Baum der Erkenntnis
Als Baum der Erkenntnis von Gut und Böse (hebr. עץ הדעת טוב ורע °ez had-da°at tôb wâ-râ, griech. τὸ ξύλον τοῦ εἰδέναι γνωστὸν καλοῦ καὶ πονηροῦ, lat. lignum sapientiae boni et mali) wird in der Paradieserzählung des Buches Genesis der Bibel ein bestimmter Baum bezeichnet. Zusammen mit dem Baum des Lebens befindet er sich in der Mitte des Paradiesgartens (Garten Eden) (Gen 2,9 EU). Gott verbietet den Menschen, von dessen Früchten zu essen (Gen 2,17 EU).
[Bearbeiten] Von der historischen zur symbolischen Deutung
Die Paradieserzählung als Teil der biblischen Urgeschichte wurde bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in den Kirchen historisch verstanden. Zwar hatten Origenes und seine Nachfolger eine nicht-historische Deutung vorgelegt und dafür Bezeichnung wie „das Geistige“, „das Pneumatische“, „das Mythische“, „das Tropaische“ (d.h. das Übertragene, Metaphorische) oder auch „das Symbolische“ gefunden. „Es herauszufinden und darzulegen, ist in den Augen des Origenes die wichtigste Aufgabe des Exegeten. Diejenigen, die danach schon gar nicht suchen wollen, die sich auf das Historische beschränken, nennt er verächtlich ‚Sklaven der Wörtlichkeit’ oder ‚des Buchstabens’.“[1] Aber Kirchenväter wie Hieronymus und Augustinus sind ihm darin nicht gefolgt, sondern haben ihn dafür teils scharf kritisiert. Allerdings ist seine Auffassung nie von der Kirche verurteilt worden, auch nicht die des Cajetan (1469–1534), der im ausgehenden Mittelalter als einziger „die ersten drei Kapitel der Genesis wie Origenes rein metaphorisch deutete“.[2]
Martin Luther und die Reformatoren blieben ebenso auf der Linie Augustins wie zuvor schon Thomas von Aquin und die mittelalterlichen Kommentatoren. Die Folge war, dass an den biblischen Text groteske und absurde historische Fragen gestellt werden mussten.[3] Nachdem im Laufe des Mittelalters die Allegorese für unwissenschaftlich erklärt und in die Predigt oder fromme Betrachtung verbannt worden war, wurde es unmöglich, mit fiktionalen Texten angemessen umzugehen. Jede Einzelheit musste den ‚Fakten’ getreu historisch stimmen, um ‚wahr’ sein zu können. Denn nur der wörtliche Sinn schien eindeutig, und nur darauf konnte Theologie als Glaubenswissenschaft gegründet werden. „Die katastrophalen Folgen dieser unsachgemäßen Reduktion zeigten sich in der Entwicklung, die im 17./18. Jahrhundert einsetzte. Das Gezwungene so mancher Erklärung und der Nachweis fiktionaler Elemente in den heiligen Geschichten brachte viele Menschen um ihren Glauben und führte in der exegetischen Wissenschaft zu der Unfähigkeit, die biblischen Geschichten überhaupt noch als Geschichten mit Realitätsbezug zu lesen.“[4]
Nach dem Neutestamentler Marius Reiser kann man heute zwar „fast alles in der Bibel für Fiktion erklären“, doch die eigentliche Aufgabe zu erklären, worin „die Wahrheit einer Geschichtserzählung (liegt), die sich ganz oder teilweise als fiktionaler Text erweist“, „haben wir noch immer nicht gelöst, ja es scheint fast so, als ob sie kaum jemanden interessierte“.[5] Reiser selbst plädiert mit Origenes für „den Begriff des Symbolischen“, um „den über das Faktische hinausgehenden Wahrheitsgehalt einer biblischen Erzählung“ zu bezeichnen.[6] Treffender ist wohl der Begriff des Sakramentalen, das sinngebendes Wort und sinnliche Realität verbindet analog zum weltschaffenden Schöpferwort (Gen 1; Joh 1,1-3; Hebr 1,1-3).
