Bestimmtheitsmaß
Das Bestimmtheitsmaß (abk.
oder
, auch Determinationskoeffizient) ist ein Maß der Statistik für den erklärten Anteil der Variabilität (Varianz) einer abhängigen Variablen
durch ein statistisches Modell. Indirekt wird damit auch der Zusammenhang zwischen der abhängigen und der/den unabhängigen Variablen gemessen (siehe Fehlerreduktionsmaße)[1][2].
Nur im Fall eines linearen Regressionsmodells, d.h.
, gibt es eine eindeutige Definition: das Quadrat des multiplen Korrelationskoeffizienten. Ansonsten existieren meist mehrere unterschiedliche Definitionen (siehe Pseudo-Bestimmtheitsmaß).
Inhaltsverzeichnis |
Das Bestimmtheitsmaß
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Interpretation [Bearbeiten]
Die Maßzahl
ist der Anteil der Variation von
(oder auch der Varianz von
, da gilt
), der durch die lineare Regression erklärt wird, und liegt daher zwischen
- 0 (oder 0 %): kein linearer Zusammenhang und
- 1 (oder 100%): perfekter linearer Zusammenhang.
Ist
, dann besteht das "beste" lineare Regressionsmodell nur aus der Konstanten
, alle anderen Koeffizienten
sind Null. Ist
, dann lässt sich die Variable
vollständig durch das lineare Regressionsmodell erklären.
Konstruktion [Bearbeiten]
Die Variation von
wird zerlegt in die Variation der Residuen (durch das Modell nicht erklärte Variation) und die Variation der Regresswerte (durch das Modell erklärte Variation):

mit
der Mittelwert der
's,
die geschätzten Regresswerte aus dem Regressionsmodell (
). Dies folgt in zwei Schritten
1. 
2. Wenn die Residuen
sind, dann gilt
-
und
- Dass alle Ausdrücke Null sind, folgt aus den verwendeten Schätzverfahren (Maximum-Likelihood-Methode mit normalverteilten Fehlern oder Kleinste-Quadrate-Methode). Denn die ersten Ableitungen nach
müssen gleich Null gesetzt werden um das Maximum bzw. Minimum zu finden, also für
:
bzw. für
mit
:
.
Damit wird das Bestimmtheitsmaß
definiert als:

