Bellum omnium contra omnes

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Die Theorie vom Krieg aller gegen alle, vom bellum omnium contra omnes, ist eine zentrale Prämisse der auf Thomas Hobbes und seinem Buch Leviathan (1651) zurückgehenden Staatsphilosophien. Die einschlägige Passage ist die folgende:

Plünderung und ungehemmte Zerstörung. Gewaltexzess aus Jacques Callots Zyklus Les Misères et les Malheurs de la guerre (1633).
Hereby it is manifest, that during the time men live without a common Power to keep them all in awe, they are in that Condition which is called Warre; and such warre, as is of every man, against every man. […] In such a condition there is no place for Industry; because the fruit thereof is uncertain: and consequently no Culture of the Earth; no Navigation, nor use of the commodities that may be imported by Sea; no commodious Building; no Instruments of moving, and removing as require much force; no Knowledge of the face of the Earth; no account of Time; no Arts; no Letters; no Society, and which is worst of all, continuall feare, and danger of violent death; And the life of Man, solitary, poore, nasty, brutish, and short.[1]
Es zeigt sich an dieser Stelle, dass, so lange Menschen ohne eine gemeinsame Macht leben, die sie alle in Bann hält, sie sich in dem Zustand befinden, den man Krieg nennt; und dabei handelt es sich um einen Krieg aller Menschen gegen alle Menschen. […] In einem solchen Zustand hat menschlicher Fleiß keinen Platz; denn die Früchte, die er ernten könnte, sind ungewiss: und konsequenterweise gibt es da keine Landwirtschaft, keine Seefahrt, keinen Gebrauch von Luxusgegenständen, die von Übersee eingeführt werden müssen; keine bequemen Gebäude; keine Maschinen, mit denen sich größere Lasten bewegen lassen; kein Wissen über die Gestalt der Erde; keine Geschichtsschreibung; keine menschlichen Erfindungen; keine Wissenschaften; keine Gesellschaft, und was das schlimmste ist, fortwährende Angst und die Gefahr des gewaltsamen Todes; und das Leben des Menschen ist einsam, arm, elend, nicht besser als das eines Tieres und kurz. (übers. o.s.)

Der lateinische Satz kommt vor in De Cive, Praefatio (Vorrede), Sektion 14: „Ostendo primo conditionem hominum extra societatem civilem (quam conditionem appellare liceat statum naturae) aliam non esse quam bellum omnium contra omnes; atque in eo bello jus esse omnibus in omnia.“

(Übersetzung: „Ich zeige zuerst, dass der Zustand der Menschen ohne Zivile Gesellschaft (welcher Zustand der Naturzustand genannt werden darf), kein anderer ist als ein Krieg aller gegen alle; und dass, in diesem Krieg, jeder das Recht hat zu allen Sachen.“)

Später sagt er auch (Libertas (Freiheit), Kapitel 1, Sektion 12): „[…] Status hominum naturalis antequam in societatem coiretur Bellum fuerit; neque hoc simpliciter, sed bellum omnium in omnes.“

(Übersetzung: „Der Naturzustand der Menschen, bevor sie in der Gesellschaft vereinigt wurden, war ein Krieg; und das nicht einfach, sondern ein Krieg aller gegen alle.“)

Erklärung[Bearbeiten]

Mit der Theorie vom „Krieg aller gegen alle“ postulierte Hobbes, dass der Mensch im Naturzustand nicht friedlich mit seinem Mitmenschen zusammenleben würde. Jeder muss, so die im Leviathan vorausgehenden Überlegungen, letztlich sein eigenes Leben absolut setzen – verliert er es, so verliert er alles, was er besitzt. In der Folge könne sich niemand von irgendjemandem eine Beschneidung seiner Rechte und eine Zurückstufung gefallen lassen, mit der er womöglich in letzter Konsequenz eher als ein anderer dem Wohl der Gemeinschaft geopfert würde. Jedem bleibt im Zustand vor dem Zusammenleben mithin nur die Möglichkeit, sich diesem Zusammenleben zum eigenen Schutz zu verweigern und einen Kampf gegen die anderen zu führen, die ihm nur eine reduzierte, seinen Wert relativierende Stellung in einem Gemeinwesen anbieten können.

Aus der Tatsache, dass wir jedoch nur in Gruppen überleben können, folgt an dieser Stelle ein Nächstes, was den Aufbau dieser Gruppen betrifft: Das menschliche Zusammenleben kann nur friedlich gedeihen, wenn eine absolute Macht gesetzt wird, eine Macht, die allen die Ansprüche auf den Existenzkampf beschneidet und im Notfall den Einzelnen, etwa einen Straftäter, all seiner Rechte berauben kann. Hobbes setzte hier die weiteren Überlegungen an, dass unter allen Formen absoluter Machtausübung die Monarchie, die Machtausübung durch einen Einzelnen, die sicherste ist: Der Regent ist wie jedes Individuum auf seine persönliche Sicherheit bedacht und verteidigt mit seiner Person die absolute Machtausübung, die ihm eingeräumt wird, unter Einsatz dessen, was ihm persönlich am kostbarsten ist: seines Lebens. Die Herrschaft eines einzelnen Regenten geschieht so gesehen mit einer Entschlossenheit und Einheit, die kein Gremium aus mehreren Individuen mehr aufbieten kann.

Alle weitere Macht im Gemeinwesen – das schließt Macht der Religionen ein – müsse darauf verpflichtet werden, die absolute Macht des Regenten zum Schutz aller voreinander zu stärken.

