Barabbas

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Barabbas (Begriffsklärung) aufgeführt.
„Gib uns Barabbas!“, aus The Bible and its Story Taught by One Thousand Picture Lessons, 1910.

Barabbas (griechisch Bαραββᾶς) war nach allen evangelischen Berichten des Prozesses gegen Jesus ein Mann, der sich in der Zeit der Passion in römischer Haft befand. Diesen Berichten zufolge soll Pontius Pilatus dem versammelten Volk die Alternative angeboten haben, entweder ihn oder Jesus freizulassen. Von dieser Episode wird in allen Evangelien unmittelbar vor der Kreuzigung Jesu berichtet (Mt 27,15–26 EU, Mt 27,18–25 EU, Mk 15,6–15 EU, Lk 23,18 EU, Joh 18,16–26 EU).

Der Name[Bearbeiten]

Der in den heutigen Fassungen der Passion Jesu überlieferte Name Barabbas ist wahrscheinlich ein Patronym, für dessen aramäische Form die Zusammensetzung bar abbas oder bar rabba(n)[1] („Sohn des Abbas“ bzw. „Sohn des Herrn“ oder „Sohn unseres Herren“) angenommen wird.

Einige Codices enthalten in den Stellen 27,16.17 EU des Matthäusevangeliums den Namen Jesoûs (hò) Barabbâs.[2] Auch wenn die Zeugen für diese Lesart des Passus weder zahlreich noch besonders alt sind, wird in der neutestamentlichen Exegese vielfach davon ausgegangen, dass der Name Jesus in Mt 27,16.17 zum ursprünglichen Bestand des Texts gehörte, da es als unwahrscheinlich gilt, dass man den Namen Barabbas in die für Judenchristen anstößige Variante Jesus bar Abbas geändert habe. Leicht vorstellbar sei dagegen, dass man von diesen Stellen Jesus gestrichen habe.[3] Die bereits von Origenes vertretene Ansicht, der Name Jesus sei nicht ursprünglich im Text enthalten gewesen, ist aber weiterhin vertreten.[4]

Historische Erkenntnisse[Bearbeiten]

Für einige Historiker ist die Tatsache, dass Überlieferungen des Namens in der Form Jesus Barabbas existiert haben, ein Anzeichen dafür, dass Barabbas keine fiktive Person war.[5] Weitergehende Erkenntnisse über die Umstände seiner Gefangennahme, die gegen ihn gerichteten Anschuldigungen und seine rechtliche Lage sind aber von den evangelischen Berichten nicht zu gewinnen. Nach Mk 15,7 EU sei Barabbas zusammen mit einigen Aufrührern, die einen Mord begangen hätten, gefangen oder gefangen gehalten worden. Diesem Passus des Markusevangeliums ist aber nicht zu entnehmen, ob Barabbas den Aufrührern angehört habe.[6] In Lukasevangelium (23,19 EU) werden Aufruhr und Mord als Ursache seiner Verhaftung angegeben. Der Passus des Lukasevangeliums wird aber als Entlehnung aus dem Markusevangelium betrachtet. In Mt 27,16 EU wird Barabbas lediglich als „angesehener Gefangener“ bezeichnet,[7] und im Johannesevangelium (18,40 EU) steht nur, dass er ein „Bandit“ (lestés) war.

Nach einer von dem französischen Theologen Alfred Loisy Anfang des 20. Jh. aufgestellten These sei Barabbas nicht der Name einer Person, sondern einer Rolle in einer Maskerade. Loisy griff auf eine von Philo von Alexandria überlieferte Episode[8] zurück, die sich bei einem Besuch von Herodes Agrippa I. in Alexandria ereignet haben soll. Um Agrippa zu verspotten, habe eine Meute von Einwohnern Alexandrias einen „armen Teufel“ namens Karabbas mit einem Teppich über der Schulter und einem Korb auf dem Haupt als König verkleidet, verspottet und schließlich geschlagen. Wegen der Ähnlichkeiten dieser Episode mit den Misshandlungen, die nach den Passionsberichten Jesus von den römischen Soldaten zugefügt wurden, und wegen der „extremen Unwahrscheinlichkeit“ der Episode von Barabbas sei Loisy zufolge denkbar, „dass Pilatus Jesus als Karabbas“ habe behandeln lassen.[9]

Die evangelischen Passionsberichte sind nicht nur die einzigen Quellen, die Notizen über Barabbas überliefert haben. Auch der in der christlichen Tradition als privilegium paschale bezeichnete Brauch der Römer, einen Gefangenen anlässlich des Pessachfestes zu befreien, wird nur an diesen Stellen der Evangelien erwähnt. Dass es einen solchen Brauch bei römischen Statthaltern in Palästina je gegeben habe, wird als unwahrscheinlich erachtet: Nichts Derartiges ist in römischen oder jüdischen Quellen überliefert, und auch die anhand von Joh 18,39 EU vertretene Ansicht, dass es sich dabei um einen jüdischen Brauch gehandelt habe, findet keinerlei Bestätigung.

Andere Interpretationen[Bearbeiten]

Hyam Maccoby und einigen anderen Wissenschaftlern zufolge sei Jesus wegen seiner Gewohnheit, beim Beten und Predigen den Gott als „Abba“ zu bezeichnen[10], als „bar-Abba“ bekannt gewesen. Danach könnte die jüdische Partei beim Schrei vor Pontius Pilatus, „Bar Abba“ zu befreien, Jesus gemeint haben. Weiter wird behauptet, dass antisemitische Elemente der christlichen Kirche die Erzählung so verändert haben, dass der Wunsch einem Anderen (Räuber oder Aufrührer) galt, namentlich „Barabbas“. Dies sei Teil der Absicht, die Schuld für die Kreuzigung von den Römern zu den Juden zu verschieben.

