Besessenheit

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Dieser Artikel beschreibt den emotionalen Zustand; für den Film dieses Titels siehe Besessenheit (Film).

Besessenheit bezeichnet einen ausgeprägten Erregungszustand, der als „Inbesitznahme” der betroffenen Person durch eine übernatürliche Kraft gedeutet wird. Die Verhaltensänderung der Person wird auf das Eindringen eines Dämons, eines Geistes oder einer Gottheit zurückgeführt.

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Religion und Medizin[Bearbeiten]

Mythisch-mystische, religiöse, psychoanalytische und naturwissenschaftlich-medizinische, aber auch kriminologische und polizeiliche[1] Deutungen und Reaktionen, Diagnosen und Rituale kommen hier zusammen.

Christentum[Bearbeiten]

Schon im Neuen Testament finden sich Fälle von Besessenheit. Die Evangelien berichten von zahlreichen Heilungen Besessener durch Jesus im Sinne einer „Austreibung” (Exorzismus) in der geistigen Tradition des Judentums. Ursachen der Besessenheit sollen Verfluchungen sein, okkulte Praktiken und Teufelspakte. Von Seiten der modernen Bibelkritik wird die Existenz von Dämonen und damit die diesbezüglichen neutestamentlichen Zeugnisse abgelehnt mit der Erklärung, dass der damaligen Zeit heutige Kenntnisse über psychische Krankheiten fehlten und solche somit irrigerweise als dämonische Besessenheiten bezeichnet worden seien (so z. B. Rudolf Bultmann: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben“[2]).

Angenommene Besessenheitsphänomene polarisieren stark. Sie werden zum einen von der römisch-katholischen Kirche als Beleg der Existenz dämonischer Wesen verstanden und dienen, wie schon im Neuen Testament, aufgrund der Wirkung des Exorzismus als Beleg für die Wahrheit des Glaubens. Andererseits werden sie von Skeptikern für Symptome von psychischen Erkrankungen oder organischen Störungen (z. B. Epilepsie) gehalten. Joseph Görres thematisierte die religiös gedeuteten Krankheiten in seinem Werk Geschichte der Mystik.[3] Uta Ranke-Heinemann hat diese Arbeit dann in 6 Bänden im Eichbornverlag 1989 wieder zugänglich gemacht.

Afrikanische Religionen[Bearbeiten]

In afrikanischen Kulturen gibt es Besessenheitskulte sowohl innerhalb von traditionellen Religionen und im christlichen Umfeld (Mashawe und Vimbuza in Sambia, Pepo in Tansania), als auch innerhalb des Volksislam (Bori in Nigeria, Zar im Sudan, Aisha Qandisha und Derdeba in Marokko, Stambali in Tunesien). In den sich aus der afrikanischen Tradition ableitenden synkretistischen Religionen (Voodoo, Santería, Candomblé) gibt es einen Zustand der Trance oder künstlich herbeigeführten temporären Besessenheit, der sogar erwünscht ist, in dem Götter oder Geister Verstorbener, meist sogenannte „Ahnen”, von den Menschen Besitz ergreifen sollen, wie es z. B. der Regisseur Jean Rouch im Film Les Maitres Fous darstellte.

Indien[Bearbeiten]

Im indischen Volksglauben stammen allgemein Bhuta genannte Geister, die Besessenheit verursachen können, von den Seelen der Menschen ab, die auf unnatürliche Weise (Unfall, Mord oder Suizid) zu Tode gekommen oder nicht mit den erforderlichen Ritualen bestattet worden sind. In Rajasthan heißt ein solcher Geist Vir, wenn er von einen Menschen Besitz ergriffen hat, der plötzlich krank geworden ist oder ungewöhnliche Verhaltenweisen zeigt. Solcherart Erkrankte stammen meist aus den unteren Bevölkerungsschichten. Eine Erklärung verweist auf den Versuch des Verhaltensauffälligen, aus den rigiden sozialen Zwängen der Familie oder Dorfgemeinschaft vorübergehend und gesellschaftlich akzeptiert auszubrechen. Ein Heilungspriester (Bhopa) behandelt die Krankheitsfälle, nachdem er in einem Ritual sich selbst vom besonderen Totengeist Bavaji, der in der Schlange Vasuki wiedergeboren wurde, hat befallen lassen.[4]

Bei ursprünglich volksreligiösen Ritualdramen, die später mit dem Hinduismus verschmolzen sind, werden auf dem Höhepunkt der Veranstaltung die Ritualtänzer von einer Gottheit besessen und sind während dieser Zeit in der Lage, Orakel an die versammelten Gläubigen zu geben. Neben der einfachen Form des Bhuta kola in Karnataka und Kerala an der Südwestküste Indiens gehören zu diesen, auf altindische Traditionen zurückgehenden Ritualen unter anderem das mit großem finanziellen Aufwand organisierte Teyyam-Fest, das ähnliche Ritualtheater Mutiyettu und das nur für Gläubige in kleinerem Rahmen organisierte Ayyappan tiyatta in derselben Region sowie die beiden Maskentänze Gambhira und Midnapur chhau in Westbengalen. Zum Umfeld des Bhuta kola gehört das an mehreren Dörfern in derselben Region jährlich stattfindende Ritual Siri jatre, bei dem nicht wie sonst in Indien einer oder wenige männliche Teilnehmer, sondern eine große Zahl Frauen zugleich von der niederen weiblichen Gottheit Siri besessen werden. Rituelle Besessenheit von einem höheren Gott (Deva) ist üblicherweise ein Privileg von Mitgliedern der obersten Brahmanenkaste.

