Beatrice di Tenda

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Werkdaten
Titel: Beatrice di Tenda
Originaltitel: Beatrice di Tenda
Form: Nummernoper
Originalsprache: italienisch
Musik: Vincenzo Bellini
Libretto: Felice Romani
Literarische Vorlage: Historische Ereignisse und ein gleichnamiges Ballett von Antonio Monticini
Uraufführung: 1833
Ort der Uraufführung: Teatro La Fenice, Venedig
Spieldauer: ca. 2 1/2 Std.
Ort und Zeit der Handlung: Das Schloss von Binasco nahe Mailand, 1418
Personen
  • Beatrice di Tenda, Filippo di Viscontis Gattin (dramatischer Koloratursopran)
  • Agnese del Maino (Mezzosopran)
  • Michele Orombello, Graf von Ventimiglia (Tenor)
  • Filippo Maria di Visconti, Herzog von Mailand (Bariton)
  • Anichino, Freund Orombellos (Tenor)
  • Rizzardo del Maino, Agneses Bruder (Tenor)
  • Gefolge Filippos, Hofdamen, Soldaten, Friedensrichter / Tribunal (Chor)

Beatrice di Tenda ist die vorletzte Oper des romantischen Belcanto-Komponisten Vincenzo Bellini. Das Libretto stammt von Felice Romani. Die Oper wurde als lyrische Tragödie (Tragedia lirica) am 16. März 1833 im Teatro La Fenice in Venedig mit der gefeierten Sopranistin Giuditta Pasta in der Titelrolle uraufgeführt.

Dramatis personae[Bearbeiten]

Rolle Stimmlage Besetzung der Uraufführung
Beatrice di Tenda Sopran Giuditta Pasta
Filippo Maria Visconti Bariton Orazio Cartegenova
Agnese del Maino Mezzosopran Anna del Serre
Orombello Tenor Alberico Curioni
Anichino Tenor Alessandro Giacchini
Rizzardo del Maino Tenor

Entstehung[Bearbeiten]

Bellini wünschte sich ein Libretto nach einem Ballett von Antonio Monticini (Beatrice di Tenda), das er 1832 in Mailand gesehen hatte. Felice Romani verfasste das Libretto innerhalb eines Monats. Zwei Monate vor der geplanten Premiere hatte Romani erst das Duett von Agnese und Orombello und die Cavatina von Beatrice fertiggestellt. Bellini fürchtete nach seinen großen Erfolgen mit Norma und La sonnambula (beides 1831) ein Fiasko wie mit Zaira, die ebenfalls in großer Eile geschrieben wurde.

Handlung[Bearbeiten]

1. Akt: Im Schloss Binasco treffen die Höflinge auf Filippo Maria Visconti, Herzog von Mailand. Visconti gesteht, dass er in Agnese del Maino verliebt und deshalb seiner Frau Beatrice überdrüssig sei. Die Höflinge bestärken Visconti. Agnese singt von ihrer Liebe zu Orombello, dieser kommt in ihre Gemächer. Agnese muss aber erfahren, dass Orombello nicht sie, sondern Beatrice liebt. Sie schwört Rache. Beatrice klagt im Schlossgarten das Verhalten ihres Mannes an. Visconti kommt in den Garten und bezichtigt sie der Untreue und des Versuchs der Rebellion. Als Beweis führt er aus Beatrices Zimmer entwendete Briefe Orombellos und Unterlagen über aufständische Untertanen an. Neben einer Statue ihres ersten Mannes, Facino Cane de Casale, beschwört Beatrice dessen Geist. Orombello tritt auf und bittet Beatrice, mit ihm vor Visconti zu fliehen. Er gesteht ihr seine Liebe, Beatrice weist ihn jedoch zurück. Visconti, Agnese und die Höflinge überraschen Orombello, während er zu Beatrices Füssen kniet. Visconti glaubt nun, den endgültigen Beweis für Beatrices Untreue gefunden zu haben. Er lässt Beatrice und Orombello in den Kerker werfen.