In der Literatur findet man auch folgende Notation für die
- Variation von
:
(total sum of squares), - Variation der Residuen:
(sum of squared residual) und - Variation der Regresswerte:
(estimated sum of squares).
Zusammenhang mit Korrelationskoeffizienten [Bearbeiten]
Bei einer einfachen Regression (nur eine unabhängige Variable) entspricht
dem Quadrat des Pearson'schen Korrelationskoeffizienten
und lässt sich aus der Kovarianz
und den Einzelvarianzen
und
berechnen:
Bei einer multiplen Regression (mehr als eine unabhängige Variable) entspricht
dem Quadrat des multiplen Korrelationskoeffizienten, also der Korrelation zwischen
und
.
Beispiel [Bearbeiten]
Folgendes Beispiel soll die Berechnung des Bestimmtheitsmaßes zeigen. Es wurden zufällig 10 Kriegsschiffe ausgewählt und zwei Merkmale, Länge (m) und Breite (m), analysiert. Das Streudiagramm zeigt, dass zwischen Länge und Breite eines Schiffs offensichtlich ein linearer Zusammenhang besteht:
,
d.h. die Breite der ausgewählten Kriegsschiffe entspricht grob einem Sechstel der Länge.
| Nummer | Länge (m) | Breite (m) | Abweichung vom Mittelwert | Quadrierte Abweichung | Geschätzte Breite | Residuum | Quadriertes Residuum |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| i | ![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
![]() |
| 1 | 208 | 21,6 | 3,19 | 10,1761 | 24,8916 | -3,2916 | 10,8347 |
| 2 | 152 | 15,5 | -2,91 | 8,4681 | 15,8625 | -0,3625 | 0,1314 |
| 3 | 113 | 10,4 | -8,01 | 64,1601 | 9,5744 | 0,8256 | 0,6817 |
| 4 | 227 | 31,0 | 12,59 | 158,5081 | 27,9550 | 3,045 | 9,2720 |
| 5 | 137 | 13,0 | -5,41 | 29,2681 | 13,4440 | -0,4440 | 0,1971 |
| 6 | 238 | 32,4 | 13,99 | 195,7201 | 29,7286 | 2,6714 | 7,1362 |
| 7 | 178 | 19,0 | 0,59 | 0,3481 | 20,0546 | -1,0546 | 1,1122 |
| 8 | 104 | 10,4 | -8,01 | 64,1601 | 8,1233 | 2,2767 | 5,1835 |
| 9 | 191 | 19,0 | 0,59 | 0,3481 | 22,1506 | -3,1506 | 9,9265 |
| 10 | 130 | 11,8 | -6,61 | 43,6921 | 12,3154 | -0,5154 | 0,2656 |
![]() |
184,1 | 574,8490 | 0,0000 | 44,7405 |
Der Mittelwert der Breite ist
m, die Variation von
ist gleich
m² und die Variation der Residuen
m². Daher ergibt sich das Bestimmtheitsmaß zu
,
d.h. ca. 92% der Variation der Breite der ausgewählten Kriegsschiffe kann mit Hilfe der Länge der ausgewählten Kriegsschiffe erklärt werden. Nur knapp 8% der Variation der Breite bleiben unerklärt, d.h. hier könnte man z.B. nach weiteren Faktoren suchen, die die Breite eines Kriegsschiffes beeinflussen.
Auch mit der Schätzung der Standardabweichung der Residuen könnte die Qualität der Regression eingeschätzt werden:
Zum Vergleich ist jedoch die Kenntnis der Variation der Y-Werte notwendig. Beim normierten Bestimmtheitsmaß kann man, ohne Kenntnis der Variation der Y-Werte, aufgrund des Wertes von 92 % sehen, dass die lineare Regression sehr gut ist.
Grenzen und Kritik [Bearbeiten]
- Das Bestimmtheitsmaß zeigt zwar die Qualität der linearen Approximation, jedoch nicht, ob das Modell richtig spezifiziert wurde. Modelle, die mittels kleinster Quadrate geschätzt wurden, werden daher die höchsten
erhalten.
- Übliche Missverständnisse sind:
- Ein hohes
erlaubt eine gute Vorhersage. Die roten Daten in der Grafik rechts legen nahe, dass sich die Richtung der Daten für höhere Werte von
ändert. - Ein hohes
gibt an, dass die geschätzte Regressionslinie eine gute Approximation an die Daten darstellt; die roten Daten legen auch hier etwas anderes nahe. - Ein
nahe bei Null zeigt an, dass es keinen Zusammenhang zwischen der abhängigen und den unabhängigen Variablen gibt. Die blauen Daten in der Grafik rechts zeigen einen deutlichen, allerdings nicht-linearen (nämlich quadratischen) Zusammenhang, obwohl
gleich Null ist. Ein vollständigeres Bild kann man hier bekommen, indem man nichtlineare Regressionen berechnet, die dann auch solche Zusammenhänge erfassen.
- Ein hohes
- Es sagt nichts darüber aus, ob die unabhängigen Variablen
wirklich der Grund (die kausale Ursache) für die Änderungen in
sind. Z.B. gibt es tatsächlich einen statistischen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Störche und der Anzahl der neugeborenen Kinder in einem Gebiet. Der Grund für den Zusammenhang könnte sein, dass in einem mehr ländlichen Gebiet sowohl die Zahl der Störche als auch die Zahl der neugeborenen Kinder größer ist als in einem mehr städtisch geprägten Gebiet (empirisch ist dies allerdings nicht der Fall). Eine solche, den Zusammenhang vermittelnde Variable, wird als intervenierende Variable bezeichnet. Sinnvollerweise würde man dann statt einer Regression
