Betrachtungen eines Unpolitischen

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Erstausgabe 1918

Die Betrachtungen eines Unpolitischen schrieb Thomas Mann von 1915 bis 1918. Er unterstützte, anders als sein Bruder Heinrich Mann, den Ersten Weltkrieg. Das fast 600 Seiten umfassende Buch diente insofern zur Rechtfertigung und Abgrenzung seiner politischen Haltung. Schon kurze Zeit nach der Drucklegung folgte allerdings eine immer stärkere Distanzierung Manns von dieser früheren Phase seines Denkens.

Entstehung[Bearbeiten]

Thomas Mann stand – wie viele seiner Schriftstellerkollegen – dem Ersten Weltkrieg positiv gegenüber. In drei Essays, die er nach Kriegsausbruch verfasste – Gedanken im Kriege (August/September 1914), Friedrich und die große Koalition (September bis Dezember 1914) und Gedanken zum Kriege (Juli 1915) – verteidigte er den Krieg und speziell den deutschen Überfall auf das neutrale Belgien, den er mit dem preußischen Überfall auf das neutrale Sachsen im Siebenjährigen Krieg 1756 verglich. Heinrich Mann reagierte darauf mit einem Essay über Émile Zola, der im Herbst 1915 in René Schickeles pazifistischer Zeitschrift Die Weißen Blätter erschien.[1] Dieser Essay enthielt zwei aggressive Seitenhiebe auf den nicht namentlich genannten Bruder, sowie die zentrale Aussage: „Geist ist Tat, die für den Menschen geschieht; – und so sei der Politiker Geist, und der Geistige handle!“[2]

Thomas Mann unterbrach daraufhin seine Arbeit am Zauberberg. Seit Oktober 1915 schrieb er an den Betrachtungen eines Unpolitischen, in denen er immer wieder auf „den Zivilisationsliteraten“ als feindliche Figur einging – den namentlich nicht genannten älteren Bruder. Bis Januar 1916 entstanden die ersten drei, noch kurzen Kapitel. Die zweite Arbeitsphase dauerte von April 1916 bis 1918, sodass zum Waffenstillstand Ende 1918 das gedruckte Buch vorlag.

Betrachtungen eines Unpolitischen ist ein umfangreiches, schwieriges und polemisches Buch. Es sind Aufzeichnungen, „die eine Revision meiner persönlichen Grundlagen mit allerlei Aktuellem, Zeitkritischem auf recht gewagte Weise verquicken“. Diese „Verquickung“ zieht sich durch das ganze Buch. Aber Kommentare zur aktuellen Politik bleiben doch recht selten und versuchen nur, die Angriffe und Vorwürfe des „Zivilisationsliteraten“ (Heinrich Mann) aus seiner patriotischen Grundhaltung zurückzuweisen. Fragen der Tagespolitik, zu denen er sich äußert, sind: Eine Reform des preußischen Dreiklassenwahlrechts, die er ablehnt, obwohl er glaubt, dass sie unvermeidlich sei; oder der Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien, den er ebenso wie die Versenkung der Lusitania und den uneingeschränkten U-Boot-Krieg verteidigt. Der wichtigere Aspekt des Werkes ist jedoch der Versuch, den geistesgeschichtlich-historischen deutschen Sonderweg zu erklären und ein „Deutschtum“ zu begründen, das mit den demokratischen Grundsätzen Frankreichs, Englands und der USA unvereinbar sei.

Dass Thomas Manns Wahrnehmung der politischen und historischen Wirklichkeit vorwiegend durch Literatur geprägt wird, zeigt sich auch in seiner Fähigkeit, Eideshelfer für sein Werk in der Literatur zu finden und zu zitieren, um seine Thesen zu untermauern. Bestätigt sieht sich Mann vor allem durch die Werke Nietzsches, daneben Dostojewskis und Goethes. Weitere Autoren, die oft zitiert werden, sind Wagner und Schopenhauer, ebenso die völkischen Autoren Julius Langbehn und Paul Anton de Lagarde, die im Kaiserreich viel gelesen und beachtet wurden, und aus der russischen Literatur Tolstoi und Turgenew.

Inhalt[Bearbeiten]

Das erste Kapitel, "Vorrede" genannt und der Entstehung nach das letzte, ist eine Reflexion über das in drei Jahren geschriebene Werk. Er nennt den Hauptgrund, warum er das riesige Werk geschrieben habe: „Die Einsicht, aus der es erwuchs, die seine Herstellung als unumgänglich erscheinen ließ, war vor allem die, dass jedes Werk sonst intellektuell wäre überlastet worden“. Gemeint ist der Zauberberg. Die Thematik der folgenden Kapitel des Buches wird kurz erläutert. Thomas Mann erkennt, dass er entgegen seiner Absicht und dem Titel dennoch ein sehr politisches Buch verfasst hat. Den grundlegenden geistigen Konflikt, den er behandeln will und den er für die Ursache des Weltkriegs hält, formuliert er wie folgt:

