Büsingen am Hochrhein

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Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Gemeinde Büsingen am Hochrhein
Büsingen am Hochrhein
Deutschlandkarte, Position der Gemeinde Büsingen am Hochrhein hervorgehoben
47.6969444444448.6902777777778395Koordinaten: 47° 42′ N, 8° 41′ O
Basisdaten
Bundesland: Baden-Württemberg
Regierungsbezirk: Freiburg
Landkreis: Konstanz
Höhe: 395 m ü. NHN
Fläche: 7,62 km²
Einwohner: 1335 (31. Dez. 2012)[1]
Bevölkerungsdichte: 175 Einwohner je km²
Postleitzahlen: 78266 (Deutschland)
8238 (Schweiz)Vorlage:Infobox Gemeinde in Deutschland/Wartung/PLZ enthält Text
Vorwahlen: 07734 (Deutschland)
052 (Schweiz)Vorlage:Infobox Gemeinde in Deutschland/Wartung/Vorwahl enthält Text
Kfz-Kennzeichen: BÜS
Gemeindeschlüssel: 08 3 35 015
Adresse der
Gemeindeverwaltung:
Junkerstraße 86
78266 Büsingen am Hochrhein

Deutschland
 oder
Junkerstrasse 86
8238 Büsingen
Schweiz
Webpräsenz: www.buesingen.de
www.buesingen.ch
Bürgermeister: Markus Möll
Lage der Gemeinde Büsingen am Hochrhein im Landkreis Konstanz
Bodensee Bodenseekreis Landkreis Waldshut Schwarzwald-Baar-Kreis Landkreis Tuttlingen Landkreis Sigmaringen Aach (Hegau) Allensbach Bodman-Ludwigshafen Büsingen am Hochrhein Stockach Eigeltingen Engen Gaienhofen Gailingen am Hochrhein Gottmadingen Hilzingen Hohenfels (bei Stockach) Konstanz Mainau Moos (am Bodensee) Mühlhausen-Ehingen Mühlingen Öhningen Orsingen-Nenzingen Radolfzell am Bodensee Reichenau (Landkreis Konstanz) Reichenau (Landkreis Konstanz) Reichenau (Landkreis Konstanz) Reichenau (Landkreis Konstanz) Rielasingen-Worblingen Singen (Hohentwiel) Steißlingen Stockach Tengen Volkertshausen SchweizKarte
Über dieses Bild
Lage von Büsingen am Hochrhein im Deutsch-Schweizer Grenzgebiet

Büsingen am Hochrhein ist eine rechtsrheinische Gemeinde im baden-württembergischen Landkreis Konstanz.

Der Ort ist gänzlich von Schweizer Staatsgebiet umgeben und bildet hierdurch eine Exklave. Er grenzt rechtsrheinisch an den Kanton Schaffhausen und linksrheinisch – mit dem Rhein als Grenze – an die Kantone Zürich und Thurgau.

Büsingen ist die einzige deutsche Gemeinde, die gänzlich in einer Exklave liegt, und neben den durch die auf belgischem Staatsgebiet liegende Vennbahn abgetrennten Gebieten die einzige deutsche Exklave. Neben Campione d’Italia ist Büsingen eine von zwei Enklaven innerhalb des Schweizer Staatsgebietes.

Geographie[Bearbeiten]

Büsingen gehört zur Region Reiat.

Gemeindegliederung[Bearbeiten]

Zur Gemeinde Büsingen am Hochrhein gehören das Dorf Büsingen am Hochrhein und die Häuser Im Stemmer und Waldheim. Im Gemeindegebiet liegen die Wüstungen Eggingen und Gluringen.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Die ältesten archäologischen Funde, die auf menschliche Aktivitäten im Raum Büsingen schließen lassen, stammen aus der Bronze- und der späten Hallstattzeit. Gegen Ende der Römerzeit wurde der Limes von Basel bis zum Bodensee auch in der Nähe von Büsingen errichtet. Nachdem diese Grenzbefestigung von den Alemannen überwunden worden war, ließen sich vermutlich die ersten am Rheinufer nieder und nannten ihren Ort Buosinga, was so viel heißt wie die Siedlung der Leute des Boso. Mit der auf einer Anhöhe gelegenen St. Michaelskirche war das Gebiet des heutigen Kantons Schaffhausen vor der Stiftung des Klosters Allerheiligen zu Büsingen kooperiert.[3] Im Jahre 1090 wurde Büsingen erstmals urkundlich erwähnt, als es vom Grafen Burkhard von Nellenburg dem Kloster Allerheiligen in Schaffhausen geschenkt wurde.

