Bernhard Lichtenberg

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Grab des sel. Bernhard Lichtenberg in der Unterkirche der St. Hedwigs-Kathedrale, Berlin
Unterschrift
Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg an der Kirche Zum Guten Hirten in Berlin
Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg in Berlin-Karlshorst

Bernhard Lichtenberg (* 3. Dezember 1875 in Ohlau in Niederschlesien; † 5. November 1943 in Hof) war ein deutscher Priester, der während der nationalsozialistischen Diktatur öffentlich für die Verfolgten eintrat. Er wird in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt. Bernhard Lichtenberg zählt zu den Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem.

Leben[Bearbeiten]

Bernhard Lichtenberg wurde als zweitältester Sohn des Kaufmanns August Lichtenberg in der schlesischen Stadt Ohlau (der heutigen polnischen Stadt Oława) geboren. Von 1895 bis 1898 studierte er katholische Theologie in Innsbruck und später in Breslau, wo er schließlich 1899 zum Priester geweiht wurde. Als Neupriester war Lichtenberg in Neisse tätig, ab 1900 als Kaplan, Kurat und schließlich als Pfarrer in Berlin.

Von 1913 bis 1930 war Lichtenberg Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde in Charlottenburg. Während des Ersten Weltkriegs war er Militärgeistlicher bei dem in Charlottenburg stationierten Gardegrenadierregiment 3. Er erhielt die Verdienstmedaille des Roten Kreuzes. 1930 wurde das Bistum Berlin gegründet, als Domkapitular beriet Lichtenberg den neueingesetzten Bischof Christian Schreiber. 1932 wurde Lichtenberg zum Dompfarrer der Sankt-Hedwigs-Kathedrale berufen und 1938 zum Dompropst der Kathedrale ernannt.

Lichtenberg vertrat die Lehre der Kirche stets auch in der Politik. Von 1913 bis 1920, als Charlottenburg nach Berlin eingemeindet wurde, saß er für die Zentrumspartei im Charlottenburger Stadtparlament, ab 1920 bis 1930 war er Bezirksabgeordneter im Wedding. Bereits 1931 hetzte Joseph Goebbels, seit 1926 Gauleiter der NSDAP für Groß-Berlin und seit 1930 Reichspropagandaleiter, gegen Lichtenberg, da dieser zum Besuch des Anti-Kriegsfilms Im Westen nichts Neues nach dem Roman von Erich Maria Remarque aufgerufen hatte. 1933 durchsuchte die Geheime Staatspolizei erstmals Lichtenbergs Wohnung.

Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg an der Kirche St. Mauritius im Ortsteil Lichtenberg

Dompropst Lichtenberg ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Als ihm der ehemalige Abgeordnete und Geschäftsführer der SPD-Fraktion im preußischen Landtag, Jürgen Jürgensen, 1935 einen Bericht über die Zustände im Konzentrationslager Esterwegen[1] übermittelte und von den schweren Misshandlungen Gefangener – wie Heinrich Hirtsiefer (von 1921 bis 1932 preußischer Minister für Volkswohlfahrt und stellvertretender Ministerpräsident) oder Ernst Heilmann (bis 1933 Fraktionsvorsitzender der SPD im preußischen Landtag) – berichtete, protestierte Bernhard Lichtenberg in einer Beschwerdeschrift. Erst nach zwei Erinnerungsschreiben erhielt Lichtenberg eine briefliche Antwort von Werner Best als stellvertretender Leiter der Gestapo und eine Stellungnahme des Leiters des KZ Esterwegen, Theodor Eicke. Diese Schreiben offenbarten in krasser Form das Ende des Rechtsstaats. In der Folge wurde Lichtenberg wegen „Verbreitung von Greuelpropaganda“ im Gebäude der Gestapo verhört und misshandelt, um die Quelle seiner Informationen zu erfahren. Er gab diese jedoch nicht preis.

Nach den staatlich gelenkten öffentlichen Ausschreitungen gegen Juden und Christen jüdischer Abstammung in den Novemberpogromen 1938 betete Lichtenberg jeden Sonntag öffentlich für die Verfolgten, gleich welchen Glaubens. 1941 protestierte auch Lichtenberg in einem Brief an Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti gegen die systematische Ermordung unheilbar Kranker und geistig oder körperlich Behinderter („Euthanasieprogramm“), die der Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen der Öffentlichkeit bekanntgemacht hatte.

Aufgrund einer Denunziation wurde Lichtenberg am 23. Oktober 1941 durch die Geheime Staatspolizei festgenommen, bei der Festnahme fand sich eine vorbereitete Kanzelvermeldung, dass die Gemeinde einem anonym verbreiteten Flugblatt an die Berliner, die die jedwede Unterstützung der Juden als „Verrat am eigenen Volk“ bezeichneten, keinen Glauben schenken, sondern nach dem Gebot Jesu Christi handeln solle. Lichtenberg bezeichnete dieses Flugblatt wörtlich als Hetzblatt. Im Hinblick auf frühere Gebete für Verfolgte genügte dies dem Sondergericht Berlin I, Lichtenberg am 22. Mai 1942 wegen „Kanzelmissbrauchs“ und Vergehen gegen das Heimtückegesetz zu einer zweijährigen Haftstrafe unter Anrechnung der Untersuchungshaft zu verurteilen. Diese verbüßte er zuerst im Strafgefängnis Tegel und später im Durchgangslager Berlin-Wuhlheide. Im Spätherbst 1943 wurde Lichtenberg jedoch nicht entlassen, sondern unmittelbar in „Schutzhaft“ genommen. Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) verfügte die Einweisung in ein Konzentrationslager.

