Bettina Röhl

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Journalistin Bettina Röhl, nicht zu verwechseln mit der Journalistin Bettina Rühl.
Bettina Röhl, Mai 2005

Bettina Röhl (* 21. September 1962 in Hamburg) ist eine deutsche Journalistin und Autorin. Sie ist die Tochter der Journalistin und späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof und des Verlegers Klaus Rainer Röhl. Publizistisch wurde Röhl u.a. mit Veröffentlichungen über die Vergangenheit des damaligen Außenministers Joschka Fischer bekannt.

Leben[Bearbeiten]

Kindheit[Bearbeiten]

Bettina und Regine Röhl sind die Zwillingstöchter Ulrike Meinhofs, der Kolumnistin der Zeitschrift konkret und späteren Terroristin der Rote Armee Fraktion, und des ehemaligen konkret-Verlegers Klaus Rainer Röhl. Sie wuchs erst in Hamburg bei den Eltern auf und ging nach deren Scheidung 1968 mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie im selben Jahr in der evangelischen Privatschule Königin-Luise-Stiftung in Berlin-Dahlem eingeschult wurde.

Nach der Baader-Befreiung im Mai 1970 tauchte Ulrike Meinhof in den Untergrund ab. Röhl wurde im Alter von sieben Jahren von RAF-Mitgliedern, die mit Meinhof befreundet waren, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Regine für vier Monate in ein Flüchtlingslager nach Sizilien entführt, um dem Vater, dem das vorläufige Sorgerecht zugesprochen worden war, die Kinder zu entziehen. Am 10. Juli 1970 wurden die Zwillinge Ulrike Meinhof zugesprochen. Bis zur endgültigen Entscheidung im Sorgerechtsstreit erhielt Klaus Rainer Röhl am 3. August das Aufenthaltsbestimmungsrecht. Im September sollten die Kinder von einem Mitglied der Baader-Meinhof-Gruppe aus Sizilien abgeholt und in ein Guerilla-Lager im Nahen Osten gebracht werden. Der ehemalige konkret-Redakteur Stefan Aust kam der Aktion zuvor, befreite die Zwillinge zusammen mit dem RAF-Aussteiger Peter Homann und brachte sie zu ihrem Vater zurück.[1] Bettina Röhl hat der Version der Meinhof-Biografin Jutta Ditfurth in mehreren Interviews und im Mai 2010 in einem persönlich gefärbten Essay im Spiegel widersprochen.[2]

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten]

Bettina Röhl wuchs danach in bürgerlichen Kreisen in Hamburg auf. Sie legte 1982 das Abitur am humanistischen Gymnasium Christianeum in Hamburg ab.

Röhl studierte in Hamburg und Perugia (Italien) Geschichte und Germanistik. Seit 1986 arbeitet sie als Journalistin, unter anderem für die Zeitschrift Tempo, die Männer Vogue, das politische Magazin Cicero, das Hamburger Abendblatt und Spiegel TV. Röhl setzt sich in ihren Veröffentlichungen häufig kritisch mit der 68er-Generation und deren Erbe auseinander.

Publizistische Tätigkeit[Bearbeiten]

Joschka-Fischer-Affäre 2001[Bearbeiten]

Anfang Januar 2001 löste Bettina Röhl mit der Veröffentlichung von Fotos aus der Vergangenheit des amtierenden Außenministers Joschka Fischer eine innenpolitische Diskussion um dessen Verbleib im Amt aus.[3] Die Bilder zeigen Fischer, den späteren Terroristen Hans-Joachim Klein und andere dabei, wie sie 1973 einen Polizisten verprügelten. Sie wurden von Röhl im Magazin Stern sowie auf ihrer privaten Homepage veröffentlicht. Die Fotoserie eines Pressefotografen war 1973, ohne dass bekannt war, wer auf den Fotos zu sehen war, im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschossen und von Röhl bei Buchrecherchen im Jahr 2000 untersucht und inhaltlich entschlüsselt worden.[4] Im Archiv der ARD-Tagesschau entdeckte Röhl eine Filmsequenz derselben Schlägerei, die Joschka Fischer 1973 beim Niederschlagen des Polizisten zeigt.[5]