[Bearbeiten] Verlust der ursprünglichen Harmonie
Auf der Linie der historischen Deutung liegt auch noch der Katechismus der Katholischen Kirche von 1993. Der Sündenfall im verbotenen Essen vom Baum der Erkenntnis als Verlust des Paradieses (Gen 3,23 EU) bedeutet danach den Verlust der ursprünglichen Harmonie von Schöpfer und Geschöpf: „Adam und Eva verlieren sogleich die Gnade der ursprünglichen Heiligkeit. (…) Die Harmonie, die sie der ursprünglichen Gerechtigkeit verdanken, ist zerstört. (…) Der Tod hält Einzug in die Menschheitsgeschichte.“ [7] Diese Deutung hat ihren Anhalt daran, dass nach dem alttestamentlichen Weisheitsbuch (Weish 9,1-3; vgl. 2,23) die Gottesbildlichkeit des Menschen als ‚Heiligkeit’ und ‚Gerechtigkeit’ verstanden wird.[8] Das Weisheitsbuch erklärt den Tod der ‚Ungerechten’ und ‚Frevler’ als Folge des „Neids des Teufels“, der mit der Paradiesschlange identifiziert wird (Weish 2,23f), während „die Seelen der Gerechten in Gottes Hand“ sind, das heißt auf „Unsterblichkeit“ hoffen dürfen (Weish 3,1-4). Eine Erklärung dafür, warum der ‚Todesbaum’ überhaupt im Paradies steht und damit die ursprüngliche Harmonie gefährdet, warum der ‚Ungehorsam’ oder die ‚Ungerechtigkeit’ des ‚Urpaares’ solche Folgen für die ganze Menschheit haben kann (siehe Erbsünde) und wie die Sündenfall-Erzählung damit vereinbar ist, dass auch Tiere sterben und das Los von Mensch und Tier gleich ist, unabhängig von aller ‚Gerechtigkeit’ (vgl. Koh 3,16-21), gibt weder das Weisheitsbuch noch der Katechismus der Katholischen Kirche.
Aber auch von der heutigen historisch-kritischen Exegese sind all diese Fragen nicht beantwortet und wohl auch nicht beantwortbar; nach wie vor ist der Sinn der beiden Bäume für die Exegese „ein letztlich nicht lösbares Rätsel“.[9] Will man es nicht bei diesem ‚unlösbaren Rätsel’ belassen, sondern eine nachvollziehbare Erklärung finden, so ist es ratsam, nach Analogien zu suchen. Innerbiblisch erscheint der Gegensatz von Baum des ewigen Lebens und Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in derselben ‚Mitte’ des Paradiesgartens (Gen 2,9) wie die Gegensatz-Einheit von Himmel und Erde, unsichtbarer und sichtbarer Welt, göttlichem Wort und sinnlicher Realität, unsterblicher Seele und sterblichem Leib. Eine außerbiblische Analogie dazu findet sich zum Beispiel im altchinesischen Denken, wonach das Universum seinen Weg in der Polarität von Yin und Yang geht.
