 2013
  13. Das Nachbarschaftsmagazin von RWE Power (PDF; 1,8 MB)
  14. Umweltprotest in Baumhäusern - Die Räumung
  15. http://www.klimaretter.info/protest/nachricht/16266-hambacher-forst-wieder-besetzt
  16. Jens Lüning, Jutta Meurers-Balke: Experimenteller Getreidebau im Hambacher Forst; Gemeinde Elsdorf, Kr. Bergheim/Rheinland. Bonner Jahrbücher 180, 1980, 305–344.

50.9074176.448803Koordinaten: 50° 54′ 27″ N, 6° 26′ 56″ O