Befindlichkeitsstörung

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Eine Befindlichkeitsstörung (umgangssprachlich auch: Unwohlsein) ist eine negative Empfindung, die rein subjektiv wahrgenommen wird und nicht notwendigerweise Krankheitswert besitzt (dafür ist auch der Begriff Befindlichkeitsbeeinträchtigung üblich). Ihr Gegenteil ist das Wohlbefinden.

Man kann die Befindlichkeitsstörung bzw. das Wohlbefinden nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation wie folgt in drei Gebiete körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens aufteilen. Im positiven Sinne wird zumeist von gutem Allgemeinbefinden auch ohne diese Differenzierung in verschiedene Bereiche gesprochen. Im negativen Sinne wird von schlechtem Allgemeinbefinden gesprochen, wenn sich infolge einer Krankheit oder Behinderung allgemeine Abwehrreaktionen des Körpers einstellen und/oder die Funktionsbereitschaft des Gesamtorganismus sich verringert. Dies kann z. B. bei Gewichtsabnahme, Fieber oder Immunabwehr und bei körperlicher oder psychischer Erschöpfung eintreten. Hierdurch werden die Funktionen des Gesamtorganismus bzw. die allgemeine körperliche Anpassung und die Funktionsreserven eingeschränkt. Mit schlechtem Allgemeinbefinden ist auch eine individuelle Disharmonie der körperlichen, seelischen und sozialen Integration gemeint, siehe auch Weblinks.[1]

Körperliche Befindlichkeitsstörung[Bearbeiten]

Die körperliche Befindlichkeitsstörung kann aufgrund einer Krankheit, Behinderung oder gesundheitlicher Beeinträchtigung (z. B. Konzentrationsstörungen, Kater, Hunger und Durst) bestehen. Viele Krankheiten können sich mit Befindlichkeitsstörungen ankündigen. Des Weiteren sind Zustände wie Klimawechsel und Wetterumschwünge als Folge einer Wetterfühligkeit Gründe für eine Befindlichkeitsstörung. Die Absorption toxiner Wirkstoffe vom Körper kann ebenfalls zu Befindlichkeitsstörungen führen, ein weit verbreiteter S-Satz lautet: „Bei Unfall oder Unwohlsein sofort Arzt hinzuziehen (wenn möglich, dieses Etikett vorzeigen).“ Auch Umwelteinflüsse können diese auslösen, z. B. Gerüche oder Ekel. Auch Menstruationsbeschwerden oder Beschwerden der Pubertät und Menopause (Wechselbeschwerden) äußern sich in Störung der Befindlichkeit.

Symptome, in denen sich Befindlichkeitsstörung äußert, sind zum Beispiel Müdigkeit, Schwindel oder Erbrechen, einem „flauen Gefühl in der Magengegend“, trockene Schleimhäute, oder andere Symptomen, die unter Unwohlsein und Ermüdung (Symptomkomplex R53 nach ICD-10) zusammengefasst werden.

Psychische Befindlichkeitsstörung[Bearbeiten]

Diese Befindlichkeitsstörung besteht auf Grund einer negativen Empfindung im psychischen Bereich.

Ursachen sind u. a. widrige Lebensumstände wie lang anhaltender Stress oder überfällige Erholung.

Es kann sein, dass sich der Betroffene missmutig gibt oder auf lange Sicht hierdurch eine psychische Krankheit wie zum Beispiel die Schlaflosigkeit oder den Alkoholismus erleidet.

Das psychische Unwohlsein kann schließlich in Verzweiflung münden.

Soziale Befindlichkeitsstörung[Bearbeiten]

In der sozialen Interaktion kann bei einzelnen Mitgliedern einer Gemeinschaft eine Befindlichkeitsstörung entstehen, wenn deren soziale Rolle von außen oder von innen her gestört ist (vgl. zum Beispiel unerwünschter Körperkontakt (Gedrängel); Mobbing oder Isolation).

Theoretische Konzepte[Bearbeiten]

Empirische Ergebnisse bezüglich der Beschwerdenbereiche[Bearbeiten]

Die Erfassung von Befindlichkeitsstörungen erfolgt in der Praxis durch sogenannte Beschwerdenfragebogen. Dabei handelt es sich um erlebte Beeinträchtigungen körperlicher und/oder psychischer Funktionen. Die Untergliederung der Beschwerdenbereiche erfolgte vor allem mittels der Methode der Faktorenanalyse, die einzelnen Analysen zeigen gut übereinstimmende Ergebnisse. Viele Beschwerdenerfassungsverfahren folgen einer hierarchischen Gliederung, für die Erfassung werden unterschiedliche Differenzierungsniveaus verwendet.[2][3][4][5][6][7][8][9]

