Beim Bau der Chinesischen Mauer

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Beim Bau der Chinesischen Mauer ist eine fragmentarische Erzählung von Franz Kafka, die 1917 entstand und postum veröffentlicht wurde. Sie schildert die Hinwendung des kollektiven Volkes an den Bau der Großen Mauer und deren Mystifizierung. Außerdem werden eine fast allwissende Führerschaft und ein sehr fernes Kaisertum skizziert.

Eingebettet in diese Erzählung ist eine Parabel, die, als Eine kaiserliche Botschaft bezeichnet, eine eigenständige Geschichte darstellt und im Rahmen des Bandes Ein Landarzt veröffentlicht wurde.

Unter dem Titel Beim Bau der chinesischen Mauer hat Kafkas Freund Max Brod 1931 den ersten Band von Kafkas Prosa aus dem Nachlass herausgegeben.[1]

Inhalt[Bearbeiten]

Der Mauerbau[Bearbeiten]

Ein Erzähler, der Baumeister und Völkergeschichtler in einem zu sein scheint, erläutert das System des Mauerbaues in Teilschritten. Verstreut über die gesamte Grenze werden jeweils zwei Teile aufeinander zu gebaut. Nach deren Vereinigung ziehen die Bauenden weiter und errichten weit entfernt ein neues Teilstück. Dieses Vorgehen begründet er sozusagen arbeitspsychologisch. Ein anderes Vorgehen hätte die Bauenden überfordert. Das ganze Volk – sogar die kleinsten Kinder – wurden auf den Mauerbau jahrzehntelang eingestimmt. Für die Bauenden ist die Arbeit an der Mauer keine bloße Pflicht, sondern ein volksverbindendes Bedürfnis. Es geht um viel mehr als die Errichtung einer bautechnischen Anlage. Ein Gelehrter propagiert sogar, den Turm von Babel mit der Mauer als Fundament doch noch realisieren zu können. Aber die Mauer wird wahrscheinlich nie ganz geschlossen und erfüllt so ihre Schutzfunktion nicht vollständig.

Die Führerschaft[Bearbeiten]

Die Führerschaft des Mauerbaus ist nicht greifbar. Beispielhaft ist der Satz: „In der Stube der Führerschaft – wo sie war und wer dort saß, weiß und wusste niemand“. Man versucht die Anordnungen der Führerschaft zu verstehen, allerdings nur bis zu einem sinnverwirrenden Punkt, über den man nicht hinausgeht. Die Führerschaft scheint allwissend, es herrscht die Meinung, sie kenne jeden und wälze ungeheure Sorgen.

Das Kaisertum[Bearbeiten]

Es heißt, dass das Kaisertum zu den „allerundeutlichsten Einrichtungen“ gehört. Es ist durch die Größe des chinesischen Reiches so weit entfernt, dass man weder den gegenwärtigen Kaiser noch die zugehörige Dynastie kennt. Jede Nachricht davon an das Volk käme viel zu spät und völlig veraltet dort an, wenn überhaupt. Es geht darum, dass der sterbende Kaiser dem Untertanen eine Nachricht übermitteln möchte, aber der Bote aufgrund des riesenhaften Reiches diesen nie erreichen wird.

Textanalyse[Bearbeiten]

Hier ist ein Text, der sich zwischen Erzählung, Legende, politischer Reflexion und fiktiven Erinnerungen bewegt, ohne dass völlig klar würde, worauf der Ich-Erzähler hinaus will. Offensichtlich geht es ihm – mehr als um den Mauerbau – um die Funktion des Kaisers, der als Symbol das riesige Volk der Chinesen zusammenhält; freilich ohne Verständigung zwischen Oben und Unten, die selbst dann nicht funktioniert, wenn sie ausnahmsweise von „oben“ gewollt ist.[2]

Textbeschreibung und Deutungsansätze[Bearbeiten]

Der Mauerbau ist ein tiefgreifendes, fast süchtig machendes Unterfangen, mit ideologischem Hintergrund. Da gibt es Vorgesetzte, „die imstande waren, bis in die Herzen mitzufühlen, worum es ging.“ Bauführer hatten am Ende einer Bauphase „alles Vertrauen zu sich, zum Bau, zur Welt verloren.“ Ihre Berichte „wurden mit gläubiger Demut angehört.“ Später wurde die Lust, weiter zu bauen „unbezwinglich“. Es ist das irrationale kollektive Streben, das aus folgendem Satz spricht: „Einheit! Einheit! Brust an Brust, ein Reigen des Volkes, Blut, nicht mehr eingesperrt im kärglichen Kreislauf des Körpers, sondern süß rollend und doch wiederkehrend durch das unendliche China.“ Aber dieses Volk, das so fühlt, wird zynisch als „Menschenmaterial“ bezeichnet. Es wird verführt zu einem Projekt, das Hybris und Unsinn gleichzeitig darstellt. Scheinbar ist es das tiefe Bedürfnis des Volkes, die Mauer zu bauen. Der mächtige Zwang, der von Oben besteht, ist nur zu ahnen.

Die „Führerschaft“ erscheint nur durch ihre Anordnungen. Wie sie dem Volk übermittelt werden, ist unbekannt. Deren Sinn versucht man sich durch Auslegung zu nähern. Unwillkürlich denkt man hier an religiöse Auslegung oder künstlerische Interpretation, also auch an die Versuche der Annäherung an Kafkas Werke. Volk und Führerschaft sind über den Mauerbau eng verbunden, zumindest interpretiert das Volk es so. In der Führerschaft tritt Organisation, Verwaltung und Rechtswesen, also eine ferne allwissende Bürokratie, hervor.

