Bergkarabachkonflikt

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Karte von Armenien, Aserbaidschan und Bergkarabach (NKR); dunkel die von Aserbaidschan kontrollierten Gebiete Bergkarabachs

Der Bergkarabachkonflikt ist ein Konflikt der Staaten Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach im Kaukasus. Der Konflikt trat in der Moderne erstmals zur Unabhängigkeit der beiden Staaten nach 1918 auf und brach während des Zerfalls der Sowjetunion ab 1988 neu aus. Infolgedessen erklärte sich die Republik Bergkarabach für unabhängig, wird seitdem international aber von keinem Staat anerkannt.

Ursachen[Bearbeiten]

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Das Gebiet Bergkarabachs gehörte in der Antike zumeist zu Albania, im Mittelalter zeitweise als Provinz Arzach zu Armenien. Jedoch war es auch Teil wechselnder Großreiche. Ab dem 18. Jahrhundert, zuvor war Karabach Teil Persiens, bestimmte die Rivalität zwischen dem Osmanischen Reich, Russland und Persien die Region. Als der Druck Persiens auf die armenischen Christen wuchs, stellte Katharina II. von Russland Schutzbriefe aus und privilegierte so Armenier für Handel und später Verwaltung. So wird den Armeniern noch heute Kollaboration vorgeworfen.[1]

Infolge des Zweiten Russisch-Persischen Krieges kam Bergkarabach 1805 unter russische Herrschaft. Die russische Herrschaft gab Armeniern die Möglichkeit, sich im heutigen Armenien und Karabach anzusiedeln, sodass im 19. Jahrhundert 40.000 Armenier aus Persien und 84.000 aus dem Osmanischen Reich in die Gebiete einwanderten. Karabach gehörte im Russischen Reich wechselnden Verwaltungsbezirken an und es wurden neben Armeniern auch Russen, Ukrainer und Deutsche angesiedelt. Dabei wurden die Gebiete zumeist nach militärischen, verwaltungstechnischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten mit dem Ziel aufgeteilt, die ethnisch heterogene Bevölkerung in der russischen aufgehen zu lassen. Nach dem Völkermord der Türken an den Armeniern 1914/1915 im Osmanischen Reich kam es erneut zu einer Einwanderungswelle nach Bergkarabach und zu immer stärkeren Konflikten zwischen ländlichen Aseri und urbanisierten Armeniern. Dies wurde durch die entstehende Land- und Wasserknappheit in der Region verstärkt. Die unterschiedlichen Sitten, wie Blutrache und Sippenhaft bei den Aseri, und deren Nähe zu den Türken, vor denen viele Armenier geflohen waren, verstärkten das gegenseitige Misstrauen. Bereits 1896 bis 1905 gipfelten diese Konflikte im tatarisch-armenischen Kriegszustand. Antiarmenische Pogrome folgten 1918 in Baku und 1920 in Schuscha, denen mehr als 30.000 Armenier zum Opfer fielen.[2][3] Das Gouvernement Jelisawetpol, zu dem Bergkarabach gehörte, war bis 1917 zum ethnisch und religiös heterogensten geworden.[1]

Konflikte zwischen Armeniern und Aseris[Bearbeiten]

Die in der Armenischen Sowjetrepublik lebenden Aseri machten 1988 mit 5 % der Bevölkerung die größte Minderheit aus. Sie waren traditionell in der Landwirtschaft und im Lebensmittelhandel tätig und hatten daher großen Einfluss auf dem Grünen Basar. Dies führte insbesondere bei Lebensmittelknappheit zu Missgunst gegenüber der aserbaidschanischen Minderheit.[1] Die Orientalistin Eva-Maria Auch nennt außerdem verschiedene Staatentraditionen, historische Erfahrungen mit dem Osmanischen Reich und der Türkei sowie Russland und insbesondere die russische und sowjetische Nationalitätenpolitik als Ursachen des Konflikts zwischen Armeniern und Aserbaidschanern.[4]

Entwicklung[Bearbeiten]

Konflikt 1918 bis 1923[Bearbeiten]

