Barabbas
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Barabbas war nach allen evangelischen Berichten des Prozesses gegen Jesus ein Mann, der sich in der Zeit der Passion in römischer Haft befand. Diesen Berichten zufolge soll Pontius Pilatus dem versammelten Volk die Alternative angeboten haben, entweder ihn oder Jesus freizulassen. Von dieser Episode wird in allen Evangelien unmittelbar vor der Kreuzigung Jesu berichtet (Mt 27,15–26 EU, Mt 27,18–25 EU, Mk 15,6–15 EU, Joh 18,16–26 EU).
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[Bearbeiten] Der Name
Der in den heutigen Fassungen der Passion Jesu überlieferte Name Barabbas ist wahrscheinlich ein Patronymikon, für dessen aramäische Form die Zusammensetzung bar abbas oder bar rabba(n)[1] („Sohn des Abbas“ bzw. „Sohn des Meisters“ oder „Sohn unseres Meisters“) angenommen wird.
Einige Codices enthalten in den Stellen 27,16.17 EU des Matthäusevangeliums den Namen Jesoûs (hò) Barabbâs.[2] Auch wenn die Zeugen für diese Lesart des Passus weder zahlreich noch besonders alt sind, wird in der neutestamentlichen Exegese vielfach davon ausgegangen, dass der Name Jesus in Mt 27,16.17 zum ursprünglichen Bestand des Texts gehörte, da es als unwahrscheinlich gilt, dass man den Namen Barabbas in die für Judenchristen anstößige Variante Jesus bar Abbas geändert habe. Leicht vorstellbar sei dagegen, dass man von diesen Stellen Jesus gestrichen habe.[3] Die bereits von Origenes vertretene Ansicht, der Name Jesus sei nicht ursprünglich im Text enthalten gewesen, ist aber weiterhin vertreten.[4]
[Bearbeiten] Historische Erkenntnisse
Für einige Historiker ist die Tatsache, dass Überlieferungen des Namens in der Form „Jesus Barabbas“ existiert haben, ein Anzeichen dafür, dass Barabbas keine fiktive Person war.[5] Weitergehende Erkenntnisse über die Umstände seiner Gefangennahme, die gegen ihn gerichteten Anschuldigungen und seine rechtliche Lage sind aber von den evangelischen Berichten nicht zu gewinnen. Nach Mk 15,7 EU sei Barabbas zusammen mit einigen Aufrührern, die einen Mord begangen hätten, gefangen oder gefangen gehalten worden. Diesem Passus des Markusevangeliums ist aber nicht zu entnehmen, ob Barabbas zu den Aufrührern angehört habe.[6] In Lukasevangelium (23,19 EU) werden Aufruhr und Mord als Ursache seiner Verhaftung angegeben. Der Passus des Lukasevangeliums wird aber als Entlehnung aus dem Markusevangelium betrachtet. In Mt 27,16 EU wird Barabbas lediglich als „angesehener Gefangener“ bezeichnet[7] und im Johannesevangelium (18,40 EU) steht nur, dass er ein „Bandit“ (lestés) war.
Nach einer von dem französischen Theologen Alfred Loisy Anfang des 20. Jh. aufgestellten These sei Barabbas nicht der Name einer Person, sondern einer Rolle in einer völkischen Maskerade. Loisy griff auf eine von Philo von Alexandria überlieferte Episode[8] zurück, die sich bei einem Besuch von Herodes Agrippa I. in Alexandria ereignet haben soll. Um Agrippa zu verspotten, habe eine Meute von Einwohnern Alexandrias einen „armen Teufel“ namens Karabbas mit einem Teppich über der Schulter und einem Korb auf dem Haupt als König verkleidet, verspottet und schließlich geschlagen. Wegen der Ähnlichkeiten dieser Episode mit den Misshandlungen, die nach den Passionsberichten Jesus von den römischen Soldaten zugefügt wurden, und wegen der „extremen Unwahrscheinlichkeit“ der Episode von Barabbas sei Loisy zufolge denkbar, „dass Pilatus Jesus als Karabbas“ habe behandeln lassen.[9]
Die evangelischen Passionsberichte sind nicht nur die einzigen Quellen, die Notizen über Barabbas überliefert haben. Auch der in der christlichen Tradition als privilegium paschale bezeichnete Brauch der Römer, einen Gefangenen anlässlich des Pessachfestes zu befreien, wird nur an diesen Stellen der Evangelien erwähnt. Dass es einen solchen Brauch bei Römischen Statthaltern in Palästina je gegeben habe, wird als unwahrscheinlich erachtet: Nichts derartiges ist in römischen oder jüdischen Quellen überliefert und auch die anhand von Joh 18,39 EU vertretene Ansicht, dass es sich dabei um einen jüdischen Brauch gehandelt habe, findet keinerlei Bestätigung.
