Benutzer:Gerhard W.

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Eigentlich kann eine freie Enzyklopädie, wie Wikipedia es sein will, gar nicht frei von inneren und äusseren Widersprüchen sein.

Da sind zum einen diejenigen, die das Projekt angestossen haben und mit Liebe und Sorgfalt umhegen. Sind sie frei von allerlei originären Besitzrechten und Liebhaberrechten? Wo sind die notwendigen Grenzen, die dem Andersdenkenden und -schreibenden gezogen bleiben, damit das Werk erhalten bleibt und weiter gedeiht?

Da sind zum anderen dritte Autoren, die Buchstaben und Herzblut in ihre eigenen Beiträge giessen, und vorsorglich ihre Beiträge beobachten, ob da nicht ein Dritter wie ein Elefant im eigenen Glashaus herumtrampelt und den mühsam erstellten eigenen Beitrag grausig entstellt. Und dann vielleicht resignierend den Rückzug antreten, weil mehrheitlich gewollt, der eigene Beitrag im Meer der zahlreichen Versionen völlig untergegangen ist. Geradeso wie ein Apfel der Erkenntnis solange geschält wird, bis man feststellt, was übrig bleibt ist nichts als ein Wurm im Apfel, den eigentlich keiner haben wollte - da es die Frucht war, die man scheibchenweise weggeworfen hat.

Und schließlich sind da so viele Grauzonen und Reibungsflächen, wie das Leben sie nun einmal bereit hält. Wer hat womit recht? Was macht man mit Beiträgen, deren Inhalte verschiedenen Standardwerken widersprechen, oder gar wenn es Standardwerke gibt, deren Inhalte einander lebhaft widersprechen, so wie es deren Autoren tun?

Wenn es auch ein naturwissenschaftlich experimentell gesichtertes Wissen gibt, so gibt es genügend Bereiche, in denen ein leidenschaftlicher Wissenschaftsdisput tobt - nicht unbedingt deswegen, weil dies der Erkenntnis dient, sondern weil sich manche Autoren einfach nicht grün sind.

Nicht zu vergessen sind sodann die geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit all ihren Lehrsätzen, die dennoch a priori auf Grundannahmen des Geistes beruhen, über die ein anderer nicht zu diskutieren hat - punctum. Dass dennoch aus Annahmen Interessantes abgeleitet werden kann ist jederman bekannt - auch dann, wenn z.B. Keyenes Thesen so gar nicht mehr recht in die heutige Zeit passen wollen.

Soll dieses naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Wissen nur vom Wissenschaftler selbst in Wikipedia eingebracht werden dürfen? Wann gibt der Experte auf, wenn ein Laie an seinem fundiertem Beitrag herumbastelt? Dennoch bleibt zu hoffen, dass sich mancher Gelehrte aus Interesse an Wikipedia beteiligt und dem einen oder anderen Unfug den Garaus macht oder selbst Wissenswertes für das dankbare Publikum beiträgt. In jedem Fall wird ihnen eine neue Erfahrung zu teil: dass ein jeder nach Lust und Laune an jedem anderen Beitrag herumkritteln darf - auch dem eigenen.

Das ist im Wissenschafts- und Publikationsbetrieb wahrlich neu, dass via Versionsgeschichte bei Wikipedia präzise nachverfolgt werden kann, wer wem, wann und wo bei welcher Gelegenheit welches Kuckucksei ins eigene Nest hineingelegt hat. Wie oft sollen Bearbeitung und Gegenbearbeitung erfolgen dürfen, wenn der eine Autor dem anderen Autor nicht grün ist oder gar als Vandale sein Unwesen bei Beiträgen treibt, bis er die Lust am Herumkritteln verloren hat oder von einem entnervten Sysop ins Wikipedia-Nirwana gefeuert wird? Mancher Vandale bezieht ja seine Lust bereits daraus, dass er von anderen wahrgenommen wird, was ja nicht zu vermeiden ist, wenn sein Unwesen getilgt und die Substanz des Beitrages erhalten bleiben soll.

Dennoch, mir scheint, dass Wikipedia nicht nur ein amüsantes oder interessantes Experiment für Interessierte bleibt, mit allen Chancen und Risiken behaftet, die unterschiedlichste Beteiligte nun einmal mit einbringen. Es ist Kommunikation in einer neuen Kultur, so lange man die Kultur pflegt und bewahrt und nicht entnervt dem Vandalismus preisgibt.

--Gerhard W. 17:27, 27. Feb 2004 (CET)


Meine Werkzeuge
Namensräume

Varianten
Aktionen
Navigation
Mitmachen
Drucken/exportieren
Werkzeuge