Nach der Unabhängigkeitserklärung von Armenien und Aserbaidschan 1918 erhoben beide Republiken Anspruch auf Bergkarabach. Armenien begründete dies mit dem geografischen und ethnischen Gegensatz zu Unterkarabach, Aserbaidschan mit der Untrennbarkeit des geografischen Raumes und den in Bergkarabach gelegenen Sommerwiesen der muslimischen Nomaden. Nach Gemetzeln von beiden Seiten, wobei Aserbaidschan von der Türkei und Großbritannien unterstützt wurde, kam es am 22. August 1919 zur Unterzeichnung eines Provisorischen Abkommens, das Aserbaidschan ganz Karabach zugestand, unter der Bedingung einer kulturellen und administrativen Autonomie für die Armenier.[1]

Nach der Ausrufung der Sowjetrepublik in Armenien, Aserbaidschan und Bergkarabach 1920 wurde eine friedliche Lösung versprochen. Bergkarabach erklärte freiwillig seine Zugehörigkeit zu Aserbaidschan, im Dezember verkündete Stalin den Verzicht Armeniens auf Bergkarabach, Nachitschewan und Sangesur. Dennoch kam es zu militärischen Aktivitäten der Daschnaken in der Region. In dem Vertrag von Moskau vom 16. März 1921, an dem auch die Türkei beteiligt war, kam es zu einem Kompromiss: Die sowjetische Seite tritt Kars, Ardahan und den Ujesd Surmalu (um das heutige Dorf Sürmeli, Landkreis Tuzluca) an die Türkei ab, Nachitschewan wird autonome Republik unter Aserbaidschan und Bergkarabach (mit einem armenischen Bevölkerungsanteil von 94% im Jahr 1923)[5] bleibt bis zu einer Volksabstimmung Teil Aserbaidschans, jedoch wurde Bergkarabach am 7. Juli 1923 per Dekret ein Autonomes Gebiet der Aserbaidschanischen SSR. Die Armenier, als überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, waren mit dieser Entscheidung unzufrieden.[1]

Erneuter Ausbruch des Konflikts nach 1985[Bearbeiten]

Bis 1985 wurde von Armeniern in Bergkarabach bereits in drei Memoranden 1962, 1965 und 1967 auf eine nur eingeschränkte Autonomie hingewiesen und der Anschluss an Armenien gefordert. 1986/87 kam es zu einem weiteren Memorandum, Aserbaidschan reagierte darauf mit einem Hinweis auf die in Armenien lebenden Aserbaidschaner, die keinerlei Sonderrechte besäßen. 1989 waren von den etwa 188.000 Menschen in Bergkarabach 73,5 % armenischer Herkunft, 25,3 % Aserbaidschaner.[4] 1987 und 1988 drängten Delegationen aus Bergkarabach auf eine Lösung des Konflikts in Moskau und ab dem 12. Februar 1988 kam es zu Demonstrationen in Stepanakert, später auch in anderen Teilen Bergkarabachs und Armeniens. Bis zum 18. Februar wurden nach Behördenangaben 4000 Aseris aus Armenien vertrieben. Bald darauf sprach sich eine Versammlung von Volksvertretern Karabachs für den Anschluss an Armenien aus und der russische Sekretär des Generalparteikomitees wurde durch den Armenier G. Pogosjan ersetzt.[1]

Nachdem aserbaidschanische Flüchtlinge Ende Februar in der Stadt Sumqayıt bei Baku von blutigen Ausschreitungen in Bergkarabach berichteten, kam es zu einem Pogrom gegen dort lebende Armenier, bei dem 26 Armenier und sechs Aseris ums Leben kamen. Da die Sicherheitsorgane nicht eingriffen, riefen beide Seiten zum Selbstschutz auf. Im März 1988 beschloss das ZK der KPdSU ein Wirtschafts- und Sozialprogramm für Bergkarabach, eine Grenzrevision wurde abgelehnt. In den folgenden Monaten wurden weiter Aseris aus Armenien vertrieben, es kam zu weiteren Ausschreitungen und Streiks und die ZK-Sekretäre beider Republiken wurden abgesetzt. Am 12. Juli beschloss der Karabacher Gebietssowjet die Umbenennung in Autonomes Gebiet Arzach und den Austritt aus Aserbaidschan. Daraufhin verhängte Aserbaidschan eine Verkehrsblockade und wurde dabei vom Obersten Sowjet der UdSSR unterstützt, der mit A. Wolskij einen Sonderbeauftragten in das Gebiet entsandte.[1]

