Bassam Tibi

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Bassam Tibi (arabisch ‏بسام طيبي‎, DMG Bassām Ṭībī; vollst. Name: Bassām b. Muḥammad Taisir Banu aṭ-Ṭībī; * 4. April 1944 in Damaskus) ist ein deutscher Politikwissenschaftler. Er ist syrischer Herkunft und seit 1976 deutscher Staatsbürger. Von 1973 bis 2009 war er Professor für Internationale Beziehungen an der Georg-August-Universität Göttingen, zudem A.D.-White-Professor der Cornell University in Ithaca, New York bis 2010 und im akademischen Jahr 2008/09 Senior Research Fellow an der Yale University, USA.

Bassam Tibi, Mitbegründer der al-Munaẓẓama al-ʿarabiyya li-ḥuqūq al-insān / ‏المنظمة العربية لحقوق الإنسان‎ / ‚Arabische Organisation für Menschenrechte‘, trägt außerdem den „Cordoba-Trialog“ für den jüdisch-islamisch-christlichen Austausch mit. Er ist ein Kritiker des Islamismus und des traditionellen Islam und verlangt religiöse Reformen und Akzeptanz einer Synthese von europäischen Werten und Islam (Euro-Islam).

Leben und Werk[Bearbeiten]

Bassam Tibi stammt aus einer der ältesten muslimischen Gelehrten-Familien (Banu al-Tibi) von Damaskus[1], ist bekennender Muslim und Hafiz, kam 1962 nach Deutschland und studierte Sozialwissenschaft, Philosophie - u.a. bei Max Horkheimer - und Geschichte an der Universität Frankfurt am Main, wo er 1971 auch promoviert wurde. Er habilitierte sich 1981 an der Universität Hamburg.

Neben seiner Professur in Göttingen war er Visiting Scholar und Research Associate an der Harvard-Universität (1982–1993) und dort auch Bosch Visiting Professor von 1998 bis 2000. Im akademischen Jahr 2003/2004 war er Gastprofessor für Islamologie an der Universität St. Gallen und im Herbst 2003 Gastprofessor an der Islamischen Universität Jakarta in Indonesien. Seit 2004 hat er den A.D.-White-Lehrstuhl an der Cornell University, zuvor wirkte er als Erma O’Brien Distinguished Professor am kalifornischen European Union Center, Scripps College und lehrt seit 2006 jährlich einen Kurs für Islamologie an der Diplomatischen Akademie Wien.

Von 1986 bis 1988 hatte er mehrmals Gastprofessuren des Deutschen Akademischen Austausch-Diensts (DAAD) in Asien und Afrika inne, unter anderem in Khartum im Sudan sowie in Yaoundé in Kamerun. Er hatte eine Harvard-Fellowship und weitere in Princeton und Ann Arbor, (Michigan). Von 1989 bis 1993 war er Mitglied des „Fundamentalismusprojekts“ der „American Academy of Arts and Sciences“. 1994 war Tibi Gastprofessor an der University of California in Berkeley und 1995 und 1998 an der Bilkent-Universität in Ankara. Zurzeit ist er Mitglied des Projekts Culture Matters an der Harvard Academy for International Studies und der Fletcher School an der Tufts University.

Bassam Tibi wurde 1995 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet und 1997 vom „Amerikanischen Biographischen Institut“ zum Mann des Jahres gewählt. 2003 erhielt er zusammen mit dem jüdischen Professor Michael Wolffsohn den Jahrespreis der „Stiftung für Abendländische Besinnung“ (Zürich) für seinen Einsatz für europäische Werte.

Seine Ehefrau Ursula (geb. Helwig) war Lehrerin an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Göttingen.

Auf seiner eigenen Webseite hat Tibi im September 2014, anlässlich seines 70. Geburtstages, einen Gedankenentwurf einer Autobiographie unter dem Titel „Heimatlos und entwurzelt zwischen den Kulturen“ veröffentlicht. Seinen persönlichen Lebensweg ordnet er in die Debatte über globale Migration und kulturelle Integration ein, die er damit weiter anregen möchte.