Seit 1361 hatten die Herren von Klingenberg, österreichische Lehnsträger, die Ortsherrschaft inne.

1406 wurde Büsingen von den verschuldeten Klingenbergern an den Schaffhauser Rudolf Goldschmid verpfändet. Im Jahre 1463 übernahm dann der Bürgermeister Heinrich Barter die Vogtei in Büsingen.

Ab 1465 ging die Landeshoheit über Büsingen offiziell an Österreich über und der Ort gehörte zur österreichischen Landgrafschaft Nellenburg.[4]

Seit 1658 hatte Eberhard Im Thurn die österreichische Lehnsherrschaft inne, die seit 1535 bereits der Schaffhauser Familie gehörte. Eberhard wurde am 10. April 1693 nach religiösen Streitigkeiten von eigenen Familienangehörigen nach Schaffhausen entführt, wo er wenig später von der dortigen Obrigkeit in den Kerker geworfen wurde. Für die österreichische Bezirksregierung in Nellenburg war die Entführung ihres Lehnsträgers Eberhard ein Eingriff in die Landeshoheit Österreichs. Binnen eines Jahres bekam die ursprünglich örtliche Angelegenheit staatspolitische Dimensionen. 1694 sperrte Österreich die Getreideausfuhr in die Schweiz und drohte Schaffhausen mit hohen Repressalien. Obwohl die Schaffhauser von ihren Eidgenossen zum Einlenken gedrängt wurden, leiteten sie ein Verfahren gegen Eberhard Im Thurn ein, bei dem dieser zum Tode verurteilt werden sollte. Es endete nach einer Abstimmung aber mit knapper Mehrheit nur mit lebenslanger Haft. Die Schaffhauser gaben erst nach, nachdem am 15. Februar 1697 Österreich den Druck noch einmal verstärkt und Truppen an die Schaffhauser Grenze verlegt hatte.[5]

Aufgrund dieser Entführung verlor Schaffhausen die Pfandschaft über die Reiatdörfer, zu denen Büsingen gehörte, und konnte diese erst 1723 für 221.744 Gulden zurückerlangen. Nur Büsingen wurde von den Österreichern einbehalten, denn es sollte zum Ärgernis der Schaffhauser auf ewig österreichisch bleiben. Als Österreich im Jahr 1770 seine Rechte an den Dörfern Ramsen und Dörflingen an das eidgenössische Zürich verkaufte, wurde Büsingen zu einer Enklave in der Schweizer Eidgenossenschaft.

Trotz aller Versuche der Schaffhauser, Büsingen zurückzuerlangen, wurde es im Pressburger Frieden von 1805 dem Kurfürstentum Württemberg (Ab 1806 Königreich) zugeschlagen. 1810 ging Büsingen an das Großherzogtum Baden über. Auch auf dem Wiener Kongress 1814/1815, durch den die Grenzen Europas neu geordnet wurden, änderte sich an der Situation nichts, und Büsingen gehörte weiterhin zu Baden.

Im Jahr 1835 wurde Büsingen deutsches Zollausschlussgebiet. Im Jahr 1895 schloss die Schweiz mit Büsingen ein Abkommen, damit die Büsinger Bauern ihre Produkte in der Schweiz verkaufen konnten. Dieser Warenaustausch funktionierte sogar während des Ersten Weltkriegs – in beiden Richtungen.

Im Jahre 1918 wurde eine Volksabstimmung durchgeführt, in der 96 % der Büsinger Bürger für eine Angliederung ihres Dorfes an die Schweiz stimmten. Dazu kam es aber nicht, weil die Schweiz kein geeignetes Austauschgebiet anbieten konnte. So blieb Büsingen beim Deutschen Reich.

1946 bat das von Frankreich besetzte Büsingen den Schweizer Bundesrat, die Zollgrenze zur Enklave aufzuheben. Am 1. Januar 1947 wurde mit dem Einverständnis der Franzosen diesem Gesuch entsprochen. Seit diesem Datum wird die 17 Kilometer lange Grenze zwischen Büsingen und der Schweiz nicht mehr kontrolliert. Deutschland besaß zu diesem Zeitpunkt noch keine eigene Regierung. Deshalb wurde dieser Zustand als rechtswidrig bezeichnet.

