Betrugsfälle im Schach

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Betrugsfälle im Schach sind Fälle, in denen in der Schachwelt bewusst andere getäuscht wurden. Durch Vorspiegelung falscher Tatsachen oder Nutzung unerlaubter Hilfsmittel versuchten Schachspieler, sich einen Vorteil gegenüber anderen zu verschaffen. Es muss sich dabei nicht um einen Betrug im juristischen Sinn handeln.

Arten des Betrugs[Bearbeiten]

Elektronische Hilfsmittel bei Schachturnieren[Bearbeiten]

Das Verbot elektronischer Hilfsmittel bei Schachturnieren ergibt sich aus Artikel 12.3a und 12.3b der FIDE-Schachregeln, in denen die Verwendung von Aufzeichnungen und Analysen der Partiestellung auf anderen Schachbrettern sowie das Mitführen nichtausgeschalteter elektronischer Kommunikationsgeräte verboten wird. Der Schiedsrichter hat gemäß Artikel 12.7 und 13.4 der Schachregeln für Verstöße einen Ermessensspielraum von einer Verwarnung bis zum Turnierausschluss, wobei bei einer Störung durch elektronische Kommunikationsgeräte der Partieverlust oder im Falle einer für den Gegner ungewinnbaren Stellung (etwa, wenn dieser nur noch den König besitzt oder eine tote Stellung entstanden ist) das Remis zwingend vorgesehen ist.[1]

  • Clemens A. soll 1998 beim Böblinger Open betrogen haben, indem er sich Züge mittels eines unter langen Haaren verborgenen Mini-Ohrhörers übermitteln ließ. Seine Turnierleistung lag dabei weit über dem Ergebnis, das aufgrund seiner DWZ zu erwarten gewesen wäre, und die gespielten Züge waren mit Fritz rekonstruierbar. Zudem machte er sich verdächtig, indem er in der letzten Runde dem Großmeister Sergei Kalinitschew ein für menschliche Spieler kaum voraussehbares Matt in acht Zügen ankündigte. A. gewann das Turnier und 1660 DM Preisgeld.[2] Während ein staatsanwaltliches Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, schloss der Bayerische Schachbund A. aus dem Verband aus.[3]
  • Ein Amateurspieler betrog 2002 bei einem Open, indem er auf der Toilette Pocket Fritz zur Analyse einer laufenden Partie benutzte. Der Schwindel flog auf, als der Schiedsrichter dem Verdacht nachging und über die Toilettenwand schaute.[4]
  • Gleich zwei Fälle ereigneten sich beim World Open 2006 in Philadelphia. Ein Spieler benutzte einen Ohrhörer, den er als Hörgerät ausgab. Ein anderer Spieler mit einem Rating von 2169, der unter anderem gegen Großmeister Ilia Smirin gewann, trug einen auffälligen Hut. Auf Anweisung der Turnierleitung musste er in den letzten beiden Runden ohne Kopfbedeckung spielen und verlor beide Partien.[5]
  • Der indische Spieler Umakant S., der seine Elo-Zahl innerhalb von anderthalb Jahren von 1930 auf 2484 steigerte,[6] wurde im Dezember 2006 vom indischen Schachverband für 10 Jahre gesperrt. Ihm wurde nachgewiesen, bei einem Turnier in Neu-Delhi unter einer Mütze einen Bluetooth-Empfänger verborgen zu haben.[7]
  • Der französische Nationalspieler Sébastien Feller wurde zusammen mit Arnaud Hauchard und Cyril Marzolo für mehrere Jahre gesperrt, weil diese bei der Schacholympiade 2010 in Chanty-Mansijsk unerlaubte Hilfe benutzt haben sollen. Nach Ansicht des Französischen Schachverbandes analysierte Marzolo die laufende Partie, übermittelte die Züge via SMS an den Kapitän der französischen Olympiamannschaft Hauchard, welcher die Züge wiederum durch abgesprochene Signale an den Spieler Feller übermittelte. Feller kündigte Berufung an und nahm an der Europameisterschaft Ende März 2011 teil.[8]
  • Bei der deutschen Schachmeisterschaft 2011 fiel in der letzten Runde einem Spieler auf, dass sein Gegner, der FIDE-Meister N., ungewöhnlich oft die Toilette besuchte. Nach zwei erfolglosen Versuchen, selbst die Gründe dafür herauszufinden, informierte der Spieler einen Schiedsrichter, der nach Partieende die Taschen des Kontrahenten überprüfte und dabei ein Smartphone mit einer Stellung aus der zuvor beendeten Partie entdeckte. Daraufhin gab N. die Verwendung des Smartphones für die Partieanalyse zu.[9] Aufgrund mehrerer Zeugenaussagen wird vermutet, dass N. auch in vorherigen Runden unerlaubte Hilfsmittel eingesetzt hatte, weshalb nicht nur die Partie für N. als verloren gewertet, sondern auch die vor der Partie sichere IM-Norm aberkannt wurde.[10]