[Bearbeiten] Analogie im altchinesischen Denken
Für das altchinesische Denken baut sich die ursprüngliche Harmonie der Welt aus dem harmonischen Zusammenwirken von zwei Prinzipien auf: Materie und Geist oder dem Prinzip der Zweiheit (Yin) und dem Prinzip der Einheit (Yang): „Yin und Yang repräsentieren Zweiheit und Einheit – und damit zugleich die geraden und ungeraden Zahlen –, wie sie sich auch in den Formen der gebrochenen und der ungebrochenen Linie des Yijing (– – und –) darstellen.“[10] Drei ungebrochene Linien (dreimal die ungerade Zahl 1) bedeuten ‚Himmel’, drei gebrochene Linien (dreimal die gerade Zahl 2) ‚Erde’. (Im Hebräischen hat die Eins, Aleph, a-l-ph, 1-30-80, in der Summe den Wert 111). Auf der anthropologischen Bedeutungsebene steht das Begriffspaar Yin und Yang „vor allem anderen für Weiblichkeit (Yin) und Männlichkeit (Yang). (…) Die Zweiheit konstituiert die Sexualität, die Einheit die Individualität [= Ungebrochenheit]. (…) Alle Dinge der Welt werden damit gleichsam zwischen Mann und Frau aufgeteilt.“[11]
[Bearbeiten] Deutung im biblischen Kontext
In analoger Weise stellen in der biblischen Paradieserzählung der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und der Baum des Lebens die Prinzipien der Zweiheit und der Einheit dar, was sich im ‚Urpaar’ Eva und Adam spiegelt. Beide stehen für Leib und Seele, Unten und Oben, Außen und Innen, Erde und Himmel, Nacht und Tag, Mond (Schatten) und Sonne, geteilt und ganz, ‚weiblich’ und ‚männlich’. ‚Männlich’ ist hebr. sachar, was auch er-innern bedeutet. Ausdruck der inneren Einheit ist der Tempel in Jerusalem als ‚Nabel’ der Welt. Friedrich Weinreb erklärt dazu: „Sobald der Mensch vom Baum der Erkenntnis nimmt, ist der Weg zum Baum des Lebens, der Weg zum Tempel, verschlossen.“ „Nicht nur der Tempel, jede Sache ist jetzt eine Ruine: die Wissenschaft, die Philosophie, die Dichtung, alles ist dann zerbrochen, unvollständig, unfertig.“[12] Das Zerbrochene oder Gebrochene ist das Endliche und Gegensätzliche, das mit dem Prinzip ‚Erde’ identisch ist, nun aber getrennt von der Einheit des 'Himmels'.
Die ungebrochene Einheit des ‚Himmels’ oder des Paradieses erschließt sich biblisch erst wieder mit der Offenbarung der Thora am Sinai; sie bedeutet, dass „Gott dem Menschen den Schlüssel gibt, den Baum des Lebens“. Schlüssel, hebr. mafteach, bzw. petach: Öffnung, Tür, ist eng verwandt mit pesach (= Ostern).[13] Die Thora ist die Weisung des Weges zurück aus der leidvollen Zweiheit der Gegensätze zur Einheit in und mit dem einen Gott. Auf diesem Weg sind besonders drei Verhaltensweisen zu meiden: „Blutvergießen“ (= Töten, auch im Sinn von ‚Beleidigen’, die Menschenwürde nehmen – vgl. Mt 5,21-26); „Götzendienst“ (auch im Sinn einer Wahrnehmung, die an der Oberfläche bleibt, ohne wesentliche Einsicht) und „Unzucht treiben“ (im Sinn von: ‚der Blöße Ausdruck geben’, ‚den Körper als Körper zeigen’): „Man legt den Nachdruck auf etwas, das auf jeden Fall ohne Nachdruck und bedeckt bleiben sollte, denn es handelt sich um den Baum der Erkenntnis. Man muss daran vorbeigehen, darf es nicht ‚aufdecken’.“[14]
[Bearbeiten] Jüdische Deutung
Auch biblisch hat also das Prinzip der Zweiheit mit der Sexualität des Menschen zu tun, mit dem Leib als dem sichtbar Erscheinenden oder dem ‚Fleisch’ – im Gegensatz zum ‚Männlichen’ als der unsichtbaren Dimension oder dem Geistigen: „Als die Frau aus einer ‚Rippe’, einer ‚Seite’ Adams entstanden ist, schließt Gott diese Stelle mit ‚Fleisch’; dass der Mensch ‚Fleisch’ hat, ist gleichbedeutend mit dem Begriff ‚Frau’. Die Umhüllung, der Körper des Menschen, ist das Weibliche.“[15] „Eigentlich ist das, was hier als Fleisch erscheint, ‚Frau’, während der wesentliche Mensch, der ‚Mann’, etwas ist, das man nicht in der Erscheinung des Menschen hier suchen soll. Darum heißt es [in der jüdischen Überlieferung] immer: Der Mensch, wie man ihn hier sieht, ist die ‚Frau’, sei er konkret nun Mann oder Frau. (…) Und wann sieht man den ‚Mann’? Wenn die Verbindung, der Bund mit Gott, da ist, dann sind ‚Mann’ und ‚Frau’ gemeinsam sichtbar, sonst nicht.“[16] Das Zeichen des Bundes bei Abraham ist die Beschneidung, das heißt die ‚Zurückdrängung des Fleisches’ als Beginn des Weges ‚zurück ins Paradies’ (= Gelobtes Land).