Die bisher letzte Chance der Büsinger, der Schweiz angegliedert zu werden, bot sich 1956. Damalige Verhandlungen waren zunächst vielversprechend, jedoch bestand der Landkreis Konstanz auf dem Verbleib von Büsingen bei Deutschland und forderte darüber hinaus einen verbindenden Korridor. Daraufhin brach die Schweiz die Verhandlungen ab. Am 4. Oktober 1967 trat der neue Staatsvertrag zwischen Deutschland und der Schweiz in Kraft, der den rechtlichen Status von Büsingen regelt.

Die Gemeinde wurde am 6. Dezember 1961 von Büsingen (Oberrhein) in Büsingen am Hochrhein umbenannt.

Im Mai 1989 riefen alle zehn Gemeinderatsmitglieder zur Wahlabstinenz bei der Europawahl auf, weil die durch die geografische Lage und wirtschaftliche Anbindung an die Schweiz hervorgerufenen Nachteile (Kaufkraftverlust, Auslandstelefongebühren) von der Bundesregierung nicht behoben worden waren.[6] Lediglich 16 % der Büsinger wählten, davon über zwei Drittel per Briefwahl, da diese Stimmabgabewilligen – so wurde behauptet – befürchteten, gebrandmarkt zu werden.[7]

Politik[Bearbeiten]

Dem Gemeinderat gehören neben dem Bürgermeister zehn Personen an, davon sind vier Frauen (Stand: Juli 2009 und Mai 2012). Es gibt zwei Wählervereinigungen: Freie Wählervereinigung Bürgerinnen, Bürger, Landwirte und Gewerbetreibende und Freie Wählervereinigung Arbeitnehmer und Unabhängige.

Büsingen bildet mit Gailingen am Hochrhein und Gottmadingen eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft.

Bürgermeister[Bearbeiten]

Die Amtszeit des Büsinger Bürgermeisters beträgt acht Jahre.

Von 1990 bis 30. Juni 2012 war Gunnar Lang Bürgermeister. Er war schon ab 1980 in der Kommunalpolitik aktiv gewesen und wurde 1998 und 2006 wiedergewählt. Er kündigte am 17. November 2011 gegenüber dem Gemeinderat von Büsingen seinen Rücktritt zum 30. Juni 2012 an.[8]

Am 22. April 2012 fand der erste Wahlgang statt. Weil kein Kandidat eine absolute Mehrheit erreichen konnte, wurde am 13. Mai ein zweiter Wahlgang angesetzt, bei dem die einfache Mehrheit reichte. Aus diesem ging Markus Möll als neuer Bürgermeister hervor. Die Wahlbeteiligung lag in beiden Wahlgängen bei 62 Prozent.[9]

Sonderregelungen[Bearbeiten]

Büsingen gehört gemäß Art. 3 Abs. 1 ZK nicht zum Zollgebiet der Europäischen Union. Da es eine deutsche Exklave ist, aber zum Schweizer Zollgebiet gehört, gibt es diverse Sonderregeln, beispielsweise wird keine Kaffeesteuer in Höhe von 2,19 Euro/kg erhoben.[10]

Bei der Einreise von Büsingen nach Deutschland gelten die gleichen Regeln wie bei der Einreise aus einem Nicht-EU-Land in die EU: Es gibt Freigrenzen, unter anderem für Tabakwaren, alkoholische Getränke, Kraftstoffe und andere Waren.[11]

Währung[Bearbeiten]

Büsingen ist die einzige deutsche Gemeinde, in der zumeist mit dem Schweizer Franken bezahlt wird, obwohl die offizielle Währung wie in ganz Deutschland der Euro ist.[12][13] Bis in die 1980er Jahre wurde in Büsingen die D-Mark häufig nicht angenommen. Es ging so weit, dass die Büsinger Post für den Verkauf von deutschen Briefmarken nur den Schweizer Franken akzeptierte. Schließlich zwang eine Gesetzesänderung die Büsinger, auch die D-Mark (und heute den Euro) als amtliche Währung zu akzeptieren. Doch nach wie vor ist in den Geldbeuteln der Büsinger eher der Schweizer Franken zu finden, nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Büsinger Bürger ihren Arbeitslohn in der Schweiz verdienen. Selbst die Gemeindeverwaltung verrechnet Abgaben und Gebühren weiterhin in Franken.