Regelverstöße während einzelner Schachpartien[Bearbeiten]

Während einer Partie werden gelegentlich regelwidrig Fehlzüge zurückgenommen. Dabei ergibt sich oft ein Beweisproblem, wenn der betreffende Spieler bestreitet, die Figur bereits losgelassen zu haben, und sich auf die J'adoube-Regel beruft. Ist kein Schiedsrichter zugegen, steht dann meist Aussage gegen Aussage. Bekannte Fälle auf Großmeisterebene sind:

Manipulierte Turniere und Partieabsprachen[Bearbeiten]

  • Zu den wohl häufigsten, aber nur schwer nachweisbaren, Betrugsfällen zählt das „Verkaufen“ von einzelnen Partien. Ein dokumentierter Verdachtsfall ereignete sich bei der 5. Meisterschaft der USA in New York 1880. Nach Angaben des Spielers Preston Ware bot ihm sein Gegner der letzten Runde, James Grundy, vor Partiebeginn 20 Dollar für ein Remis. Grundy hatte zu diesem Zeitpunkt im Gegensatz zu Ware noch Chancen auf Turniersieg und Preisgeld. Ware ging nach eigener Aussage auf das Angebot ein und machte in der Partie keine Anstalten, auf Gewinn zu spielen. Grundy hielt sich aber seinerseits nicht an die angeblich getroffene Absprache und nutzte das schwache Spiel seines Gegners zum Sieg aus. Der Fall kam vor das Turniergericht. Da Grundy alles abstritt und daher Aussage gegen Aussage stand, blieb das Resultat bestehen.[14]
  • Nach dem Kandidatenturnier 1962 erhob Bobby Fischer den Vorwurf, dass die sowjetischen Spieler durch Partieabsprachen untereinander ihre Chancen gegenüber nichtsowjetischen Spielern erhöht hätten. Dies führte dazu, dass spätere Kandidatenturniere nicht mehr als Rundenturniere, sondern als Zweikämpfe ausgetragen wurden. 2006 führten Wissenschaftler der Washington University in St. Louis eine statistische Analyse von Ergebnissen der Qualifikationsturniere zur Schachweltmeisterschaft im Zeitraum 1940 bis 1964 durch und kamen zu dem Ergebnis, dass eine 75-prozentige Wahrscheinlichkeit für diese Hypothese bestehe.[15]
  • Es kommt immer wieder vor, dass ganze Turniere erfunden werden, die offenbar überhaupt nicht stattgefunden haben. Die dort angeblich erspielten Ergebnisse werden dann von einigen Spielern zur Verbesserung ihrer Elo-Zahl oder zur Erringung von Titelnormen genutzt. Aufsehenerregende Beispiele aus jüngerer Zeit waren unter anderem der „Kali-Cup“ in Ungarn 2004[16] und das Turnier „Helden von Tschernobyl“ in der Ukraine 2005.[17]
  • Der rumänische Geschäftsmann Alexandru Crișan kam durch manipulierte Turniere, deren Partien nie veröffentlicht wurden, auf eine Elo-Zahl von 2635, womit er zu den 50 besten Spielern der Welt gehört hätte.[18] Im Juli 2001 trat Crişan bei einem Großmeisterturnier in Portorož an und erzielte dort lediglich einen halben Punkt aus neun Partien, was einer Elo-Leistung von 2130 entspricht.[19] Eine Untersuchungskommission des Weltschachverbands FIDE kündigte an, Crişan seine Titel und seine Wertungszahl zu entziehen,[20] die Entscheidung wurde aber nicht umgesetzt.

