Barmherziger Samariter

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Aimé Morot: Der barmherzige Samariter, 1880
George Frederic Watts: Der barmherzige Samariter

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter zählt zu den bekanntesten Erzählungen Jesu im Neuen Testament. Es wird im Evangelium des Lukas (Lk 10,25-37 EU) überliefert und gilt als Appell zur tätigen Nächstenliebe.

Gattung[Bearbeiten]

In der Exegese wird die Geschichte im Allgemeinen nicht als Gleichnis, sondern als Beispielerzählung angesehen.[1] Gelegentlich wird davon ausgegangen, dass sie sich aus einem Gleichnis entwickelt habe.[2] Eine Beispielerzählung stellt anders als ein Gleichnis eine nicht alltägliche Begebenheit dar. Sie lädt „den Hörer zur Identifikation und zum Verstehen [ein] … Das Bild führt die gemeinte Sache an einem konkreten praktischen Fall vor“.[3] Damit ist die Beispielerzählung eine Sonderform der Parabel; bei der Parabel ist allerdings „die Sache“ selbst nicht Gegenstand des Bildes („Konterdetermination“).[4]

Inhalt[Bearbeiten]

Codex purpureus Rossanensis: Der barmherzige Samariter

Ein Schriftgelehrter stellt Jesus die Frage, was zum Erwerb des ewigen Lebens zu tun sei. Jesus fragt ihn nach den diesbezüglichen Aussagen der Tora. Darauf zitiert der Schriftgelehrte das Schma Jisrael als das zentrale jüdische Glaubensbekenntnis mit der Aufforderung zur Gottesliebe (Dtn 6,5 EU) und verbindet es mit dem Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18 EU):

„Höre Israel, der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig. (Dtn 6:4) Gepriesen sei Gottes ruhmreiche Herrschaft immer und ewig! (mJoma 6:2) Darum sollst du den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. (Dtn 6:5)“

– Das jüdische Gebetbuch; Hsgb. v. J. Magonet und W. Homolka; Gütersloh 1997[5]

„Du sollst dich nicht rächen, auch nicht Zorn halten gegen die Kinder deines Volkes. Liebe deinen Nächsten, wie du dich selbst liebst. Ich, der Ewige.“

– Lev 19:18[6]

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst.“

– Lk 10,27

Auf Jesu Aufforderung, so zu handeln, um zu leben, fragt ihn der Schriftgelehrte, wer denn sein Nächster sei. Daraufhin entfaltet Jesus die Beispielerzählung:

Ein Mann auf dem Weg von Jerusalem hinab nach Jericho geriet unter die Räuber, die ihn ausplünderten und schwerverletzt liegen ließen. Ein vorüberkommender Priester sah ihn und ging weiter, ebenso ignorierte ihn ein Levit. Schließlich sah ihn ein Samaritaner, erbarmte sich, versorgte seine Wunden und transportierte ihn auf seinem Reittier zur Herberge, wo er den Wirt am folgenden Morgen bezahlte und mit der weiteren Pflege beauftragte, verbunden mit der Zusage seiner Wiederkehr und der Erstattung weiterer Kosten.

Anschließend fragt Jesus, wer von den dreien dem Überfallenen der Nächste gewesen sei. Der Schriftgelehrte erkennt den Sachverhalt und antwortet, dass es der Samaritaner gewesen sei. Daraufhin fordert Jesus ihn auf, ebenso wie jener zu handeln.

Struktur[Bearbeiten]

Das Gleichnis gehört zum lukanischen Sondergut.