Staatsvertrag[Bearbeiten]

Blick auf Büsingen am Hochrhein

Am 9. September 1957 begannen in Locarno deutsch-schweizerische Verhandlungen mit dem Ziel, sämtliche Kompetenzen beider Staaten bezogen auf Büsingen zu regeln. Erst nach fünf Jahren, am 15. Dezember 1962, konnte der Zollvertrag von den Bevollmächtigten paraphiert und noch einmal zwei Jahre später, am 23. November 1964, unterzeichnet werden.[14] In Kraft treten konnte er schließlich am 4. Oktober 1967, mehr als zehn Jahre nach Beginn der Verhandlungen.[15]

Danach darf die Polizei des Kantons Schaffhausen auf Büsinger Gebiet selbstständig Verhaftungen durchführen und die Arrestanten in die Schweiz verbringen. Die Zahl der Schweizer Ordnungshüter, die sich gleichzeitig in Büsingen aufhalten dürfen, ist auf zehn beschränkt, die der deutschen auf drei pro 100 Einwohner. Die Schweizer Polizei hat ihre Kompetenzen in den Bereichen, in denen Schweizer Gesetze (Zoll, Landwirtschaft, Gastgewerbe usw.) gelten. Ansonsten ist die deutsche Polizei zuständig.

Die deutschen Polizisten dürfen sich uniformiert nur auf klar definierten Routen zur Exklave hinbewegen; sie haben auf Schweizer Boden alle Amtshandlungen zu unterlassen.

In Büsingen gilt das Schweizer Zoll- und Wirtschaftsrecht mit einigen wenigen Ausnahmebestimmungen. Die direkten Steuern der Büsinger (z. B. Einkommensteuer) müssen an den deutschen Fiskus abgeführt werden. Dies stellt eine Benachteiligung der Büsinger dar, da sie die höheren Schweizer Lebenshaltungskosten schultern müssen, aber statt der im Durchschnitt niedrigeren Schweizer Einkommenssteuer der deutschen unterliegen. Deshalb erhält jeder Büsinger einen Freibetrag auf seiner Lohnsteuerkarte eingetragen und zahlt damit nur aufgrund seines Wohnsitzes in Büsingen weniger Lohnsteuern als im übrigen Bundesgebiet.[16] Dieser Freibetrag glich die Mehrbelastung nicht aus, sondern milderte sie nur ab. Aus diesem Grund sind viele Büsinger in der Vergangenheit in die Schweiz gezogen.

Die Büsinger dürfen gemäß Zollvertrag im Kanton Schaffhausen, Thurgau und dem größten Teil des Kantons Zürich ohne zusätzliche Hürden eine Arbeitsstelle annehmen und werden dort den Schweizer Bürgern rechtlich gleichgestellt. Dies gilt theoretisch auch umgekehrt, wobei in der Praxis so gut wie kein Schweizer nach Büsingen zur Arbeitsstelle fährt, da Büsingen als Dorf nur wenige Arbeitsplätze bietet. Seit dem Inkrafttreten der bilateralen Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Schweiz am 1. Juni 2004 und der darin vorgesehenen Personenfreizügigkeit ist diese Bestimmung inzwischen obsolet bzw. gilt nur noch für mit Büsinger Bürgern verheiratete Drittausländer.

Büsinger Bauern erhalten Bundessubventionen aus der Schweiz, die höher sind als jene in Deutschland.

Schule[Bearbeiten]

Büsingen unterhält eine Grundschule, in der Schüler bis zur vierten Klasse unterrichtet werden. Anschließend müssen die Eltern entscheiden, ob ihre Kinder eine schweizerische oder eine deutsche weiterführende Schule besuchen sollen.

Post[Bearbeiten]

Poststempel mit dem Hinweis „Sondertarif“ auf einem Brief in die Schweiz
Schweizerische und deutsche Telefonzelle