Das harmonische Zusammenwirken der beiden Prinzipien Geist und Materie, Einheit und Zweiheit oder Lebensbaum und Erkenntnisbaum stehen gewissermaßen für ein sakramentales Wirklichkeitsverständnis als Verbindung (‚Ehe-Bund’) zwischen Gnade und materieller Welt, Himmel und Erde, Geist und Fleisch („ein Fleisch“: Gen 2,24; vgl. Eph 5,31f), dem verborgen Unsichtbaren und dem Sichtbaren, dem Unendlichen und dem Endlichen, in Zahlen: zwischen 1 und 2 bzw. 4 (in der biblischen Zahlensymbolik hat der Lebensbaum in der Summe der Zahlenwerte der hebräischen Buchstaben den Wert 233, der Erkenntnisbaum 932, das Verhältnis beider Zahlen ist 1:4; vgl. auch die vier Flüsse aus einem Strom Gen 2,10).
Von den „Feigenblättern“ in Gen 3,7 her gilt der Erkenntnisbaum als Feigenbaum, die Feige ist der biblischen Zählung zufolge die 4. Frucht (vgl. Dtn 8,8). „Dass die Feige dieses Prinzip des Baumes der Erkenntnis verkörpert, kommt wahrscheinlich auch in den vielen kleinen 'Kernen' in der Erscheinungsform dieser Frucht zum Ausdruck, die den Drang zur Vielheit, zur großen Fruchtbarkeit darstellen. Man sieht darum in der Tat des Menschen, vom Baum der Erkenntnis zu essen, auch die Tat des Geschlechtsaktes.“[17]
Mit der Sexualität als dem Prinzip der Zweiheit ist somit der Begriff ‚Fleisch’ eng verbunden: „Der Begriff ‚bassar’, Fleisch, … wird in erster Linie für ‚Geschlechtsorgan’ verwendet, auch für den Körper an sich, denn die Geschlechtsorgane sind ja die Voraussetzung, dass der Körper überhaupt entstehen kann. So kann man sagen, dass der Körper nichts anderes ist als das Geschlechtsorgan. (…) Dieses Organ entsteht erst, als der Mensch mit dem Baum der Erkenntnis konfrontiert wird und von seiner Frucht nimmt. Das Essen ist also eine Folge der Tatsache, dass Gott die Schöpfung hervorbringt.“[18] Geschaffen wird nicht nur die unsichtbare, sondern gerade auch die sichtbare Schöpfung (vgl. Hebr 11,3).
„Vom Baum der Erkenntnis zu nehmen, heißt es in der [jüdischen] Überlieferung, bringt den Tod. Und der Tod drückt sich beim Menschen darin aus, dass er Geschlechtsorgane besitzt. Das ist der Stempel des Todes auf dem Menschen. Der Mensch kann ja nur existieren, wenn das Vorhergehende immer wieder verschwindet.“[19] Tod und Geburt sind reziprok (Adam und Eva im Paradies sind nicht auf natürlichem Weg ‚geboren’).
