Barry Lyndon

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Filmdaten
Deutscher Titel Barry Lyndon
Originaltitel Barry Lyndon
Barry Lyndon.png
Produktionsland Großbritannien
Originalsprache Englisch, Deutsch, Französisch
Erscheinungsjahr 1975
Länge 177 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Stanley Kubrick
Drehbuch Stanley Kubrick
Produktion Stanley Kubrick
Musik Leonard Rosenman
Kamera John Alcott
Schnitt Tony Lawson
Besetzung

Barry Lyndon ist ein englischer Spielfilm aus dem Jahr 1975 von Stanley Kubrick. Er basiert auf dem Roman Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon (1844) von William Makepeace Thackeray. Der Film spielt im 18. Jahrhundert und zeigt den Aufstieg und Fall eines jungen irischen Abenteurers, der sich darum bemüht, einen festen Platz im englischen Adel einzunehmen.

Der Film gewann vier Oscars (Ausstattung, Kamera, Kostümdesign, Musikadaption).

Handlung[Bearbeiten]

Die Handlung wird von einem fokalisierten Erzähler per Voice-over kommentiert und teilweise vorausgedeutet.

Part I – By What Means Redmond Barry Acquired the Style and Title of Barry Lyndon
Teil I – Mit welchen Mitteln Redmond Barry zum Namen und Titel des Barry Lyndon kam

Der erste Teil des Films handelt vom Aufstieg des jungen irischen Landadeligen Redmond Barry, der Mitte des 18. Jahrhunderts aus seiner Heimat flieht, nachdem er ein Duell gegen einen britischen Offizier ausgetragen hat. Das Duell war fingiert, aber da er glaubt, seinen Gegner erschossen zu haben, befürchtet er nun strafrechtliche Konsequenzen. Ausgestattet mit den Ersparnissen seiner Mutter, macht er sich auf nach Dublin, wird aber auf dem Weg dorthin überfallen und ausgeraubt. Nun mittellos, meldet er sich als Freiwilliger in der britischen Armee. England befindet sich zu der Zeit im Siebenjährigen Krieg. Redmond muss daher nach Deutschland, um dort gegen das französische Heer zu kämpfen. Nach der Schlacht bei Warburg verliert er die Lust am Krieg, desertiert und versucht, verkleidet als Offizier, in das neutrale Holland zu fliehen. Aber die Flucht misslingt: Er wird von dem preußischen Offizier von Potzdorf entlarvt und zum Dienst in der preußischen Armee gezwungen.

Potzdorfs Onkel ist Minister in Berlin; von diesem bekommt Redmond den Auftrag, den irischstämmigen Falschspieler Chevalier de Balibari zu beobachten. Dieser wird verdächtigt, ein Spion Österreichs zu sein. Schon als er sich dem Chevalier vorstellt, ist er von dessen Persönlichkeit so beeindruckt, dass er – auch von dem Gefühl der Begegnung mit einem Landsmann in der Fremde überwältigt – seinen Auftrag offenbart. Von da an arbeitet er als Doppelagent für den Chevalier und die Preußen. Als der Chevalier aus Preußen fliehen muss, schließt Barry sich ihm an und die beiden ziehen als Falschspieler von Hof zu Hof.

Auf diesen Reisen lernt Redmond die reiche Gräfin Lyndon kennen, die er nach dem Tod ihres wesentlich älteren Ehemanns wenig später heiratet. Redmond nimmt den Namen Barry Lyndon an und hat nun fast alles erreicht: Er gehört zur obersten Gesellschaftsschicht und verfügt über das beträchtliche Vermögen seiner Frau. Ihm droht aber, dass bei einem eventuellen Tod seiner Ehefrau deren Sohn aus der ersten Ehe, Lord Bullingdon, Erbe von Titel und Vermögen werden könnte, wodurch Barry Lyndon und sein leiblicher Sohn auf dessen Gnade angewiesen sein könnten.

Intermission
Unterbrechung
Part II – Containing an Account of the Misfortunes and Disasters Which Befell Barry Lyndon
Teil II – Enthält einen Bericht über das Unglück und die Katastrophen, welche Barry Lyndon widerfuhren

Hier beginnt der zweite Teil des Films: Der Fall Barry Lyndons. Um vom König einen Adelstitel zu erhalten, setzt er Unsummen ein, um sich bei Hofe bekannt und beliebt zu machen. Die Beziehung zu Lord Bullingdon, dem Sohn Lady Lyndons aus erster Ehe, wird aber immer stärker von Gewalt geprägt. Während eines Konzerts provoziert Bullingdon einen Eklat. Er hat seine Schuhe ausgezogen und betritt den Saal nur mit weißen Strümpfen an den Füßen. An der Hand führt Bullingdon seinen kleinen Halbbruder, der seine viel zu großen Schuhe trägt. Damit möchte er symbolisieren, wie er zu Hause behandelt wird, denn ihm wurden die Schuhe des Erben ausgezogen und seinem Halbbruder angezogen. Er stellt vor allen Gästen die Liebe seiner Mutter in Frage und verkündet, dass er sein Elternhaus verlassen werde. Außerdem provoziert und beleidigt er Barry. Daraufhin verprügelt dieser seinen Stiefsohn vor den Augen der zahlreichen Gäste.