„Der Unterschied von Geist und Politik enthält den von Kultur und Zivilisation, von Seele und Gesellschaft, von Freiheit und Stimmrecht, von Kunst und Literatur; und Deutschtum, das ist Kultur, Seele, Freiheit, Kunst und nicht Zivilisation, Gesellschaft, Stimmrecht, Literatur.“ [3]

In den drei folgenden sehr kurzen Kapiteln Der Protest, Das unliterarische Land und Der Zivilisationsliterat beruft er sich auf Dostojewski. Wie dieser bezeichnet er Deutschland als das Land, das immer gegen die römisch-katholische, westliche und literarische Welt protestiert habe. Luther habe, wie er mehrmals betont, diesem Protest den „gewaltigste Ausdruck“ gegeben. Der westlichen Zivilisation habe Deutschland als unliterarisches Land nur seinen eigensinnigen besonderen Willen entgegenstellen können, denn es habe kein Wort, es sei nicht „wortliebend und wortgläubig“. Entsprechend seiner These: „In Deutschlands Seele werden die geistigen Gegensätze Europas ausgetragen“ sei es das Ziel des Zivilisationsliteraten, gegen das innere Wesen Deutschlands hier die Ideale der Demokratie und westlichen Zivilisation durchzusetzen.

Die Bedeutung des „Dreigestirns” Schopenhauer, Wagner und Nietzsche legt Thomas Mann im Kapitel Einkehr dar und zeigt ihren Einfluss auf sein bisheriges Werk. Ihre, zum Teil sich widersprechenden Aussagen, deutet er in einer „Generalrevision“ entsprechend den neuen Bedingungen in seinem Sinne.

Im Kapitel Bürgerlichkeit versucht er Künstlertum und Bürgertum zu verbinden. Ein weiteres Thema dieses Kapitels ist Bürgerlichkeit und Politik. Er selber sei wie der deutsche Bürger unpolitisch und national. Die Revolution von 1848 betrachtet er nicht als Aufstand für Demokratie, sondern als eine „nationale Sturmflut“ der gleichen Art wie im August 1914.

Gegen Recht und Wahrheit ist eine Abrechnung mit seinem Bruder Heinrich Mann und Romain Rolland, die beide von Kriegsbeginn an auf der Seite der Pazifisten stehen. Gegen sie verteidigt Thomas Mann ausführlich und sehr polemisch seine Kriegsaufsätze.

Das Kapitel Politik ist das mit Abstand längste. Zunächst definiert er Politik als das Gegenteil von Ästhetizismus und nennt als Beispiele für Ästheten Schiller, Flaubert, Schopenhauer, Tolstoi und Strindberg. Ästhetizismus bedeutet, dass „alles bloß Gesagte bedingt und angreifbar ist, so absolut und apodiktisch es auch im Augenblick“ empfunden wird und dass „das Geistige, das Intellektuelle niemals ganz ernst“ genommen wird. Dennoch sieht er die Demokratie überall auf der Welt sich durchsetzen, auch in Deutschland. Mit Nietzsche meint er zwar, dass durch Bismarcks Reichseinigung Deutschland politisiert und nationalisiert worden sei. Eine weitere Demokratisierung der Staatsverfassung auf Grund der Opfer des Volkes im Kriege lehnt er ab.

Von der Tugend wendet sich gegen den dünkelhaften Gebrauch des Zivilisationsliteraten von Schlagwörtern wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Wahrheit, die dieser allein für tugendhaft halte.

Unter der Überschrift Einiges über Menschlichkeit preist Thomas Mann das Leiden, die Demut, das Dienen und den Gehorsam. Menschlichkeit bedeutet für ihn das Wissen um die „Schwäche, Ratlosigkeit und Erbärmlichkeit“ des Menschen, wogegen der Politiker versuche, „das Leben um allen Ernst, alle Würde, alles Schwere und Verantwortlichkeit zu bringen“, wenn er beispielsweise gegen die Todesstrafe opponiere. Den Krieg lobt er als „Veredelung“ und „Verfeinerung“ des Menschen angesichts des Todes.

Im Abschnitt Vom Glauben stellt er einen weiteren Gegensatz dar: den Glauben des Zivilisationsliteraten gegen den Zweifel des Bürgers. Das bürgerliche Zeitalter habe mit dem Zweifel an dem autoritären christlichen Mittelalter begonnen. Der wahre Glaube sei nicht der Glaube an irgendwelche Grundsätze, Worte und Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Demokratie, Zivilisation und Fortschritt, sondern der Glaube an Gott, d.h. der Glaube an die Liebe, an das Leben und die Kunst.

Das Kapitel Ästhetizistische Politik erweitert den unter Politik bereits erörterten Gegensatz vom Politiker und Ästheten. Er bezeichnet den politischen Künstler auch als Ästheten, weil es sich hierbei um Künstlertum handle, wenn auch ein falsches, „halbes, intellektuelles, gewolltes und künstliches“. Ein solcher Künstler verlange, dass die Kunst politische Folgen haben müsse, was ihm aber nur ein Mittel zum Zwecke seines Erfolges sei. Im Grunde wisse auch der politische Künstler, dass Meinungen im Künstlerischen nichts gelten, er ziehe sich deshalb im Zweifelsfalle mit seiner Politik hinter die Kunst zurück.

