Baader-Befreiung

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Die Journalistin Ulrike Meinhof wurde mit ihrer Beteiligung an der Baader-Befreiung zur Terroristin und wurde 1974 wegen dieser zu acht Jahren Haft verurteilt. Aufnahme aus dem Jahr 1964.
Horst Mahler (hier im Jahr 2003) war der Rechtsanwalt Andreas Baaders und ging 1970 in die Illegalität. Wegen seiner Beteiligung an Baaders Befreiung und Bankraub wurde er im Oktober desselben Jahres zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Die Baader-Befreiung bezeichnet die gewaltsame Befreiung Andreas Baaders am 14. Mai 1970 aus der Haft. Sie gilt als Geburtsstunde der linksextremistischen Terrororganisation Rote Armee Fraktion (RAF).[1] Sie wurde durch Ulrike Meinhof und andere während einer Ausführung Baaders aus einer Haftanstalt in Berlin durchgeführt. Baaders Rechtsanwalt Horst Mahler und die bisherige Journalistin Ulrike Meinhof gingen mit dieser Tat in die Illegalität und wurden später für ihre Beteiligung zu langen Haftstrafen verurteilt. Kurz nach der Tat verkündete die Gruppe unter Bezugnahme auf die Geschehnisse in mehreren Erklärungen die Gründung der RAF.[2]

Die Baader-Befreiung war der erste Anschlag der RAF, bei dem Schusswaffen eingesetzt wurden und mehrere Opfer lebensgefährlich verletzt wurden. Sie war der Startpunkt einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit dem Linksterrorismus in der damaligen Bundesrepublik Deutschland in deren Verlauf, bis zur Selbstauflösung der RAF 1998, über 60 Menschen ihr Leben verloren und die zu einer Vielzahl von gesellschaftspolitischen Kontroversen und Folgen führte.[3]

Hintergrund[Bearbeiten]

Andreas Baader war an den Brandstiftungen in zwei Frankfurter Kaufhäusern am 2. April 1968 beteiligt gewesen und dafür zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Baader, Gudrun Ensslin und Thorwald Proll erschienen nicht zum Haftantritt und setzten sich ab. Ensslin und Baader hielten sich zeitweilig bei der Journalistin Ulrike Meinhof in Hamburg auf. Zusammen mit Baaders Anwalt Horst Mahler und anderen sollte eine terroristische Vereinigung nach dem Vorbild der lateinamerikanischen Guerilleros gegründet werden, allerdings wurde Baader am 4. April 1970 nach einem Hinweis des V-Manns Peter Urbach bei einer fingierten Verkehrskontrolle in Berlin festgenommen. Die Gruppe beschloss, ihn zu befreien.

Vorbereitungen[Bearbeiten]

Da eine Befreiung direkt aus der Justizvollzugsanstalt Tegel unrealistisch war, beantragte Meinhofs Verleger Klaus Wagenbach Baaders „Ausführung zum Quellenstudium“ in das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin. Angeblich planten Meinhof und Baader ein Buch mit dem Arbeitstitel „Organisation randständiger Jugendlicher“. In dem Schreiben vom 10. Mai 1970 bat der Verleger um die Ausführung Baaders, um Zeitschriften einzusehen, die nicht in die Haftanstalt gebracht werden könnten. Eile sei geboten, denn das Buch solle bereits im Herbst erscheinen. Der Justizoberinspektor lehnte ab. Der Gefängnisdirektor der Justizvollzugsanstalt Tegel gab allerdings zwei Tage später nach einem Gespräch mit Baaders Anwalt Horst Mahler nach und stimmte einer einmaligen Ausführung für drei Stunden am 14. Mai zu.

In dem Berliner Lokal „Wolfschanze“ in der Charlottenburger Grolmanstraße, kaufte die damals 19-jährige Irene Goergens, eine Heimjugendliche, die Meinhof nahestand, für 1000 Mark eine Pistole vom Typ Beretta, Kaliber 6,35 mm und einen Schalldämpfer. Weitere Waffen beschafften Astrid Proll und Ingrid Schubert.