Büsingen besitzt eine deutsche Postagentur. Die Gemeinde hat zwei Postleitzahlen: 78266 Büsingen für Deutschland und 8238 Büsingen (D) für die Schweiz (siehe auch: Postleitzahl (Deutschland) und Postleitzahl (Schweiz)). Briefe aus Büsingen können entweder mit Schweizer oder mit deutschen Briefmarken frankiert werden. Ein Standardbrief von Büsingen in die Schweiz mit der langsameren B-Post unterliegt dem schweizerischen Tarif (85 Rappen), kann aber mit einer deutschen Marke für Standardinlandsbriefe (Wert im Januar 2012 nur etwa 66 Rappen) frankiert werden. Vor der Post befinden sich eine deutsche und eine schweizerische Telefonzelle direkt nebeneinander.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Der Benzinpreis ist an das Niveau der schweizerischen Tankstellen in der Nachbarschaft angeglichen. In Büsingen gelten die schweizerischen indirekten Steuern, neben dem Benzinzoll auch die Mehrwertsteuer von derzeit 2,5 % (Bücher, Lebensmittel), 3,8 % (Hotels) bzw. 8,0 % (Normalsatz). Nachdem die Eidgenössische Steuerverwaltung jahrelang diese Steuern eingezogen und einbehalten hat, ist es dem ehemaligen Steuerberater und früheren Bürgermeister Gunnar Lang gelungen, die Rückerstattung der Mehrwertsteuer direkt an die Gemeinde zu erlangen, die dadurch zur reichsten des ganzen Hegaus wurde und als eine von nur fünf Gemeinden in Deutschland keine Grundsteuer erhebt.[17]

Die meisten Büsinger sind Wegpendler (in der Schweiz Grenzgänger genannt) und arbeiten im Raum Schaffhausen, Thurgau oder im Kanton Zürich. Seit dem Inkrafttreten der bilateralen Abkommen zwischen der Europäischen Union und der Schweiz am 1. Juni 2004 hat sich die Bevölkerungsstruktur erheblich verändert. Dank Personenfreizügigkeit nehmen die meist ohnehin in der Schweiz erwerbstätigen Büsinger dort auch ihren Hauptwohnsitz, weil die schweizerische Einkommensteuerbelastung für sie geringer ist. Im Gegenzug ziehen zahlreiche Rentner aus der Schweiz nach Büsingen, wo sie niedrigere Einkommensteuern und im Gegensatz zur Schweiz keine Vermögensteuern bezahlen, ohne den Schweizerfranken-Währungsraum zu verlassen. Als Folge hat Büsingen mit 51,7 Jahren einen der höchsten Altersdurchschnitte aller Gemeinden Deutschlands und den höchsten Baden-Württembergs (Stand 31. Dezember 2011).[18]

Viele Einwohner in Büsingen erhalten ihre Rente in Euro, tätigen aber die meisten Ausgaben in Schweizer Franken. Durch den starken Anstieg des Schweizerfranken-Wechselkurses Mitte 2011 hat sich ihre wirtschaftliche Lage stark verschlechtert. Büsinger, die in der Schweiz arbeiten und ihr Gehalt in Schweizer Franken verdienen, rutschten in der deutschen Steuerprogression immer höher, ohne dass ihre Kaufkraft zugenommen hätte. Aus beiden Gründen ist in jüngster Zeit eine Abwanderungswelle aus dem Dorf festzustellen.[19]

Kfz-Kennzeichen[Bearbeiten]

Büsingen hat gemäß dem Staatsvertrag ein eigenes Kfz-Kennzeichen. Daher tragen Büsinger Fahrzeuge das Kennzeichen BÜS, obwohl die Gemeinde zum Landkreis Konstanz gehört und somit eigentlich das Kennzeichen KN führen müsste. Die BÜS-Kennzeichen wurden eingeführt, um den schweizerischen Zollbeamten die Arbeit zu erleichtern. Fahrzeuge mit BÜS-Kennzeichen werden bei der Einreise in die Schweiz und im dortigen Straßenverkehr wie schweizerische Fahrzeuge behandelt.

Büsingen vom Schiff aus gesehen

Es gibt nur wenige[20] BÜS-Kennzeichen, meistens gefolgt vom Buchstaben A. Außerdem gibt es Fahrzeuge mit dem Buchstaben Z, die unversteuert in die Schweiz eingeführt wurden und nur maximal zwei Jahre mit diesem Status fahren dürfen. BÜS war bis zur Kennzeichenliberalisierung das seltenste Kennzeichen Deutschlands, das noch neu vergeben wird.[21] Seither wurden in Deutschland zahlreiche alte Kennzeichen wieder neu eingeführt, wodurch BÜS zumindest vorübergehend den Status als seltenstes Kennzeichen verlieren wird. Jedoch bleibt es weiterhin der kleinste Zulassungsbezirk Deutschlands.

