Bandoneon

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Bandoneon
Bandoneon Cardenal (hergestellt von ELA für Hohner, vor 1939)

Das Musikinstrument Bandoneon, ursprünglich Bandonion, ist ein von Heinrich Band konstruiertes Handzuginstrument, das aus der Konzertina entwickelt worden ist.

Aufbau[Bearbeiten]

Knöpfe und Mechanik
Stimmstöcke mit Zungen

Das Gehäuse des Bandoneons hat einen quadratischen Querschnitt. Zwischen zwei Stirnstücken ist ein Balg aus Holzrahmen (Erlen- oder Ahornholz) und Ziegenleder befestigt. Durch Aufziehen und Zudrücken des Balges entsteht ein Unter- oder Überdruck. Über Knöpfe an den beiden Stirnseiten können für einzelne Töne Ventile geöffnet werden. Die dann durchströmende Luft bringt auf sogenannten Stimmstöcken angeordnete Metallzungen verschiedener Tonhöhen zum Schwingen.

Die Oktavverdopplung, d. h. pro Ton schwingen zumeist zwei Zungen (zweichörig), sorgt für klangvolle, sanfte aber auch scharfe, brillante Töne. Weitere Besonderheiten, wie das Klappern der Knöpfe sowie Luftgeräusche beim Spielen, bestimmen die unverwechselbare Klangfarbe gegenüber anderen Harmonikainstrumenten.

Knopfsysteme und Tonumfang[Bearbeiten]

Beim wechseltönigen Bandonion sind die meisten Knöpfe wechseltönig. Wechseltönige (diatonisch) Knöpfe erzeugen bei Druck und Zug des Balges einen unterschiedlichen Ton. Beim gleichtönigen Bandonion (chromatisch) erklingt dagegen der gleiche Ton bei Druck- und Zugspiel, somit entspricht die Anzahl verschiedener Töne auf einer Seite des Instrumentes ungefähr der Anzahl der Tasten dieser Seite. Insgesamt kann über fast fünf Oktaven gespielt werden.

Es werden Bandoneons mit folgenden Tastensystemen hergestellt:

Wechseltönig, wird mit vier Fingern gespielt.

  • Rheinische / Argentinische Lage, Tonumfang 142 oder 152, nicht durchgängig chromatisch (es fehlen einige Töne). Die Anordnung der Tasten ist nicht für alle Hersteller gleich.
  • Einheits-Bandoneon, Tonumfang 144. Tonbereich rechts: g bis a3, links: B bis b1. Die Fingersätze sind einfacher als bei der Rheinischen Lage.

Gleichtönig, wird mit vier Fingern gespielt. Die bekanntesten Systeme sind:

  • Kusserow-Bandonion
  • Manouri System (teilweise C-Griff), Tonumfang 148, 34 Tasten, Tonbereich C bis a1 (34 Töne).
  • Peguri System (teilweise C-Griff), Tonumfang 146, 33 Tasten, Tonbereich Fis bis cis2 (32 Töne).
  • Traditioneller C oder B-Griff: Tonumfang 154, 37 Tasten, Tonbereich B bis b1 (37 Töne).
  • Hybrid-Bandoneon (C oder B-Griff) entsprechend dem Knopfakkordeon auch mit fünf Fingern spielbar. Die Anzahl der Tasten geht von 2 x 37 bis 2 x 39.

Diese Reihe von Fotos zeigt die inneren Bausteine eines modernen Bandoneons:

Geschichte und Erfinder[Bearbeiten]

Carl Friedrich Zimmermann begann ab 1849 Harmonikas zu bauen, welche er zuvor bei Carl Friedrich Uhlig (* 23. April 1789 in Chemnitz ; † 9. Juli 1874 in Chemnitz) kennengelernt hatte. Er nannte seine Instrumente Concertina. Hierbei handelte es sich um ein Handzuginstrument, das einen Tonumfang von bis zu 102 Tönen (Schefflersche Tonlage) umfasste. Vermutlich war Zimmermann der erste, der diesen englischen, auf Charles Wheatstone zurückgehenden Begriff, auf diesen speziellen deutschen Harmonika-Typus anwandte.

Musikhistorisch besteht jedoch kein Zweifel mehr daran, dass das verbesserte Concertina-Griffsystem nicht auf Zimmermann, sondern tatsächlich auf den Krefelder Musiklehrer Heinrich Band zurückgeht. Es ist nachgewiesen, dass Band zunächst in Böhmen Konzertinas aufkaufte, an denen er als erster maßgebliche Veränderungen vornahm, weil er den geringen Tonumfang (54 Töne) der damaligen Konzertinas unzureichend fand. Diese neuen Instrumente nannte Band Bandonion, und er verkaufte sie ausschließlich in seinem Krefelder Musikaliengeschäft, das er von seinem Vater übernommen hatte. Band fertigte zuerst 64-tönige, später 88-tönige Instrumente, die rechts 23 und links 21 Tasten besaßen. Der Tonumfang reichte auf der Melodieseite von c bis e3, auf der Bassseite von D bis d´. Es wird vermutet, dass Band bereits 1840 bei Uhlig in Chemnitz die Concertina erlernte und sie für sein Krefelder Stadtorchester benutzte. Die Concertina verfügte damals über nur 54 Töne. Aus dieser praktischen Arbeit im Orchester entwickelte er 1846, also schon drei Jahre vor Zimmermann, ein 100-töniges Instrument. (vgl. Enkel Alfred Band, 1926)