Positionen[Bearbeiten]

Im Rahmen seines umfänglichen publizistischen Schaffens hat Tibi mehrere Begriffe geprägt oder mitgeprägt, darunter Leitkultur, Parallelgesellschaft, Euro-Islam und „Scharia-Islam“. In seiner Theorie vom Traum von der halben Moderne, einer kritischen Auseinandersetzung mit den Entwicklungstendenzen der islamischen Zivilisation, unterscheidet er zwei Aspekte: Zum einen die institutionelle Moderne, welche Wissenschaft und Technik sowie die traditionellen Lebensbereiche besetze, und zum anderen die kulturelle Moderne, die für freiheitliche Grundwerte, Menschenrechte, Demokratisierung und Chancengleichheit stehe. Die halbe Moderne sei demnach eine partielle Modernisierung durch Übernahme der Instrumente insbesondere auf den Gebieten Wissenschaft und Technologie bei gleichzeitiger Ablehnung der kulturellen Moderne, d.h. der Werte und Weltsicht der modernen Welt.

In seinem Buch Die fundamentalistische Herausforderung - Der Islam und die Weltpolitik aus dem Jahr 1992 sieht er den islamischen Fundamentalismus nicht als religiöse Richtung, sondern als aus der Konfrontation des Islam und der rückschrittlichen islamischen Welt mit der Moderne entstandene Ideologie. Mit Religion hat der islamische Fundamentalismus, Islamismus und Salafismus nach Bassam Tibis Ansicht wenig zu tun. Der Islamismus als primär sunnitisch-arabische Bewegung ist seiner Ansicht nach als Antwort auf die in der muslimischen Welt nicht bewältigte Globalisierung entstanden. Dem Fundamentalismus gehe es dabei um die Zerstörung von Nationalstaaten und die Errichtung einer islamischen Weltordnung inklusive Scharia.[2]

Angesichts ausgreifender islamistischer Strömungen forderte Tibi 1998 in seinem Buch „Europa ohne Identität“ eine „europäische Leitkultur“ und führte diesen Begriff im Rahmen der Diskussion über die Integration von Migranten in Deutschland gegen einen wertebeliebigen Multikulturalismus ins Feld, auch um der fortschreitenden Ausbildung von Parallelgesellschaften entgegenzuwirken. In diesen Zusammenhang gehört auch seine Forderung, die in die europäischen Staaten eingewanderten Muslime müssten die jeweiligen Rechts- und Verfassungsordnungen ihrer Aufnahmeländer respektieren. Tibi entwirft hierfür die Vision eines Euro-Islam. Vom Konzept einer „deutschen Leitkultur“ distanzierte er sich jedoch.

