Basische Ernährung

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Basische Ernährung ist eine Ernährungsform, die seit etwa 1913 in der Alternativmedizin bzw. Komplementärmedizin häufig als gesundheitsfördernd und heilend empfohlen wird. Dabei werden Nahrungsmittel bevorzugt, die angeblich weniger säureproduzierende Anteile und mehr basisch wirkende Anteile enthalten. Auch der Zusatz sogenannter „Basenpulver“ in Form von Nahrungsergänzungsmitteln bedient dieses Konzept.

Ernährungswissenschaftler und die wissenschaftliche Medizin haben keine Hinweise gefunden, dass diese Ernährungsweise therapeutisch wirksam ist.

Theorie[Bearbeiten]

Begründung für die basische Ernährung ist die Hypothese, der Körper werde durch zu viele säureproduzierende Anteile in den Nahrungsmitteln der üblichen „Zivilisationskost“ „übersäuert“, was den Säure-Basen-Haushalt des Körpers in ein gesundheitsschädliches Ungleichgewicht bringe. Eine derartige Übersäuerung (Azidose) habe auf die Dauer gesundheitsschädigende Folgen, die sich in Form von diversen Krankheiten und chronischen Leiden äußert, wie zum Beispiel Gicht, Arthrose, Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, Neurodermitis, Osteoporose, Muskelschmerzen, chronische Müdigkeit, Schlafstörungen, Herzrhythmusstörungen, Allergien und auch Krebs. Es gibt Alternativmediziner, die im Grunde jede Erkrankung mit Übersäuerung in Verbindung bringen.

Die genannten Folgen einer dieser Hypothese entsprechenden ernährungsbedingten Übersäuerung werden damit begründet, dass die überschüssigen Säuren im Körper, welche überwiegend im Bindegewebe gespeichert würden, basische Mineralien des Körpers z.B. aus den Knochen an sich binden und Salze bilden würden, was schließlich unter anderem zur Demineralisation des Knochengewebes führe. Außerdem lagerten sich die entstehenden Salze und auch die Säuren selbst in Zellen und Geweben ab, insbesondere in dem Bindegewebe aller Organe. Solchen als pathologisch bezeichneten Prozessen beuge die Basische Ernährung vor. Außerdem könne sie bereits vorhandene Krankheiten heilen.[1]

Das Phänomen einer akuten Übersäuerung Azidose und als Gegenteil davon Alkalose sind in der evidenzbasierten Medizin auf der Ebene des Blutes und des Gewebes bekannt. Bei gesunden Menschen treten diese Zustände nach Auffassung der Medizin nur kurzfristig auf, der Körper reguliert das Säure-Basen-Gleichgewicht selbstständig. Überschüssige Säuren werden über die Nieren ausgeschieden, beim Ausatmen wird Kohlendioxid ausgeschieden; auch der Schweiß enthält Säuren, ebenso der ausgeschiedene Kot. Dauerhafte Azidosen sind nur bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus und Funktionsstörungen der Nieren bekannt. Sind permanent zuviele Säuren im Blut, wird zum Ausgleich nach einiger Zeit Kalzium aus den Knochen abgebaut, was Osteoporose begünstigt.

Im Konzept der Basischen Ernährung ist nicht die akute Azidose des (arteriellen) Blutes gemeint, die als Blutazidose bezeichnet wird und auch nicht der Harnsäurespiegel, sondern eine angebliche chronische Übersäuerung des Körpergewebes. Da sie ernährungsbedingt sei, wird sie auch seit einigen Jahren als alimentäre chronische Gewebeazidose bezeichnet (alimentum = Nahrung). Es wird davon ausgegangen, dass auch gesunde Menschen überschüssige Säuren auf Dauer nicht ausscheiden können, was krankheitsfördernd wirke.