Am 21. September wurde über Ağdam und Stepanakert der Ausnahmezustand verhängt und Bergkarabach zum Sondergebiet erklärt. Vom 17. November bis zum 5. Dezember fand in Baku ein pausenloses Meeting statt, über 200 Betriebsgruppen wurden zur Unterstützung der aserbaidschanischen Volksfront (NFA), einer oppositionellen Bewegung, geschaffen. Als das Militär den Leninplatz räumte, kam es zu drei Todesopfern.[1] In der Stadt Kirowabad (heute Gəncə) kam es im November 1988 erneut zu einem Pogrom gegen dort lebende Armenier, bei dem Berichten zufolge über 130 Armenier getötet und über 200 verwundet wurden. Am 12. Januar 1989 wurde Bergkarabach einem Sonderkomitee und damit der sowjetischen Zentrale direkt unterstellt und die regionalen Behörden suspendiert. Ab Januar flüchteten Armenier aus Aserbaidschan. Bis September kam es zu Demonstrationen und Streiks durch die NFA, die neben der Kontrolle über Bergkarabach für Aserbaidschan auch eine Beteiligung an der Regierung und den Rückzug der sowjetischen Armee forderte. Als sie erstmals am Obersten Sowjet Aserbaidschans teilnahm, wurde Bergkarabach per Gesetzesbeschluss als Teil Aserbaidschans festgelegt. Grenzänderungen können nur mittels eines Referendums, das seit 1923 aussteht, erfolgen. Bis September 1989 sind 180.000 Armenier aus Aserbaidschan und etwa 100.000 Aseri aus Armenien geflohen. Der Oberste Sowjet Armeniens appellierte an Moskau, die Wirtschaftsblockade Aserbaidschans zu beenden, die bis September 1989 150 Millionen Rubel Schaden verursacht hat. Am 25. September übernahm das sowjetische Innenministerium die Aufgaben der zivilen Behörden in Bergkarabach. Am 5. Oktober übernahm die Rote Armee die Kontrolle über die Transportwege zwischen Armenien und Aserbaidschan.[1]

Am 29. November wurde die Sonderverwaltung Bergkarabachs aufgehoben, woraufhin es zu erneuten Demonstrationen mit Todesopfern kam. Im Dezember und Januar kam es zu Übergriffen an den Grenzen der Autonomen Republik Nachitschewan zum Iran und der Türkei, ein Vereinigtes Aserbaidschan wird gefordert. Nach Zusagen der Regierung zu Reiseerleichterungen und Landnutzung in Grenznähe beruhigte sich die Lage. Nachdem der Oberste Sowjet Armeniens am 1. Dezember 1989 die Vereinigung von Karabach mit Armenien erklärt hatte,[4] folgten Proteste von aserbaidschanischer Seite und am 13. und 14. Januar 1990 kam es zu Pogromen gegen Armenier in Baku, Xanlar, Schahumjan und Lənkəran mit mehr als 90 Todesopfern. Am 15. Januar wurde über Karabach und angrenzende Gebiete das Kriegsrecht verhängt. Nach Ausrufung eines Generalstreiks in Baku rollten zum 20. Januar sowjetische Panzer in die Stadt, es kam zu 150 Todesopfern und der Ausnahmezustand wurde verhängt. Daraufhin protestierten Nachitschewan und der Oberste Sowjet Aserbaidschans. Russische und armenische Familien flohen aus Baku, bis zu diesem Zeitpunkt flohen insgesamt 500.000 Menschen. Bis August kam es zu weiteren Übergriffen auf armenische und aserbaidschanische Dörfer, vorrangig durch paramilitärische Verbände. In Aserbaidschan erstarkten die OMON, Milizen des Innenministeriums, denen viele Flüchtlinge aus Armenien beitraten. Nach der Unabhängigkeitserklärung Armeniens und Aserbaidschans erklärt auch Bergkarabach als Republik Bergkarabach am 3. September 1991 seine Unabhängigkeit, aber es kam weiterhin zu Übergriffen in den Grenzgebieten. Im November 1991 scheiterte ein Vermittlungsversuch Russlands und Kasachstans zwischen Armenien und Aserbaidschan. Am 26. November hob Aserbaidschan die Autonomie Bergkarabachs auf und teilte das Autonome Gebiet in die Bezirke Kəlbəcər (teilweise außerhalb Bergkarabachs liegend), Şuşa, Tərtər, Xankəndi, Xocalı und Xocavənd auf. Die Blockade der Energieversorgung Armeniens wurde aufrechterhalten.[1]