In seinem 2005 erschienenen und 2007 erweiterten Werk „Mit dem Kopftuch nach Europa?“ markiert Tibi deutliche Vorbehalte gegenüber einem EU-Beitritt der Türkei, die er in der gegenwärtigen Verfassung unter AKP-Führung nicht auf dem Weg in die europäische Wertegemeinschaft sieht. Die mit deutlicher Mehrheit im türkischen Parlament vertretene Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan werde von ihren führenden Repräsentanten zwar als islamisch-konservativ dargestellt, verfolge aber in Wirklichkeit islamistische Ziele. Ein Beleg dafür sei die zunehmende Uniformierung der Frauen unter dem Kopftuch, das nicht mehr vorrangig überkommenes Volksbrauchtum ausdrücke, sondern immer mehr als islamistisches Zugehörigkeitsbekenntnis propagiert und eingefordert werde. Außerdem fördere Erdoğans Regierung İmam-Hatip-Schulen als Konkurrenz zu den kemalistisch-laizistischen staatlichen Schulen. Beide Ansätze würden auch in die türkischen Migrantengemeinden insbesondere in Deutschland exportiert und förderten dort die Ausbildung islamistisch geprägter Parallelgesellschaften, die die Scharia (Gottesgesetz) über das jeweilige staatliche Recht stellten. Mit einem Beitritt der Türkei in die EU unter den gegenwärtigen Voraussetzungen verbindet sich daher für Tibi die Gefahr eines Marsches verkappter Islamisten durch die europäischen Institutionen. Diesem Islamismus hätten die Altmitglieder wegen ihrer multikulturellen Ausrichtung und des zu weit gefassten Toleranzbegriffs wenig entgegenzusetzen. Allerdings lehnt Tibi eine künftige EU-Mitgliedschaft der Türkei nicht rundweg ab. Sein Prüfkriterium ist die vollständige Integration und Akzeptanz türkischer Migranten in Deutschland. Zu deren Gelingen müssten beide Seiten mit vereinten Kräften beitragen, indem sie sich von ihrer bisherigen Linie lösen: zum einen die einstweilen fahrlässig uninteressierte deutsche Zivilgesellschaft, zum anderen die ihrerseits noch wenig konstruktiv handelnden politisch und sozial gestaltenden Kräfte in der Türkei. Scharia-Islam und Kopftuch-Uniformierung jedenfalls sind für Tibi geradezu Gegenindikatoren des anzustrebenden Integrationsprozesses. Im Gelingensfall wäre der Integrationsprozess nach Tibi aber sehr wohl geeignet zu zeigen, dass die Türkei für Europa die ihr bisher nur zugedachte Brückenfunktion zu anderen islamisch geprägten Gesellschaften ausüben könnte. Dies wird sich aber wohl erst in einem längeren als dem jetzt für den Beitrittsprozess anvisierten Zeitraum erweisen können, schon weil Tibi einstweilen eher hinderliche Tendenzen erkennt und aufzeigt.

2006 kündigte er an, Deutschland nach seiner Pensionierung 2009 verlassen und künftig an der Cornell-Universität lehren zu wollen, an der er als A.D.-White-Professor tätig war.[3][4][5], widerrief dies jedoch 2008 gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und hat sich entschieden, in Deutschland zu bleiben.[6]

Der Historiker Gazi Çağlar attestiert Tibi Affinität zu konservativen Positionen: Tibi stelle ein Zivilisationsparadigma auf, dessen geschichtsphilosophische Grundlage an Oswald Spengler und Arnold J. Toynbee erinnere. In dem Buch Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus folge Tibi der Theorie Samuel Huntingtons vom Kampf der Kulturen.[7][8] Gleichwohl distanziert sich Tibi im selben Buch (Kap. 7) von Huntingtons Deutungsansätzen.[9]

Werke[Bearbeiten]