Die Theorien zur Übersäuerung des Körpers wurden Anfang des 20. Jahrhunderts populär und von mehreren Diät-Begründern vertreten, darunter Howard Hay (Trennkost), Otto Warburg, Maximilian Bircher-Benner und Are Waerland (Waerland-Kost). Bircher-Benner machte die Harnsäure für die Entstehung von Krebs verantwortlich. Warburg stellte die Hypothese auf, dass Krebszellen nur in einem sauren Milieu gedeihen können und über einen so genannten Gärungsstoffwechsel verfügen. Nach aktuellem Forschungsstand ist die Gärung in Krebszellen jedoch die Folge des Tumorwachstums, nicht die Ursache.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Die These, dass ein Ungleichgewicht von Säuren und Basen im Körper Krankheiten verursache, wurde vermutlich zum ersten Mal von Francis de la Boe Sylvius im 17. Jahrhundert aufgestellt, damals noch bezogen auf die „Körpersäfte“ gemäß den Vorstellungen der Humoralpathologie. Die Empfehlung lautete, die Patienten entsprechend mit Säuren oder mit Laugen zu behandeln. Anfang des 20. Jahrhunderts griffen zunächst Howard Hay und Franz Xaver Mayr diese Theorie auf. Von Mayr stammt der Ausspruch „die Säure ist das Zellgift schlechthin“.[3]

Populär wurde die Säure-Basen-Theorie vor allem durch den schwedischen Biochemiker Ragnar Berg, der den angeblichen Säure- und Basengehalt in vielen Lebensmitteln durch Analysierung der Asche nach der Verbrennung ermittelte. Er setzte Kationen mit Basen und Anionen mit Säuren gleich. Diese Befunde korrelierten mit ermittelten Harnwerten nach vorwiegend pflanzlicher und überwiegend fleischlicher Kost. Berg formulierte daraufhin die Theorie vom Säureüberschuss im Körper, die schließlich sogar zum „Säuretod“ führen könne, da er die Ketose bei Diabetikern mit Übersäuerung in Verbindung brachte.[3] Diese Theorie wurde von Bircher-Benner aufgegriffen: „Wächst der Säureüberschuss so hoch an, dass die Nahrungsbasen nicht mehr hinreichen (…) so gerät der Organismus nach und nach in Säurenot, bis sich schließlich die Acidose, ein Zustand lebensgefährlicher Säurevergiftung, einstellt.“[3]

1927 erschien ein Buch des amerikanischen Arztes Alfred McCann auf Deutsch unter dem Titel Kultursiechtum und Säuretod, in der ebenfalls die Übersäuerungstheorie vertreten wird. Ein Zitat:

„Wir wissen, daß die Fleischdiät das Blut ansäuert und daß des Menschen einzige Verteidigungsmöglichkeit gegen die Angriffe von Krankheiten auf der normalen Alkalinität des Blutes beruht.“

Weil die Säuren über die Nieren ausgeschieden werden, bezeichnete McCann Fleischesser als „Nierenmörder“.[3]

Lebensmittelauswahl[Bearbeiten]

Bei der Basischen Ernährung soll die Ernährung zu etwa zwei Dritteln aus basischen Lebensmitteln bestehen. Zu den bevorzugten „Basenlieferanten“ gehören zum Beispiel Kartoffeln, Gemüse, vor allem dunkle Blattsalate, Obst, Rohmilch und Trockenfrüchte. Als „Säurebildner“ gelten vor allem Zucker und Süßwaren, helles Brot, Nudeln, schwarzer Tee, Fleisch, Wurst, Fisch, Käse, Eier, Sojaprodukte, Erdnüsse und Alkohol.

Kaffee wird zwar oft als Säurespender genannt, ist aber eigentlich schwach basenbildend. Die im Kaffee enthaltenen Röststoffe fördern zwar im Magen mancher Leute die Magensäuresekretion. Das kann beispielsweise Sodbrennen verursachen. Die Säurebildung erfolgt aber im Magen und nicht im Blut. Dort findet sich im Gegenteil die Base Bikarbonat.[4]

„Basenpulver“[Bearbeiten]

Im Handel unter der Bezeichnung „Basenpulver“ oder „Säure-Basen-Pulver“ erhältliche Nahrungsergänzungsmittel sollen nahrungsbedingte Säurebelastung reduzieren und einen vorhandenen Säureüberschuss im Körper ausgleichen. Es handelt sich dabei in der Regel um Mischungen von Mineralsalzverbindungen mit Saccharose und/oder Lactose.

