Berliner Schule (Film)
Berliner Schule ist die Bezeichnung für eine Stilrichtung im deutschen Kino, die seit Mitte der 1990er-Jahre abseits der zum damaligen Zeitpunkt im deutschen Film dominierenden Beziehungskomödien entstanden ist.
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[Bearbeiten] Definition und Entwicklung des Begriffs Berliner Schule, Zugehörigkeit
Bereits in den 1970er Jahren wurde von der Berliner Schule gesprochen, damals in Bezug auf den so genannten Arbeiterfilm. Dieser Artikel behandelt die Berliner Schule der 1990er und 2000er Jahre.
Zu der losen Gruppe an Filmemachern zählt man in erster Generation Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec, die sich gemeinsam auf der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kennengelernt haben. Seit Anfang der 90er Jahre begeistern sie die deutsche Filmkritik mit Werken in der Ästhetik der Berliner Schule.[1]
2003 lief der Film Milchwald von Christoph Hochhäusler auf der Berlinale. Im folgenden Jahr war der Film Marseille von Angela Schanelec bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes zu sehen. Beide Filme und andere deutsche Filme ähnlicher Machart stießen bei französischen Filmkritikern auf positive Resonanz, die sich in begeisterten Rezensionen in Cahiers du cinéma und Le Monde niederschlug. Die französischen Journalisten bezeichnen diesen Trend als Nouvelle Vague Allemande, die deutsche Presse entschied sich für Berliner Schule. Dieser Begriff funktioniert als Marketinglabel, die darunter subsumierten Filme sind jedoch sehr unterschiedlich und variationsreich. Diese Filmästhetik ist jedoch kein Berliner Phänomen.[1]
Aktuell ordnet man vor allem auch die Werke von Christoph Hochhäusler (Milchwald, Falscher Bekenner), Benjamin Heisenberg (Schläfer), Maren Ade, Henner Winckler (Klassenfahrt) und Valeska Grisebach (Mein Stern) in die Berliner Schule ein. Obschon Hochhäusler, Heisenberg und Ade Absolventen der Hochschule für Fernsehen und Film in München sind, wird an der Bezeichnung Berliner Schule festgehalten. In ihrer Gesamtheit spiegeln die Regisseure der Berliner Schule die gesamte Bandbreite der deutschen Filmschulen wieder, einige wurden auch im Ausland ausgebildet. Einige arbeiten eng zusammen, andere kennen sich untereinander nicht oder lehnen gar Kollektivismus ab.[1]
[Bearbeiten] Vorbilder
Die Vorbilder der Regisseure der Berliner Schule sind Michelangelo Antonioni, David Lynch oder John Cassavetes, Rainer Werner Fassbinder, Robert Bresson, der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul oder die belgischen Regisseure Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne. Stilistische wie auch inhaltliche Gemeinsamkeiten finden sich auch zum österreichischen Kino bei Michael Haneke, Ulrich Seidl, Ruth Mader und der Regisseur- und Produzentengemeinschaft coop 99. Für die jüngeren Regisseur der Berliner Schule sind Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec klare Vorbilder.
[Bearbeiten] Stilistische und inhaltliche Merkmale
Bei einem ausgeprägten Stilwillen geht es den Regisseuren der Berliner Schule weniger darum, spektakuläre Geschichten zu erzählen, sondern sie machen Kino fern von Sensationen und Melodramatik. Es werden eher alltägliche, aus eigener Erfahrung gespeiste Szenarien erforscht. Die Hintergründe der in den Filmen dargestellten Figuren werden meistens nur angedeutet, nicht aber ausführlich beschrieben. Die Menschen sind häufig auf der Flucht, ohne aber neue Horizonte oder besseres Leben erreichen zu können. Die Filme der Berliner Schule spielen an anonymen Nicht-Orten und zersiedelten, heruntergekommenen Landschaften oder Stadtquartieren. Im Unterschied zum sozialkritischen Neuen Deutschen Film der 1970er Jahre werden keinerlei Alternativen zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem angeboten. Die depressive Stimmung vieler dieser Filme reflektiert letztendlich auch die zunehmende soziale Unsicherheit und die Absturzängste der intellektuellen Mittelklasse, aus der diese jungen Filmemacher stammen. Der Filmkritiker Gerhard Midding bemängelte jedoch, dass in den Filmen der Berliner Schule die Dramatik allzu sehr zurückgenommen werde. Er bezweifelt, dass das Festhalten an reduzierten Geschichten und reduzierter Ästhetik ein dauerhaft tragfähiges Programm sei.
Motor der Geschichten ist oft der Kampf ist die Verzweiflung der Protagonisten beim Kampf um ihr persönliches Glück. Das häufig offene Ende überläßt den Zuschauenden, ob sich die Sehnsucht der Figuren erfüllt, manchmal gibt es jedoch ein bitteres Ende. Entscheidende Themen der Gesellschaft werden auf Gefühle und Motive von Individuen heruntergebrochen bzw. am Mikrokosmos der Familie oder der Zweierbeziehung abgehandelt. Für die dort stattfindenden Katastrophen gibt es selten Erlösung.[1]
Ein verbindendes Merkmal der Berliner Schule ist die narrative visuelle Ästhetik der Filme, die von stilprägenden Kameramänner und -frauen wie Jürgen Jürges, Hans Fromm, Reinhold Vorschneider, Nikolai von Grävenitz, Bernhard Keller, Bernadette Paaßen und Patrick Orth verantwortet wird. Lange Kameraeinstellungen lassen viel Zeit, um sich den Figuren anzunähern. Die Geschehnisse laufen in gefühlter Echtzeit ab. Die Zuschauenden können sich dabei voyeurhaft oder uneingeladen fühlen.[1]
[Bearbeiten] Erfolg, Rezeption und Wirtschaftlichkeit
Die Filme der Berliner Schule feiern zunehmend internationale Erfolge, vor allem in Frankreich, und gelten als neue Kulturrevolution im deutschen Kino. Das Lebensgefühl, was diese Filme ausdrücken, ist offenbar ein internationales und mit ihm können sich auch Zuschauende jenseits der deutschen Grenzen identifizieren.[1] Die amerikanische Filmemacherin Miranda July bezieht sich positiv auf die Regisseurin Maren Ade.[2] Aufgrund bedrückender Themen und nicht leicht verdaulicher Erzählformen gehen die Filme im deutschen Kinoalltag meist unter und können sich marktwirtschaftlich kaum behaupten.