2. Akt: Unter Folter hat Orombello gestanden, ein Verhältnis mit Beatrice zu haben. Im Innenhof des Schlosses wird eine Gerichtsverhandlung vorbereitet. Orombello wird vor das Tribunal gebracht. Vor Beatrice widerruft er sein Geständnis, dennoch beschließt das Tribunal, die beiden zurück in den Kerker zu bringen. Visconti gesteht seine Liebe zu Agnese und seine Zweifel, das Todesurteil zu unterzeichnen. Da wird ihm jedoch die Nachricht überbracht, dass das Schloss kurz vor der Belagerung durch die früheren Truppen Facino Canes steht. Er unterschreibt das Todesurteil. Beatrice verlässt das Gefängnis und sagt stolz, dass sie der Folter widerstehen konnte. Agnese tritt ein und gesteht Beatrice, dass sie die Intrige aus Eifersucht eingefädelt habe. Die zum Tode verurteilte Beatrice vergibt der ganzen Versammlung und bittet, nicht für sich, sondern für diejenigen, die sie zurücklässt, zu beten.

Ort und Zeit[Bearbeiten]

Die Oper spielt zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf der real existierenden Burg Binasco im Umland von Mailand. Andere Herrschaftsgebiete der Viscontis kommen nicht vor, die Handlung findet nur auf der Burg statt. Dabei ändert der Schauplatz innerhalb der Burg von der Wohnung Agneses (1.Akt, 2. Szene), in den Garten (1. Akt, 3. Szene) und in den Keller der Burg / ins Vestibül vor den Gefängnissen (2. Akt, 2. Szene). Auch die Gerichtsverhandlung mit dem Auftritt des Chors als Versammlung des Tribunals findet in der Burg statt. Der Ort wird zwar im Libretto erwähnt, dem Zuschauer aber nicht mitgeteilt.

Die Handlung der Oper erstreckt sich nur ungefähr über zwei bis drei Tage, von der Bekanntmachung Viscontis, dass er nicht mehr mit Beatrice verheiratet sein möchte, bis zu Beatrices Hinrichtung. Allerdings lässt sich eine genaue zeitliche Einordnung durch das Libretto nicht vornehmen.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Beatrice di Tenda, Herzogin von Mailand (1372–1418)

Die Burg Binasco. Hier wurde 1418 Beatrice di Tenda enthauptet.

Beatrice, Tochter des Wilhelm Lascaris di Ventimiglia, Graf von Tenda, dessen ligurische Familie in weiblicher Linie von dem abgesetzten byzantinischen Kaiserhaus der Laskariden abstammte, heiratete zwischen 1395 und 1398 den Condottiere Facino Cane de Casale, der sie an seinen politischen Entscheidungen beteiligen ließ. Nach seinem Tod 1412 ehelichte sie als Vierzigjährige den damals zwanzigjährigen Herzog Filippo Maria Visconti. Durch diese Heirat konnte Beatrice die Gebiete ihres verstorbenen Gatten behalten, Visconti seinerseits konnte über Canes Truppen verfügen, um seine Herrschaft zurückzugewinnen. Zu Beginn der Ehe übte Beatrice einen gewissen Einfluss auf Visconti auf, der ihr zahlreiche Städte, Besitzungen und Burgen unterstellte. Die Beziehung verschlechterte sich allerdings 1418, auf dem Höhepunkt der Krise wurde Beatrice unter dem Vorwurf des Ehebruchs mit Michele Orombelli verhaftet und auf der Burg Binasco enthauptet.

Filippo Maria Visconti, dritter Herzog von Mailand (1392–1447)

Herzog Filippo Maria Visconti auf einer Medaille Pisanellos

Nach dem Tod des Vaters 1402 erbte er den Titel und Ländereien. Heftige Fraktionskämpfe schwächten seine Herrschaft und beschleunigten die Aufsplitterung seines Herrschaftsgebietes. Nach der Ermordung seines Bruders Giovanni Maria Visconti heiratete er auf Vorschlag seiner Ratgeber Beatrice di Tenda. Durch die Verbindung erlangte er zusätzliche Ländereien, Reichtum, aber vor allem ein starkes Söldnerheer. Nach der Enthauptung von Beatrice konnte Visconti die Verbindung zum Herzog von Savoyen durch eine wohl nie vollzogene Ehe mit dessen Tochter Maria stärken und somit die Folgen seiner schweren Niederlage bei Maclodio mildern (11. Oktober 1427). In den letzten Regierungsjahren trieb Viscontis unbesonnenes Vorgehen ihn in die politische Isolation, so dass Venedig die Gebiete der Viscontis systematisch erobern konnte. Visconti vererbte das Herzogtum 1446 an seinen Schwiegersohn, der mit seiner legitimierten natürlichen Tochter Bianca Maria (von seiner Geliebten Agnese de Maino) verheiratet war.