Auf dem Transport in das Konzentrationslager Dachau machte der Zug am 3. November einen Zwischenstopp in der Stadt Hof. 200 Gefangene, darunter Bernhard Lichtenberg, wurden mit Lastwagen in ein Gefängnis gebracht. Der Gefängnisleiter wurde auf Bernhard Lichtenberg aufmerksam und sorgte dafür, dass der schwer herz- und nierenkranke Geistliche am 4. November in das städtische Krankenhaus in Hof überwiesen wurde, wo er noch am selben Tag durch den Hofer Stadtpfarrer Prälat Michael Gehringer die Krankensalbung empfing. Am 5. November 1943 starb Lichtenberg gegen 18 Uhr. Die Hofer Polizei gab den Leichnam frei, bevor die Gestapo eingreifen konnte. Die sterblichen Überreste wurden am 11. November nach Berlin gebracht und am 16. November von der Kirche St. Sebastian aus unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem alten Domfriedhof der St.-Hedwigs-Gemeinde in der Liesenstraße zu Grabe getragen. In der 1963 geweihten Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Berlin-Charlottenburg Nord sollte in der Krypta ein Sarkophag die Gebeine von Bernhard Lichtenberg aufnehmen. Die DDR-Behörden verweigerten jedoch die Überführung nach West-Berlin. Die Gebeine Lichtenbergs wurden daraufhin 1965 in der Unterkirche der in Ost-Berlin gelegenen St. Hedwigs-Kathedrale beigesetzt.[2]

Bernhard-Lichtenberg-Büste von Klaus Backmund in der Stadtpfarrkirche St. Marien in Hof

Am 5. November 1991 wurde im Foyer des neben der Hedwigskathedrale gelegenen Bernhard-Lichtenberg-Hauses eine von Klaus Backmund geschaffene Büste aufgestellt. Auf Anregung des Stadtpfarrers von Hof, Edmund Kräck, wurde 1992 eine Kopie dieser Büste vom damaligen Dompropst der Hedwigskathedrale, Otto Riedel, in der Hofer Marienkirche eingeweiht. Die Büste symbolisiert die Verbundenheit zwischen Wirkungs- und Sterbeort Lichtenbergs.

Das Erzbistum Berlin hat Ende der 1990er-Jahre einen Bernhard-Lichtenberg-Fonds eingerichtet, aus dessen Mitteln Migranten unterstützt werden, die unverschuldet in Not geraten sind.

Verehrung[Bearbeiten]

Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg in der Gedenkstätte Esterwegen

Papst Johannes Paul II. sprach Dompropst Lichtenberg und Karl Leisner am 23. Juni 1996 bei seinem Deutschlandbesuch in Berlin selig. Der Gedenktag Bernhard Lichtenbergs ist der 5. November.

Weil Lichtenberg sein seelsorgerisches Wirken in der Gemeinde Zum Guten Hirten in Berlin-Lichtenberg begann, wurden an der „Mutterkirche“ St. Mauritius, am Pfarrhaus in der Karlshorster Marienkirche, im Eingangsbereich der Kirche Zum Guten Hirten und an der Herz-Jesu-Kirche in Charlottenburg je eine Gedenktafel angebracht. In der Nähe der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee in Charlottenburg wurde 1962 die Bernhard-Lichtenberg-Straße angelegt.[3] Auch in Ost-Berlin wurde 1974 eine weitere Bernhard-Lichtenberg-Straße im Prenzlauer Berg gewidmet.[4] Zudem trägt der Platz vor der JVA Tegel seinen Namen.[5] In Berlin-Spandau ist eine katholische Grundschule nach ihm benannt. In der Gedenkstätte des früheren Konzentrationslagers Esterwegen wurde für Berhard Lichtenberg wegen seines Einsatzes für die Gefangenen des Lagers ein Gedenkort eingerichtet, und der Platz in der Hofer Altstadt vor der Stadtpfarrkirche St. Marien heißt seit 2013 Bernhard-Lichtenberg-Platz. In weiteren Orten Deutschlands, so auch in Leverkusen, wurden Straßen nach ihm benannt.

Die Verantwortlichen der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem ehrten Lichtenberg wegen seines Einsatzes für verfolgte Juden postum mit der Auszeichnung als „Gerechten unter den Völkern“. Shimon Stein, Israels Botschafter in Deutschland, überreichte am 18. Mai 2005 Urkunde und Medaille für diese Auszeichnung in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale dem damaligen Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky.