Historischer Hintergrund[Bearbeiten]

Im Januar 1649 wurde Karl I. von England in der Revolution hingerichtet. Unter Heinrich VIII. hatte England im vorangegangenen Jahrhundert die Reformation vollzogen mit dem Ergebnis, dass hier die Kirche seitdem als Landeskirche dem Regenten unterstand – eine in weiten Kreisen der Anhänger der Reformation „Dissent“ erzeugende unakzeptable Vermischung weltlicher und kirchlicher Autorität. Die Enthauptung Karls I. sollte bürgerliche und religiöse Freiheiten wiederherstellen, sie führte in den zweiten englischen Bürgerkrieg.

Thomas Hobbes nahm als Anhänger der Krone die Ereignisse aus dem französischen Exil wahr. Sein Leviathan erschien aus dem Ausland lanciert auf dem englischen Markt und als Affront gegen alle agierenden Parteien: Dezidiert forderte Hobbes die Rückkehr zur Monarchie, und zwar zu einer entschieden absoluteren, als sie zuvor bestand. Ohne das Königshaupt geschah in England, so seine Darlegung, lediglich, was von Natur aus geschehen musste: Der Bürgerkrieg, der Krieg aller gegen alle, brach aus. Die Ereignisse sprachen für das politische Theorem und die angesetzten Überlegungen ließen nur eine Problemlösung zu: Die Rückkehr des exilierten Thronnachfolgers und die Etablierung einer vollständig souveränen weltlichen Macht – auf die englischen Verhältnisse übertragen hieß dies die strikte Unterordnung der Religion in allen Fragen des bürgerlichen Zusammenlebens unter die Staatsräson, die den Krieg aller gegen alle zu verhindern habe.

Der Leviathan schlug unter den Vertretern der Religion als Provokation ein – das heikle an ihm war, dass sie das Menschenbild mit Hobbes teilten, wenn sie dem Menschen eine nur mit Gewalt zu bändigende böse Natur zutrauten. Hobbes (im Rückbezug auf Plautus, Erasmus und John Owen) definierte den Menschen als einen „Wolf unter Wölfen“ – „homo homini lupus“. Die Konsequenz war jedoch, so wie Hobbes den Gedanken zu Ende führte, die Entmachtung der Kirche und des religiösen Dissents in allen Fragen weltlicher Regierung. Hobbes spielte den Affront offen aus, wenn er darauf bestand, dass der Krieg aller gegen alle nicht einmal mit dem Sündenfall zu tun haben sollte, sondern allein aus der natürlichen Verteidigung des Lebens resultiere, die mit dem Bewusstsein der eigenen Existenz beginne. Es genüge eine allein als Materieansammlung gedachte Welt, um den gegenwärtigen Zustand zu erklären – sollte die Religion im Menschenbild darüber hinaus aber mit ihm übereinstimmen, so würde sie seine Thesen nur unterstreichen.

Wirkung[Bearbeiten]

Das Theorem vom „Krieg aller gegen alle“ entfaltete einen enormem Einfluss auf die Staatsrechtsdiskussion, der hier eine Option gegeben war, weltliche Macht unabhängig von religiösen Konzepten, doch unter eben denselben Anschauungen zu legitimieren und damit die Rolle der Religion im Staat weit entschiedener unterzuordnen, als bisherige Theorien dies taten. Kompromissformeln wurden mit den staatsrechtlichen Visionen Pufendorfs und der weniger prominenten Philosophen gesucht, die auf Hobbes, den des Atheismus verdächtigen Philosophen, reagierten.

Eine massive Entkräftung erfuhr das Theorem vom „Krieg aller gegen alle“ mit den Ereignissen der Glorious Revolution 1688, in der ein zweites Mal ein König in England abgesetzt wurde. Die Ereignisse führten nicht, wie von Hobbes postuliert, in einen erneuten Bürgerkrieg. Eine Kontrolle weltlicher Macht erwies sich ganz im Gegenteil als organisierbar und (hier gab es das Beispiel der Niederlande) womöglich effektiver als die absolutistische Monarchie. Die philosophische Debatte reagierte auf die Ereignisse unverzüglich mit dem Modell, das John Locke 1689 den Entwicklungen mit seinen „Two Treatises of Government“ (Zwei Abhandlungen über die Regierung) mit dem Publikationsdatum 1690 veröffentlicht auf den Leib schrieb. Denkbar war im neuen Modell, dass die Menschheit sich im Naturzustand zusammentat, um vom Zusammenschluss zu profitieren, und dass sie einen weit komplexeren Gesellschaftsvertrag als den von Hobbes skizzierten dabei aushandelte, um ebendies zu gewährleisten: den größten Wohlstand für alle jene, die sich hier zusammentaten.

Die kritischere Debatte des Menschenbildes, das Hobbes mit dem „Krieg aller gegen alle“ postuliert hatte, setzte mit Shaftesbury in den 1690ern ein, der den Menschen im Naturzustand als altruistisches, für seine Mitmenschen zur Selbstaufopferung bereites Lebewesen skizzierte und der postulierte, der gegenwärtig zu beobachtende Egoismus sei primär das Ergebnis einer Staatsform und religiöser Vorstellungen, die an diesen Egoismus so lange und mit einem solchen Aufgebot an Belohnungen und Strafen appellierten, bis er sich zur individuellen Grundhaltung entwickelte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Thomas Hobbes, Leviathan, or The Matter, Forme, & Power of a Common-Wealth […]. By Thomas Hobbes (London: A. Crooke, 1651), part. 1, chapter XIII, „Of the Natural Condition of Mankind as Concerning Their Felicity and Misery.“ Internetausgabe Bartelby.com

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lit.: Leviathan (1651), Teil 1, Kap. 13, S.62