Nur die beiden Hauptcharaktere der Oper sind historisch belegt. Der Name Agnese de Maino kommt in den Quellen vor, jedoch nur im Zusammenhang mit einer Mätresse Viscontis, Näheres ist nicht bekannt.

Das Libretto von Felice Romani orientiert sich aber kaum an einer historischen Quelle. Es entstand auf Anregung Bellinis, welcher 1832 in Mailand ein gleichnamiges Ballett gesehen hatte. Dazu kommt, dass sich das Libretto auch an weitere zeitgenössische Opern oder Theater anlehnt. Das Libretto lässt sich also als Adaption eines schon viel rezipierten und inszenierten Stoffes lesen. Verschiedene Motive, die in der Oper auftauchen, sind auch in anderen zeitgenössischen Opern zu finden.

Dramaturgie[Bearbeiten]

Auffallend ist, dass die hierarchischen Strukturen in 'Beatrice di Tenda' gewissermaßen zweigeteilt sind. Auf der realpolitischen Ebene beherrscht Filippo Maria Visconti sämtliche anderen Figuren der Oper, er hat die absolute Befehlsgewalt, sowohl über seine Gefolgschaft, als auch über seine Frau. Beatrice, Orombello und Agnese scheinen sich etwa auf derselben Hierarchiestufe zu befinden. Auf der moralischen Ebene ist jedoch Beatrice di Tenda um einiges höher gestellt als ihr Ehemann.

Grundkonflikte

Beatrice di Tenda vs. Filippo Maria Visconti

Die Abhängigkeit Viscontis gegenüber seiner zwanzig Jahre älteren Ehefrau, welcher er die Wiedererlangung seiner Ländereien, Truppen und somit sein Leben im adligen Stand verdankt, ist einer der Grundkonflikte zwischen den zwei Protagonisten. Visconti verwehrt Beatrice die Dankbarkeit für die Vorteile, welche er aus der Eheschließung zieht. Dazu kommt Viscontis Liebe zu Agnese, von welcher Beatrice aber nichts weiß.

Beatrice di Tenda vs. Agnese di Maino

Agnese empfindet in der zweiten Szene des ersten Aktes eine Schmach, als sie die Liebeserklärung Orombellos als an sie gerichtet interpretiert. Tatsächlich liebt Orombello Beatrice. Agnese fädelt darauf eine Intrige gegen Beatrice und Orombello ein und paktiert mit Visconti. In der letzten Szene gesteht Agnese Beatrice ihr Vergehen und bittet sie um Verzeihung. Die edle Beatrice gewährt ihr die Verzeihung.

Filippo Maria Visconti vs. Orombello

Nachdem Visconti erfährt, dass Orombello einen politischen Aufstand gegen Visconti angezettelt hat, um mit Beatrice fliehen zu können, steckt er ihn ins Gefängnis und lässt ihn foltern, bis er gesteht, mit Beatrice eine Affäre gehabt zu haben.

Gesellschaftsordnung

Zwischen dem unbenannten „Volk“ und den Adligen (Filippo und Beatrice) gibt es eine Reihe von „Zwischenfiguren“, welche nicht der adligen Schicht zugeordnet werden können, trotzdem aber wichtige Entscheidungen mitbestimmen können. Agnese di Maino und Michele Orombello sind wahrscheinlich nicht adlig (im Libretto wird der Stand nicht erwähnt, eine adlige Familie der Mainos und Orombellos lässt sich in den Quellen des 15. Jahrhunderts nicht finden), haben aber einen großen Einfluss auf Beatrice und Filippo und somit auf den Handlungsverlauf.