Das „Kaisertum“ ist das rückwärts gerichtete, marode Element. Es ist erstarrt und noch nebelhafter als die Führerschaft. Das Kaisertum ist offensichtlich auch nicht am Mauerbau beteiligt. Es ist abgeschottet in seinem riesigen Palast und durch die endlose Ausdehnung des Landes. Die kaiserlichen Frauen sind degeneriert und grausam. Der Kaiser, wer immer das gerade sein mag, könnte nie seine Untertanen erreichen, selbst wenn das seine letzte Botschaft vom Sterbebett wäre.

Zeitgeschichtlicher Bezug[Bearbeiten]

Den Anstoß zu seiner Erzählung erhielt Kafka von der Hungermauer, die im 14. Jahrhundert auf der Prager Kleinseite erbaut wurde.

Der Text über die ungeheuere Ausdehnung des Landes und die entrückte Figur des Kaisers kann als Spiegel der sinkenden k.u.k. Monarchie gesehen werden.[3] Der Kaiser Franz Joseph I. war wenige Monate vor Entstehung des Werkes gestorben.

In dieser 1917 entstandenen Erzählung spürt man aber auch bereits deutlich das politische Wetterleuchten, das die totalitären Systeme, links wie rechts, vorausschicken. Die große Mauer verweist schon visionär auf die gigantomanische Architektur dieser Systeme. Beklemmend in ihrer Assoziation ist die häufige Nennung der Begriffe „Volk“ und „Führerschaft“. Insbesondere wenn diese dann noch verbunden sind mit „Blut“ oder den Ausdrücken „Volkswerk“ und „Volkskraft“.

Biografischer Hintergrund[Bearbeiten]

Kafka hat sich damals stark mit asiatischer Kulturgeschichte beschäftigt, aber auch mit zionistischen Bestrebungen und den Schriften von Theodor Herzl (Der Judenstaat). China ist dabei die Chiffre für die Darstellung der zionistischen Diskussionen über die Schaffung eines jüdischen Nationalstaates und den Verlust der traditionellen Frömmigkeit, sprich der ostjüdischen Wurzeln.[4]

Die Beschreibung des Mauerbaues, der aus Bruchstücken besteht, lässt an Kafkas Schaffensprozess mit seinen vielen Fragmenten denken.[5] Besonders die Entstehung des Romans Der Process – erstes und letztes Kapitel, später locker verbundene weitere Kapitel – ist genau so abgelaufen.

Rezeption[Bearbeiten]

  • Der schottische Schriftsteller Alasdair Gray wurde von der Geschichte stark beeinflusst. So gibt es in seinen Kurzgeschichten einen ähnlichen Bau und ein vom Volk weit entferntes chinesisches Kaisertum.
  • Henry Sussman beschreibt die Wirkung wie folgt:[6]

„Kafka macht es möglich, die erhabenen Eigenschaften der und das Rätsel um die Mauer zu bestaunen. Und in diesem Prozess löst er die schützende Distanz auf, die uns sonst von der Gewalt der Ch’in-Dynastie und der Zwangsarbeit, die zur Errichtung der Mauer nötig war, abschirmen würde, vor dem schieren Ausmaß namenloser Massen, die zu ihrer Konstruktion mobilisiert wurden, und dem enormen Zwang, mit dem die Arbeit koordiniert wurde.“

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Paul Raabe: Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1970, ISBN 3-596-21078-X.
  • Franz Kafka: Die Erzählungen. Originalfassung, Herausgegeben von Roger Herms, Fischer Verlag, 1997, ISBN 3-596-13270-3.
  • Franz Kafka: Nachgelassene Schriften und Fragmente 1. Herausgegeben von Malcolm Pasley. Fischer, Frankfurt am Main, 1993, S. 337-357.
  • Franz Kafka: Sämtliche Erzählungen. Anaconda-Verlag, 2007, S. 448-463, ISBN 3-86647-170-X.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, 2005, ISBN 3-406-53441-4
  • Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis S. Fischer Verlag 2008 ISBN 978-3-10-075119-5
  • Manfred Engel: Kafka und die moderne Welt. In: Manfred Engel, Bernd Auerochs (Hrsg.): Kafka-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Metzler, Stuttgart, Weimar 2010, S. 498-515, bes. S. 505-507. ISBN 978-3-476-02167-0
  • Manfred Engel: Entwürfe symbolischer Weltordnungen: China und China Revisited. Zum China-Komplex in Kafkas Werk 1917-1920. In: Manfred Engel, Ritchie Robertson (Hrsg.): Kafka, Prag und der Erste Weltkrieg / Kafka, Prague and the First World War. Königshausen & Neumann, Würzburg 2012 (Oxford Kafka Studies 2), S. 221-236. ISBN 978-3-8260-4849-4
  • Bettina von Jagow und Oliver Jahraus: Kafka-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Vandenhoeck& Ruprecht, 2008, ISBN 978-3-525-20852-6.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. v.Jagow/Jahrhaus S.93
  2. Stach S. 495
  3. Alt S. 583
  4. Alt S. 580
  5. Stach S. 496
  6. Beitrag S. 360 in v.Jagow/ Jahraus

Weblinks[Bearbeiten]