Die Struktur des Gleichnisses entspricht der Midrasch-Einleitung des pharisäischen Judentums, allgemein also der traditionellen jüdischen Auslegung religiöser Texte:[7]

  • einleitende Frage zu einem Schrifttext (Verse 25–27: Dtn 6,5, Lev 9,18)
  • zweiter Schrifttext (Vers 28: Lev 18,5)
  • Auslegung mittels Beispielerzählung (Verse 28–36)
  • Schlussbemerkung, mit Anspielung auf den Ausgangstext und oft mit Aufforderung zum Tun (Vers 37)

Deutung[Bearbeiten]

Rembrandt: Der barmherzige Samariter

Die Geschichte, erfunden und doch Alltagsdrama, spielt an einem realen Ort: auf dem beschwerlichen, etwa 27 km langen, öden Teilstück des damaligen Haupthandelsweges zwischen Afrika und Asien, der zwischen Jerusalem im Gebirge und Jericho im Jordantal liegt. Der erwähnte Abstieg über mehr als 1000 Höhenmeter machte es Händlern schwer und Räubern leicht. Dennoch wurde der Weg viel genutzt. Zunächst passieren den Tatort Personen, die für Räuber nicht so wichtig sind.[8]

Für Priester gab es in der Tora die Vorschrift, dass sie sich nicht an der Leiche eines Stammesgenossen verunreinigen durften, abgesehen von den nächsten Verwandten (Lev 21,1 ff. EU). Wenn der Mann tot gewesen wäre, hätte sich der Priester durch eine Berührung wegen Verstoßes gegen dieses Gebot entweiht.

Der Levit war ebenfalls auf dem Weg hinab nach Jericho. Eine allfällige Berührung eines Toten hätte für ihn nach der Tora (Num 19,11 EU) sieben Tage Tame (rituelle Unreinheit) bedeutet, er hätte also am Ziel seines Weges in seiner Heimat keine rituellen Handlungen vornehmen dürfen.

Es wird vermutet, dass die damaligen Zuhörer angesichts antiklerikaler Strömungen[9] als Nächstes einen israelitischen Laien erwartet hätten, der Barmherzigkeit über eventuelle rituelle Unreinheit gestellt und dem Verletzten geholfen hätte: Die Einzelheiten der Fürsorge für den verwundeten Mann seien nämlich für die damalige Zeit vollkommen realistisch.[7] Allerdings sind antiklerikale Strömungen im Lukasevangelium nicht nachweisbar.[10] Der unerwartete Samaritaner mit seinem Mitgefühl, seiner beständigen Fürsorge von der Wundversorgung über den Krankentransport (den Berg hinauf), die Unterbringung, die Vorkasse, die Ankündigung, wiederzukommen – all diese Ausführlichkeit der Zuwendung gibt dem Gleichnis eine ermunternde bis schockierende Wirkung. Es wird nicht gesagt, ob der Verwundete Jude war, zudem war der Handelsweg international. Im Vordergrund steht also weder eine Grenzen überwindende Tätigkeit, noch eine Tempelschelte gegen Priester und Leviten.[11] Liebe zu Gott wird in der Liebe zum Menschen konkret, womit die ernst gemeinte Eingangsfrage des Pharisäers beantwortet ist.

Die Samaritaner wurden von den damaligen Juden, wie beispielsweise Josephus, einerseits als religiöse Verwandte betrachtet (2 Chr 28,11 EU), aber auch mit den synkretistischen Abkömmlingen des Nordreichs (2 Kön 17,24–41 EU) gleichgesetzt, als Feinde angesehen und zutiefst verachtet (Sir 50,25–26 EU).[12] Mit dem Nächsten war der Volksgenosse gemeint. Das Volk bildete eine Solidargemeinschaft. Andererseits forderte die Schrift die Liebe zu den Fremden ein im Gedenken daran, dass Israel in Ägypten selbst die Existenz eines Fremdlings gelebt hatte. Die Frage des Schriftgelehrten konnte in der Tradition der halachischen Midrasch schnell beantwortet werden: Es sind alle Israeliten und alle Vollproselyten.[13] Kurz zuvor in den Jahren 6 und 9 n. Chr. hatten die Samaritaner den Tempelplatz zu Jerusalem in den Tagen des Pascha-Festes durch Ausstreuen menschlicher Gebeine verunreinigt, somit konnten sie keine Nächsten sein.[14] Jesus nun befragt den Pharisäer mit der Beispielerzählung provokant zum Verhältnis von Tat und Täter: Die Frage, was die Tora in Lev 19,18 mit dem Begriff Nächster meint, ist demnach nicht zu beantworten, in dem das Objekt, der Hilfsbedürftige, bestimmt wird. Wer mein Nächster ist, entscheidet sich umgekehrt vom Subjekt her: der Helfende (Samariter) wird dem Bedürftigen zum Nächsten.

