Bedingtes Entstehen

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Das bedingte Entstehen oder Entstehen in Abhängigkeit (skt. pratītya-samutpāda; pi. paṭicca-samuppāda; chinesisch 緣起Pinyin yuánqǐ, W.-G. yüan-ch'i; jap. 縁起, engi; hgl. 연기, yeongi; tib. rten cing 'brel bar 'byung ba; viet. duyên khởi) gilt im Buddhismus als ein vom Buddha entdecktes Gesetz. Es erklärt, wie es zur leidhaften Kette der Wiedergeburten kommt und wie sie aufzuheben ist. Da das "bedingte Zusammen-Entstehen" durch zwölf Glieder beschrieben ist, wird es auch die Zwölfgliedrige Kette des Bedingten Entstehens genannt (skt. dvādaśa-nidāna, dvādaśâṅgaḥ pratītya-samutpādaḥ, dvādaśa-pratītya-samutpāda; chinesisch 十二因緣Pinyin shíèr yīnyuán, W.-G. shih-erh yin-yüan; jap. 十二因縁, jūni innen; hgl. 십이인연, sibi inyeon; tib. rten `brel yan lag bcu gnyis; viet. thập nhị nhân duyên).

Textstelle aus dem Pali-Kanon[Bearbeiten]

"Zu jener Zeit weilte der Erhabene am Fuße des Bodhi Baumes in Uruvelá am Ufer des Flusses Nerañjara, gerade eben vollkommen erwacht. So saß der Erhabene am Fuße des Bodhi Baumes sieben Tage mit verschränkten Beinen, das Glück der Befreiung (pi.vimutti-sukha-paṭisaṃvedī) erfahrend.

Am Beginn des ersten Nachtabschnittes durchdachte der Erhabene im Geiste vorwärts und rückwärts die Kette des bedingten Entstehens: Es entsteht in Abhängigkeit von: Unwissen Formationen, von Formationen Bewusstsein, von Bewusstsein Geistigkeit und Körperlichkeit, von Geistigkeit und Körperlichkeit die sechs Sinnestore, von den sechs Sinnestoren Kontakt, von Kontakt Empfindung, von Empfindung Begehren, von Begehren Anhaften, von Anhaften gewohnheitsmäßige Tendenzen, von gewohnheitsmäßigen Tendenzen Geburt, von Geburt Alter, Tod, Kummer, Jammer, Schmerz, Leid und Verzweiflung. In dieser Weise entsteht diese ganze Masse von Leid. Durch die restlose Auflösung und Vernichtung der Unwissenheit lösen sich die Formationen auf, durch die Auflösung der Formationen löst sich das Bewusstsein auf, durch die Auflösung des Bewusstseins lösen sich Geistigkeit und Körperlichkeit auf, durch die Auflösung von Geistigkeit und Körperlichkeit lösen sich die sechs Sinnestore auf, durch die Auflösung der sechs Sinnestore löst sich der Kontakt auf, durch die Auflösung des Kontakts löst sich Empfindung auf, durch die Auflösung der Empfindung löst sich das Begehren auf, durch die Auflösung des Begehrens löst sich das Anhaften auf, durch die Auflösung des Anhaftens lösen sich die gewohnheitsmäßigen Tendenzen auf, durch die Auflösung der gewohnheitsmäßigen Tendenzen löst sich die Geburt auf, durch die Auflösung der Geburt lösen sich Alter, Tod, Kummer, Jammer, Schmerz, Leid und Verzweiflung auf. In dieser Weise vergeht die ganze Masse von Leid.

Da also der Erhabene diesen Sachverhalt erkannt hatte, sprach er zu jener Zeit diesen Satz:

Wenn bei einem Eifrigen, Meditierenden, Edlen wirklich die Wahrheit entsteht, dann schwinden ihm die Zweifel alle, denn er schaut das Gesetz der Bedingtheit."[1]

Die zwölfgliedrige Kette des Bedingten Entstehens[Bearbeiten]

Die zwölfgliedrige Kette, bei der das Nachfolgende immer abhängig vom Vorhergehenden entsteht, hier in ihrer einfachsten und häufigsten Form:

  1. Nichtwissen, Unwissen, Ignoranz (skt. avidyā, pi. avijjā). Bezieht sich auf die Unwissenheit von den Vier Edlen Wahrheiten und des unpersönlichen Vorgangs der Bedingten Entstehung. Daraus entstehen die
  2. Bildungen/Gestaltungen/Formationen/Vorbereitung, Tatabsicht (skt. sanskāra, pi. sankhāra). Zusammen mit dem Nichtwissen (avidya) Erzeuger des Karma. Die Gestaltungen werden auch karmische Formationskräfte genannt. Sie können heilsam (skt. kuśala, pi. kusala), nicht heilsam (skt. akuśala, pi. akusala) oder weder-heilsam-noch-nicht-heilsam sein. Der Sanskāra bildet die Grundlage für das
  3. Bewusstsein (skt. vijñāna, pi. viññana), welches das Potential für eine erneute Identifikation birgt.
  4. Geistigkeit und Körperlichkeit (skt., pi. nāmarūpa) sind alles, was das Geistige und Körperliche eines Neugeborenen bildet. Geist und Körper entstehen bedingt zusammen.
  5. Sechs Sinnestore,(skt. salāyatana, pi. salāyatana), das sind Augen(Sehen), Ohren(Hören), Nase(Riechen), Zunge(Schmecken), Körper(Tasten) und Geist(Denken).
  6. Kontakt (skt. sparśa, pi. phassa). Abhängig vom Sinnesorgan/Geist und Sinnesobjekten/Geistobjekten entsteht Objektbewusstsein, das Zusammentreffen der drei ist Kontakt. Bsp.: Auge + Form&Farbe + Augen-Bewusstsein=Augen-Kontakt[2]. Durch Kontakt entsteht
  7. Empfindung (skt., pi. vedanā). Drei Arten von Empfindung: 1. angenehm, 2. unangenehm, 3. weder-angenehm-noch-unangenehm. Aus der Empfindung entsteht
  8. Begehren, Verlangen (skt. tanhā, pi. tanhā). Es ist das Verlangen nach Sein, nach Werden, nach Identifikation; der 'Ich-will-' oder 'Ich-will-nicht'-Geist. Aufgrund des Verlangens entsteht
  9. Anhaften, Denken, Ergreifen, Identifizieren (skt., pi. upādāna). Die Geschichte des 'Warum' des Begehrens, des ausprägenden Bewusstseins von "Ich und Mein", sämtlichen Gedanken, Ideen, Konzepten und Vorstellungen. Dies führt zu den
  10. Werdeprozess / gewohnheitsmäßige Tendenzen (skt., pi. bhava), sowohl karmische Handlungen (kamma-bhava) als auch deren Wirkungen (upapatti-bhava) - häufig mit '(Da-)Sein' übersetzt. Ein persönliches 'Archiv' gewohnheitsmäßiger Re-Aktionen. Diese führen zur
  11. Geburt (skt., pi. jāti) einer Handlung. Diese kann gedanklich, verbal oder körperlich sein. Oder: Geburt in einer neuen Existenz (Wiedergeburt) [3]. Aufgrund von Geburt gibt es
  12. Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Leid, Betrübnis und Verzweiflung (skt. jarāmaranaśokaparidevaduḥkhadaurmanasyopāyāsāḥ, pi. jarāmāranaṃ sokaparidevadukkhadomanassupāyāsā).

Das Erkennen des Bedingten Zusammen-Entstehens war laut Pali-Kanon das Ergebnis der meditativen Praxis des historischen Buddha und bildet, zusammen mit den Vier Edlen Wahrheiten die zentrale buddhistischen Lehraussage. Die Einsicht in diese Gesetzmäßigkeit bedeutete für den historischen Buddha das Erwachen (skt., pi. bodhi), seine Befreiung (skt. vimukti, pi. vimutti). Sie erklärt den Werdeprozess des Menschen, ohne auf Vorstellungen eines Schöpfers oder eines ewigen Selbst zurückzugreifen.