  • Allgemeines Beschwerdenniveau (wird psychodiagnostisch in Beschwerdefragebogen auch als Screening für das Vorliegen psychischer Störungen verwendet).
    • Körperliche versus psychische Beschwerden
    • Spezifische körperliche Beschwerden - unspezifische Befindlichkeitsbeeinträchtigungen - Spezifisch Psychische Beschwerden
      • Einzelne Beschwerdenbereiche
        • Verdauung, Herz-Kreislauf, Sensibilitätsstörungen, Schlafbeschwerden (spezifisch körperlich)
        • Erschöpfung, Erregung, Leistungsinsuffizienz, Selbstwertminderung (unspezifisch)
        • Ängste, Zwänge, Beschwerden in der sozialen Kommunikation (spezifisch psychisch)

Psychoanalytische Theorie[Bearbeiten]

Nach psychoanalytischen Theorien sind vorübergehende Befindlichkeitsstörungen in der frühesten Phase der Entwicklung für die Bildung des kindlichen Selbsts verantwortlich. Diese Entwicklung erfolgt während der narzisstischen oder oralen Entwicklungsphase in der Regel über eine symbolische Besetzung des inneren Mutterbildes (Imago). Das sog. ›gute und das schlechte Mutterbild‹ dienen als Ausgangspunkt zur beginnenden Selbstwahrnehmung. Das symbolisch besetzte Mutterbild erfährt eine Differenzierung an Bedeutungen (Situationskreis). Als ursprünglichste Phase der frühkindlichen Entwicklung wird eine Verschmelzung des kindlichen Selbsts mit dem der Mutter angenommen (primärer Narzissmus). Gefühle des ›Sich-schlecht-Befindens‹ des Kindes werden daher zunächst mit der Vorstellung der ›bösen Mutter‹ verbunden bzw. assoziiert. Negative kindliche Gefühle der Befindlichkeit tragen aber auch zur Spaltung des mit der Mutter verschmolzenen frühkindlichen Selbstbewusstseins bei (Subjekt-Objekt-Spaltung). Solche Gefühle fordern die beginnenden eigenen Fähigkeiten des Kindes heraus, die aufgrund fortschreitender physiologischer Reifungsvorgänge des Gehirns in Gang gesetzt werden (Handlungsschema). Durch diese zunehmende Abspaltung entstehen eigene Selbstanteile in der Vorstellungswelt des Kindes.[10]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Böcker, W. und H. Denk, Ph. U. Heitz: Pathologie. Elsevier - Urban & Fischer 3 April 2004, ISBN 3-437-42381-9, Seite 5 f.
  2. Allgemeine Übersicht beim ZTD Fribourg
  3. Brähler, E., Hinz, E. & Scheer, J.W. (2008). GBB-24. Der Gießener Beschwerdebogen. Manual (3., überarbeitete und neu normierte Auflage). Bern: Verlag Hans Huber.
  4. Derogatis, L.R., Lipman, R.S. & Covi, L. (1973). SCL-90: An outpatient psychiatric rating scale - prelimary report. Psychopharmacology Bulletin, 9, 13-28.
  5. Fahrenberg, J. (1994). Die Freiburger Beschwerdenliste (FBL). Form FBL-G und revidierte Form FBL-R. Handanweisung. Göttingen: Hogrefe.
  6. Franke, G.H. (1992). Eine weitere Überprüfung der Symptom-Checkliste (SCL-90-R) als Forschungsinstrument. Diagnostica, 38, 160-167
  7. Hänsgen, K.-D. (1991). Berliner Verfahren zur Neurosendiagnostik BVND (2., erweiterte und neu bearbeitete Auflage). Göttingen: Hogrefe.
  8. Kasielke, E. & Hänsgen, K.-D. (1987). Beschwerden-Erfassungsbogen - BEB. Handanweisung (2. veränderte Auflage). Berlin: Psychodiagnostisches Zentrum.
  9. Zerssen, D. v. (1976). Die Beschwerden-Liste - Manual. Weinheim: Beltz Test GmbH.
  10. Loch, Wolfgang: Zur Theorie, Technik und Therapie der Psychoanalyse. S.Fischer Conditio humana (hrsg. von Thure von Uexküll & Ilse Grubrich-Simitis 1972), ISBN 3-10-844801-3, Seite 28 ff.
  11. Kempcke, Günter: Wörterbuch - Deutsch als Fremdsprache. De Gruyter, Berlin, 2000, ISBN 978-3-11-014639-4, Seiten 113, 710
  12. Dickhuth, H.-H. et al.: Sportmedizin für Ärzte. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln, 2007, ISBN 978-3-7691-0472-1, Seite 195
  13. Wiel, Joseph: Abhandlung über die Krankheiten des Magens. Verlag Ludwig Magg 1868, Seite 17
Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!