Benediktinerinnenkloster St. Johann

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Benediktinerinnenkloster St. Johann
Inneres der Klosterkirche mit den drei Apsiden
Skulptur Karls des Grossen in der Klosterkirche

Das Benediktinerinnenkloster St. Johann (rätoroman. Claustra Son Jon) im Val Müstair im Schweizer Kanton Graubünden ist ein sehr gut erhaltenes mittelalterliches Kloster der Karolingerzeit. Das Kloster wurde von der UNESCO 1983 in die Liste Weltkulturerbe aufgenommen.[1]

Weihe[Bearbeiten]

Die Klosterkirche ist Johannes dem Täufer geweiht; die Heiligkreuzkapelle (möglicherweise die Privatkapelle des Abtes) dient hingegen der Verehrung des Heiligen Kreuzes. Eine weitere Kapelle trägt das Doppelpatrozinium von St. Ulrich und St. Nikolaus.

Beschreibung[Bearbeiten]

Am Eingang des Friedhofs steht die Heiligkreuzkapelle, welche durch ihre rundbogenförmigen Blendnischen auffällt. Die Kleeblattform des Chorbereichs ist im 8. Jahrhundert entstanden; dies belegt die dendrochronologische Jahresdatierung der noch tragenden Bodenbalken im Obergeschoss. Das Untergeschoss diente vom 16. Jahrhundert an als Beinhaus, das Obergeschoss wahrscheinlich als Totenkapelle.

Den im Westen gelegenen Wirtschaftshof schliessen zwei Tortürme ab. Diese stammen aus der Zeit um 1500 und sind aussen rundbogenförmig, innen spitzbogenförmig. Der Südturm zeigt ein Wandbild mit einem Esel auf rotem Grund, der den Dudelsack eines Junkers bläst. Die drei Figuren stellen Immaculata, St. Benedikt und St. Scholastika dar. Das Rokokowerk stammt von Christian Greiner.

Die Doppelkapelle St. Ulrich und St. Nikolaus fällt durch ihre frühbarocke Ausstattung einer Sgraffitobordüren und schwarz gemalten Fensterzier auf. In der Unterkapelle ist vom ursprünglichen Kuppelgewölbe des Chors eine Stucco-Verzierung erkennbar, vier Engelsfiguren in antikisierenden Gewändern. Westlich der Doppelkapelle schliesst sich ein dreistöckiger Wohnturm an, umgeben von zweigeschossigen Saalbauten.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Kloster gilt als Stiftung Karls des Grossen, dessen lebensgrosse Stuckskulptur aus dem Hochmittelalter zwischen Mitten- und Südapsis der Klosterkirche steht. Gegründet wurde es zur Zeit der karolingischen Eroberungen der Gebiete der Langobarden (774) und der Bajuwaren (778); so wurde das älteste Bauholz der Kirche dendrochronologisch auf etwa 775 datiert, ein Jahr nach der Eroberung der Lombardei. Die Einrichtung des Klosters mag jedoch vom Bischof von Chur als Vertrautem des Kaisers umgesetzt worden sein. Damit sicherte er sich den Zugang zum bis 1816 zum Bistum Chur gehörenden Vinschgau. Das Kloster diente dem Kaiser als Stützpunkt, der Kontrolle sich kreuzender Verkehrswege, den Reisenden als Hospiz, dem Bischof als Verwaltungszentrum und nicht zuletzt als Ort des Gottesdienstes. Johannes dem Täufer wurde die Schutzherrschaft über die Stiftung zugewiesen, die schlicht Monasterium geheissen wurde, wovon sich der (heutige) rätoromanische Name Müstair ableitet. Ursprünglich ein Männerkloster, ist es seit dem 12. Jahrhundert ein Konvent der Benediktinerinnen.

Karolingische Fresken[Bearbeiten]

Gastmahl des Herodes mit tanzender Salome

Die karolingischen Fresken, mit denen die Klosterkirche um 800 ausgestattet wurde, sind ein in Art und Ausmass einzigartiges kulturgeschichtliches Denkmal frühmittelalterlicher sakraler Bilddarstellung; ihretwegen erlangte die Kirche überregionale Berühmtheit. 135 Einzelszenen sind grösstenteils gut erhalten. Um 1200 vollständig übermalt und im späten 15. Jahrhundert übertüncht, wurden sie Ende des 19. Jahrhunderts neu entdeckt. Eine Szenenfolge aus dem Leben Davids, die als Bildstreifen die gesamte Kirche umzog, wurde 1908/09 in das Schweizerische Landesmuseum in Zürich verbracht, die übrigen wurden in den Jahren 1947 bis 1951 freigelegt.

Die karolingischen Bilderzyklen ziehen sich in fünf waagerechten Streifen über die Nord- und Südwand des Innenraums. Eines der bekanntesten Motive befindet sich an der Nordwand, die Flucht nach Ägypten darstellend; drei weitere Darstellungen in den Apsiden zeigen Christus als Kirchengründer, Herrscher und Lehrer der Welt sowie als Triumphator. Ein anderes (romanisches, um 1200) in der Mittelapsis gibt darunter das Gastmahl des Herodes wieder, in der die tanzende Salome die Enthauptung des Täufers, des Schutzpatrons der Kirche und des Klosters, erreicht. Der unbekannte Maler der karolingischen Fresken wird in der Kunstgeschichte manchmal als Meister von Müstair bezeichnet.

Klosterleben[Bearbeiten]

Im Benediktinerinnenkloster leben zwölf Nonnen (Stand Oktober 2012).[2] Die Gemeinschaft wählte am 11. Oktober 2012 Sr. Domenica Dethomas zur neuen Priorin.[3] Nach 120 Jahren Unterbruch ist sie wieder eine dieses Amt bekleidende und rätoromanisch sprechende Einheimische. Sie hat am 28. Januar 2013 das Amt von Sr. Pia Willi übernommen, die das Kloster die letzten 26 Jahre geleitet hatte.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Iso Müller: Geschichte des Klosters Müstair. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Desertina-Verlag, Disentis 1978.
  • Jürg Goll; Matthias Exner; Susanne Hirsch: Müstair. Die mittelalterlichen Wandbilder. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2007, ISBN 978-3-03823-324-4.
  • Hans Rutishauser, Hans Rudolf Sennhauser, Marèse Sennhauser-Girard: Das Benediktinerinnenkloster St. Johann in Müstair. (Schweizerischer Kunstführer, Band 733/734, Serie 74). Hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 2003, ISBN 3-85782-733-5.
  • Hans Rudolf Sennhauser u. a. (Hrsg.): Müstair, Kloster St. Johann, 1. Vorklösterliche Befunde. Zur Klosteranlage (PDF; 7,5 MB), Veröffentlichungen des Instituts für Denkmalpflege an der ETH Zürich 16/1, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich 1996.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Benediktinerkloster St. Johann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Eintrag in der Welterbeliste der UNESCO auf Englisch und auf Französisch
  2. Regionaljournal Ostschweiz Sendung vom 16. Oktober 2012
  3. Neue Priorin im Kloster St. Johann Müstair. Artikel vom 16. Oktober 2012, auf kath.ch
  4. Domenica Dethomas als Priorin des Klosters St. Johann in Müstair eingesetzt. Artikel vom 18. Jänner 2012, auf kipa-apic.ch

46.62916666666710.447777777778Koordinaten: 46° 37′ 45″ N, 10° 26′ 52″ O; CH1903: 830390 / 168632