Berlinka (Sammlung)

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Als Berlinka (polnisch für „Berlinerin“), auch Pruski skarb („Preußenschatz“) genannt, wird eine umfangreiche Sammlung deutscher Originalhandschriften in der Biblioteka Jagiellońska bezeichnet, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in polnischem Besitz befindet. Der Verbleib der Bestände wird kontrovers diskutiert.

Auslagerung und Besitzwechsel[Bearbeiten]

Die Bestände wurden zwischen September 1942 und Januar 1944 aus der Preußischen Staatsbibliothek zu Berlin zum Schutz vor Bombenschäden in das schlesische Kloster Grüssau ausgelagert. Im Frühjahr 1945 eroberten sowjetische Truppen das Gebiet.

Als nach dem Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 das deutsche Staatsgebiet östlich der Oder-Neiße-Linie unter sowjetische und polnische Verwaltung fiel, kamen diese umfangreichen Depots unter die Hoheit der Volksrepublik Polen. Die Berlinka-Dokumente wurden im Winter 1945/46 von polnischer Miliz aus dem Kloster abtransportiert[1] und in der Folgezeit nach Krakau verbracht. Die Frage, ob sie sich von 1945 bis zum Transport nach Krakau auf deutschem oder polnischem Hoheitsgebiet befanden, ist zwischen deutschen[2] und polnischen Juristen[3] strittig.

Umfang des Bestandes[Bearbeiten]

Die Sammlung umfasst zirka 300.000 Bände aus wertvollen mittelalterlichen Handschriften, Autographen, unter anderem von Luther und Goethe, Schillers Doktorarbeit, eine Autographensammlung (Briefe von und an 9000 Personen) als Teil der Sammlung Varnhagen von Ense und eine umfangreiche Musikaliensammlung mit Originalpartituren bedeutender Kompositionen von Bach, Beethoven und Mozart, wie z. B. die „Entführung aus dem Serail“.[4][5]

Geschichte und Verhandlungen[Bearbeiten]

Die sozialistischen Regierungen der DDR und der Volksrepublik Polen vereinbarten 1965 eine Rückführung der Bestände aus Polen, die hauptsächlich einen Teil der weniger wertvollen Bestände umfasste.

Bis 1977 wurde die Existenz der Sammlung von polnischer Seite dem Westen gegenüber geleugnet. Doch befand sie sich damals wie heute in der Bibliothek der Krakauer Jagiellonen-Universität. Selbst Musikwissenschaftler der Universität, die wissenschaftlich über die Komponisten Beethoven oder Bach arbeiteten, wussten nichts von der Existenz der Partituren an ihrer Universitätsbibliothek. 1974/1975 drängte die Direktion der Bibliothek darauf, die Sammlungen in die eigenen Bestände zu integrieren, doch wurde dieses Projekt wieder eingestellt, und es blieb bei den getrennten Provenienzen und den alten Signaturen.[6]

Seit Ende der 1980er Jahre können wissenschaftlich ausgewiesene Benutzer (Doktoranden nur mit Empfehlung ihrer jeweiligen Universitäten) die „Berlinka“ zu Forschungszwecken einsehen. Ende 1999 tauchten auf Auktionen Inkunabeln aus der Jagiellonischen Bibliothek auf, die von ehemaligen Mitarbeitern entwendet worden sein sollen. Seitdem wurden die Benutzungsbedingungen restriktiv ausgelegt.[7]

Wie der gesamte deutsche Besitz in den ehemaligen deutschen Ostgebieten waren auch die Kulturgüter per Dekret nach März 1946 zu polnischem Staatseigentum erklärt worden. Die deutsche Bundesregierung hält dagegen, dass in diesem Fall die Haager Landkriegsordnung von 1907 als bis heute gültiges Völkerrecht zur Anwendung kommt, die eine Wegnahme von Kulturgütern verbietet. Verhandlungen über die Rückführung von kriegsbedingt verlagerten Kulturgütern kamen Ende der 1990er Jahre auf Anregung des polnischen Präsidenten Aleksander Kwaśniewski in Gang und dauern bis heute an.