Allegorische Deutungen[Bearbeiten]

Sicard: Der barmherzige Samariter

Bereits in der frühen Christenheit kam dem Gleichnis zentrale Bedeutung zu. Man deutete es allegorisch, wonach man unter dem unter die Räuber Gefallenen den Menschen schlechthin (Adam) verstand. Die Stadt Jerusalem galt als das Paradies, und Jericho als die Welt. Die Räuber waren die feindlichen dämonischen Mächte. Der Priester verkörperte das Gesetz, der Levit die Propheten und der Samariter Christus. In den geschlagenen Wunden sah man den Ungehorsam, im Reittier den Leib des Herrn, unter der Herberge die Kirche, die alle aufnimmt, die hinein wollen, im Herbergswirt das Haupt der Kirche, dem Schutz und Pflege der Gäste oblag. In der zugesagten Wiederkehr des Samariters das verheißene Wiedererscheinen Christi.[15]

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten]

Vincent van Gogh: Der barmherzige Samariter
Skulptur von Ulrich Henn „Der Barmherzige Samariter“ vor der Erlöserkirche in Stuttgart

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter verließ auf Grund seiner Dramatik bald seinen frühchristlich-innerjüdischen Zusammenhang. Nächstenliebe wurde nicht zuletzt durch diese Erzählung zu einer universellen Tugend; Nächstenliebe und Samariterdienst wurden bis ins Sprichwortgut zu Synonymen.

Der Arbeiter-Samariter-Bund wie der Schweizerischer Samariterbund erscheinen als ein prominentes Erbe dieses Namens im deutschen Sprachbereich.

Im angelsächsischen Rechtsbereich kennt man das „Good Samaritan Law“,[16] das das Recht für den Hilfeleistenden regelt.

Beim Vatikan ist die Gute-Samariter-Medaille die höchste Medaille für Arbeit im Gesundheitswesen.[17]

Bildende Kunst[Bearbeiten]

Der Barmherzige Samariter ist ein sehr beliebtes Thema in der religiösen Malerei. Er wurde unter anderem dargestellt im Codex purpureus Rossanensis (6. Jahrhundert) und im Evangeliar Heinrichs des Löwen (12. Jahrhundert),[18] von Jost Ammann (16. Jahrhundert), Meister des Barmherzigen Samariters (1537, Notname!), Rembrandt van Rijn (1632/33),[19] Johann Carl Loth (1676),[20] von Luca Giordano, George Frederic Watts, Gustave Doré, Gustave Moreau, Van Gogh (1890), Maurice Denis (1898), Aimé-Nicolas Morot (1850–1913) und Paula Modersohn-Becker.[21] Eine Statue von François Sicard steht im Garten der Tuilerien in Paris.

In der Kathedrale von Chartres stellt das dritte rechte Fenster des Hauptschiffs das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter dar.[22]

Musik[Bearbeiten]

Johann Nepomuk David schuf 1958 eine Evangelienmotette für vierstimmigen gemischten Chor a cappella zur Perikope mit dem Titel Der barmherzige Samariter.

Benjamin Britten schuf 1963 die Cantata misericordium op. 69 für Solisten, Chor und Kammerorchester.

Candlemass schufen 1987 auf ihrem Album Nightfall das Lied Samarithan, welches die Problematik auf aktuelle Zeiten anwendet.

Bob Dylan lässt den barmherzigen Samariter (the good samaritan) im 12-minütigen Songepos Desolation Row von 1965 auftreten. Er verortert die gescheiterte Nächstenliebe in den Rassenunruhen von 1920 im Heimatdorf seines Vaters.

Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch die Abschnitte in den einschlägigen Kommentaren (Bovon, Bock, Eckey u. a.) und der allgemeinen Literatur zu den Gleichnissen Jesu.

  • Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. Göttingen 1956
    • Die Gleichnisse Jesu. Kurzausgabe. Göttingen 19849.
  • Hans Klein: Barmherzigkeit gegenüber den Elenden und Geächteten. Studien zur Botschaft des lukanischen Sonderguts. BThSt 10; Neukirchen-Vluyn 1987.
  • Leonhard Ragaz: Die Gleichnisse Jesu. Seine soziale Botschaft. Gütersloh 19853.
  • Walter Schmithals: Das Evangelium nach Lukas. Zürcher Bibelkommentare. Neues Testament 3.1; Zürich 1980.
  • Gerhard Schneider: Das Evangelium nach Lukas. Kapitel 1–10. Ökumenischer Taschenbuch-Kommentar 3/1, Gütersloh 19842.
  • Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloh 2005, ISBN 3-579-05200-4.
  • Hermann L. Strack, Paul Billerbeck: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch.
    • Band 1: Das Evangelium nach Matthäus erläutert aus Talmud und Midrasch. München 19869 (= 19262), ISBN 3-406-02723-7
    • Band 2: Das Evangelium nach Markus, Lukas und Johannes und die Apostelgeschichte erläutert aus Talmud und Midrasch. München 19899 (= 19231)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. So zum Beispiel Jürgen Roloff: Arbeitsbuch zum Neuen Testament; Evangelische Verlagsanstalt Berlin 1984, S. 101; Heinrich Zimmermann: Neutestamentliche Methodenlehre. Darstellung der historisch-kritischen Methode. Katholisches Bibelwerk Stuttgart 19827 ISBN 3-460-30027-2, S. 146.
  2. Hans Klein: Barmherzigkeit gegenüber den Elenden und Geächteten, S. 76.
  3. Jürgen Roloff:Arbeitsbuch zum Neuen Testament, S. 101
  4. Kurt Erlemann: Gleichnisse (NT). In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff., Zugriffsdatum: 12. Juni 2012.
  5. Jonathan, Rabbiner (Hsgb.), in Zusammenarbeit mit Rabbiner Walter Homolka ; Übersetzung aus dem Hebräischen, Annette Böckler Magonet: [Seder ha-tefilot] = Das jüdische Gebetbuch, Dt. Erstausg., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997, ISBN 3-579-02216-4, S. 87 ff..
  6. W. Gunther (Hrsg). Mit einer Einleitung von Walter Homolka. Autorisierte Übersetzung und Bearbeitung von Annette Böckler Plaut: Wajikra = Ṿa-yiḳra = Levitikus., 3. Auflage, 1. Auflage der Sonderausg., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-05494-0, S. 194 ff..
  7. a b Craig Blomberg: Die Gleichnisse Jesu. Ihre Interpretation in Theorie und Praxis, Die zehn Jungfrauen; Witten: R. Brockhaus, 1998; ISBN 978-3-417-29428-6; S. 167–170
  8. Jeremias: Gleichnisse. S. 135
  9. Dietfried Gewalt: Der „Barmherzige Samariter“: Zu Lukas 10,25–37; EvTh 38 (1978), S. 403–417
  10. Schottroff: Gleichnisse, S. 174.
  11. Schottroff: Gleichnisse. S. 173f
  12. Vgl. auch Strack/Billerbeck I, S. 538 f.
  13. Strack/Billerbeck I, S. 353: „Indem dann das AT Lv 19,34 u. Dt 10,19 nur noch den Fremdling (גֵּר, der unter Israel Wohnsitz genommen) in den Kreis derer miteinschließt, dem Israel mit Liebe begegnen soll, zeigt es, daß mit der Liebe zum Nächsten רֵעַ nicht die allgemeine Menschenliebe gefordert ist, sondern lediglich die Liebe zum Volksgenossen.“
  14. Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu. 9. Auflage. Göttingen 1984, S. 135.
  15. Homilie 34.3, Joseph T. Lienhard, trans., Origenes: Homilies on Luke, Fragments on Luke (1996), 138.
  16. Englischsprachige Wikipedia: Good Samaritan law
  17. Vatican Medal Awarded to English Bishop
  18. Räuber überfallen den Samaritaner, Auf dem Weg ins Gasthaus
  19. Rembrandt
  20. Johann Karl Loth
  21. Pauls Modersohn-Becker
  22. Vitraux de Chartres