Krieg 1992 bis 1994[Bearbeiten]

Aserbaidschanische Flüchtlinge aus Bergkarabach 1993

Anfang des Jahres 1992 kam es zu weiteren Massenmorden in aserbaidschanischen und armenischen Dörfern. Ein im Februar vom aserbaidschanischen Präsidenten Mutalibow vorgelegter Friedensplan, der den Rückzug aller Truppen und eine kulturelle Autonomie für Bergkarabach vorsah, wurde nicht mehr verhandelt, nachdem in der Nacht vom 26. zum 27. Februar das Dorf Xocalı unter unklaren Umständen armenischen Freischärlern überlassen worden war und mehrere hundert Menschen ermordet wurden. Nach diesem in Aserbaidschan so genannten Massaker von Chodschali kam es in Aserbaidschan zu einer Neubildung der Regierung.[6] Am 10. April 1992 folgte das Massaker von Maraga bei dem aserbaidschanische Streitkräfte das Dorf Maraga angriffen und mindestens 45 Armenier ermordeten sowie bis zu 100 Frauen und Kinder entführten.[7]

Im März 1992 drangen armenische Freischärler in große Teile Bergkarabachs ein und rückten auch auf aserbaidschanisches Gebiet außerhalb der umstrittenen Region vor, so wurde die Stadt Ağdam unter Beschuss genommen. Daraufhin wurde in Aserbaidschan eine eigene Armee aufgebaut und in der Türkei und anderen muslimischen Staaten Verbündete gesucht.[8] Zu den Unterstützern der Aserbaidschaner gehörte auch eine tschetschenische Einheit unter Schamil Salmanowitsch Bassajew. Şuşa war der wichtigste Stützpunkt der Aserbaidschaner: Von hier aus wurde das tiefer gelegene Stepanakert wirkungsvoll unter Beschuss genommen. Doch auch Bassajews Truppe konnte nicht verhindern, dass am 8. und 9. Mai 1992 armenische Verbände mit Şuşa die letzte Stadt Bergkarabachs einnahmen. Bassajew war einer der letzten, der die Stellung vor dem Fall der Stadt verließ.[9]. Danach kam es auch zur Gründung der karabachischen Armee aus Milizen-Verbänden. Am 18. Mai nahmen die Armenier die Stadt Laçın und damit die Verbindungsstraße zwischen Armenien und Bergkarabach ein. Im Juni folgte eine Offensive der aserbaidschanischen Armee von Goranboy aus, bei der nördliche Teile Bergkarabachs besetzt wurden. Im Winter wurden wegen der schlechten Versorgungslage und der geographischen Lage die Kämpfe weitgehend eingestellt.