Aufgrund dieser Entgleisung wird Barry beim englischen Adel zur Persona non grata und zerstört seine Chancen auf den angestrebten Adelstitel. Verschuldet und verlassen muss Barry überdies den Tod seines einzigen Sohnes erleben, der vom Pferd gestürzt ist, und wird schließlich vom erwachsen gewordenen Lord Bullingdon zu einem Duell gefordert; infolge einer dabei erlittenen Schussverletzung verliert Barry einen Unterschenkel. Letztlich wird er von Lord Bullingdon faktisch gezwungen, bei Erhalt einer Jahresrente England zu verlassen. Er versucht nun erfolglos, seinen früheren Beruf als Falschspieler wiederaufzunehmen. Die Schlussszene zeigt, wie Lady Lyndon den Scheck über die geringe Jahresrente Barrys ausstellt. Der Scheck ist für das Jahr 1789 datiert, in dem durch die Französische Revolution ein neues Zeitalter beginnt.

Die zuletzt eingeblendete Schrifttafel lautet:

Epilogue – It was in the reign of George III. that the aforesaid personages lived and quarreled; good or bad, handsome or ugly, rich or poor, they are all equal now.
Nachwort – Es war während der Regentschaft Georgs III., dass die vorerwähnten Personen lebten und stritten; gut oder böse, schön oder hässlich, arm oder reich, sie alle sind nun gleich.

Hintergrund[Bearbeiten]

Kubrick plante lange, ein Filmepos über Napoléon Bonaparte zu drehen. Nachdem er von dem Film Waterloo des Regisseurs Sergei Bondartschuk erfuhr, der dasselbe Thema behandelte, gab er diesen Plan aber auf. Barry Lyndon beruht zum Teil auf den ausgiebigen Recherchen, die Kubrick für den geplanten Napoléon-Film angestellt hatte.

Die Filme, die Kubrick in den 15 Jahren vor Barry Lyndon gedreht hatte – Lolita, Dr. Seltsam, 2001: Odyssee im Weltraum und Uhrwerk Orange –, hatten alle Anlass zu heftigen Diskussionen gegeben. Barry Lyndon fiel da gewissermaßen aus der Reihe: Weder war die Handlung eine Provokation, noch enthielt der Film revolutionäre Neuerungen wie 2001. Kubrick versuchte dagegen, mit Barry Lyndon die Schönheit barocker Malerei und Musik filmisch erlebbar zu machen und das Leben jener Zeit authentisch wiederzugeben. Die spektakulären Bilder, die stark an Porträts aus der Zeit erinnern, sind es denn auch in erster Linie, für die Barry Lyndon bekannt ist. Um die Stimmung von Rokoko-Bildern authentisch wiederzugeben, drehte Kubrick einige Szenen vollständig bei Kerzenlicht, also ohne elektrische Beleuchtung. Möglich wurde dies durch die Verwendung eines extrem lichtstarken Objektivs (Planar 0,7/50 mm), das ursprünglich von Carl Zeiss für die NASA hergestellt wurde. Zusätzlich wurde extrem lichtempfindliches Filmmaterial verwendet, um die schwierigen Aufnahmen zu ermöglichen, die zuvor undenkbar schienen. Dennoch musste der Film um eine Blendenstufe unterbelichtet werden, was allerdings bei bewusstem Einsatz bei der chemischen Entwicklung des Films in Grenzen kompensiert werden kann. Diese so genannte Push-Entwicklung hat allerdings unter anderem auch einen wesentlichen Einfluss auf Kontrastumfang und Farbwiedergabe, welcher bei Barry Lyndon deutlich erkennbar ist. Letztendlich jedoch als Stilmittel eingesetzt, ermöglichte dies eine bisher nie dagewesene Bildstimmung.

Neben den Bildern ist auch die Musik von Barry Lyndon erwähnenswert. Der Soundtrack des Films enthält Stücke von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach, Antonio Vivaldi, Giovanni Paisiello, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert sowie traditionelle irische Musik der Gruppe The Chieftains. Diese gewann für das Stück Women of Ireland einen der vier Oscars für Barry Lyndon (siehe Auszeichnungen). Bei der Verwendung des Hohenfriedberger Marsches ist Kubrick ein historischer Fehler unterlaufen: Der in einer Wirtshausszene von den preußischen Soldaten gesungene Text ist erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Marschmelodie unterlegt worden. Das Stück, das am meisten mit dem Film assoziiert wird, ist Händels Sarabande (aus Suite in d-Moll HWV 437). Auch hier hat Kubrick die (vorhandenen) Musikstücke meisterhaft eingesetzt, und sie sind dadurch, wie schon in 2001: Odyssee im Weltraum mit dem Strauß-Walzer, in die Filmgeschichte eingegangen.