Bei den Gaddis, einer Stammesgesellschaft am Südrand des Himalaya in den Bundesstaaten Himachal Pradesh und Jammu und Kaschmir gehört Besessenheit als öffentlich inszeniertes Verhalten zu den hinduistischen Ritualen, die von unteren Kasten und zugleich von Brahmanen praktiziert werden.[5]

Medizin bzw. Psychologie[Bearbeiten]

Als Trance- und Besessenheitszustände (ICD-10-Codierung F44.3) werden psychische Störungen bezeichnet, bei denen ein „zeitweiliger Verlust der persönlichen Identität und der vollständigen Wahrnehmung der Umgebung auftritt“. Diese Unterformen einer dissoziativen Störung dürfen nur diagnostiziert werden, sofern sie nicht in kulturell oder religiös akzeptierten Situationen auftreten oder nicht freiwillig bzw. gewollt gesucht werden. Ebenso auszuschließen sind eine Schizophrenie, anhaltend paranoide Störung und Wahnvorstellungen im Rahmen einer schweren Depression. Ausgeschlossen sind auch Zustandsbilder auf einer organischen Grundlage (so Intoxikationen durch psychotrope Substanzen, vorangegangenes Schädel-Hirn-Trauma, organische Persönlichkeitsstörung).

In einigen Fällen verhält sich ein Mensch so, als ob er von einer anderen Persönlichkeit, einem Geist, einer Gottheit oder einer Kraft beherrscht wird. Auszuschließen ist allerdings auch eine induzierte wahnhafte Störung, zu der die Folie à deux gezählt wird.

Infolge von Besessenheitszuständen kann es zu unwillkürlichen Reaktionen wie etwa Erstarrung, „Weglaufen“, Gedächtnisstörungen etc. kommen.

Besessenheit als Thema in Kunst und Literatur[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Augustin Calmet: Gelehrte Verhandlung der Materie von den Erscheinungen der Geister, und der Vampire in Ungarn und Mähren. Erstmals auf Deutsch erschienen Augsburg 1751, Digitalisat der 2. Aufl. Augsburg 1752: Bd. 1, Bd. 2, Edition Roter Drache, Remda-Teichel 2007, ISBN 978-3-939459-03-3.
  • Gerhard Dammann: Besessenheits- und Trancezustände. In: A. Eckhardt-Henn, S. O. Hoffmann (Hrsg.): Dissoziative Störungen des Bewusstseins. Schattauer, Stuttgart/New York 2004, ISBN 3-7945-2203-6, S. 161–174.
  • Hermes A. Kick, Dietrich von Engelhardt und Horst-Jürgen Gerigk (Hrsg.): Besessenheit, Trance, Exorzismus. Affekte und Emotionen als Grundlagen ethischer Wertebildung und Gefährdung in Wissenschaften und Künsten. Lit Verlag 2004. ISBN 978-38258-7697-5
  • Richard Kriese: Okkultismus im Angriff. Hänssler Verlag, Stuttgart 1976, ISBN 3-7751-0222-1
  • Ernst Modersohn: Im Banne des Teufels. Wuppertal 1955
  • Rainer Neu: Artikel Ektase / Besessenheit, in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), hg. v. S. Alkier u.a., veröffentlicht Mai 2006 unter www.wibilex.de
  • Holger Karsten Schmid: Vom Zauberlehrling zum Magier. Diemar Klotz Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 3880745404
  • Christian Strecker: Artikel Besessenheit, in: Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), hg. v. S. Alkier u.a., veröffentlicht Januar 2010 unter www.wibilex.de

Weblinks[Bearbeiten]

  • Pharmakeia.com – Synkretistische Neureligionen in Brasilien: Ursprünge, Typen und eine Skizze der Forschungsgeschichte zum Phänomen der Geistbesessenheit

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. hierzu Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt 1969 und Surveiller et punir. La naissance de la prison. Gallimard 1975, dt stw 1976
  2. Rudolf Bultmann: Neues Testament und Mythologie (1941), zitiert auf Werner RauppBULTMANN, Rudolf (Karl). In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 21, Bautz, Nordhausen 2003, ISBN 3-88309-110-3, Sp. 174–233.
  3. Zur Frage der Editionsmotive der dann gescheiterten Ausgabe Balls und zu Balls Auseinandersetzung mit Schmitt findet sich manches in der von Hans Burkhard Schlichting herausgegebenen und kommenteirten Aufsatzsammlung "Der Künstler und die Zeitkrankheit".Suhrkamp 1984 und vor allem in der neuen dreibändigen Ausgabe der Briefe. ISBN 3892447012
  4. Jyotindra Jain: Bavaji und Devi. Besessenheitskult und Verbrechen in Indien. Europaverlag, Wien 1973, S. 23–27
  5. Daniel Côté: Narrative reconstruction of spirit possession experience: the double hermeneutic of Gaddis religious specialists in Western Himalaya (India). European Association of Social Anthropologists (EASA) Ljubljana, 26. August 2008, S. 1–20