Nach Angriffen der aserbaidschanischen Armee im März 1993 auf Bergkarabach vom Rayon Kəlbəcər, der zwischen Armenien und Bergkarabach liegt, griff die armenische Armee ein und der Bezirk wurde bis zum 3. April von der armenischen Armee und der karabachischen Armee besetzt. Durch Offensiven der beiden Armeen konnten von April bis August 1993 die Bezirke Ağdam, Füzuli, Cəbrayıl und Qubadlı besetzt werden. Bis Oktober war auch der Bezirk Zəngilan eingenommen.[4]

Am 12. Mai 1994 trat ein Waffenstillstandsabkommen in Kraft. Im Verlauf des Krieges konnten die Truppen der Republik Bergkarabach gemeinsam mit der armenischen Armee große Teile des von Bergkarabach beanspruchten Gebiets unter ihre Kontrolle bringen. Außerdem besetzten sie die aserbaidschanischen Bezirke Ağdam, Cəbrayıl, Füzuli, Kəlbəcər, Laçın, Qubadlı und Zəngilan, die außerhalb des früheren autonomen Gebiets Bergkarabach liegen. Im Krieg und den vorhergehenden Auseinandersetzungen starben zwischen 25.000 und 50.000 Menschen, über 1,1 Million wurde vertrieben.[4]

Diplomatische Aktivitäten[Bearbeiten]

Die im März 1992 gegründete Minsker Gruppe mit 13 Teilnehmerstaaten beobachtete den Konflikt, konnte jedoch nicht vermitteln. Vertreter der Republik Bergkarabach blieben von der Gruppe ausgeschlossen. Im Jahr 1993 verabschiedete die UNO vier Resolutionen (Nr. 822, 853, 874, 884) zum Konflikt, die jedoch ohne Wirkung blieben.[4] Im September 1993 brach wegen des Konflikts die Türkei ihre diplomatischen Beziehungen mit Armenien ab und schloss die gemeinsame Grenze.[10][11] Die armenisch-türkischen Beziehungen haben sich seitdem nicht wieder normalisiert.

Entwicklung seit 1994[Bearbeiten]

Situation nach 1994, Bergkarabach wie es sich 1991 für unabhängig erklärt hat in orange, andere besetzte Gebiete Aserbaidschans in gelb.

Nach dem Waffenstillstand kam es lange Zeit nicht zu Verhandlungen. Aserbaidschan bestand weiter auf der Rückgabe Bergkarabachs und Armenien auf dessen Unabhängigkeit von Aserbaidschan. Regelmäßig versuchte die OSZE zwischen Armenien und Aserbaidschan zu vermitteln. Dabei schlug die OSZE einen gemeinsamen Staat von Aserbaidschan und Bergkarabach vor, in dem die umstrittene Region der Regierung in Baku nicht mehr unterstellt ist.[12]

1999 kam es infolge des Kosovo-Kriegs erneut zu Spannungen, da Armenien seine Position gestärkt sah und mit Krieg drohte. Der Bevölkerung von Bergkarabach sei wie der des Kosovo nach dem Selbstbestimmungsrecht ein Austritt aus Aserbaidschan zuzuerkennen. In einem möglichen Krieg erhoffte sich Armenien Hilfe aus Russland, das dieses zuvor mit aufgerüstet hatte, und Aserbaidschan von der Türkei und der NATO, der nach der armenischen Drohung Angebote zur Nutzung einer aserbaidschanischen Luftwaffenbasis gemacht wurden.[12]

Soldaten der Streitkräfte Bergkarabachs nahe Ağdam 2004

Nach 2000 kam es zu einer Annäherung der beiden Länder und die Bereitschaft zu einer Lösung wurde von beiden Seiten betont, aber beide Seiten verharrten auf ihren Positionen. Währenddessen erholte sich die Wirtschaft in Karabach vom Krieg, vor allem mit Investitionen durch die niedrigen Steuern und Spenden von in Europa und Amerika lebenden Armeniern.[13]

Die Republik Bergkarabach konnte sich nach innen stabilisieren und der Tourismus entwickelte sich. Die 140.000 Einwohner sind fast ausschließlich ethnische Armenier. 20.000 Soldaten der armenischen Armee halten die Waffenstillstandslinie zu Aserbaidschan.[14] Aserbaidschans Präsident Ilcham Alijew erhöhte regelmäßig seine Militärausgaben und betonte, die territoriale Einheit des Landes wiederherstellen zu wollen. Immer wieder kommt es zu Grenzkonflikten und Zusammenstößen von aserbaidschanischer und armenischer Seite.[15]