In der Kantstraße in Charlottenburg wurde am 13. Mai von einem Gruppenmitglied ein Alfa Romeo Giulia Sprint gestohlen und mit falschen Kennzeichen versehen, der später zur Flucht benutzt wurde.

Goergens und Schubert besuchten am 13. Mai das Berliner Institut, spähten es aus und kündigten an, am nächsten Tag für Recherchearbeiten zum Thema „Möglichkeiten der Therapie krimineller Jugendlicher“ wiederzukommen. Auch Ulrike Meinhof erschien am 13. Mai im Institut und fragte nach, ob für den Baader-Termin alles vorbereitet sei.

Verlauf[Bearbeiten]

Am Donnerstag den 14. Mai 1970 gegen 9:45 Uhr wurde Andreas Baader in Handschellen von zwei Wachtmeistern in den Lesesaal des Institutes in der Miquelstraße 83 in Berlin-Dahlem gebracht. Ulrike Meinhof erwartete ihn dort. Im Raum befanden sich die beiden Justizbeamten, Baader, Meinhof und ein Institutsangestellter. Für etwa 75 Minuten saßen Baader und Meinhof an einem Tisch, tauschten Zeitschriften und machten Notizen.

In dieser Zeit betraten Goergens und Schubert das Gebäude. Ihnen wurde die Diele vor dem Lesesaal als Arbeitsraum zugewiesen. Gegen 11 Uhr öffneten sie die Eingangstür des Gebäudes für einen vermummten Mann, bei dem es sich nach Recherchen der Journalstin Regine Igel um den 1939 geborenen Hans-Jürgen Bäcker gehandelt haben soll.[4] Noch in der Diele schoss dieser auf den Institutsangestellten Georg Linke und verletzte ihn lebensgefährlich durch einen Oberarmdurchschuss und Lebersteckschuss.

Goergens, Schubert und der Maskierte stürmten, mit dem Ruf „Hände hoch, oder wir schießen“, in den Lesesaal, Schubert mit einer Pistole Reck P 8, Kaliber 6,35 mm und Goergens mit einem Kleinkalibergewehr Landmann-Preetz, Kaliber 22 mit abgesägtem Schaft, das zuvor in ihrer Aktentasche versteckt war. Die beiden Justizbeamten wehrten sich, in dem Handgemenge wurde von einem Justizbeamten und den Befreiern geschossen.

Durch Schüsse aus einer Tränengaspistole der Angreifer, die einen der Justizbeamten verletzten, gelang es allen Tätern, aus einem etwa anderthalb Meter über dem Erdboden liegenden Fenster zu springen und zu entkommen. Draußen liefen sie zu dem vorher abgestellten Alfa Romeo mit Astrid Proll am Steuer. Die Gruppe wechselte noch mehrfach die Fahrzeuge, verließ Berlin jedoch nicht. Die Polizei verlor die Spur der Gruppe.

Folgen[Bearbeiten]

Der 62-jährige Institutsangestellte Georg Linke war erst 14 Tage später außer Lebensgefahr und konnte erst am 8. Juli aus dem Krankenhaus entlassen werden. Der verletzte Justizhauptwachtmeister Günter Wetter blieb fünf Wochen im Krankenhaus.

In direkter Folge der Ereignisse setzte die ARD die Ausstrahlung des Meinhof-Films Bambule ab, die für den 24. Mai 1970 geplant war. Für Meinhof bedeutete diese Tat den Sprung in die Illegalität. Sie wurde so in der Wahrnehmung von der anerkannten Kolumnistin der linken Zeitschrift konkret zu einer steckbrieflich gesuchten Terroristin.