[Bearbeiten] Christliche Deutung
Der Innsbrucker katholische Theologe Willibald Sandler verweist zur Deutung des Sündenfalls auf die Gemeinsamkeit der Grundstruktur von Urgeschichte und biblischer Geschichte: „Die deuteronomische Grundstruktur der Tora – zwei Wege: Leben und Tod – spiegelt sich in den beiden Bäumen in der Mitte des Gartens: Baum des Lebens und Baum des Todes. Wenn wir die Tora, Gottes Gesetz, im Paradies vorausgebildet sehen wollen, dann nicht allein und nicht zuerst im verbotenen Baum. Vor allem Verbot ist Gottes Weisung Gebot, das auf Leben zielt. Und deshalb steht für sie zuerst der Baum des Lebens. Die Fixierung des Gesetzes auf das Verbotene entspricht der List der Schlange …“[20] Das ist nicht weit entfernt von der kabbalistischen Vorstellung, dass ein äußeres, buchstäbliches Verständnis der Thora als ‚Gesetz‘ und ‚Verbot‘ erst Produkt des Sündenfalls ist.
Auch nach der christlichen Überlieferung besteht zwischen dem Sündenfall im Essen vom Erkenntnisbaum und der Sexualität eine enge Beziehung.[21] Der verbotene Baum, so Sandler, kann „auch für die Sexualität stehen“: „nicht für die Sexualität an sich, denn sie ist wesentlich gut, sondern für die unzeitige und deplatzierte Ausübung der Sexualität. Sie verwüstet den Garten.“[22] Zu beachten ist zudem, dass der biblische Begriff des ‚Erkennens’ „der hebräische Ausdruck für ‚den Geschlechtsverkehr vollziehen’“ ist.[23]
Diese Fruchtbarkeitskräfte des Irdischen bringt auch das Symbol der Schlange zum Ausdruck. Es bedeutet die endlose Entwicklung im Materiellen, aber in geistiger Blindheit - ohne Hoffnung auf Unsterblichkeit (vgl. Weish 2,6-9.21-24) und damit im Verlust der ewigen Lebensfülle bei Gott (Gen 3,22 EU). Ohne die ‚Sehkraft’ der Hoffnung (vgl. Eph 1,18) und des Glaubens verliert der Mensch das ihm von Gott eigentlich zugedachte Paradies (Gen 3,23 EU) und den Zugang zum Baum des Lebens (Gen 3,24 EU), der ihm erst wieder mit dem ‚Sieg’ des Glaubens an die göttliche Offenbarung offen steht (Offb 2,7).
Sandler spricht auch vom Erkenntnisbaum als „Baum der Unverdanktheit“ und von der „Anmaßung der Unverdanktheit“: „Selbst Gott kann nicht geben, dass das Gegebene nicht Gabe, sondern unverdanktes Eigentum ist.“[24] Der Baum des Lebens wäre dann umgekehrt der Baum der Verdanktheit oder der Danksagung, griech. eucharistia. In diesem Sinn ist er in der christlichen Tradition auch verstanden worden (vgl. zum Beispiel Bonaventura, Lignum Vitae). Von daher erklärt sich dann die Identifizierung des Kreuzes (Kreuz Christi) mit dem Baum des Lebens (so schon Justin der Märtyrer, 2. Jh.).