Im Juli 2007 drohte der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew mit der eigenen militärischen Stärke und einem erneuten Krieg, wenn Armenien Bergkarabach nicht freiwillig räume.[16] In Jerewan kritisierte man die kompromisslose Haltung Bakus und sprach davon, dass es keine Alternative zu einer friedlichen Lösung gäbe. Jedoch kam es zur gleichen Zeit erstmals zu Verhandlungen zwischen beiden Seiten, auch zwischen Aserbaidschan und Bergkarabach. Die Drohungen von Präsident Alijew wurden teils als innenpolitische Manöver bezeichnet und Mitglieder der Verhandlungsdelegationen sahen keine Möglichkeit einer militärischen Lösung des Konflikts. Im Zusammenhang mit den Verhandlungen zum zukünftigen Status des Kosovos drohte die russische Seite im Sommer 2007 damit, dass bei einer Nicht-Berücksichtigung seiner Interessen in dieser Frage eine Antwort in den Republiken Transnistrien, Abchasien, Südossetien und Bergkarabach folgen würde.[17] Im Zuge der Verhandlungen legte die Minsker Gruppe einen Lösungsvorschlag vor. Armenien solle sich aus den besetzten Gebieten außerhalb Bergkarabachs zurückziehen, die Rückkehr von Aserbaidschanern erlauben. Friedenstruppen sollten stationiert werden und Wiederaufbauhilfe geleistet sowie später ein Referendum über den Status Bergkarabachs durchgeführt.[4]

Unterzeichnung der Erklärung durch die drei Präsidenten

Am 4. März 2008 kam es zu den schwersten Auseinandersetzungen an der Waffenstillstandslinie seit 1994. Dabei wurden bis zu zwölf armenische und acht aserbaidschanische Soldaten getötet.[18] Im Rahmen des informellen GUS-Gipfels in Sankt Petersburg 2008 trafen sich am 6. Juni 2008 die Präsidenten Aserbaidschans, Ilcham Alijew, und Armeniens, Sersch Sargsjan. Nach weiterer Vermittlung des russischen Präsidenten Dmitri Medwedew kam es am 2. November 2008 in Moskau zu einer Erklärung der Präsidenten beider Staaten, dass sie den Konflikt friedlich und nach internationalem Recht lösen werden.[15] Weitere Treffen waren geplant, um eine politische Lösung zu erarbeiten.[19] Russland bot dabei an, für eine bei den Verhandlungen zustandekommende Kompromisslösung als Garant aufzutreten.[20] Die bis 2011 stattgefundenen Verhandlungen brachten jedoch keinen Erfolg, nach dem letzten Treffen der Präsidenten in Kasan im Juli 2011 wurden die Vermittlung aufgegeben.[21][22]

Im Juli 2014 kam es erneut zu Gefechten. Die Konfliktparteien beschuldigten sich gegenseitig, Späh- und Sabotagekommandos über die Waffenstillstandslinie geschickt zu haben. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium spricht davon, dass 2 armenische und 10 aserbaidschanische Soldaten getötet wurden. Die armenische Seite berichtet von 14 getöteten aserbaidschanischen und einem getöteten armenischen Soldaten.[23]

Positionen zum Konflikt[Bearbeiten]

Armenien und Bergkarabach[Bearbeiten]

Armenien warf bereits zur Sowjetzeit Aserbaidschan immer wieder Verletzung der Autonomie Bergkarabachs vor.[1] Die Regierung der Republik Bergkarabach unter Gurkassjan glaubte nicht, dass es in Aserbaidschan für Bergkarabach eine wirkliche Autonomie geben kann, da diese schon während der Sowjetzeit verletzt worden sei und 1991 Aserbaidschan die Autonomie Bergkarabachs aufgehoben hat. Die Bewohner von Armenien und die derzeitige Bevölkerung in der Republik Bergkarabach sehen sich als eine Nation.[16] Eine Rückkehr der aserbaidschanischen Flüchtlinge wird von der Regierung in Stepanakert abgelehnt und Armenien fordert die Unabhängigkeit Bergkarabachs von Aserbaidschan und mehr Kompromissbereitschaft von Seiten Bakus.[17]