Kraftfahrzeugsteuern werden an das Finanzamt Singen (Hohentwiel) bezahlt. Maßgeblich sind aber die Motorfahrzeugsteuern des Kantons Schaffhausen, die z. T. gerade für Dieselfahrzeuge erheblich unter den deutschen Sätzen liegen und nicht von der Abgasnorm abhängen. Dies hat in der Vergangenheit zur Scheinwohnsitznahme von Deutschen mit dem Ziel der Kfz-Steuerersparnis geführt. Die Polizei hat darauf mit Wohnsitzkontrollen reagiert. Die Gemeinde führt ein Register der Mietwohnungen, anhand dessen sie erkennen kann, wie viele Personen eine Wohnung bewohnen.

Weitere Besonderheiten[Bearbeiten]

Büsingen wird aus historischen Gründen als eigene Zeitzone aufgeführt. Hier bei der installation von FreeBSD.
Grenzsteine
Büsingen wird durch 122 Grenzsteine gegen das umgebende Schweizer Gebiet abgegrenzt.[22] Ein besonderer Grenzstein ist der Hattinger oder auch Nellenburger Stein, ein Findling in der Mitte des Rheins. Er besteht aus Schrattenkalk, hat eine Kantenlänge von 1,00 bis 1,30 m und ein Volumen von ungefähr 1,5 m³. Der Stein liegt etwa 1,50 m unter dem Wasserspiegel. Er wurde 1453 erstmals urkundlich erwähnt.[23][24]
Zeitzone
In der Bundesrepublik Deutschland wurde 1980 die Sommerzeit wieder eingeführt. Die Schweiz zog erst 1981 nach. Da Büsingen sich an der Schweizer Zeitgesetzgebung orientierte, galt in Büsingen im Sommer 1980 die Mitteleuropäische Zeit, während im übrigen Deutschland die Mitteleuropäische Sommerzeit galt.[25][26] Obwohl es sich bei der Zeitdifferenz zwischen Büsingen und dem Rest Deutschlands um ein einmaliges Vorkommnis handelte, wird Büsingen im Computerbereich teilweise bis heute separat aufgeführt, so z.B. in der Zeitzonendatenbank des Common Locale Data Repository.

Bioenergiedorf mit Solarthermie[Bearbeiten]

Büsinger Heizzentrale mit Röhrenkollektoren

Obwohl Büsingen aufgrund seiner Sonderstellung als Exklave keine deutschen EEG-Fördermittel bekommt, hat sich die Gemeinde breite Anerkennung als Bioenergiedorf und Vorbild für solarthermisch gespeiste Nahwärmenetze erarbeitet. Büsingens Nahwärmenetz bezieht die Wärme von einer Hackschnitzel-Heizzentrale (1,4 MW) und anstelle einer Biogasanlage von einer solarthermischen Großanlage mit Röhrenkollektoren. Deren über 1000 Quadratmeter große Kollektorfläche zum Preis von 420.000 Euro liefert jährlich rund 550.000 kWh, deckt im Sommer den kompletten Warmwasserbedarf und ersetzt im Jahresgang rund 800 Schüttkubikmeter Holzhackschnitzel.[27] Zur Anlage gehören zudem zwei Pufferspeicher mit je 50 Kubikmetern Fassungsvermögen und ein für Spitzenlasten oder Wartungsarbeiten zuschaltbarer Ölkessel mit einer Leistung von 730 kW.[28] Büsingen dient dem Forschungsprogramm SOLNET.BW zur Markteinführung solarer Wärmenetze in Baden-Württemberg als Pilotprojekt.[29]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Blick auf die Kirche St. Michael nach einem Regenschauer von Dörflingen aus

Die romanische Bergkirche St. Michael (auch Michaelskirche genannt) steht östlich des Ortes auf einem Hügel. Sie ist eingebettet in eine gut erhaltene mittelalterliche Gebäudegruppe, die von einer Ringmauer umgeben ist. Die Bergkirche ist die Urkirche von Schaffhausen aus dem 11. Jahrhundert. Der 415 m hohe Hügel mit dem Gebäudeensemble, der sich nur wenige Meter über die umgebende Landschaft erhebt, ist seit 1939 als Landschaftsschutzgebiet mit einer Fläche von 17 ha ausgewiesen.

Im 17. Jahrhundert wurde das heutige Hotel Alte Rheinmühle von den Büsinger Grundherren, der Familie Im Thurn erbaut. 1711 wurde für das Wirtshaus eine Konzession erteilt, 1964 zum repräsentativen Hotel-Restaurant umgebaut. 2003 erwarb die Gemeinde Büsingen das Anwesen und führte eine Totalsanierung durch; Neueröffnung war im Jahr 2004. Besondere Beachtung findet der historische Junkersaal.