Man kann diese zwölfgliedrige Kette des bedingten Entstehens unter verschiedenen Aspekten analysieren. Zeitlich: Die Glieder 1-2 gehören dem vorangegangenen Leben, während die Glieder 3-10 die Bedingungen (3-7) und Früchte (8-10) des aktuellen Lebens darstellen. 11-12 gehören zum zukünftigen Leben. Damit wird der Daseinskreislauf (samsāra) erklärt. Funktional: Die Glieder 2-3 sind Potentiale, die Glieder 4-7 unpersönliche Eigenschaften des physischen Körpers und des Geistes eines jeden fühlenden Wesens, 8-11 sind die persönlichen Aspekte. Jedes Glied ist gleichzeitig bedingt durch die vorhergehenden und selber wiederum Bedingungen für die folgenden Glieder.

Während der Buddha in den frühen Lehrreden des Pali-Kanon auf das Verlangen bzw. den "Durst" (pi. tanha) als Ursache für das Sich-Verstricken im Kreislauf der Wiedergeburten hinweist, betont er dort später das Nichtwissen (pi. avijjā) als Ursache, so dass es für ihn zwei, sich gegenseitig bedingende Ursachen des Leidens gibt. Die zwölfgliedrige Ursachenkette vereint dementsprechend die beiden (letzten) Leidensursachen in einem Konzept.

Die Beschreibungen des Theravada- und des Mahāyāna-Buddhismus decken sich weitgehend aber nicht vollständig. Während für den Theravada im Bedingten-Zusammen-Entstehen das Nichtselbst der Dhammas (Bewusstseinsmomente) dargestellt wird, möchte der Mahāyāna damit auf die Leerheit aller Phänomene hinweisen, was aber nur eine andere Begrifflichkeit ist. Die Mādhyamikas, "Vertreter der Lehre von der Mitte", setzen die zwölfgliedrige Kette des bedingten Entstehens deshalb insgesamt mit Leerheit (skt. śūnyatā) gleich.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.palikanon.com/vinaya/mahavagga/ Mahāvagga, I. Die grosse Abteilung, 1. Kapitel: Die Erwachung
  2. http://www.palikanon.com/majjhima/zumwinkel/m148z.html
  3. http://www.palikanon.de/wtb/paticcasamuppada.html

Quellen[Bearbeiten]

  • Erich Frauwallner: Geschichte der indischen Philosophie. I. II. (S. 197f.), Salzburg 1953, 1956.

Literatur[Bearbeiten]

  • Der Buddha: Samyutta Nikaya, Gruppierte Sammlung. Verlag Beyerlein & Steinschulte 2007. ISBN 978-3-931095-16-1
  • Nyanatiloka (Übers.). Handbuch der buddhistischen Philosophie. Abhidhammattha-Sangaha. Kapitel 8: Kompendium der Bedingungen. Jhana Verlag, Uttenbühl, 1995, ISBN 3-931274-00-4
  • Khensur Jampa Tegchok: Leerheit und Abhängiges Entstehen. Die Essenz der buddhistischen Philosophie. Diamant Verlag, München 2004, ISBN 3-9807572-7-7
  • Erich Frauwallner: Philosophie des Buddhismus. 4. Auflage, Akademie Verlag, Berlin 1994
  • P.A. Payutto: Dependent Origination – The Buddhist Law of Conditionality. Buddhadamma Foundation, Bangkok 1994-1999, ISBN 974-89148-2-8
  • Ñānavīra Thera: Notizen zu Dhamma und andere Schriften. Aus dem Englischen übersetzt von Bhikkhu Mettiko. Verlag Beyerlein & Steinschulte 2007, ISBN 978-3-931095-63-5
  • Samanera Bodhesako: Veränderung - erlebte Vergänglichkeit im Lichte der Buddhalehre, in: Die Fährte der Wahrheit - Drei buddhistische Essays. Aus dem Englischen übersetzt von Kay Zumwinkel, Jhana Verlag 2001, ISBN 3-931274-20-9
  • Fritz Schäfer: Realität nach der Lehre des Buddha. Beyerlein-Steinschulte Verlag 2007, ISBN 978-3-931095-60-4
  • Thānissaro Bhikkhu: "The Shape of Suffering. A Study of Dependent Co-Arising". For free distribution, 2008
  • Der XIV. Dalai Lama Tenzin Gyasto: "Die Lehre des Buddha vom Abhängigen Entstehen. Die Entstehung des Leidens und der Weg zur Befreiung." Hamburg: dharma edition, 1996, ISBN 3-927862-27-4

Weblinks[Bearbeiten]