Barry Lyndon wurde in Irland, England, der Bundesrepublik Deutschland (Residenzschloss Ludwigsburg) und der DDR (Neues Palais) auf 35-mm-Film aufgenommen. Die Communs des Neuen Palais sollten dabei Unter den Linden repräsentieren (1763, zum Zeitpunkt der Filmhandlung, wurde erst mit dem Bau des Neuen Palais begonnen).

Es ist der einzige Film von Stanley Kubrick, der seine Produktionskosten an den Kinokassen nicht wieder eingespielt hat; seit diesem Flop musste auch Kubrick mit seinen Filmen Testvorführungen machen.

Kritiken[Bearbeiten]

„Kubricks konsequenter Stilwille und der bis ins Detail künstlerisch kontrollierte Aufwand machen diesen Film zu einem großen, vielschichtigen Zeitporträt, in dem sich private und gesellschaftliche Dimensionen nahtlos verbinden.“

Lexikon des Internationalen Films[1]

„In seiner kühnen Verfilmung der melodramatischen Fabel voller Amouren, Intrigen und Duelle verstößt Kubrick so rigoros gegen die merkantilen Inszenierungskonventionen Hollywoods, daß nicht nur die Manager von Warner Bros. ins Staunen kamen. Die Tatsache, daß dieser Film überhaupt finanziert wurde und ins Kino kommt, sei, so die New York Times, ‚ebenso verblüffend‘ wie die Form des Films. […] Kubrick wollte einen Film machen, durch den sich der Zuschauer optisch und emotional ins 18. Jahrhundert versetzt fühlt; der Film sollte wirken, als hätte ihn ein Filmemacher im 18. Jahrhundert inszeniert. Dabei sind Kubrick Bilder gelungen, wie man sie im Kino bislang nicht gesehen hat.“

Der Spiegel[2]

„Was Kubrick schlicht die ‚interessanten visuellen Möglichkeiten‘ der Vorlage von Thackeray nennt, geriet ihm zu einem epischen Panorama visueller Prachtentfaltung, das selbst den delirischen Trip zu den Sternen in ‚2001: Odyssee im Weltraum‘ in den Schatten stellt. […] Im wesentlichen folgt Kubrick getreulich der Vorlage von Thackeray. Doch über die Veränderung der Erzähl-Perspektive hinaus gibt es einige signifikante Veränderungen. Das finale Duell zwischen Barry Lyndon und Lord Bullington, seinem Stiefsohn, findet im Roman nicht statt. Bei Thackeray endet Barry, ganz prosaisch, im Schuldturm. Kubrick hat statt dessen ein sechs Minuten langes, sich bis zur Unerträglichkeit steigerndes Crescendo der Angst erfunden, begleitet und kommentiert von einer Sarabande Händels.“

Hans-Christoph Blumenberg in Die Zeit[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Oscarverleihung 1976:

Weiterhin nominiert für:

  • Bester Film – Stanley Kubrick
  • Beste Regie – Stanley Kubrick
  • Bestes adaptiertes Drehbuch – Stanley Kubrick

Barry Lyndon gewann zudem:

Synchronisation[Bearbeiten]

Die Synchronisation entstand 1976 unter der Regie von Wolfgang Staudte[4] [5]

Rolle Darsteller Synchronstimme
Redmond Barry/Barry Lyndon Ryan O’Neal Jörg Pleva
Lady Lyndon Marisa Berenson Katrin Miclette
Hauptmann Potzdorf Hardy Krüger Hardy Krüger
Reverend Samuel Runt Murray Melvin Hans Clarin
Lord Bullingdon Leon Vitali Andreas von der Meden
Lt. Jonathan Fakenham Jonathan Cecil Wolfgang Draeger
Mrs. Barry Mary Kean Tilly Lauenstein
Captain Grogan Godfrey Quigley Gottfried Kramer
Bryan Patrick Lyndon David Morley Scarlet Cavadenti
Chevalier de Balibari Patrick Magee Friedrich W. Bauschulte
Lord Wendover André Morell Hans Paetsch
Erzähler Michael Hordern Siegmar Schneider

Literatur[Bearbeiten]

  • Ralf Michael Fischer: Raum und Zeit im filmischen Œuvre von Stanley Kubrick (= Neue Frankfurter Forschungen zur Kunst. Bd. 7). Gebr. Mann, Berlin 2009, ISBN 978-3-7861-2598-3 (Zugleich: Marburg, Universität, Dissertation, 2006).
  • William Makepeace Thackeray: Die Memoiren des Barry Lyndon, Esq. Aufgezeichnet von ihm selbst. (Originaltitel: The Memoirs of Barry Lyndon, Esq.). Deutsch von Otto Schmidt. Mit Illustrationen von John Everett Millais und William Ralston. Aufbau, Berlin 1996, ISBN 3-7466-1161-X.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Barry Lyndon im Lexikon des Internationalen Films
  2. Filmkritik Licht von 1000 Kerzen in Der Spiegel, Ausgabe 1/1976
  3. Filmkritik Kalte ferne schöne Welt in Die Zeit, Ausgabe 39/1976
  4. Synchronsprecher-Datenbank von Arne Kaul
  5. Synchronsprecher in Deutsche Synchronkartei