[Bearbeiten] Anmerkungen
- ↑ Diese Variante des Namens ist in dem Codex Koridethi (Θ oder 038; IX. Jahr.) überliefert (P.Winter, On the Trial of Jesus, S. 95).
- ↑ Von den griechischen Manuskripten ist dieser Name in dem Codex Koridethi, in einigen Minuskeln der Lake-Gruppe (f1; XII. bis XIV Jahr.) und in der Minuskel 700 (Egerton 2610; XI. Jahr.) belegt; Von den nicht griechischen Manuskripten in den syrischen Übersetzungen des Codex Syrus Sinaiticus (sys; III.-IV. Jahr.) und der Versio Harklensis (syh; VII. Jahr.) und in der Armenischen Übersetzung. Versionen des Matthäusevangeliums, die den Namen Jesus an diesen Stellen enthielten, werden von Origenes und in einem Scholion des Codex Vaticanus Graecus 354 (S oder 038; X. Jahr.) erwähnt. Vgl.: Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece, krit. App. zu Mt 27,16.17; P. Winter, On the Trial of Jesus, S. 95.
- ↑ Vgl.: W. Wiefel, Das Evangelium nach Matthäus, S. 470.472.
- ↑ So in der Neue Jerusalemer Bibel (Herder, 1985), Kommentar zu Mt 27,16: „... Eine solche Verdeutlichung aber scheint einer apokriphen Überlieferung zu stammen“.
- ↑ So P.Winter, P.Winter, On the Trial of Jesus, S. 91-99
- ↑ Die Mehrheit der Textzeugen bietet die Lesung metà tôn stasiastôn, „nach/mit den Aufrührern“. Die von einigen Handschriften überlieferte Variante ... systasiastôn könnte aber nahe legen, das Barabbas einer von den „Aufrührern“ war. Vgl.: Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece zu Mk 16,7; P. Winter, On the Trial of Jesus, S. 96.
- ↑ Die meisten Bibelübersetzungen haben das Wort epísemos mit „berüchtigt“ wiedergegeben. Etymologisch hat das Wort die Bedeutung „mit einem Zeichen versehen“, „gekennzeichnet“.
- ↑ In Flaccum, 36–38.
- ↑ A. Loisy, L'évangile selon Marc, Paris: 1912, S. 454f (zit. nach P. Winter, On the Trial of Jesus, S. 94f).
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- Pär Lagerkvist: Barabbas. Ein Roman (OT: Barabbas). Nobelpreis für Literatur, Nr. 46 = 1951. Mit einem Brief von André Gide und Bibliographie P. F. Lagerkvist. Coron-Verlag, Zürich 1969
- Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece (27. rev. Auflage), Dt. Bibelgesellschaft: Stuttgart, 2001
- Wolfgang Wiefel, Das Evangelium nach Matthäus (Theologischer Handkommentar zum Neuen Testament; 1), EVA: Leipzig, 1998
- Paul Winter: On the Trial of Jesus (Studia Judaica, Bd. 1), de Gruyter: Berlin, 1961
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Barabbas |
| ALTERNATIVNAMEN | bar abbas |
| KURZBESCHREIBUNG | Person in der Bibel |
| GEBURTSDATUM | um 1 |