Hochstapelei[Bearbeiten]

  • Einer der frühesten Vorwürfe betraf den arabischen Schatrandsch-Spieler Said Ibn Gubair (665-714). Dieser beherrschte das Blindspiel ohne Augenbinde mit abgewandter Sicht, wobei ungeklärt blieb, ob er diese Fähigkeit im Kerker perfektioniert oder, wie von Kritikern behauptet, mit einem kleinen Spiegel die Stellung eingesehen hatte.[21]
  • Unter anderem Gerhard Stadelmaier und Raimondas Senkus narrten die Schachkompositionswelt über Jahre hinweg bis 1992 mit plagiierten Stücken. Stadelmaier war in den 1980ern und Senkus Anfang der 1990er Jahre aktiv. Dabei waren Spiegelungen der Kompositionen sowie bei Stadelmaier Nachbearbeitungen nach Drehungen typisch, wodurch die Vorgängersuche erschwert wurde. Stadelmaier wurde bis Anfang 1987 bei 21 von 35 Kompositionen unter anderem unter Zuhilfenahme der Albrecht-Sammlung entlarvt.[22]
  • Claus-Peter S. behauptete 2004 unter anderem, an internationalen Schachkompositions-Löseturnieren teilgenommen zu haben. Er wurde von den Lesern der Ostsee-Zeitung zum Sportler des Jahres 2004 gewählt und erhielt mehr als 6000 Euro für eine angebliche Reise zu den Olympischen Spielen nach Athen. Von ihm benannte Namen und Organisationen erwiesen sich als im Problemschach unbekannt und ließen sich nicht nachweisen.[23]

Konsequenzen[Bearbeiten]

Der Weltschachbund FIDE verabschiedete 1989 Ethik-Richtlinien, die 1996 ergänzt wurden. Betrugsversuche können danach mit Sperren von bis zu drei Jahren sanktioniert werden.[24] Es wird jedoch von ChessBase-Mitarbeiter André Schulz kritisiert, dass Schiedsrichter vom Weltschachbund nur mangelhaft oder gar nicht auf Betrügereien mit elektronischen Hilfsmitteln vorbereitet werden.[9]

Die ständige Weiterentwicklung von Schachprogrammen für Handheld-Computer, Mobiltelefone und ähnliche Geräte stellt einen Anreiz dar, in Turnierpartien derartige Hilfsmittel zu nutzen. Aus diesem Grund gibt es inzwischen ein flächendeckendes Handy-Verbot bei Schachturnieren. Obwohl die bewiesenen (oder auch nur halbwegs begründeten) Verdachtsfälle extrem selten sind, entsteht daraus eine Atmosphäre, in der überraschend gute Leistungen von schwächer eingestuften Spielern mit Argwohn betrachtet werden. Ein solcher Fall ereignete sich zum Beispiel beim Turnier „Lichtenberger Sommer“ im Jahre 2003.[25] Er wurde auch in der Zeitschrift Schach ausführlich kommentiert, blieb jedoch schließlich ohne Folgen, da sich der Verdacht nicht erhärten ließ.

Im Januar 2012 beschloss die Schachbundesliga eine Änderung ihrer Turnierordnung, nach der bei begründetem Verdacht ein Spieler sein Mobiltelefon dem Schiedsrichter zur Überprüfung vorlegen und auch eine Kontrolle seiner Taschen zulassen muss.[26]

Um zu verhindern, dass Spieler von Helfern mit Computern außerhalb des Turniersaals unterstützt werden, werden bei einigen Turnieren die Partien nicht live, sondern mit einem zeitlichen Versatz von bis zu 15 Minuten ins Internet übertragen.[27]

Betreiber von Schachservern disqualifizieren regelmäßig Spieler, bei deren Partien eine zu große Übereinstimmung mit Computerzügen festgestellt wird. Immer größerer Beliebtheit erfreut sich das Bullet-Schach, weil es dabei aufgrund der kurzen Bedenkzeit so gut wie unmöglich ist, nebenbei ein Schachprogramm zu Rate zu ziehen.