[Bearbeiten] Diskurs
Das publizistische Sprachrohr der Regisseure der Berliner Schule ist die zweimal jährlich erscheinende Zeitschrift Revolver. Herausgegeben wird sie von Jens Börner, Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler, Franz Müller, Nicolas Wackerbarth und Saskia Walker. In dieser Zeitschrift entwickelt sich der Diskurs der Filmemachern der Berliner Schule und bildet sich ab.[3] Aus dem Revolver-Zusammenhang heraus werden filmerelevante Veranstaltungen organisiert. Mittlerweile ist ein Sammelband mit Aufsätzen von Revolver-Autoren erschienen, der den Diskurs um Kino mitbestimmt: Kino muss gefährlich sein. Revolver Filmbuch. Das Beste aus 14 Ausgaben Revolver. 40 Texte und Interviews zum Film.[4]
[Bearbeiten] Wichtige Regisseure
- Angela Schanelec
- Ayse Polat
- Benjamin Heisenberg
- Christian Petzold
- Christoph Hochhäusler
- Henner Winckler
- Jan Krüger
- Maren Ade
- Maria Speth
- Matthias Luthardt
- Sylke Enders
- Thomas Arslan
- Ulrich Köhler
- Valeska Grisebach
[Bearbeiten] Zitat
- „Die sind immer spröde, immer streng. In den Filmen passiert eigentlich nichts. Sie sind langsam, trist und es wird nie etwas wirklich gesagt. Das ist dann die Berliner Schule. Die kommen bei der Kritik immer gut weg und haben dann so 5.000 bis 10.000 Zuschauer.“ (Oskar Roehler)
- „Einbruch der Wirklichkeit in den deutschen Film“ (Christoph Hochhäusler über Bungalow von Ulrich Köhler)[1]
[Bearbeiten] Weblinks
- Revolver
- Rüdiger Suchsland: Langsames Leben, schöne Tage. Annäherungen an die „Berliner Schule“. In: film-dienst. 13 (2005).
- Susanne Gupta: Berliner Schule. Nouvelle Vague allemande. In: fluter. 31. August 2005.
- Lukas Foerster: Neue Berliner Schule. In: critic.de 14. Oktober 2006.
- Michael Baute, Ekkehard Knörer, Volker Pantenburg, Stefan Pethke, Simon Rothöhler: “Berliner Schule” – Eine Collage. In: kolik.film. Sonderheft 6 (Oktober 2006); hierzu ein Hinweis von Rüdiger Suchsland
- Cathy Rohnke: Die Schule, die keine ist – Reflektionen über die „Berliner Schule“. auf der Website des Goethe-Instituts (Dezember 2006)
- Ekkehard Knörer: Long Shots, Luminous Days. Notes on the New German Cinema. In: Vertigo Magazine. April 2007. (Überblick über die Berliner Schule)
- Georg Seeßlen: Die Anti-Erzählmaschine. In: Freitag. 37, 14. September 2007.
- Christian Buß, Birgit Glombitza: Berlin in Echtzeit. Die "Berliner Schule" und neue Perspektiven Richtung Osten. In: filmportal.de
- Marco Abel: [http://cineaste.com/articles/the-berlin-school.htm Intensifying Life: The Cinema of 'Berlin School.' In: Cineaste. 33.4 (Fall 2008)
[Bearbeiten] Quellen
- ↑ a b c d e f g Cathy Rohnke: Die Schule, die keine ist – Reflektionen über die „Berliner Schule“. Website des Goetheinstituts, abgerufen am 15. Januar 2012
- ↑ Interview mit Miranda July in: Cinematic Happenings under Development vom 12. Dezember 2011, abgerufen am 15. Januar 2012
- ↑ Website der Zeitschrift Revolver, abgerufen am 14. Januar 2012
- ↑ Marcus Seibert (Hrsg.): Kino muss gefährlich sein. Revolver Filmbuch. Das Beste aus 14 Ausgaben Revolver. 40 Texte und Interviews zum Film. Beiträge von/mit: Maren Ade, Barbara Albert, Jens Börner, Jean-Claude Carrière, Katrin Cartlidge, Patrice Chéreau, Jacques Doillon, Jean Douchet, Christopher Doyle, Bruno Dumont, Harun Farocki, Helmut Färber, Dominik Graf, Michael Haneke, Jessica Hausner, Benjamin Heisenberg, Werner Herzog, Christoph Hochhäusler, Romuald Karmakar, Wong Kar-Wai, Abbas Kiarostami, Roland Klick, Alexander Kluge, Harmony Korine, Peter Kubelka, Noémie Lvovsky, Jonas Mekas, Christian Petzold, Jacques Rivette, Eric Rohmer, Ulrich Seidl, Angela Schanelec, Georg Seeßlen, Hans-Jürgen Syberberg, Lars von Trier, Reinhold Vorschneider, Jeff Wall, Nicolas Wackerbarth, Henner Winckler u.a.; Nachweis auf der Website der Zeitschrift Revolver, abgerufen am 14. Januar 2012