Im März 2012 setzte das Erzbistum Berlin den Leiter des Diözesanarchivs Berlin, Gotthard Klein, zum diözesanen Postulator des Heiligsprechungsverfahrens des sel. Bernhard Lichtenberg ein. [6]

Wirkung in der Musik[Bearbeiten]

  • Psalm 59. Mit zwei Meditationen von Bernhard Lichtenberg. Für Sopran Solo, gemischten Chor, Orgel und Streichquintett von Helge Jung, Berlin 1988. (Prolog: Die grüne Saat, Psalm: Errette mich, mein Gott, beschütze mich, Epilog I: Gott ist die Liebe, Epilog II: Wer mich vor den Menschen bekennt). UA: Chor der Hedwigskathedrale Berlin, Ltg. Michael Witt.
  • Lied: Dein Volk die dunklen Zeiten. Text und Melodie: Florian Wilkes, Berlin 1995.
  • Lied: Laßt uns den sel'gen Bernhard loben. Text: Josef Steiner, Berlin 1996. Melodie nach GL Nr. 262: Loys Bourgeois 1551. In: Diözesananhang zum Gotteslob des Erzbistums Berlin.
  • Wer glaubt kann widerstehn. Bernhard-Lichtenberg-Kantate. Für Sprecher, Sologesang, Chor (SATB) und Instrumente von Ludger Stühlmeyer, Hof 1999. UA: 31. Oktober 1999, ZDF, Konzertchor der Hofer Symphoniker, Leitung: Gottfried Hoffmann.
  • Bernhard-Lichtenberg-Vesper. Textzusammenstellung und Musik von Ludger Stühlmeyer, Hof 2011.
  • Lied: Gepriesen bist du, herrlicher Gott, für Bernhard, den seligen Priester. Text: Alois Albrecht, Melodie: Ludger Stühlmeyer, Hof 2012.

Literatur[Bearbeiten]

  •  Albrecht Hartmann: Bernhard Lichtenberg. Ein christlicher Widerstandskämpfer aus Charlottenburg. Berlin-Charlottenburg 1984.
  • Wolfgang Knauft: Lichtenberg, Bernhard. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 14, Duncker & Humblot, Berlin 1985, ISBN 3-428-00195-8, S. 449 (Digitalisat).
  •  Otto Ogiermann SJ: Bis zum letzten Atemzug. Das Leben und Aufbegehren des Priesters Bernhard Lichtenberg. Leipzig 1985.
  •  Otto Ogiermann SJ: Bernhard Lichtenberg. In: Gerd Heinrich (Hrsg.): Berlinische Lebensbilder. Band 5: Theologen. S. 277-290, Berlin 1990.
  •  Gotthard Klein: Berolinen. Canoniszationis servi Dei Bernardi Lichtenberg. Vol. I Information, Vol II Summarium: Documenta, Vol III Summarium: Depositiones Testium. Rom 1992.
  • Martin Persch: Lichtenberg, Bernhard. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 20–23.
  •  Dieter Hanky: Bernhard Lichtenberg. Priester – Bekenner – Märtyrer. Berlin 1994.
  •  Christian Feldmann: Wer glaubt, muß widerstehen – Bernhard Lichtenberg – Karl Leisner. Herder, Freiburg 1996, ISBN 3-451-26052-2.
  •  Erich Kock: Er widerstand. Bernhard Lichtenberg, Dompropst bei St. Hedwig. Berlin 1996.
  •  Stefan Samerski: Bernhard Lichtenberg. In: Michael Hirschfeld, Johannes Gröger, Werner Marschall (Hrsg.): Schlesische Kirche in Lebensbildern. Band 7, Münster 2006, S. 201–205.
  •  Barbara Stühlmeyer, Ludger Stühlmeyer: Bernhard Lichtenberg. Ich werde meinem Gewissen folgen. Topos plus Verlagsgemeinschaft, Kevelaer 2013.
  •  Theresa E. Ryen: Gotteslob in dunkler Zeit. Ein neues Lied von Ludger Stühlmeyer zum 70. Todestag des seligen Bernhard Lichtenberg. Heinrichsblatt Nr. 43, Bamberg Oktober 2013.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bernhard Lichtenberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Moorsoldaten, Wolfgang Langhoff
  2. Gedächtniskirche der deutschen Katholiken Maria Regina Martyrum zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933-1945. Morus Verlag, Berlin 1963, S. 72-76; Reiner Elwers: Berlins unbekannte Kulturdenkmäler. L&H Verlag, Mabugr 1998, ISBN 3-928119-47-8, S. 77.
  3. Bernhard-Lichtenberg-Straße (Charlottenburg). In: Straßennamenlexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins (beim Kaupert)
  4. Bernhard-Lichtenberg-Straße (Prenzlauer Berg) bei Luise
  5. Bernhard-Lichtenberg-Platz bei Luise
  6. http://www.erzbistumberlin.de/medien/pressestelle/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldung/datum/2012/03/14/dr-gotthard-klein-zum-dioezesanpostulator-fuer-die-heiligsprechung-des-seligen-bernhard-lichtenberg/