Berliner Tageblatt

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Plakat aus dem Jahr 1899

Das Berliner Tageblatt wurde von Rudolf Mosse gegründet und erschien erstmals am 1. Januar 1872. Es diente zunächst als Anzeigenblatt der Geschäftswelt und entwickelte sich daraus zu einer eigenständigen Zeitung. Mit der Gründung des Berliner Tageblatts legte Mosse den Grundstein für den ersten Zeitungskonzern Deutschlands.

Geschichte[Bearbeiten]

Gestaltung, leitende Mitarbeiter[Bearbeiten]

Die Anfänge des Blattes schilderte Fritz Mauthner in seinem Schlüsselroman Die Fanfare (1888). Seine weitere Entwicklung porträtierte Siegfried Jacobsohn aus Anlass des siebzigsten Geburtstags Mosses in einem gemeinsam mit Kurt Tucholsky verfassten Beitrag in der Wochenzeitschrift Die Schaubühne vom 8. Mai 1913.

Von 1906 bis 1933 war Theodor Wolff, der frühere Pariser Korrespondent der Zeitung, Chefredakteur. Er löste den kranken Arthur Levysohn ab. Unter seiner Leitung entwickelte sich das Berliner Tageblatt zum einflussreichsten Hauptstadtblatt neben der Vossischen Zeitung.

Am 5. Januar 1919 wurde der Sitz der Zeitung im Rahmen des sogenannten Spartakusaufstandes für eine Woche von bewaffneten Demonstranten einer von der USPD und den Revolutionären Obleuten organisierten Demonstration besetzt.[1]

Im Jahr 1920 hatte das zweimal täglich erscheinende Berliner Tageblatt eine Auflage von rund 245.000 Exemplaren.

Vom Dezember 1918 bis zum April 1920 war Kurt Tucholsky Chefredakteur der humoristischen Beilage Ulk, die von 1913 bis 1933 wöchentlich erschien. Außerdem lieferte er in dieser Zeit fünfzig Beiträge für das Berliner Tageblatt.

Nach dem Tod Mosses im Jahr 1920 übernahm sein Schwiegersohn Hans Lachmann-Mosse die verlegerische Leitung. Er war Bankkaufmann und hatte als Sohn des Besitzers der Berliner Messingwerke im Zeitungswesen kaum Vorerfahrung.

Die letzte Ausgabe des Berliner Tageblatts in Frakturschrift war die Ausgabe vom 21. März 1927, mit der Morgenausgabe vom 22. März 1927 wurde die Zeitung in Antiqua gesetzt, siehe hierzu auch den Kommentar der englischen Presse vom 31. Juli 1928 (Abend-Ausgabe) und der französischen vom 5. August 1928 (Morgen-Ausgabe). Bis zum Sonnabend, dem 20. August 1932 erschien das Berliner Tageblatt dienstags bis sonnabends mit einer Morgen- und einer Abendausgabe, sonntags gab es zunächst nur eine Morgenausgabe, wie montags nur eine Abendausgabe. Dieses System wurde am 21. August 1932 mit der Einführung einer Sonntagsausgabe geändert; die Woche begann allerdings weiterhin mit der gewohnten Abendausgabe am Montag.

Am 10. März 1933 wurde das Berliner Tageblatt nach § 1 der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Februar 1933[2] auf drei Tage verboten, abgedruckt wurde die „Beglaubigte Abschrift“ mit dem Datum des 10. März. Nach dem Verbot übertrugen Hans und Felicitas Lachmann-Mosse die Leitung des Berliner Tageblatts an bewährte Mitarbeiter des Hauses und stellten den Überschuss aus ihren sämtlichen Betrieben einem gemeinnützigen Fonds zur Verfügung (9. April 1933 Sonntagsausgabe). Hintergrund der Affaire war, dass Lachmann-Mosse den Konzern durch Zeitungsübernahmen und Übernahme des Kabaretts der Komiker finanziell in eine gefährliche Schieflage gebracht hatte, die zu einer „ersten“ Kündigungswelle führte (unabhängig von der bald folgenden „Gleichschaltung“).

Gleichschaltung und Schließung[Bearbeiten]

Am 3. März 1933 entließ Hans Lachmann-Mosse den Chefredakteur Theodor Wolff, der nach dem Reichstagsbrand aufgrund seiner deutlichen Kritik am herrschenden Regime und seiner jüdischen Herkunft über München nach Tirol geflohen war.

Nach 1933 wurde die Zeitung gleichgeschaltet und erschien mit einer Berliner und einer Reichsausgabe noch bis zum 31. Januar 1939. Über Turbulenzen bei der Gleichschaltung und die eigenartige Dialektik, wie einerseits eine Mannschaft um den Chefredakteur Paul Scheffer sich um freie Berichterstattung bemühte und andererseits der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels das BT als Feigenblatt angeblicher Pressefreiheit benutzte, berichtet Margret Boveri in ihrem Buch „Wir lügen alle“.[3] Der letzte Chefredakteur war Eugen Mündler. 1939 wurde die Publikation eingestellt. Mündler und andere Journalisten wechselten später zur Wochenzeitung „Das Reich“.