Schließlich verteidigt Thomas Mann im letzten Kapitel Ironie und Radikalismus sein eigenes von Ironie geprägtes Schaffen gegen die sentimentale und intellektuelle Kunst des Zivilisationsliteraten. Die hier entwickelten Vorstellungen von Ästhetik bleiben für Thomas Manns gesamtes Schaffen gültig, auch als er die polemische Verherrlichung des Krieges überwunden hatte.

Die „konservative Revolution“[Bearbeiten]

Die Betrachtungen eines Unpolitischen lassen sich einer geistesgeschichtlichen Strömung zuordnen, die Konservative Revolution genannt wird. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Zusammenbruch der Monarchie war vielen Intellektuellen die Idee gemeinsam, dass nur durch etwas revolutionär Neues die alten konservativen Ideale, die oft aus der Romantik und deren Abwehr gegen die französische Revolution herrührten, bewahrt werden könnten. Einig war man sich in der Ablehnung der Weimarer Republik.

Thomas Mann zählt bis zu seiner Rede Von deutscher Republik auch zu den Anhängern dieser „konservativen Revolution”. Er verwandte sogar diese Formel als einer der ersten, ebenso den Begriff „drittes Reich“ (bereits Ende 1912 im Essay Zu Fiorenza). In den Betrachtungen spricht er vom zukünftigen Volksstaat, den es zu verwirklichen gelte, der jenseits der westlichen Demokratie und des damit verbundenen Kapitalismus und jenseits des Sozialismus, wie er sich in Russland zu entwickeln im Begriff war, stehe. Mit den Betrachtungen will er die Sonderstellung Deutschlands zwischen Ost und West beweisen, es finden sich daher mehrmals Gedanken von „deutscher Mitte“.

Im Umkreis der konservativen Revolution wirkten die Betrachtungen – wenn auch nur am Rande – weiter fort. So bezieht sich Georg Quabbe ausdrücklich auf das Werk und empfiehlt es den Deutschnationalen zur Lektüre.[4]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Betrachtungen eines Unpolitischen, Berlin S. Fischer, 1918, Erste Neuauflage 1920.
  • Betrachtungen eines Unpolitischen. Mit einer Einleitung von Erika Mann. Fassung der Erstausgabe von 1918 (Stockholmer Gesamtausgabe. Band 11), Frankfurt am Main: S. Fischer, 1956.
  • Betrachtungen eines Unpolitischen (Politische Schriften und Reden. Band 1), Frankfurt am Main / Hamburg: Fischer, 1968.
  • Betrachtungen eines Unpolitischen. Nachwort von Hanno Helbling (Frankfurter Ausgabe), Frankfurt, S. Fischer Verlag, 1983 (Nachdruck: 2001).
  • Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1991.
  • Betrachtungen eines Unpolitischen (Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher), Bd. 13, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2009.
    • Teilband 1: Textband. Hrsg. und textkritisch durchgesehen von Hermann Kurzke, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2009.
    • Teilband 2: Kommentar. Von Hermann Kurzke, Frankfurt am Main: S. Fischer, 2009.

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • Considerazioni di un impolitico. Presentazione, Traduzione e Note di Marianello Marianelli, Bari: De Donato Editore, 1967.
  • Considérations d'un apolitique. Trad. par Louise Servicen et Jeanne Neujac. Introd. de Jacques Brenner, Paris: Grasset, 1975.
  • Consideraciones de un apolítico. Trad. por León Mames, Barcelona: Grijalbo, 1978.
  • Reflections of a nonpolitical man. Translated, with an introduction, by Walter D. Morris, New York: Ungar, 1983.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Michael Ansel (Hrsg.): Die Erfindung des Schriftstellers Thomas Mann, Berlin: de Gruyter, 2009.
  •  Michael Vollmer: Wider die Mésalliance. Das Rußlandbild Thomas Manns in den "Betrachtungen eines Unpolitischen". Berlin [u.a.]: Lit-Verl., 2009.
  •  Thomas Assheuer: Krieg veredelt den Menschen. Alles nur ein Spiel mit Worten? Thomas Manns berüchtigte "Betrachtungen eines Unpolitischen" in einer Neuausgabe. In: Die Zeit Nr. 10. 4. März 2010, S. 44 (http://www.zeit.de/2010/10/L-B-Betrachtungen).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Herbert Wiesner: Thomas Mann und Heinrich Mann. Bürgerliche Kultur und soziale Zivilisation – Annäherungen und Divergenzen eines Bruderpaares. In: Die Großen, hg. v. Kurt Fassmann, Bd. X, Zürich 1978, S. 54-79, hier S. 61ff
  2. Hans Wysling: Zur Einführung. In: Thomas Mann, Heinrich Mann: Briefwechsel 1900-1949, hg. v. Hans Wysling, Frankfurt/M. 1975, S. Lf
  3. Vorrede, S. XXXIII
  4. Georg Quabbe, Tar a Ri. Variationen über ein konservatives Thema, Berlin 1927 (Neudruck 2007), S. 5f.

Weblinks[Bearbeiten]