Am 5. Juni 1970 erschien in der Agit 883, einer in Westberlin erscheinenden anarchistischen Zeitschrift, die erste öffentliche programmatische Erklärung der RAF, der Text „Die Rote Armee aufbauen!“, in dem die Gründung der Gruppe verkündet wurde.[2]

Kurz darauf begann die bundesweite Fahndung nach den mittlerweile etwa 50 Gruppenmitgliedern. Das Ereignis wird im Nachhinein als Geburtsstunde der Rote Armee Fraktion angesehen. Von nun an wurde nach der Gruppe und nicht mehr nach Einzeltätern gefahndet. [5] Zwei Monate nach der Baader-Befreiung besuchten Mitglieder der Gruppe ein Camp der Fatah in Jordanien und ließen sich militärisch ausbilden. 1972 begann die Gruppe, Anschläge zu verüben.

Im April 1971 verbreitete die RAF das Strategiepapier „Das Konzept Stadtguerilla“, in dem sie Stellung zu den Schüssen auf Georg Linke nimmt. Da heißt es:

„Die Frage, ob die Gefangenenbefreiung auch dann gemacht worden wäre, wenn wir gewußt hätten, daß ein Linke dabei angeschossen wird – sie ist uns oft genug gestellt worden – kann nur mit Nein beantwortet werden. Die Frage: was wäre gewesen, wenn, […] Mit ihr wollen Leute wissen, ob wir so brutalisiert sind, wie uns die Springerpresse darstellt.[6]

Prozesse und Verurteilungen[Bearbeiten]

In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen folgende wichtige Informationen: Zweiter Prozess vom 10 September 1974 bis 29. November 1974 gegen Hans-Jürgen Bäcker, Horst Mahler und Ulrike Meinhof

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Am 8. Oktober 1970 wurden Irene Goergens, Horst Mahler und Ingrid Schubert in Berlin festgenommen. Gegen sie begann, begleitet von strengen Sicherheitsvorkehrungen, am 1. März 1971 vor der 8. Großen Strafkammer des Schwurgerichts im Kriminalgericht Moabit der erste von zwei Prozessen, in denen die Baader-Befreiung verhandelt wurde. Den Vorsitz hatte Landgerichtsdirektor Friedrich Geus. Horst Mahler wurde vom späteren Bundesinnenminister Otto Schily verteidigt, die beiden Frauen von Klaus Eschen und dem späteren Mitglied des Bundestages Hans-Christian Ströbele.[7]

Die Hauptvorwürfe der Anklage gegen Goergens und Schubert waren gemeinschaftlich versuchter Mord und Gefangenenbefreiung und gegen Mahler Beihilfe zu diesen Straftaten.[8][9] Der Erste Staatsanwalt Hans-Dieter Nagel beantragte für Horst Mahler und Ingrid Schubert je sechs Jahre Freiheitsstrafe und – nach Jugendstrafrecht – vier Jahre für Irene Goergens. Nach über 20 Prozesstagen wurde am 21. Mai 1971 das Urteil verkündet. Das Gericht folgte im Strafmaß bei Ingrid Schubert und Irene Goergens dem Antrag der Anklage.[10] Horst Mahler wurde freigesprochen, blieb aber wegen anderer Tatvorwürfe in Haft.[11] Der Bundesgerichtshof hob das Urteil gegen Mahler später auf.

Der Prozess erregte auch Aufsehen, weil die Staatsanwälte in Beweisnot gegen Mahler den damals schon als Agent provocateur verdächtigten V-Mann des West-Berliner Verfassungsschutzes Peter Urbach kurz vor Prozessende als Belastungszeugen in den Prozess eingeführt hatten. Innensenator Kurt Neubauer hatte dabei Peter Urbach nur eine stark begrenzte Aussagegenehmigung über Vorgänge erteilt, die sich an drei bestimmten Tagen abspielten. Die Bitte des Vorsitzenden Richters Geus, die Aussagegenehmigung zu erweitern, wurde von dem Innensenator abgelehnt. Der Prozessbeobachter Gerhard Mauz schrieb dazu: „Dieser Zeuge belastet unbeschwert, kann jedoch der Beschwerde einer begrenzten Aussagegenehmigung […] halber stets dann nicht antworten, wenn ihm Fragen gestellt werden, deren Beantwortung ihn als Agent provocateur überführen könnte. […] West-Berlins Innensenator, Neubauer geheißen, hat schon im Herbst 1970 erklärt, Horst Mahler sei derart überführt, dass eine kapitale Bestrafung zu erwarten sei. Und wenn die Beweise nicht ausreichen sollten, dann werde man V-Männer ins Feld schicken.“[12]