Mitarbeiter[Bearbeiten]

Wolff gelang es in den 27 Jahren seiner Chefredakteurstätigkeit die Elite des deutschen Journalismus an sein Blatt zu binden: Für die Innenpolitik zum Beispiel Ernst Feder und Rudolf Olden, für die Außenpolitik Josef Schwab, Max Jordan und Maximilian Müller-Jabusch. Für den Handelsteil waren Arthur Norden und Felix Pinner verantwortlich. Von 1922 bis 1932 war Fred Hildenbrandt Feuilletonchef. Seit 1924 korrespondierte Erich Everth für das BT aus Wien. Für die Musikkritik war, als Nachfolger von Leopold Schmidt, ab September 1927 bis August 1933 Alfred Einstein am BT tätig. Chef des wichtigen „Mitteleuropäischen Büros“, mit Sitz in Wien, war von 1927 bis 1933 Heinrich Eduard Jacob, der in seiner Zeit für das BT rund 1000 Beiträge schrieb. Jacob setzte sich in seiner Wiener Zeit für das BT tiefgreifend mit den österreichischen Nationalsozialisten bzw. Heimwehrlern auseinander, was dazu führte, dass er sofort nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verbracht wurde.

Leiter des Theaterressorts war von 1919 an Alfred Kerr. Zu den regelmäßigen Mitarbeitern des Feuilletons gehörten außerdem Alfred Polgar, Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Otto Flake und Frank Thiess. Vom 20. März bis 26. April 1931 erschien im Berliner Tageblatt z. B. der Vorabdruck des Romans Schloß Gripsholm von Kurt Tucholsky. Wolffs stellvertretender Chefredakteur war der aus Wien stammende Journalist Siegfried Bryk (1869–1924).

Im Laufe der Jahre schrieben für das Berliner Tageblatt unter anderem:

Victor Auburtin, Lothar Band (1944 als Mitarbeiter am Völkischen Beobachter), Margret Boveri, Erich Burger, A. F. Cohn, Friedrich Dernburg (ab 1894 als Feuilletonredakteur), Anton Dietzenschmidt, Hedwig Dohm, Adolf Donath, Alfred Eisenstein, Fritz Engel, Margot Epstein, Peter Epstein, Felix Falk, Paul Fechter, Hans Joachim Flechtner, Hans Fleming, Alfred Frankenfeld, Martin Friedland, Lieselotte Friedlaender, Syliva v. Harden, Rudolf Herrnstadt, Leo Hirsch, Arnold Höllriegel (Pseud. für Richard Arnold Bermann), Herbert Ihering, Heinrich Eduard Jacob, Siegfried Jacoby, Alfred Kantorowicz, Alfred Kerr, C. Z. Klötzel, Karl Korn, Alfred Krüger, Anton Kuh, Ernst Latzko, G. Mamlock, Ernst Moritz Mungenast, P. A. Otte, Werner Richter, Arthur Ernst Rutra, Alice Salomon, Paul Scheffer, Hellmut Schlien, Wilhelm Schmidtbonn (Schmidt, Bonn), Arthur Silbergleit, Hermann Sinsheimer, Peter Suhrkamp, Eugen Szatmari, Gabriele Tergit, Siegfried v. Vegesack, Petra Vermehren, Jakob Wassermann, Karl Westermeyer, Robert Walser, Isidor Kastan.

Aktuelles[Bearbeiten]

Am 31. Juli 2007 sicherte sich die Eignerin der Berliner Tageszeitung beim Deutschen Patent- und Markenamt die Wort-/Bildmarke Berliner Tageblatt und führt diesen Namen seither neben ihrem Titel Berliner TageszeitungBerliner Tageblatt.[4]

Auflagenentwicklung[Bearbeiten]

  • 1906: 95.000 Exemplare
  • 1913: 245.000 Exemplare
  • März 1919: werktags: 160.000–170.000, sonntags 300.000 Exemplare
  • 1920: werktags: 245.000, sonntags 300.000 Exemplare
  • 1923: sonntags ca. 250.000 Exemplare
  • April 1928: 150.000 Exemplare
  • 1929: werktags 137.000, davon Stadtauflage: 83.000, sonntags: 250.000 Exemplare
  • 1930–1931: werktags 121.000, davon Stadtauflage: 77.000, sonntags 208.000, davon Stadtauflage: 113.000 Exemplare
  • April 1931: 140.000 Exemplare
  • 1933: 130.000–240.000 Exemplare

beispielsweise am 5. März 1933 (Bildchen mit Zeitungspresse mit dem Text abgedruckt: Diese Nummer erscheint in der Auflage von 228900 Exemplaren Berlin, 5. März 1933)

(zusammengestellt nach verschiedenen Quellen)

Organisation der Zeitung (1937)[Bearbeiten]