Aserbaidschan[Bearbeiten]

Aserbaidschan hat Vorwürfe bestritten, die Autonomie Bergkarabachs sei während der Sowjetzeit nicht gewahrt gewesen.[1] Nach dem Krieg 1992 bis 1994 beansprucht Aserbaidschan weiterhin Bergkarabach als aserbaidschanisches Territorium. Eine Unabhängigkeit Bergkarabachs wird nicht anerkannt, sondern nur eine weitgehende Autonomie. Zudem wird die Rückgabe der besetzten, von Aserbaidschanern besiedelten Gebiete gefordert.[17] Die aserbaidschanische Regierung drohte mehrfach mit einem erneuten Krieg, jedoch gibt es auch innerhalb Aserbaidschans Widerstände gegen den Versuch einer militärischen Lösung des Konflikts. So sehen die Öl- und Gasunternehmen, die in Aserbaidschan investiert haben, ihre Investitionen durch einen erneuten Krieg gefährdet.[17]

International[Bearbeiten]

Der Europarat betrachtet Bergkarabach als ein von „separatistischen Kräften“ kontrolliertes Gebiet. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat in drei Erklärungen bestätigt, dass Bergkarabach zum aserbaidschanischen Gebiet gehört.[16] Bisher hat kein Staat die Unabhängigkeit der Republik Bergkarabach anerkannt. Im September 2011 hat jedoch der Außenminister von Uruguay, Luis Almagro, verkündet, dass seine Regierung einen Prozess für eine offizielle Anerkennung der „Republik Bergkarabach“ begonnen hat.[24][25]

Bedeutung des Konfliktes für die beteiligten Staaten[Bearbeiten]