Benjamin Urrutia, einer der Autoren des Werks „The Logia of Yeshua: The Sayings of Jesus“, behauptet, Yeshua Bar Abba oder Jesus Barabbas sei mit dem Nazarether Jesus identisch, und die Auswahl zwischen den beiden Gefangenen sei eine Erfindung. Jedoch widerspricht Urrutia der Ansicht, dass Jesus einen gewaltsamen Aufruhr geführt oder geplant habe. Seiner Ansicht nach sei Jesus ein starker Vertreter des Widerstands durch gewaltfreie, aber offene Ungehorsamkeit. Damit sei Jesus der Stifter und Führer des gewaltfreien Widerstands gegen Pilatus' Plan der Einrichtung der römischen Adlernormen in Jerusalemer Tempelberg gewesen. Die Geschichte dieses erfolgreichen Widerstands ist in Josephus beschrieben, der jedoch den Führer nicht erwähnt, aber die Kreuzigung Jesu nur zwei Absätze darauf in einer umstritten glaubwürdigen Passage erzählt.

Auch der schwedische Schriftsteller Hjalmar Söderberg ist in seinen religionswissenschaftlichen Forschungen zu dem Ergebnis gekommen, dass Jesus und Barabbas identisch gewesen sind. Dieser Jesus Barabbas ist für ihn aber kein rein friedlicher Widerständler gewesen, denn er wurde als Anführer eines gewalttätigen Überfalls auf den Jerusalemer Tempel (im Protest gegen den Opferkult) zu Recht von den Römern verhaftet und verurteilt. Nach Söderberg deuten die meisten Hinweise dann darauf hin, dass es tatsächlich eine Freilassung auf Forderung der jüdischen Menge gegeben hat. Somit wurde Jesus in Wirklichkeit gar nicht gekreuzigt. In seinen Büchern Jesus Barabbas und Der verwandelte Messias. Jesus Barabbas II hat Söderberg seine Thesen ausführlich dargelegt.

Barabbas in der Kunst[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Diese Variante des Namens ist in dem Codex Koridethi (Θ oder 038; IX. Jahr.) überliefert (P. Winter: On the Trial of Jesus. S. 95).
  2. Von den griechischen Manuskripten ist dieser Name in dem Codex Koridethi, in einigen Minuskeln der Lake-Gruppe (f1; XII. bis XIV Jahr.) und in der Minuskel 700 (Egerton 2610; XI. Jahr.) belegt; Von den nicht griechischen Manuskripten in den syrischen Übersetzungen des Codex Syrus Sinaiticus (sys; III.-IV. Jahr.) und der Versio Harklensis (syh; VII. Jahr.) und in der Armenischen Übersetzung. Versionen des Matthäusevangeliums, die den Namen Jesus an diesen Stellen enthielten, werden von Origenes und in einem Scholion des Codex Vaticanus Graecus 354 (S oder 038; X. Jahr.) erwähnt. Vgl.: Nestle-Aland: Novum Testamentum Graece. krit. App. zu Mt 27,16.17; P. Winter: On the Trial of Jesus. S. 95.
  3. Vgl.: W. Wiefel: Das Evangelium nach Matthäus. S. 470–472.
  4. So in der Neue Jerusalemer Bibel (Herder, 1985), Kommentar zu Mt 27,16: „Eine solche Verdeutlichung aber scheint einer apokriphen Überlieferung zu stammen“.
  5. So P. Winter: On the Trial of Jesus. S. 91–99.
  6. Die Mehrheit der Textzeugen bietet die Lesung metà tôn stasiastôn, „nach/mit den Aufrührern“. Die von einigen Handschriften überlieferte Variante … systasiastôn könnte aber nahelegen, dass Barabbas einer von den „Aufrührern“ war. Vgl.: Nestle-Aland: Novum Testamentum Graece zu Mk 16,7; P. Winter: On the Trial of Jesus. S. 96.
  7. Die meisten Bibelübersetzungen haben das Wort epísemos mit „berüchtigt“ wiedergegeben. Etymologisch hat das Wort die Bedeutung „mit einem Zeichen versehen“, „gekennzeichnet“.
  8. In Flaccum, 36–38.
  9. A. Loisy: L'évangile selon Marc. Paris 1912, S. 454f (zit. nach P. Winter: On the Trial of Jesus. S. 94f).
  10. Hyam Maccoby: Revolution in Judaea: Jesus and the Jewish Resistance. Taplinger Publishing, 1980, ISBN 0-8008-6784-X, S. 165–166.
  11. Die Schrift Barrabas wurde beim Erstellen des Films offensichtlich verwendet.
  12. Le Réseau de Diffusion des Archives du Québec: Des mots et des expressions(ein Magazin-Artikel vom 1. Dezember 2001)

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Nestle-Aland: Novum Testamentum Graece. 27. rev. Auflage, Dt. Bibelgesellschaft, Stuttgart 2001
  • Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Matthäus (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament, Band 1), EVA, Leipzig 1998
  • Paul Winter: On the Trial of Jesus (Studia Judaica, Band 1), de Gruyter, Berlin 1961