  • Verlagsleitung: Kurt Jahncke, Fritz Schmidt, August Lorey
  • Hauptschriftleiter: Erich Schwarzer
  • Stellvertretender Hauptschriftleiter: Wilhelm Renner
  • Chef vom Dienst: Reinhard Gerdes
  • Innenpolitik: Willy Beer
  • Außenpolitik: Rudolf Fischer
  • Kunst und Unterhaltung: Paul Fechter
  • Wirtschaft: J. Kastenholz
  • Lokales: Fritz Dettmann
  • Sport: Aribert Heymann
  • Technik und Kraftfahrwesen: St. M. Zentzytzki
  • Jugendfragen: S. Zoglmann
  • Geistiges Leben und Literatur der Zeit: Karl Korn
  • Anzeigenleitung: Georg Macknow
  • Mitarbeiter:
    • Augsburg: Lauterbacher
    • Bremen: Mahler
    • Breslau: Thiel
    • Chemnitz: Haberland
    • Dresden: Böhnisch und Neumann
    • Düsseldorf: Mahr
    • Essen: Bünten
    • Friedrichshafen: Seibert
    • Halle: Brinkmann
    • Hamburg: Frankenfeld
    • Hanau: Schrecker
    • Hannover: Lanzke
    • Köln: Schott
    • Leipzig: Mißlack und Minder
    • Magedeburg: Lange
    • München: Richter
    • Stettin: Wegener
    • Stuttgart: Haacke
    • Weimar: Bauer
    • Budapest: Berkes
    • Chicago: Simon
    • Danzig: Krebs
    • Genf: Ruppel
    • Istanbul: Holzinger
    • London: von Stutterheim und Gerwin
    • Paris: Kramer und Grotkopp
    • Prag: Worliczek
    • Reval: Meder
    • Rom: Stock
    • Stockholm: Paulsen
    • Tokio: Fabius
    • Wien: Stranik

Beilagen der Zeitung waren der Weltspiegel und Haus-Hof-Garten. Die Auflage umfasste im Jahre 1937 mehr als 56.000 Stück. Mit dem Berliner Stadtblatt kamen mehr als 32.000 Exemplare in diesem Jahr heraus. Der Umfang der Zeitung umfasste 16 Seiten an Wochentagen, sonntags wurden 32 Seiten gedruckt. Die Zeitung erschien zwölf Mal in der Woche. Die Adresse der Zeitung war gleichlautend wie die Buch- und Tiefdruck GmbH: Berlin SW 19, Jerusalemer Straße 46-49.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Berliner Tageblatt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Fünfundzwanzig Jahre Deutscher Zeitgeschichte - 1872–1897. Jubiläums-Schrift, hrsg. v. d. Redaktion des Berliner Tageblatts. Rudolf Mosse, Berlin 1897
  • Siegfried Jacobsohn [gemeinsam mit Kurt Tucholsky]: Dem siebzigjährigen Mosse. In: Siegfried Jacobsohn, Gesammelte Schriften, Göttingen 2005, Bd. 2, S. 264–270.
  • Karl Schottenloher: Flugblatt und Zeitung. Ein Wegweiser durch das gedruckte Tagesschrifttum, Band 1: Von den Anfängen bis 1848. Schmidt, Berlin 1922. Neu herausgegeben, eingeleitet und ergänzt von J. Binkowski, München, Klinkhardt und Biermann, 1985, ISBN 3-7814-0228-2
  • Arnulf Kutsch, Johannes Weber: 350 Jahre Tageszeitung, Forschungen und Dokumente. Bremen 2002, ISBN 3-934686-06-0. Paperback, 220 Seiten.
  • Peter de Mendelssohn: Zeitungsstadt Berlin: Menschen und Mächte in der Geschichte der deutschen Presse. Ullstein, Berlin 1959. 2., überarb. u. erw. Aufl. Ullstein, Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1982.
  • Walther G. Oschilewski: Zeitungen in Berlin: Im Spiegel der Jahrhunderte, Berlin: Haude & Spener, 1975.
  • Margret Boveri: Wir lügen alle: Eine Hauptstadtzeitung unter Hitler. Walter, Olten 1965.
  • Wolfram Köhler: Der Chef-Redakteur Theodor Wolff. Droste, Düsseldorf 1978.
  • Gotthart Schwarz: Berliner Tageblatt (1872–1939). In: Heinz-Dietrich Fischer (Hrsg.): Deutsche Zeitungen des 17.–20. Jahrhunderts, Band 2. Pullach bei München 1972; S. 315–327.
  • Bernd Sösemann (Hrsg.): Theodor Wolff: Der Publizist. Feuilletons, Gedichte, Aufzeichnungen. Düsseldorf 1995.
  • Robert Schmitt Scheubel (Hrsg.): Alfred Einstein. Die Kritiken. (unveröff.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinrich August Winkler, 1998: "Weimar, 1918-1933: Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie". S. 57
  2. RGBl. I Nr. 17 S. 83
  3. Walter Kiaulehn: „Wir lügen alle“ – Margret Boveris Bericht über das „Berliner Tageblatt“ unter Hitler. In: Die Zeit, Nr. 51/1965
  4. dpma.de