Nicht stichhaltig erwiesen ist die oft angeführte These, Band hätte sich für den Vertrieb seiner Instrumente mit mehreren Geschäftspartnern und Musikgeschäftinhabern in anderen Städten zur sogenannten „Band Union“ zusammengeschlossen, die prägend für den Namen des Instrumentes gewesen sein soll. Sehr viel wahrscheinlicher ist wohl, dass sich Band am kommerziellen Erfolg des anderen Harmonika-Typs, den man damals Accordion schrieb, orientierte. Dieses Wort war eine Neuschöpfung, es setzte sich aus dem italienischen „Accord“ und der altgriechischen Endung „ion“ zusammen. „Ion“ hat auch eine mythologische Bedeutung, die wörtliche Bedeutung ist in etwa „das in Bewegung befindliche“. „Accordion“ war damit ein früher, gut klingender Markenname, der wohl einiges zum Erfolg des 1829 kreierten Instrumentes beitrug. Man kann „Ion“ aber auch mit „in Bewegung“ übersetzen; das Bandonion wurde von vielen Orchestern hauptsächlich im Gehen bzw. bei Umzügen getragen. Daher wurden früher die Ösen für den Halsgurt oben an dem Balg platziert. Für den 1834 auf C. F. Uhlig in Chemnitz zurückgehenden neuen Harmonika-Typ hatte man lange Zeit keinen griffigen Markennamen. Man nannte das vom Accordion unterschiedliche Instrument anfangs „Accordion neuer Art“ oder ganz einfach „Harmonika“. Vermutlich 1851, mit der Weltausstellung in London, wandte C. F. Zimmermann, wie anfangs bereits erwähnt, erstmals den englischen Begriff „Concertina“ auf das deutsche Instrument an, obwohl es sich wiederum von dem englischen Instrument unterschied. Deshalb nannte man es später etwas korrekter „deutsche Concertina“ bzw. „Konzertina“. Band war hier insofern clever, als er für seine Kreation, die wiederum nur eine Variante der seit zwanzig Jahren existierenden deutschen Concertina war, einen eigenen, wohlklingenden und unverwechselbaren Namen kreierte. Vermutlich, weil er das Wort „Bandion“ als nicht schön klingend empfand, fügte Band noch eine Silbe ein, und es entstand das „Bandonion“.

Das Bandoneon wurde sehr schnell über die Stadtgrenzen Krefelds hinaus in ganz Deutschland bekannt und geschätzt. Band verbesserte den Tonumfang von 106 auf 112, dann auf 128 und zuletzt auf 130 Töne. 1924 wurde vom Deutschen Konzertina- und Bandoneon-Bund ein sogenanntes „Einheitsbandoneon“ mit 72 Tasten und 144 Tönen festgelegt. Davon sind die meisten Tasten wechseltönig.

Aus dem Bandoneon wurde ca. 1890 ein anderes Handzuginstrument, die Symphonetta entwickelt.[1]

Bandoneon-Spiel[Bearbeiten]

Zum Konzept des in seiner Größe praktischen, „einfachen“ und finanziell erschwinglichen Instrumentes gehörte auch die Entwicklung der Griffschrift (eine Art Tabulatur), um das Erlernen des Bandoneons zu vereinfachen. Dadurch konnten Bandoneonspieler das Instrument auch ohne Notenkenntnisse spielen. Allerdings müssen so musikalische Werke auf dieses sogenanntes Waschleinensystem mit Zahlen und Notenwertangaben umgeschrieben werden.

Bandoneon kann in Europa in Paris und Rotterdam studiert werden.

Das Bandoneon wird heutzutage nicht mehr umgehängt, sondern auf den Knien gehalten.

Um 1900 entstanden in Deutschland innerhalb der Arbeiterbewegung viele Bandoneonvereine (1939 gab es ca. 686 Vereine), die sich dem Zusammenspiel zumeist einfacher Volksmusik verschrieben hatten. Noch in den 1930er Jahren gehörte das Bandoneon zum Grundinstrumentarium der Tanz- und Unterhaltungskapellen. Nach 1950 gab es sehr viele Bandoneonvereine, in denen hauptsächlich im vierstimmigen Satz zusammen gespielt wurde.

In Europa und Deutschland wurde das Bandoneon allmählich durch das einfacher spielbare Akkordeon verdrängt, u. a. auch, weil es dasselbe Hörgefühl erzeugte wie der hier bevorzugte Bandoneontyp mit schwingendem, vollen Ton, und die mehrheitlich wechseltönigen Instrumente nach Noten (also ohne Griffschrift) nur schwer erlernbar sind.