Wanderungen[Bearbeiten]

Der „Exklavenweg“ startet beim Büsinger Rathaus, führt zur ehemaligen Rheinmühle, zum Junkerhaus, der Schiffsanlegestelle, zum Strandbad bis zur östlichen Außengrenze. Dann wird das nördliche Gebiet mit Bergkirche und Rebgelände tangiert und zum Ausgangspunkt zurückgeführt.

Kultur[Bearbeiten]

Seit 1993 finden alljährlich am letzten Wochenende im August die Kammermusiktage in der Bergkirche St. Michael statt. Der Verein Musikfreunde Bergkirche Büsingen e. V. präsentiert mit diesem Festival unter der künstlerischen Leitung von Uwe Stoffel sein Programm.

Die Bauernfasnacht wird in Büsingen am Sonntag nach Aschermittwoch mit einem Umzug gefeiert. Mit knapp 3000 Teilnehmern und mehreren tausend Zuschauern wird ein mehrfaches der Einwohnerzahl erreicht. Der Umzug im Jahr 2012 wurde sogar mit 4200 Teilnehmern veranstalten, in der Folge aber aufgrund von Sicherheitsbedenken verkleinert. Die Büsinger Fasnacht ist aufgrund ihres späten Termins, wenn in den meisten Orten Deutschlands die Fasnacht vorbei ist, sehr beliebt. So nehmen zahlreiche Hexenzünfte aus dem Schwarzwald an dem Umzug teil.[30]

Religionen[Bearbeiten]

In Büsingen gibt es eine evangelische Kirchengemeinde, eine zur Seelsorgeeinheit Gottmadingen gehörende katholische Pfarrgemeinde, eine evangelisch-methodistische Kirche sowie die Kirche des Nazareners, eine evangelische Freikirche. Dabei nimmt die Kirche des Nazareners eine besondere Bedeutung ein, da sich in Büsingen neben einer Ortsgemeinde zwei für die Kirche sehr wichtige Institutionen befinden: zum einen das European Nazarene College, eine von zwei theologischen Hochschulen der Kirche des Nazareners in Europa, und zum anderen die Regionalverwaltung für die Region Eurasia, die ganz Europa, die Staaten der früheren Sowjetunion, Vorderasien und den indischen Subkontinent umfasst.[31][32]

Sport[Bearbeiten]

Der Fußballklub FC Büsingen ist – als einziger deutscher Verein – dem Schweizerischen Fußballverband angeschlossen. Der FC hat rund 120 aktive Spieler und sechs Mannschaften. Die erste Mannschaft spielt in der 4. Liga im Fußballverband Region Zürich.

Ehrenbürger[Bearbeiten]

  • Otto Weiss, ehemaliger Bürgermeister
  • Alwin Güntert, ehemaliger Gemeinderat
  • Carina Schweizer, ehemalige Gemeinderätin