eine Regression
durchführen, oder die intervenierende Variable aus dem Zusammenhang herauspartialisieren. - Außerdem sagt es nichts über die statistische Signifikanz des ermittelten Zusammenhangs und der einzelnen Regressoren aus. Dazu müsste die Stichprobengröße bekannt sein und ein Signifikanztest durchgeführt werden.
- Es macht keine Aussage über Multikollinearität der unabhängigen Variablen
. - Es macht keine Aussage, ob eine Transformation der Daten die Erklärungskraft der Regression verbessert.
- Ein weiterer Nachteil liegt in der Empfindlichkeit gegenüber Trends: Sofern sich eine exogene Variable parallel zu einer erklärenden entwickelt, werden unabhängig von der wahren Erklärungskraft des Modells hohe
ausgewiesen.
Das korrigierte Bestimmtheitsmaß [Bearbeiten]
Definition [Bearbeiten]
Das Bestimmtheitsmaß
hat die Eigenschaft, dass es umso größer wird, je größer die Zahl der unabhängigen Variablen ist. Und zwar unabhängig davon, ob weitere unabhängige Variablen wirklich einen Beitrag zur Erklärungskraft liefern. Daher ist es ratsam, das korrigierte Bestimmtheitsmaß (auch bereinigtes, adjustiertes oder angepasstes Bestimmtheitsmaß genannt) zu Rate zu ziehen. Es berechnet sich wie folgt:
Hierbei wird die Erklärungskraft des Modells, repräsentiert durch
, ausbalanciert mit der Komplexität des Modells, repräsentiert durch
, die Anzahl der unabhängigen Variablen. Je komplexer das Modell ist, desto mehr "bestraft"
jede neu hinzugenommene unabhängige Variable.
Das angepasste Bestimmtheitsmaß
steigt nur, wenn
ausreichend steigt, um den gegenläufigen Effekt des Quotienten
auszugleichen und kann auch sinken. Auf diese Weise lässt sich
als Entscheidungskriterium bei der Auswahl zwischen zwei alternativen Modellspezifikationen (etwa einem restringierten und einem unrestringierten Modell) verwenden.
Das korrigierte Bestimmtheitsmaß
kann auch negative Werte annehmen und ist kleiner als das unbereinigte, außer falls
, dann ist auch
.
Konstruktion [Bearbeiten]
Aus der obigen Definition von
folgt, dass
Wir wissen jedoch, dass
und
keine unverzerrten Schätzer für die Varianzen sind. Setzt man oben und unten unverzerrte Schätzer ein, so erhält man das korrigierte Bestimmtheitsmaß:
.
Pseudo-Bestimmtheitsmaß [Bearbeiten]
Im Falle einer linearen Regression mit einer abhängigen metrischen Variablen
beschreibt das Bestimmtheitsmaß den erklärten Anteil der Variabilität (Varianz) einer abhängigen Variablen
durch ein statistisches Modell. Bei einem nominalen oder ordinalen Skalenniveau von
existiert jedoch kein Äquivalent, da man die Varianz und damit ein
nicht berechnen kann. Für diese wurden verschiedene Pseudo-Bestimmtheitsmaße vorgeschlagen.
Prognose-Bestimmtheitsmaß [Bearbeiten]
Während das Bestimmtheitsmaß, das korrigierte Bestimmtheitsmaß oder auch die Pseudo-Bestimmtheitsmaße eine Aussage über die Modellgüte machen, zielt das Prognose-Bestimmtheitsmaß auf die Vorhersagequalität des Modells. Im Allgemeinen wird das Prognose-Bestimmtheitsmaß kleiner als das Bestimmtheitsmaß sein.
Zunächst wird der PRESS Wert (engl.: PREdiction Sum of Squares) berechnet
ist der beobachtete Wert und
der Wert, der sich als Schätzung von
ergibt, wenn alle Beobachtungen außer der iten in das Regressionmodell einfliessen. D.h. zur Berechnung des PRESS Wertes müssten
lineare Regressionsmodelle mit jeweils
Beobachtungen berechnet werden.
Es lässt sich jedoch zeigen, dass das Residuum
aus den Regressionsresiduen
(bei Benutzung aller
Beobachtungen) berechnet werden kann.
Das Prognose-Bestimmtheitsmaß ergibt sich dann als
mit
der Mittelwert aller y Werte.
Literatur [Bearbeiten]
- Neter, J., Kutner, M.H., Nachtsheim, C.J., Wasserman, W. (1996), Applied linear statistical models (Fourth edition), McGraw-Hill
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Yule, G.U. (1897), On the theory of correlation, Journal of the Royal Statistical Society, 62, S. 249-295
- ↑ Pearson, K., Lee, A. (1897), On the Distribution of Frequency (Variation and Correlation) of the Barometric Height at Divers Stations, Philosophical Transactions of the Royal Society of London. Series A, Vol. 190, S. 423-469

und
:
bzw. für
mit
:
.
(total sum of squares),
(sum of squared residual) und
(estimated sum of squares).
,






,
ändert.
wirklich der Grund (die kausale Ursache) für die Änderungen in
eine Regression
durchführen, oder die intervenierende Variable aus dem Zusammenhang 

.
