Bernhard Sekles

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Bernhard Sekles, ca. 1913

Bernhard Sekles (* 20. März 1872 in Frankfurt am Main; † 8. Dezember 1934 ebenda) war ein deutscher Komponist, Dirigent, Pianist und Musikpädagoge.

Leben[Bearbeiten]

Bernhard Sekles wurde als Sohn Maximilian Seckeles und Anna (geb. Bischheim) am 20. März 1872 geboren (hat aber seinen Geburtstag stets am 20. Juni gefeiert). Der Name wurde auf Bernhard Sekles geändert. Nach privater Unterweisung bei dem Komponisten Wilhelm Hill studierte Sekles ab 1888 am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt am Main bei Engelbert Humperdinck (Instrumentation), Iwan Knorr (Komposition) und Lazzaro Uzielli (Klavier). Nach dem Studienabschluss wurde er Kapellmeister an den Theatern in Heidelberg (1893/94) und Mainz (1895/96). 1896 kehrte er als Lehrer ans Hoch'sche Konservatorium zurück, wo er zunächst Musiktheorie unterrichtete und ab 1906 auch Komposition. 1923 wurde er Direktor des Konservatoriums, das unter seiner Leitung durch die Einrichtung neuer Fächer bedeutend erweitert wurde (neu hinzu kamen: Dirigentenklasse, Opernschule, Privatmusiklehrer-Seminar, Institut für Kirchenmusik, Kurse für musikalische Früherziehung und Erwachsenenbildung). 1928 gründete er zudem – gegen heftigen Widerstand konservativer Kreise – die erste Jazzklasse überhaupt und berief den jungen Mátyás Seiber zu deren Leiter. Wegen seiner jüdischen Abstammung wurde Sekles im April 1933 von den Nationalsozialisten entlassen und seine Musik verboten. Sekles starb am 8. Dezember 1934 an Lungentuberkulose.

Musik[Bearbeiten]

Sekles begann als Lieder-Komponist in der Nachfolge von Brahms. Es folgten Kammermusiken, Orchester- und Bühnenwerke, mit denen er sich in Richtung Impressionismus bewegte und die ihm zunehmende Bekanntheit brachten. Daneben flossen Elemente außereuropäischer Musikkulturen sowie die kontrapunktische Linearität der Neuen Sachlichkeit in sein Schaffen ein. Dieses weist eine ungewöhnlich große stilistische Bandbreite auf, die sich zwischen spätromantischer Tonalität, exotischer Modalität und gemäßigt moderner Harmonik bis an die Grenze zur Atonalität bewegt. Als besonders charakteristisch und typisch gilt sein musikalischer Exotismus, der ihn als einen Pionier des Transkulturalismus ausweist. Sein Schüler Adorno, der ihn 1922 zum 50. Geburtstag porträtiert hat, hebt Sekles' lyrische Begabung hervor und erwähnt die Opern Scheherazade und Hochzeit des Fauns sowie die 15 Gesichte für kleines Orchester als besonders gelungen. Adorno lobt Sekles bei dieser Gelegenheit auch für seine "warme Menschlichkeit, die alles Technische mit Leben und Verantwortung erfüllt; auch um seiner klugen Methodik und sachlichen Strenge gegen alles Verblasene, Unorganische und Gemachte willen".[1] Später hat sich Adorno kritischer über Sekles, der ihm „die atonalen Mucken auszutreiben versuchte“, geäußert.[2] Auf das Erstarken des militanten Antisemitismus gegen Ende der Weimarer Republik reagierte Sekles mit einer zunehmenden Hinwendung zu seinen jüdischen Wurzeln, was seinen musikalischen Niederschlag etwa in dem Orchesterwerk Der Dybuk und dem Männerchor Vater Noah fand. Nach seiner Entlassung durch die Nazis im Jahr 1933 fand er in der Psalmkomposition An den Wassern Babylons saßen wir und weinten (Psalm 137) zu einer sakralen Schlichtheit von großer Eindringlichkeit. Sekles' Musik verschwand nach ihrem Verbot 1933 aus dem Musikleben und geriet in Vergessenheit. Ihre Wiederentdeckung steht immer noch aus.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Kompositionen[Bearbeiten]

Verlage: Schott, Eulenburg, Leuckart, Brockhaus, Oehler, Rahter u. a.