Bewertung und Kritik[Bearbeiten]

  • Die Eignung als dauerhafte Ernährungsform ist umstritten.
  • Eine Wirksamkeit der basischen Ernährung bezüglich der Vermeidung von Krankheiten konnte bisher nicht nachgewiesen werden, abgesehen von Nebeneffekten durch eine insgesamt gesündere Ernährung.
  • Einen wissenschaftlich anerkannten Nachweis für die Übersäuerungstheorie gibt es nicht.
  • Die hessische Verbraucherzentrale bezeichnet basische Ernährung und entsprechende Nahrungsergänzungsmittel als überflüssig. In ihrer Stellungnahme heißt es: „Die natürlichen Puffersysteme des Körpers, eine ausgewogene Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst, mäßig tierischen Lebensmitteln, viel Trinken sowie Bewegung schützen ausreichend vor Übersäuerung.“[5]
  • Aus einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: „Eine basenüberschüssige Kost bringt keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile. Eine Übersäuerung des Körpers ist beim Gesunden nicht zu befürchten, da Puffersysteme den Säure-Basen-Spiegel im Blut und Gewebe konstant halten. Zu einer Azidose (Übersäuerung) kann es z.B. bei einer Stoffwechselentgleisung beim Diabetes mellitus kommen.“
  • Ein saurer pH-Wert des Urins ist vor allem ein Beweis dafür, dass die Nieren tatsächlich überschüssige Säuren ausscheiden. Er schwankt im Laufe des Tages ständig. Dieser Wert ist kein sicherer Anhaltspunkt dafür, dass im Körper eine Übersäuerung vorliegt, dafür müsste der pH-Wert des Blutes ermittelt werden.
  • Ganz unterschiedliche Erkrankungen und Symptome prinzipiell monokausal auf die Ernährung zurückzuführen, entspricht nicht dem aktuellen Kenntnisstand von Medizin und Ernährungswissenschaften.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hans Krautstein: Wieviel Säure verträgt der Mensch? Schrot & Korn September 1999, abgerufen am 13. August 2012.
  2. Deutsche Krebshilfe (Hg): Ernährung bei Krebs. 2005, S. 22
  3. a b c d Andrea Fock und Udo Pollmer: Die Geschichte der Basenkost (Version vom 4. Mai 2010 im Internet Archive)
  4. Basisch oder sauer? Interview mit Frank M. Unger (Institut für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie der Universität Wien), Der Standard, 23. Februar 2007. Abgerufen am 12. August 2012.
  5. Geschäfte mit der „Übersäuerung“ durch Lebensmittel – Verbraucherzentrale Hessen klärt auf (Version vom 8. Oktober 2007 im Internet Archive) 8. August 2006

Literatur[Bearbeiten]

  • Philippe-Gaston Besson: Dynamisch Leben durch Säure-Basen-Gleichgewicht. Waldthausen Verlag, 1997.
  • H. Knophius: Säure-Basen-Balance. Verlag Gräfe & Unzer, 2003.
  • E.-M. Kraske: Säure-Basen-Balance. Verlag Gräfe & Unzer, 1999.
  • Hans-Helmut Martin und Stefan Weigt: Essen wir uns sauer? In: UGB-Forum 6, 2005, S. 296-299. (pdf 93 kB)
  • Christian Rummel: Ragnar Berg. Leben und Werk des schwedischen Ernährungsforschers und Begründers der basischen Kost. Bern, Verlag Peter Lang, 2003

Weblinks[Bearbeiten]

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