Der Konflikt um Bergkarabach hat zum einen die Stabilisierung der ersten unabhängigen Republiken Armenien und Aserbaidschan zu Beginn des 20. Jahrhunderts behindert und die Einmischung dritter Mächte, insbesondere der Türkei und Russland beziehungsweise der Sowjetunion erlaubt. Zum anderen wurde der Konflikt zu einem wesentlichen Bestandteil des Nationalbewusstseins beider Völker, Armeniens nach dem nicht zufriedenstellenden Kompromiss von 1921 und Aserbaidschans nach dem erneuten Ausbruch des Konfliktes Ende der 1980er Jahre. Zum anderen war der Konflikt auch eine Ursache für das Erstarken der Opposition in den Sowjetrepubliken und den Zerfall der UdSSR in der Region.[1][4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eva-Maria Auch: „Ewiges Feuer“ in Aserbaidschan – Ein Land zwischen Perestrojka, Bürgerkrieg und Unabhängigkeit. Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, 8–1992.
  • Ferhat Avsar: Schwarzer Garten im Land des ewigen Feuers. Manzara Verlag, Darmstadt 2006, ISBN 978-3939795001
  • Caroline Cox und John Eibner: Ethnische Säuberung und Krieg in Nagorni Karabach mit einem Vorwort von Elena Bonner Sacharow, Christian Solidarity International, 1993.
  • Rüdiger Kipke: Das armenisch-aserbaidschanische Verhältnis und der Konflikt um Berg-Karabach. VS Verlag, Wiesbaden 2012. ISBN 978-3-531-18484-5
  • Otto Luchterhandt: Das Recht Berg-Karabaghs auf staatliche Unabhängigkeit aus völkerrechtlicher Sicht. In: AVR 31 (1993), S. 30–81.
  • Johannes Rau: Der Nagorny-Karabach-Konflikt (1988–2002). Verlag Dr. Köster, Berlin 2003, ISBN 3-89574-510-3
  • Manfred Richter (Hg.): Armenisches Berg-Karabach/Arzach im Überlebenskampf. Christliche Kunst – Kultur – Geschichte. Edition Hentrich, Berlin 1993, ISBN 3-89468-072-5.
  • Thomas de Waal:Black Garden. Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, New York and London, 2003.
  • André Widmer:Der vergessene Konflikt - Zwei Jahrzehnte nach dem Krieg um Bergkarabach. Eigenverlag, 2013, ISBN 978-3-033-03809-7.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bergkarabachkonflikt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m Eva-Maria Auch: „Ewiges Feuer“ in Aserbaidschan – Ein Land zwischen Perestrojka, Bürgerkrieg und Unabhängigkeit. Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, 8–1992
  2. Playing the "Communal Card": Communal Violence and Human Rights. Human Rights Watch. New York, 1995. Abgerufen am 8. August 2013
  3. Thomas de Waal: Black Garden - Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York University Press, 2003.
  4. a b c d e f g h Eva-Maria Auch: Berg Karabach – Krieg um den «schwarzen Garten» in Der Kaukasus – Geschichte-Kultur-Politik. Verlag C.H. Beck, München 2010 (2. Auflage).
  5. Armenien - Mit offenen Karten, arte, 20. Februar 2007
  6. Eva-Maria Auch: Aserbaidschan: Demokratie als Utopie?. Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, 1994.
  7. Azerbaydzhan: Hostages in the Karabakh conflict: Civilians Continue to Pay the Price (PDF; 40 kB). Amnesty International. S.9, April 1993. Abgerufen am 11. Januar 2013
  8.  Flammender Zorn. In: Der Spiegel. Nr. 12, 1992 (online).
  9. Thomas De Waal (2003). Black Garden: Armenia and Azerbaijan Through Peace and War. New York: New York University Press, pp. 177–179. ISBN 0-8147-1945-7
  10. Wie die Türkei zwischen Russland und dem Westen laviert, Spiegel-Online, 12. September 2008.
  11. Trotz Nato-Übung: Türkei hält Grenze zu Armenien geschlossen. RIA Novosti. 27. August 2010. Abgerufen am 17. Januar 2013
  12. a b  Neuer Krieg im Kaukasus?. In: Der Spiegel. Nr. 14, 1999 (online).
  13. Staat ohne Anerkennung, Deutschlandfunk über Bergkarabach, 1. September 2006
  14. Auferstehung aus Ruinen, Stephan Orth, Spiegel-Online, 19. Februar 2008
  15. a b Lösung im Konflikt um Berg-Karabach in Sicht, NZZ-Online, 2. November 2008
  16. a b c Autonomie bedeutet Krieg, Interview mit Arkadij Gurkassjan, Spiegel-Online, 9. Juli 2007
  17. a b c d 'Berg-Karabach: Ist Frieden in naher Zukunft möglich?, Behrooz Abdolvand und Nima Feyzi Shandi, Eurasisches Magazin, 31. Juli 2007
  18. Karabakh casualty toll disputed , BBC, 5. März 2008
  19. Bergkarabach-Konfliktparteien plädieren für politische Lösung, RIA Novosti, 2. November 2008
  20. Russland bietet sich als Garant für Berg-Karabach-Regelung an, RIA Novosti, 31. Oktober 2008
  21. Karabach-Gipfel in Kasan brachte keinen Durchbruch. RIA Nowosti, 25. Juni 2011, abgerufen am 3. August 2014.
  22. Uwe Halbach, Franziska Smolnik: Der Streit um Berg-Karabach - Spezifische Merkmale und die Konfliktparteien. Stiftung Wissenschaft und Politik, Februar 2013. S. 30 PDF
  23. Erneut Gefechte um Berg-Karabach. Tagesschau.de, 2. August 2014, abgerufen am 3. August 2014.
  24. „Uruguay May Recognize Nagorno-Karabakh Republic“ (englisch), 9. September 2011. Abgerufen am 20. Februar 2012
  25. „Uruguay apuesta por la independencia o unión con Armenia de Nagorno Karabaj“ (spanisch), 9. September 2011. Abgerufen am 20. Februar 2012