Banū Sulaim

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Die Banū Sulaim (arabisch ‏بنو سليم‎) waren ein altarabischer Stamm des Hidschaz, der zur nordarabischen Föderation der Qais ʿAilān gehörte, eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung zwischen Mohammed und den Quraisch spielte und auch in den ersten islamischen Jahrhunderten noch eine gewisse Bedeutung hatte. Die zugehörige Nisba lautet Sulamī.

Das Hauptwohngebiet der Banū Sulaim war ein hochgelegenes Basaltfeld (harra), das Harrat Banī Sulaim genannt wurde und an dessen östlichen und westlichen Abhängen sich geschützte Weidegründe, ḥimā genannt, befanden.[1] Da fast alle Verbindungswege im Hidschas durch die Gebiete der Banū Sulaim führten, hatte der Stamm eine große strategische Bedeutung. Innerhalb des Stammes gab es drei Abteilungen, die Imruʾ al-Qais, die an den östlichen Abhängen der Harra lebten, die Hārith an den westlichen Abhängen der Harra und die Thaʿlaba, deren Wohngebiet nicht ermittelbar ist. Ein bekannter Dichter und Kämpfer der Banū Sulaim war al-ʿAbbās ibn Mirdās, der den Hārith angehörte.[2] Seine Dichtung stellt auch eine wichtige Quelle für die Verhältnisse bei den Banū Sulaim dar.

Viele von den Banū Sulaim waren in vorislamischer Zeit im Ackerbau tätig, auf dem Gebiet der Imruʾ al-Qais befand sich außerdem eine Goldmine. Bei dieser Goldmine lebte eine Stammesgruppe von den Balī, die eigentlich zur Föderation der Qudāʿa gehörte, sich aber den Banū Sulaim verbunden fühlte.[3] Die Banū Sulaim verehrten verschiedene altarabische Gottheiten, unter anderem das Steinidol al-Chamīs. Ein Angehöriger der Hārith stellte den letzten Wächter des Heiligtums von al-ʿUzzā.

Anfang des 7. Jahrhunderts unterhielten die Banū Sulaim gute Beziehungen sowohl nach Mekka als auch nach Yathrib. Mit Mekka verbündet waren insbesondere die Banū Dhakwān, die zur Abteilung der Thaʿlaba gehörten und in einige der wichtigsten Familien der Quraisch eingeheiratet hatten.[4] Mit dem Stamm Chazradsch aus Yathrib verband die Banū Sulaim vor allem die gemeinsame Verehrung des Steinidols al-Chamīs. Nach dem Einzug Mohammeds in Yathrib verschlechterte sich allerdings das Verhältnis zwischen den Banū Sulaim und Yathrib. Kurz nach der Schlacht von Badr, im Oktober/November, unternahmen die Muslime eine erste Expedition gegen die Banū Sulaim, bei der es allerdings zu keiner militärischen Konfrontation kam.[5] Im Juli 625 beteiligten sich die Banū Sulaim an dem Massaker von Biʾr Maʿūna, bei dem eine große Anzahl (29-70) von Koranlesern ermordet wurde. Hieraufhin soll Mohammed täglich die Banū Sulaim beim Morgengebet in Form des Qunūt verflucht haben, bis Sure 3:169 herabgesandt wurde. Auch bei der Grabenschlacht standen die Banū Sulaim den Muslimen noch feindlich gegenüber und kooperierten mit den Quraisch. Als Mohammed im Januar 630 Mekka einnahm, standen aber alle oder zumindest ein Teil von ihnen bereits auf seiner Seite. Die Zahl der Banū Sulaim, die als Muslime bei diesem Ereignis zugegen waren, wird mit 700 bis 1000 angegeben.[6]

Während der Ridda-Kriege nach dem Tod des Propheten wandten sich einige Clane der Banū Sulaim wieder vom Islam ab, darunter insbesondere die zu den Imruʾ al-Qais gehörenden ʿUsaiya, doch nahm der Stamm wenig später eine wichtige Rolle bei der arabischen Eroberung des Irak und Syriens ein.[7] Viele Angehörige des Stammes ließen sich in Kufa, Basra, Chorasan und Ägypten nieder. 869 wurde ein Angehöriger der Banū Sulaim, Hāschim ibn Surāqa, zum Herrscher von Derbent und machte sich dort von den Abbasiden unabhängig. Seine Nachkommen, die sogenannten Hāschimiden, herrschten bis 1077 über die Stadt und ihr Umland.[8]

In Arabien selbst wurden die Sulaim im 9. Jahrhundert durch den Stamm Harb verdrängt. Die Banū Sulaim Ägyptens wanderten im 12. Jahrhundert zusammen mit den Banu Hilal in den Maghreb aus, wo sie die Berber politisch in den Hintergrund drängten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Lecker: The Banū Sulaym. A Contribution to the Study of Early Islam. Jerusalem 1989.
  • Michael Lecker: Art. "Sulaym" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. IX, S. 817-818.
  • W. Montgomery Watt: Muhammad at Medina. Oxford 1956. S. 95-97.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Lecker 1989, 229-238.
  2. Vgl. zu ihm G.E. von Grunebaum: Art. "al-ʿAbbās ibn Mirdās" in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. I, S. 12.
  3. Vgl. Lecker 1989, 183-201.
  4. Vgl. Lecker 1989, 108-119.
  5. Vgl. Watt 96.
  6. Vgl. Ibn Hischām: Kitāb Sīrat Rasūl Allāh. Aus d. Hs. zu Berlin, Leipzig, Gotha u. Leyden hrsg. von Ferdinand Wüstenfeld. 2 Bde. Göttingen 1858-59. S. 828. Hier online verfügbar: http://archive.org/stream/p2daslebenmuhamm01ibnhuoft#page/198/mode/2up
  7. Vgl. Lecker in EI² 818a.
  8. Vgl. Vladimir Minorsky: A History of Sharvan and Darband in the 10th-11th Centuries. Cambridge 1958. S. 20, 41.