Bühne[Bearbeiten]

  • Der Zwerg und die Infantin, Ballett, op. 22, 1913
  • Schahrazade, Oper, op. 26, 1917 - Dichtung von Gerdt von Bassewitz
  • Die Hochzeit des Faun, komische Oper, 1921
  • Die zehn Küsse, komische Oper, 1926

Orchester[Bearbeiten]

  • Aus den Gärten der Semiramis, symphonische Dichtung, op. 19
  • Kleine Suite, dem Andenken E. T. A. Hoffmanns, op. 21
  • Die Temperamente, 4 symphonische Sätze für großes Orchester, op. 29, 1916
  • Passacaglia und Fuge für großes Orchester und Orgel, op. 17, 1922
  • Gesichte, fantastische Miniaturen für kleines Orchester, op. 29, 1923
  • Der Dybuk, Vorspiel für Orchester, op. 35, 1928
  • Symphonie Nr. 1, op. 37, 1930

Kammermusik[Bearbeiten]

  • Trio für Klarinette, Violoncello und Klavier, op. 9
  • Skizzen für Klavier, op. 10
  • Serenade für 11 Soloinstrumente, op. 14, 1907
  • Divertimento für Streichquartett, op. 20, 1911
  • Passacaglia und Fuge im vierfachen Kontrapunkt für Streichquartett, op. 23, 1914
  • Sonate in d-moll für Violoncello und Klavier, op. 28, 1919
  • Streichquartett, op. 31, 1923
  • Suite Nr. 1 für Klavier, op. 34
  • Der Musik-Baukasten für Klavier zu 3 oder 4 Händen, 1930
  • Chaconne über ein achttaktiges Marschthema für Bratsche und Klavier, Op.38, 1931
  • Sonate für Violine und Klavier, op. 44

Vokalmusik[Bearbeiten]

  • Lieder, op. 6
  • Volkspoesien aus dem Rumänischen, für Bariton und Klavier, op. 7, 1900
  • Aus >Hafis<, 4 Gesänge für Bariton und Klavier, op.11, 1902
  • Aus dem Schi-King (Friedrich Rückert), 18 Lieder für hohe Stimme und Klavier, op. 15, 1907
  • 4 Lieder auf Gedichte von Friedrich Rückert für Bariton und Klavier, op. 18, 1911
  • 4 Lieder für Frauenchor und Klavier, op. 6, 1899
  • 6 volkstümliche Gesänge für Sopran, Männerchor und Klavier, op. 12, 1904
  • Variationen über >Prinz Eugen< für Männerchor, Blas- und Schlaginstrumente, op. 32, 1926
  • Vater Noah für Männerchor, op. 36
  • Psalm 137 für gemischten Chor, Sopran und Orgel, 1933/1934

Musiktheoretische und unterrichtspraktische Werke[Bearbeiten]

  • Musikdiktat, Übungsstoff in 30 Abschnitten, Lehrbuch, Mainz 1901
  • Instrumentations-Beispiele, Mainz 1912
  • Musikalische Geduldspiele – Elementarschule der Improvisation, Mainz 1931
  • Grundzüge der Formenlehre
  • Harmonielehre

Schüler[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Lexikonartikel im MGG (Kassel 2006) und New Grove (London 2001)
  • Peter Cahn: Das Hoch'sche Konservatorium 1878–1978. Frankfurt am Main 1979, S. 257–270, 295–297.
  • Joachim Tschiedel: Der „jüdische Scheindirektor“ Bernhard Sekles und die Gründung der ersten europäischen Jazz-Klasse 1928. In: mr-Mitteilungen. Nr. 20, September 1996.
  • Joachim Tschiedel: Bernhard Sekles 1872–1934. Leben und Werk des Frankfurter Komponisten und Pädagogen. Schneverdingen 2005.
  • Theodor W. Adorno: Bernhard Sekles zum 50. Geburtstag. In: Gesammelte Schriften. Band 18. Frankfurt am Main 1984, S. 269 f.
  • Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt am Main 1951, S. 291ff.

Dokumente[Bearbeiten]

Briefe von Bernhard Sekles befinden sich im Bestand des Leipziger Musikverlages C.F.Peters im Staatsarchiv Leipzig.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Theodor W. Adorno: Bernhard Sekles zum 50. Geburtstag. In: Gesammelte Schriften. Band 18. Frankfurt am Main 1984, S. 269f.
  2. Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt am Main 1951, S. 291.