[Bearbeiten] Erkenntnis und Blindheit
Den Namen Baum der Erkenntnis von Gut und Böse erhält der Baum in Gen 2,9 im Vorgriff auf das Versprechen, das die Schlange Adam und Eva macht: „Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse“ (Gen 3,5 EU). Damit ist aber gerade nicht, wie H. Junker von 2 Sam 14,17 EU zeigen will, „ein übermenschliches, an Allwissenheit grenzendes Erkennen [...], wie man es dem ‚Engel Gottes‘ zuschrieb“[25], gemeint. Vielmehr bedeutet die gewonnene 'Erkenntnis' den Verlust der Ein-sicht der göttlichen Weisheit zugunsten eines bloßen irdischen Vielwissens, wie es in dem animalischen „Tierfell“ (Gen 3,21) zum Ausdruck kommt. „In der Struktur dieses Wortes [erwa = Scham, Schande] ist der Begriff ‚or’, 70-6-200, Fell, aber auch ‚iwer’, blind, zu erkennen, denn ‚erwa’ hat mit ‚Blindheit’ zu tun.“[26]
Zunächst scheint es, als behalte die Schlange Recht, denn den Menschen gehen, nachdem sie von den verbotenen Früchten gegessen haben, tatsächlich „die Augen auf“, doch sie sind nicht geworden wie Gott, sondern erkennen, „dass sie nackt“ sind (Gen 3,7 EU). Im Hebräischen liegt hier ein Wortspiel vor zwischen עירם (°êrom = nackt) und ערום (°ârûm = schlau)[27], wie die Schlange in (Gen 3,1 EU) genannt wurde. Statt der versprochenen Gottgleichheit erkennen die Menschen ihre Armseligkeit und Bedürftigkeit, das heißt ihre Sterblichkeit.
Paulus hofft, bei seinem Ableben (als ‚Auswandern aus dem Leib’) „nicht nackt erscheinen“ zu müssen, sondern bekleidet „mit dem himmlischen Haus“, „damit so das Sterbliche vom Leben verschlungen werde“ (2 Kor 5,1-8; vgl. 1 Kor 15,53). Für das Gehen des Weges in der endlichen Welt ist die ‚Sehkraft’ der Hoffnung für das Unsichtbare und Ewige von entscheidender Bedeutung (vgl. Hebr 11,1). Diese 'Sehkraft' überwindet die ‚falsche Imagination‘ der ‚Begierde der Augen‘ (Gen 3,6; vgl. Mt 5,28f; 6,22; 1 Joh 2,16f) oder die Fehlformen der Hoffnung: die Ver-zweiflung (als Vorwegnahme der Nicht-Erfüllung im Endlichen) einerseits und die Vermessenheit oder Hybris (als Glaube, sich selbst die Erfüllung des Lebens im Endlichen verschaffen zu können) andererseits.
In diesem Sinn hat der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl gegen Augustins sexualpessimistische Sicht des Sündenfalls zu Recht die theologische Einsicht formuliert, „dass dem menschlichen Liebesakt der Charakter der Hoffnung zukommt, dass er geradezu das irdische, augenblickhafte Ereignis der Hoffnung auf die Stunde der Vollendung ist, wo im himmlischen Jerusalem die Braut des Lammes gezeigt wird.“[28] Dies gilt unter dem Vorzeichen des sakramentalen Bundes (der Ehe). Johannes Paul II. beleuchtete in seinen Mittwochskatechesen (1980) vor allem den Zusammenhang von Ursünde und „Ehebruch“; den Erkenntnisbaum deutete er dabei (in Einheit mit dem Baum des Lebens) als „Symbol des Bundes mit Gott“.[29]
Als Motive für das Essen von den verbotenen Früchten sind aus Gen 3,5f. erkennbar:
- das durch die Schlange gesäte Misstrauen gegenüber Gott (Unglaube),
- der Zweifel an dessen Güte und Menschenliebe,
- das Verlangen nach einem nur Gott zukommenden Wissen (Hybris).
H. Junker sieht das so: „Demnach verhält sich die vom Menschen tatsächlich erlangte Erkenntnis des Guten und Bösen zu der erhofften wie die bittere Enttäuschung zu der vorhergehenden Illusion.“[30]
[Bearbeiten] Ikonographie, Brauchtum und Legenden
Der biblische Text spricht nur allgemein von „den Früchten“ des Baums der Erkenntnis, scheint bei diesem aber am ehesten an einen Feigenbaum zu denken (vgl. Gen 3,7 EU). Während die Frucht in frühjüdischen Apokalypsen die Weintraube ist[31], stellt die christliche Kunst des späten Mittelalters den Baum jedoch meist als Apfelbaum dar, möglicherweise wegen des Wortspiels, das sich in der lateinischen Bibelübersetzung (Vulgata) zwischen mālum (= Apfel) bzw. mālus (= Apfelbaum) und malum (= das Böse) ergibt.