Bandoneon und Tango[Bearbeiten]

Die größte Popularität des Instrumentes steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Tango. Bereits im frühen 20. Jahrhundert war das Instrument ein prägender Bestandteil eines Orquesta Típica. Auch in späteren musikalischen Entwicklungen wie dem Tango Nuevo und auch dem Electrotango blieb der prägende Einfluss des Bandoneons erhalten. In vielen Tangos besungen, stiftet das Bandoneon mit dem Tango bis heute eine Identität und wird in Südamerika liebevoll auch als beste deutsche Erfindung gepriesen. Die Bandoneonisten in den dortigen Barrios haben die Bandoneon-Spieltechnik und Stilistik seit vielen Generationen vorzüglich gepflegt und weiterentwickelt. Es wird nach Noten gespielt und gelehrt.

Nach Argentinien und Uruguay gelangte das Bandoneon vermutlich zunächst über die USA. Der deutsche Einwanderer Wilhelm Seyffardt ließ sich 1855 von seinem Bruder in Krefeld ein „Accordion“ nach Amerika schicken, dies war auf jeden Fall ein „Bandonion“. Seeleute und vor allem um 1900 die vielen europäischen Einwanderer gaben dem Instrument in den Hafenkneipen und Bordellen von Buenos Aires und Montevideo ein neues Zuhause.

Die Südamerikaner bevorzugten einen bestimmten Instrumententyp: 142-tönig (die „Rheinische Lage“), im Ton scharf bis sanft, schwermütig und mysteriös zugleich. Bautechnische „Mängel“ wie das Klappern der Tasten und Luftgeräusche wurden positiv angesehen und organisch ins Spiel des Instrumentes integriert.

Aus Argentinien ist das Bandoneon dann mit der neuen Spielweise und dem Tango zurück nach Europa gekommen.

Hersteller[Bearbeiten]

Am berühmtesten sind die Instrumente aus der nicht mehr existierenden Fabrik von Alfred Arnold (AA) in Carlsfeld (Eibenstock), einem kleinen Ort im Erzgebirge. Von dort wurden bis ca. 1945 ungefähr 30.000 Bandoneons nach Argentinien und Uruguay exportiert. Mit dem Ende der Bandoneonproduktion um 1948 (durch Enteignung der Firma) verschwanden allerdings die Unterlagen für den dortigen Bandoneonbau. Arno Arnold, ein Neffe des Gründers Alfred Arnold, produzierte in der Rhein-Main-Gegend noch einige Jahre lang Bandoneons, die aber nicht mehr die Qualität der AA-Instrumente erreichten. Bei diesen Instrumenten aus den 50er Jahren waren die Stimmplatten meist aus Aluminium statt Zink. Weltweite Forschungen und Bauversuche erreichen bis heute nicht den unvergleichlichen Ton der alten Instrumente.[2]

Heute gibt es nur noch eine Handvoll Bandoneonbauer, die meist individuell nach Bestellung bauen. Allerdings kann man sehr komplette Sammlungen in Deutschland besuchen, wie beispielsweise das Bandoneon-Museum der Familie Preuss in Lichtenberg und die Sammlung der Familie Steinhart in Kirchzarten/Freiburg.

Bekannte Solisten[Bearbeiten]

Enrique Telleria 2009

Rezeption[Bearbeiten]

  • Film zum Tanztheater Bandoneón. Pina Bausch en Buenos Aires. Argentinien 1995; 45 Minuten; Regie: Milos Deretich, Gabriela Schmidt, Gabriela Massuh. Produktion: Goethe-Institut Buenos Aires. Musik: Astor Piazzolla.

Media[Bearbeiten]

  • Astor Piazzolla: Konzert für Bandoneon. Lothar Hensel, Johannes Goritzki u. Deutsche Kammerakademie Neuss. Capriccio 1996. CD 10565
  • Tres movimientos tanguísticos porteños. Konzert für Bandoneon. Josep Pons und Orquestra de Cambra Teatre Lliure. Harmonia Mundi France 1996. HMC 901595 (CD)

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Fries: Bandoneon-Schule. Studien und Etüden. Musikpartitur deutsch. Apollo Paul Lincke, Berlin/Mainz 1935, 1950, 1994 (Repr.).
  • Klaus Gutjahr: Bandoneonspielen leicht gemacht. 2 Bde., Proyecto Bango, Berlin 1998.
  • Walter Pörschmann: Schule des modernen Bandoneonspiels. 2 Bde., Nr. 1540, 3. Auflage, Spezialverlag Pörschmann & Sohn, Leipzig 1925.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Bandonion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Bandoneon – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Maria Dunkel: Bandonion und Konzertina. Ein Beitrag zur Darstellung des Instrumententyps. Berliner musikwissenschaftliche Arbeiten. Bd 30. Katzbichel, München-Salzburg 1987, 1996. ISBN 3-87397-070-8
  2. Jens Glüsing: Klang des Heimwehs. in: Der Spiegel. Hamburg 2009,2, 131. ISSN 0038-7452