Grundlage der Rückgabeverhandlungen ist unter anderem der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag vom 17. Juni 1991. Danach sind beide Länder „bestrebt, die Probleme im Zusammenhang mit Kulturgütern und Archivalien, beginnend mit Einzelfällen, zu lösen.“ Umstritten ist, ob die Berlinka Beutekunst darstellt. Nach polnischer Auffassung ist sie dies nicht, da ihr Bestand nicht von Polen kriegsbedingt verschleppt, sondern innerhalb Deutschlands verlagert wurde. Durch die Neuziehung der Grenzen nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich die Verlagerungsorte auf polnischem Territorium, womit auch die ausgelagerten Bestände nun nach Polen gelangt wären.[8]

Im Dezember 2000 schlug Polen der deutschen Regierung vor, die Sammlung im Austausch gegen Kunstwerke zurückzugeben, die während der Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg geraubt worden waren. Dass die Gründung einer deutsch-polnischen Stiftung nicht zustande kam, die solche Kunstwerke auffinden und aufkaufen sollte, führt der damalige Deutschlandbeauftragte Władysław Bartoszewski darauf zurück, dass der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder diesen Vorschlag „nicht begriffen“ habe.[9]

Anfang 2006 kam die Sammlung wieder ins öffentliche Bewusstsein, als in der Bibliothek lange verschollen geglaubte Exemplare des Grimm’schen Wörterbuchs mit handschriftlichen Notizen der Brüder Grimm wiedergefunden wurden. 2011 wurden die Briefe von Heinrich von Kleist ausgestellt. [10]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hannes Hartung: Kunstraub in Krieg und Verfolgung. Die Restitution der Beute- und Raubkunst im Kollisions- und Völkerrecht. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2005, ISBN 3-899-49210-2 (online).
  • Werner Schochow: Bücherschicksale. Die Verlagerungsgeschichte der Preußischen Staatsbibliothek. Auslagerung, Zerstörung, Entfremdung, Rückführung. Dargestellt aus den Quellen. de Gruyter, Berlin u. a. 2003, ISBN 3-11-017764-1 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 102), (online).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Berichte der Benediktinermönche; zit. in: Dieter Henrich: Beethoven, Hegel und Mozart auf der Reise nach Krakau. In: Neue Rundschau, Jg. 88 (1977), H. 2, S. 175f.
  2. Zum Fortbestand des deutschen Staates und somit seines Hoheitsgebiets (1945–1990) vgl. z. B. Klaus Stern: Das Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland – Band V, S. 1964f.; siehe diesbezüglich auch die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts z. B. in BVerfGE 77, 137 – Teso.
  3. Piotr Lechowski: Die „Berliner Sammlungen“ in der Jagiellonischen Bibliothek Krakau. In: Inter Finitimos 7 (1995), Nr. 15/16, S. 9–15
  4. Michael S. Cullen: Wem gehören Werke, die der Menschheit gehören, und wo gehören sie hin?, Weimar 2003, dokumentiert im Lost Art Register, Magdeburg
  5. Claudia Becker: Wem gehört die Berlinka?, Berliner Morgenpost, 23. Juni 2002
  6. Vgl. Jan Pirożyński / Barbara Bułat: Jagiellonen-Bibliothek. In: Handbuch der historischen Buchbestände in Deutschland, Österreich und Europa. Hrsg. von Bernhard Fabian, digitalisiert von Günter Kükenshöner. Olms, Hildesheim 2003 (Web-Ressource).
  7. Peter Dittmar: Wenn der Bibliothekar zum Messer greift, Welt Online, 31. August 2007
  8. Zur Kontroverse Tonno Eitel: Vom Umgang mit Beutekunst, in: Veröffentlichungen der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg, Band 4, 2007, S. 391ff. und Wojciech Kowalski: Die Restitution der kulturellen Kriegsverluste Polens, ebenda, S. 235ff.; siehe auch: Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 18. April 2009
  9. Wladyslaw Bartoszewski: Polen wollte Berlinka zurückgeben
  10. Universität zu Köln