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ursula Wolf, Hans Lieb: Die Bergkirche Büsingen, GSK Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 1993, ISBN 3-85782-531-6 (= Schweizerische Kunstführer GSK, Band 531).
  • Franz Götz: Andreas Schiendorfer, Günter Eiglsperger 900 Jahre Büsingen, eine deutsche Gemeinde in der Schweiz, Eigenverlag der Gemeinde, Büsingen am Hochrhein 1990, ISBN 3-921413-23-0.
  • Franz Götz: Das Büsinger Vertragswerk, Herausgegeben im Auftrag des Landkreises Konstanz und der Gemeinde Büsingen am Hochrhein in Verbindung mit dem Verein für Geschichte des Hegaus e.V. 1968 (= Hegau-Bibliothek Band 14).
  • Ernst Schneider: Flurnamen der Exklave Büsingen am Rhein, Landkreis Konstanz Herausgegeben vom Verein für Geschichte des Hegaus e.V., 1964 (= Hegau-Flurnamen Band III).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Büsingen am Hochrhein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Statistisches Bundesamt – Gemeinden in Deutschland mit Bevölkerung am 31.12.2012 (XLS-Datei; 4,0 MB) (Einwohnerzahlen auf Grundlage des Zensus 2011) (Hilfe dazu)
  2. Das Land Baden-Württemberg. Amtliche Beschreibung nach Kreisen und Gemeinden. Band VI: Regierungsbezirk Freiburg Kohlhammer, Stuttgart 1982, ISBN 3-17-007174-2. S. 730–731
  3. Albert Leutenegger, Der Büsinger Handel 1849, Sonderdruck für den Historisch-Antiquarischen Verein Schaffhausen, 1926,S.1
  4. Online-Chronik der Gemeinde Büsingen
  5. Über Eberhard im Thurn
  6.  gtm: Büsinger wollen die Europawahl boykottieren. Die Bürger der deutschen Exklave in der Schweiz fühlen sich von den Politikern im Stich gelassen. In: Stuttgarter Zeitung. ? Mai 1989 (Zeitungsausschnitt ohne Datum).
  7.  Wahlprüfungsausschuss zu den gegen die Gültigkeit der Wahl der Abgeordneten des Europäischen Parlaments aus der Bundesrepublik Deutschland eingegangenen Wahleinsprüchen: Beschlußempfehlung und Bericht des Wahlprüfungsausschusses. In: Deutscher Bundestag – 11. Wahlperiode (Hrsg.): Drucksache 11/7209. Anlage 4, S. 13-15 (PDF-Datei; 1,6 MB).
  8. http://www.buesingen.de/buesingenaktuell/R%9Fcktritt.html
  9. http://www.suedkurier.de/region/kreis-konstanz/buesingen/Markus-Moell-ist-neuer-Buergermeister-von-Buesingen;art372435,5505904
  10. Verbrauchsteuer auf Kaffee, http://wirtschaftslexikon.gabler.de/ (abgerufen am 1. März 2012)
  11. EU: nichtkommerzielle Waren in Ihrem persönlichen Reisegepäck können Sie in folgenden Mengen zoll-, mehrwertsteuer- und verbrauchsteuerfrei einführen
  12. Informationen der Stadt Büsingen zur Währung
  13. Reportage „Insel im Schweizermeer“ auf SWR2, gelaufen am 20. November 2007
  14. Staatsvertrag in der systematischen Sammlung des Schweizerischen Bundesrechts (PDF; 121 kB)
  15. Scherrer, Rudolf Eugen, Der Zollanschluß der deutschen Enklave Büsingen an die Schweiz. Zugleich ein Beitrag zur Lehre von der Gebietshoheit, Diss. Zürich 1973, S. 123 f.
  16. Gemeinde Büsingen: Spezielle Steuerregelungen für Büsingen
  17. http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.baden-wuerttemberg-kommunen-drehen-an-der-steuerschraube.bee4704a-8ea9-424e-80c3-a31356726355.html
  18. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatDurchschnittsalter in Baden-Württemberg: 43 Jahre. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, 30. August 2012, abgerufen am 31. August 2012 (Pressemitteilung Nr. 283/2012).
  19. C. Teevs: Wie der Super-Franken ein deutsches Dorf ruiniert. In: Spiegel Online vom 16. August 2011
  20. Stand 2013: 733
  21. Bestand an Kraftfahrzeugen nach Kraftfahrzeugart. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. Abgerufen am 24. Mai 2008.
  22. Matthias Biehler: An Grenze nicht alles im Lot. In: Südkurier vom 12. April 2013.
  23.  Richard Kaiser: Hattinger Stein. Die Eiszeit hat ihn hervorgebracht. In: Verband Deutscher Vermessungsingenieure (Hrsg.): VDV-Magazin. Nr. 05, Chmielorz, 2013, S. 412–413.
  24. Nikolaus Philippi: Grenzland Hegau: Grenzsteine erinnern an ehemalige Herrschaften und Territorien. Verlag Rockstuhl. ISBN 978-3-86777-479-6
  25. SPIEGEL vom 26. Mai 1980: Blödsinn des Volkes
  26. SRF: Blickpunkt: Schweizer Zeit in Büsingen, vom 3. April 1980
  27. Projektbeschreibung Büsingen
  28. Ina Röpcke: Büsingen heizt mit der Sonne. In: BUND-Jahrbuch 2014 – Ökologisch Bauen & Renovieren, BUND, Stuttgart 2013, S. 182f.
  29. SOLNET.BW und Solares Wärmenetz
  30. Viel Volk bei der Buurefasnet Büsingen, Südkurier, abgerufen am 11. März 2014
  31. Gemeinde Büsingen: Glaubensgemeinschaften in Büsingen
  32. Gemeinde Büsingen über die Einrichtungen der Kirche des Nazareners