  • 1969: Die arabische Linke. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main DNB 454591152.
  • 1971: Zum Nationalismus in der Dritten Welt - am arabischen Beispiel. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, ISBN 3-434-40025-7 (Zugleich Dissertation an der Universität Frankfurt am Main).
  • 1973: Militär und Sozialismus in der Dritten Welt. Allgemeine Theorien und Regionalstudien über arabische Länder. Suhrkamp, Frankfurt am Main, ISBN 3518106317 (Zugleich Habilitationsschrift an der Universität Hamburg).
  • 1979: Internationale Politik und Entwicklungsländer-Forschung. Materialien zu einer ideologiekritischen Entwicklungssoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3518109839
  • 1981: Die Krise des modernen Islam. Eine vorindustrielle Kultur im wissenschaftlich-technischen Zeitalter. München: C. H. Beck. ISBN 3518284894
  • 1985: Der Islam und das Problem der kulturellen Bewältigung sozialen Wandels. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3518281313
  • 1987: Vom Gottesreich zum Nationalstaat. Islam und panarabischer Nationalismus Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3518282506
  • 1989: Konfliktregion Naher Osten. Regionale Eigendynamik und Großmachtinteressen. München: C. H. Beck. ISBN 3406353649
  • 1992: Die fundamentalistische Herausforderung. Der Islam und die Weltpolitik. München: C. H. Beck. ISBN 3406340768
  • 1992: Islamischer Fundamentalismus, moderne Wissenschaft und Technologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp. ISBN 3518285904
  • 1993: Die Verschwörung. Das Trauma arabischer Politik. Hamburg: Hoffmann und Campe. ISBN 345508477X
  • 1994: Im Schatten Allahs. Der Islam und die Menschenrechte. München: Piper. ISBN 3492222854 (Taschenbuchausgabe bei Ullstein 2003)
  • 1995: Krieg der Zivilisationen. Politik und Religion zwischen Vernunft und Fundamentalismus. Hamburg: Hoffmann und Campe. ISBN 3455110606 (erweiterte Taschenbuchausgabe bei Heyne 1998)
  • 1995: Der religiöse Fundamentalismus im Übergang zum 21. Jahrhundert. Mannheim: BI-Taschenbuchverlag. ISBN 3411105011
  • 1996: Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart. München: Piper. ISBN 3492227139
  • 1997: Pulverfaß Nahost. Eine arabische Perspektive. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt. ISBN 3421050880
  • 1997: Aufbruch am Bosporus. Die Türkei zwischen Europa und dem Islamismus. München: Diana. ISBN 3828450121
  • 1998: Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. München: Bertelsmann. ISBN 3570001695 (Neuausgaben 2000/2002 mit dem Untertitel: Leitkultur oder Wertebeliebigkeit)
  • 1999: Die neue Weltunordnung. Westliche Dominanz und islamischer Fundamentalismus. Berlin: Propyläen. ISBN 3549057881 (Übersetzung von: The Challenge of Fundamentalism, University of California Press, 1998)
  • 1999: Kreuzzug und Djihad. Der Islam und die christliche Welt. München: Bertelsmann. ISBN 3570003809.
  • 2000: Der Islam und Deutschland. Muslime in Deutschland. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt. ISBN 3421053855
  • 2000: Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden? Darmstadt: Primus. ISBN 3896781634
  • 2001: Einladung in die islamische Geschichte. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. ISBN 3896784099
  • 2002: Islamische Zuwanderung. Die gescheiterte Integration. DVA, Stuttgart ISBN 3-421-05633-1.
  • 2004: Der neue Totalitarismus. Heiliger Krieg und westliche Sicherheit. Primus, Darmstadt, ISBN 3-89678-494-3.
  • 2005: Mit dem Kopftuch nach Europa? Die Türkei auf dem Weg in die Europäische Union. Primus, Darmstadt, 2. Auflage 2007, ISBN 3-89678-537-0.
  • 2008: Die islamische Herausforderung. Religion und Politik im Europa des 21. Jahrhunderts. 3. Auflage, Primus, Darmstadt, ISBN 3-534-22034-X.
  • 2009: Euro-Islam: die Lösung eines Zivilisationskonfliktes, Primus, Darmstadt, ISBN 978-3-89678-651-7.

Literatur[Bearbeiten]

  • Gazi Çağlar: Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen: der Westen gegen den Rest der Welt; eine Replik auf Samuel P. Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Unrast, Münster 2002, ISBN 3-89771-414-0.

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Vgl. den entsprechenden Hinweis in: Bassam Tibi, „Europa ohne Identität?“, München 1998 (Tb., Siedler), S. 136
  2. Samuel Salzborn (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften - 100 Schlüsselwerke im Portrait, Springer VS Fachmedien, Wiesbaden, 2014, S. 353 bis 356
  3. Islam-Kritiker Bassam Tibi verlässt Deutschland, Die Welt, 23. September 2006
  4. Gastarbeiter niedrigster Stufe, SPIEGEL online, 26. September 2006
  5. Warum ich gehe: Bittere Bilanz nach 44 Jahren Deutschland: Dieses Land gibt Zugewanderten keine Identität, Tagesspiegel Berlin, von Bassam Tibi, 7. Oktober 2006
  6. "Der umtriebene Damaszener: Bassam Tibi bleibt nun doch in Deutschland", Hannoversche Allgemeine Zeitung, 2. Juni 2008.
  7. Der Mythos vom Krieg der Zivilisationen, Zusammenfassung, Unrast Verlag
  8. Die Neuerfindung des Islam, Tagesspiegel, 19. Februar 2006
  9. Vgl. außerdem Tibis Kritik an Huntington in: Roman Herzog: Wider den Kampf der Kulturen. Eine Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert, Fischer, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-10-030210-9.