Nach volkstümlich-legendarischer Vorstellung sei Adam nach dem Biss in die verbotene Frucht ein Stück davon „im Halse stecken geblieben“, weswegen der Schildknorpel am Kehlkopf bei Männern auch „Adamsapfel“ genannt wird.
Auch der Brauch, am Heiligen Abend, der liturgisch dem Gedächtnis der Stammeltern Adam und Eva gewidmet ist, den Weihnachtsbaum mit Äpfeln zu schmücken[32], erinnert an den Genuss der verbotenen Früchte vom Baum der Erkenntnis („Sündenfall“) durch den „alten Adam“, von dessen Folgen („Erbsünde“) die Menschheit durch den an Weihnachten geborenen „neuen Adam“ Jesus Christus erlöst worden ist.
Im apokryphen Nikodemus-Evangelium wird erzählt, als Adam im Sterben lag, habe sein Sohn Set am Paradiesestor um das Öl der Barmherzigkeit vom Baum des Lebens gebeten, damit sein Vater wieder gesund werde. Der Erzengel Michael habe dies verweigert, ihm aber einen kleinen Zweig vom Baum der Erkenntnis mitgegeben. Da bei Sets Rückkehr Adam schon gestorben war, habe Set den Zweig auf dessen Grab gepflanzt. Der Baum, der daraus wuchs, sei zum Holz des Kreuzes Jesu geworden.[33]
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Literatur
- K. W. Hälbig: Der Baum des Lebens. Kreuz und Thora in mystischer Deutung, Würzburg 2011, ISBN978-3-429-03395-8 (Print), ISBN 978-3-429-04562-3 (E-Book).
- F. Weibreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, hg. von Christian Schneider, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, bes. S. 704-731.
- W. Sandler: Der verbotene Baum des Paradieses. Was es mit dem Sündenfall auf sich hat, Kevelaer 2009, ISBN 978-3-8367-0689-6.
- J. Schabert: Genesis 1-11, in: Die neue Echter Bibel, Kommentar zum Alten Testament mit der Einheitsübersetzung, ²1985.
- H. Junker: Baum der Erkenntnis, in: Lexikon für Theologie und Kirche (²LthK), Bd. 2, Sp. 67f.
[Bearbeiten] Weblinks
[Bearbeiten] Einzelnachweise
- ↑ Marius Reiser: Wahrheit und literarische Arten der biblischen Erzählung, in: ders.: Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149412-3, S. 355-371, hier S. 361.
- ↑ Marius Reiser: Wahrheit und literarische Arten der biblischen Erzählung, in: ders., Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Tübingen 2007, 355-371, ISBN 978-3-16-149412-3, S. 355-371, hier S. 365 und S. 371.
- ↑ Vgl. Kurt Flasch: Eva und Adam. Wandlungen eines Mythos. München 2004; außerdem Heinrich Krauss: Das Paradies. Eine kleine Kulturgeschichte, München 2004.
- ↑ Marius Reiser: Wahrheit und literarische Arten der biblischen Erzählung, in: ders., Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Tübingen 2007, , ISBN 978-3-16-149412-3, S. 355-371, hier S. 368f
- ↑ Marius Reiser: Wahrheit und literarische Arten der biblischen Erzählung, in: ders.: Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149412-3, S. 355-371, hier S. 371
- ↑ Marius Reiser: Wahrheit und literarische Arten der biblischen Erzählung, in: ders., Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift. Beiträge zur Geschichte der biblischen Exegese und Hermeneutik, Tübingen 2007, ISBN 978-3-16-149412-3, S. 355-371, hier S. 371 (auf S. 91 zählt Reiser die Mythen allerdings nicht zu „symbolischen Erzählungen“, sondern zu den „Gleichnissen“).