Beatrice di Tenda und Filippo Maria Visconti stehen aufgrund ihrer adligen Herkunft eindeutig über Agnese di Maino und Orombello und im obersten Rang der Gesellschaftsordnung. Auch wenn beide, Beatrice und Filippo, eigentlich in dieselbe Kategorie eingeteilt werden könnten, ist es dennoch Filippo, bei dem die endgültige Entscheidungsgewalt liegt. Beatrice erbte zwar von ihrem verstorbenen Ehemann die Herrschaft, wodurch sie vor der Heirat mit Filippo diesem quasi überlegen war. Durch die Heirat wird sie Filippo aber wieder untergeordnet. Auch wenn die Ehepartner gegenseitig voneinander abhängig sind, ist das Machtverhältnis dennoch nicht ausgeglichen. Filippo kann seine Ehefrau verhaften und köpfen lassen.

Rezeption[Bearbeiten]

Die Premiere musste kurzfristig zehn Tage nach hinten verschoben werden. Wie befürchtet kam die Oper beim Publikum, welches große Erwartungen hegte, nicht gut an. Sowohl vor als auch nach der ersten Inszenierung wurde die Oper in den Zeitungen negativ thematisiert. Obwohl die Uraufführung von 1833 kein Erfolg war, wurde sie in den Jahren darauf auf verschiedenen Bühnen in Italien, später auch in anderen Teilen Europas und in den USA aufgeführt, bevor sie in Vergessenheit geriet. Erst 1959, zum 100. Todestag Bellinis, wurde die Oper wieder inszeniert und von da an auch wieder häufiger gespielt.

Aufnahmen[Bearbeiten]

Jahr Besetzung
(Beatrice,
Orombello,
Agnese,
Filippo)
Dirigent,
Opernhaus und Orchester
Label
1966 Joan Sutherland,
Luciano Pavarotti,
Josephine Veasey,
Cornelius Opthof
Richard Bonynge,
London Symphony Orchestra, Ambrosian Opera Chorus
Audio CD: Decca
Cat: 433 706-2
1986 Mariana Nicolesco,
Vincenzo La Scola,
Stefania Toczyska,
Piero Cappuccilli
Alberto Zedda,
Monte Carlo Orchester und Prague Philharmonie Chor
Audio CD: Sony
Cat: SM3K 64539
1987 June Anderson,
Don Bernardini,
Elena Zilio,
Armando Ariostini
Gianfranco Masini,
La Fenice Orchester und Chor
(Liveaufnahme; Quelle und Dirigent zweifelhaft)
Audio CD: Opera d'Oro
Cat: OPD-1174
1992 Lucia Aliberti,
Martin Thompson,
Camille Capasso,
Paolo Gavenelli
Fabio Luisi,
Deutsche Oper Berlin Chor und Orchester
Audio CD: Berlin Classics
Cat: 0010422BC
1992 Edita Gruberova,
Don Bernardini,
Vesselina Kasarova,
Igor Mozorov
Pinchas Steinberg
ORF Symphony Orchestra, Wiener Kinderchor
Audio CD: Nightingale Classics
Cat: NC 070560-2
2002 Edita Gruberova,
Raúl Hernández,
Stefania Kaluza,
Michael Volle
Marcello Viotti
Opernhaus Zürich Orchester und Chor
DVD: TDK
Cat: DVOPBDT

Literatur[Bearbeiten]

  • Joseph A. Boromé: Bellini and ‘Beatrice di Tenda’. In: Music and Letters, Vol. 42, Oxford 1961, S. 319ff.
  • Charles S. Brauner: Textual Problems in Bellini’s Norma and Beatrice di Tenda. In: Journal of the American Musicological Society, 1976.
  • Carl Dahlhaus, Sieghard Döhring (Hrsg.): Bellini – Beatrice di Tenda. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Oper, Operette, Musical, Ballett. Band 1, München / Zürich 1986–1997, S. 254–257.
  • Pier Candido Decembrio: Leben des Filippo Maria Visconti und Taten des Francesco Forza. In: Marie Herzfeld (Hrsg.): Das Zeitalter der Renaissance. Ausgewählte Quellen zur Geschichte der italienischen Kultur, 1. Serie, Band 7, Jena 1913.

Weblinks[Bearbeiten]