Für das öffentliche Ansehen des Schachsports ist es sehr nachteilig, wenn er durch Betrugsaffären in die Schlagzeilen gerät. Andererseits sind zum Beispiel der oben genannte Fall „Claus-Peter S.“ und ähnliche Vorkommnisse Belege dafür, wie wenig die Öffentlichkeit und selbst die Presse über das Schachleben weiß.

Siehe auch: Schachtürke

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siehe FIDE-Schachregeln, zum Download beispielsweise als PDF-Datei beim Deutschen Schachbund unter http://www.schachbund.de/intern/ordnung/FIDE_Regeln09.pdf
  2. Hartmut Metz: Mit der Lizenz zum Schummeln, Schachkolumne, www.scrkuppenheim.de, Januar 1999
  3. Hartmut Metz: Der Fall A., Schachkolumne, www.scr-kuppenheim.de, Februar 2000
  4. Hartmut Metz: Wie man auf dem Klo richtig bescheißt, Schachkolumne, www.scr-kuppenheim.de, 11. Januar 2003
  5. Robert Desjarlais: Counterplay. Berkeley 2011. S. 175 f.
  6. Rating Progress Chart, FIDE, ratings.fide.com (englisch; Ratingentwicklung in der FIDE-Datenbank)
  7. Umakant Sharma banned for 10 years, The Hindu, 27. Dezember 2006 (englisch)
  8. Harte strafen für drei Meisterspieler in Frankreich
  9. a b André Schulz: Feller, Natsidis und die Bedrohung des Turnierschachs. ChessBase.de, 22. Juni 2011. Abgerufen am 8. März 2012
  10. KARL 2/2011, S. 9-10
  11. Paul Tröger: Von Böcken und dicken Hunden. Bamberger Schachverlag 1984. S. 87-88
  12. The Kasparov touch-move controversy, in Judit Polgar: History, photos and games of the greatest Woman Chessplayer ever, www.controltheweb.com (englisch)
  13. Adrian Michaltschischin: Rubinsteins Geist. In: Schach 11/2011. S. 60
  14. Gene H. McCormick, Andy Soltis: The U.S. Chess Championship, 1845 – 1985. McFarland, Jefferson 1986. S. 36 f.
  15. Charles C. Moul, John V. Nye: Did the Soviets Collude? A Statistical Analysis of Championship Chess 1940–64, Social Science Research Network, Mai 2006 (englisch)
  16. Titelbetrug (mit FIDE-Entscheidung zum Kali-Cup 2004, englisch), ChessBase Nachrichten, 3. März 2006
  17. The fake Heroes of Chernobyl, Chess News, ChessBase.com, 3. Mai 2005 (englisch)
  18. Leontxo Garcia: Crisan, der Schwindler aus den Karpaten, ChessBase Nachrichten, 11. Juli 2001
  19. Milan Vidmar Memorial, 3/7-11/7/2001, Portoroz - Slovenia (Turniertabelle), www.chess.gr, Juli 2001
  20. FIDE Ruling on Alexandru Crisan, www.chesscenter.com, 8. September 2001
  21. Michael Negele: Echolot: Im Reich der Blinden. Veröffentlichung in Schach 04/2014; Nachdruck auf der Internetseite des DBSB abgerufen am 25. Mai 2014
  22. Zu Stadelmaier siehe: Hans-Dieter Leiß: Der Fall Stadelmaier. Die Schwalbe 103, Februar 1987. S. 185-189
  23. Köpenick liegt in Stralsund, ChessBase Nachrichten, 12. April 2005
  24. FIDE Code of Ethics, FIDE, www.fide.com (englisch)
  25. Harald Fietz: Unter Beobachtung, Schachkolumne, Internetpräsenz von Rochade Kuppenheim, September 2003
  26. Absatz 5.3.4 der Turnierordnung Schachbundesliga (PDF; 54 kB)
  27. Cheating in chess: the problem won't go away, Chessbase.com, 30. März 2011

Literatur[Bearbeiten]

  • Ingo Althöfer und Roland Voigt: Kapitel 14 in "Spiele - Rätsel - Zahlen", Springer-Spektrum, 2014.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Frederic Friedel: Cheating in Chess, Daily Chess Columns, www.chessbase.com, 2000 (englisch)