- ↑ Katechismus der Katholischen Kirche, 1993, nn. 399 und 400.
- ↑ Vgl. Ludger Schwienhorst-Schönberger, „Die Welt in Heiligkeit und Gerechtigkeit leiten“. Zur Auslegung von Gen 1,26-28 in Weish 9,1-3, in: www.bibelheute.de, Heft 4/ 2011, Thema: Schöpfung, Detailinformation, S. 1-17.
- ↑ Andreas Schüle: Die Urgeschichte (Genesis 1–11), Zürich 2009, S. 62.
- ↑ Frank Fiedeler: Yin und Yang oder: Die Absolute Polarität (Taiji), in: Peter Cornelius Mayer-Tasch (Hg.): Die Zeichen der Natur. Natursymbolik und Ganzheitserfahrung, Frankfurt u.a. 1998, S. 220.
- ↑ Frank Fiedeler: Yin und Yang oder: Die Absolute Polarität (Taiji), in: Peter Cornelius Mayer-Tasch (Hg.): Die Zeichen der Natur. Natursymbolik und Ganzheitserfahrung, Frankfurt u.a. 1998, S. 220.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S.106f.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 107f.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 47-50.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 719.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 616.
- ↑ Friedrich Weinreb: Schöpfung im Wort. Die Struktur der Bibel in jüdischer Überlieferung, Zürich ²2002, S. 895 (Sp. b).
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 709f.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 711f.
- ↑ Willibald Sandler: Der verbotene Baum des Paradieses. Was es mit dem Sündenfall auf sich hat, Kevelaer 2009, ISBN 978-3-8367-0689-6, S. 93.
- ↑ Vgl. Willibald Sandler: Der verbotene Baum des Paradieses. Was es mit dem Sündenfall auf sich hat, Kevelaer 2009, ISBN 978-3-8367-0689-6, S. 120-125: Sündenfall und Sexualität.
- ↑ Willibald Sandler: Der verbotene Baum des Paradieses. Was es mit dem Sündenfall auf sich hat, Kevelaer 2009, ISBN 978-3-8367-0689-6, S. 120f und 123. Zur 'Verwüstung' des Tempels vgl. Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel, Zürich 2010, S. 50; 106.
- ↑ Andreas Schüle: Die Urgeschichte (Genesis 1–11), Zürich 2009, S. 76.
- ↑ Willibald Sandler: Der verbotene Baum des Paradieses. Was es mit dem Sündenfall auf sich hat, Kevelaer 2009, ISBN 978-3-8367-0689-6, S. 87f.
- ↑ H. Junker: Baum der Erkenntnis, in: Lexikon für Theologie und Kirche (²LthK), Bd. 2, Sp. 67f.
- ↑ Friedrich Weinreb: Das Opfer in der Bibel. Näherkommen zu Gott, Zürich 2010, ISBN 978-3-905783-68-7, S. 713.
- ↑ H. Junker: Baum der Erkenntnis, in: Lexikon für Theologie und Kirche (²LthK), Bd. 2, Sp. 67f.
- ↑ Gottfried Bachl: Der beschädigte Eros. Frau und Mann im Christentum, Freiburg 1989, S. 78.
- ↑ Johannes Paul II.: Mann und Frau schuf er. Grundfragen menschlicher Sexualität, München 1981, S. 18.
- ↑ H. Junker: Baum der Erkenntnis, in: Lexikon für Theologie und Kirche (²LthK), Bd. 2, Sp. 67f.
- ↑ Vgl. ApkAbr 23,4; 2Bar (grBar) 4,8.
- ↑ Weihnachtsbaum, Geschichte
- ↑ http://www.heiligenlexikon.de/BiographienA/Adam.htm