Der Vorgang führte zu öffentlicher Kritik und Rücktrittsforderungen. Neubauer stellte dazu fest, die Initiative sei nicht von ihm ausgegangen, sondern er habe einer Bitte der Staatsanwaltschaft entsprochen. Seine in der Presse zitierten Äußerungen vom Oktober 1970 seien „die Schlussfolgerung einer Journalistin aus unserem Gespräch“ und er habe nicht dementiert, weil er „die weitere Entwicklung nicht voraussehen konnte“. Er habe nicht in ein schwebendes Verfahren eingegriffen.[13]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stasi-Akten beleuchten die Geburtsstunde der RAF, Die Welt, 14. Mai 2010
  2. a b rotaprint 25 (Hrsg.): agit 883. Bewegung Revolte Untergrund in Westberlin 1969–1972. Assoziation A, Hamburg/Berlin 2006, ISBN 3-935936-53-2 Alle Ausgaben der 883 als Faksimile mit Titelseiten und Inhaltsregister als PDF Faksimile-Dokumentation der Erklärung und einer kurzen vorausgehenden Erklärung als PDF: agit 883 Nr. 61, 22. Mai 1970, S. 2 online (PDF; 2,5 MB) und: agit 883, Nr. 62, 5. Juni 1970, S. 6. online (PDF; 2,4 MB); Martin Hoffmann (Hrsg.) Rote Armee Fraktion. Texte und Materialien zur Geschichte der RAF. ID-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-89408-065-5, S. 24ff. (als PDF; 1,5 MB)
  3. * Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex. Hoffmann & Campe Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-455-50029-5.
  4. Regine Igel: Terrorismus-Lügen. Wie die Stasi im Untergrund agierte. Herbig, München 2012, S. 49–56
  5. http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/images/Plak%20006-001-058_web1.jpg
  6. RAF, Das Konzept Stadtguerilla, April 1971; Dokumentiert in: Rote Armee Fraktion - Texte und Materialien zur Geschichte der RAF, Berlin 1997, S. 30
  7.  Gerhard Mauz: Wenn Sie’s nicht anders haben wollen. In: Der Spiegel. Nr. 11, 1971, S. 100–103 (online).
  8. Schwurgerichtsanklage vom 10. Dezember 1970 als PDF
  9.  Deckname Rosi. In: Der Spiegel. Nr. 20, 1971, S. 93–95 (online).
  10. Am 28. Juni 1974 verurteilt das Landgericht Berlin Goergens und Schubert wegen Teilnahme an einem koordinierten Überfall auf mehrere Banken in Berlin am 29. September 1970 (sogenannter „Dreierschlag“). Das führt zu Gesamtstrafen von sieben Jahren Jugendstrafe für Goergens und dreizehn Jahren Freiheitsstrafe für Schubert. (Landgericht Berlin, Urteil vom 28. Juni 1974 ([500] 2 P KS1/71[2/73]); vgl. Butz Peters: Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF. Argon-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-87024-673-1. S. 760, Anm. 47)
  11.  Schuß in den Korb. In: Der Spiegel. Nr. 22, 1971, S. 87 (online).
  12.  Gerhard Mauz: Sagen wir doch einfach Erdbeertörtchen. In: Der Spiegel. Nr. 21, 1971, S. 86 (online).
  13.  Gewiß, die Waffen waren da. In: Der Spiegel. Nr. 24, 1971, S. 79 (SPIEGEL-Interview mit dem Berliner Innensenator Neubauer über den Zeugenauftritt des V-Manns Urbach, online).