Nachdem Fischer seine Beteiligung an Gewaltaktionen gegen Polizisten öffentlich einräumte, kündigte Röhl in einem Offenen Brief an Bundespräsident Johannes Rau die Erstattung einer Strafanzeige wegen versuchten Mordes gegen Fischer an, die sich auf von ihr recherchierte Zeugenaussagen zum 1976 erfolgten lebensbedrohlichen Angriff mit einem Molotowcocktail auf den Frankfurter Polizisten Jürgen Weber stützte. Sie schrieb „Es geht um ein die Wahrheit unterdrückendes Medienkartell. Es geht um einen Staatsnotstand.“[6] Der Fotograf, von dem sie die Bilder erhalten hatte, erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen sie, weil sie die Bilder ohne seine Zustimmung verbreitet hatte. Auch ihr Umgang mit von der ARD entliehenem Filmmaterial sowie die hohen Preise, die sie für die Aufnahmen verlangt hatte, wurden in den Medien kritisiert.[7][8]Sie wirkte 2001 und 2002 an zwei Beiträgen des Fernsehmagazins Panorama mit, die sowohl die gewalttätige Vergangenheit Fischers als auch ihre Recherchen zum Thema hatten.[5][9]

Röhl wurde für ihr Vorgehen im Zusammenhang der Veröffentlichungen über Joschka Fischer von in- und ausländischen Medien kritisiert, wobei aus ihrer Biografie und der ihrer Eltern Rückschlüsse auf ihre Motive gezogen wurden.[3] Wenige Tage nach Beginn der journalistischen Kampagne gegen Fischer[10] kündigte der Verlag Kiepenheuer & Witsch in Köln den Vertrag, Röhls bereits angekündigte Fischer-Biografie Sag mir, wo Du stehst zu verlegen. Die Begründung lautete Die mit allen ihr zur Verfügung stehenden, auch unseriösen Mitteln geführte öffentliche Kampagne von Bettina Röhl gegen unseren langjährigen Autor Joschka Fischer hat uns veranlasst, den Verlagsvertrag mit Bettina Röhl zu beenden.[11] Bettina Röhl empfand sich im weiteren Verlauf der Diskussion als Opfer einer medialen Hetzkampagne mit dem Ziel, Joschka Fischer reinzuwaschen, indem ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wurde. Fischer hielt in Meinungsumfragen 2000 und 2001 unbeschadet von Röhls Enthüllungen mehrfach die Spitzenposition unter den populärsten Politikern Deutschlands.[12]

Veröffentlichungen mit Bezug zu ihrer Mutter[Bearbeiten]

Im Herbst 2002 deckte Röhl in der Magdeburger Volksstimme auf, dass das Gehirn ihrer Mutter Ulrike Meinhof nicht mit beerdigt worden war, sondern jahrzehntelang in einem Gefäß mit Formalin aufbewahrt und in einer Magdeburger Klinik erneut untersucht worden war.[13] Den Professoren wurde daraufhin von einer Ethik-Kommission untersagt, weiter an dem Gehirn zu forschen oder ihre bisherigen Forschungen zu veröffentlichen.[14] Die Staatsanwaltschaft Stuttgart forderte das Gehirn von den Professoren zurück, äscherte es ein und übergab die Überreste den Angehörigen. Am 22. Dezember 2002 wurde das Gehirn von Ulrike Meinhof auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof III in Berlin-Mariendorf beigesetzt.

Weiterhin schrieb Bettina Röhl in der Rheinischen Post, in der Welt und in der Berliner Morgenpost eine Geschichte über den Friseur Udo Walz, der 1970 Ulrike Meinhof, während sie im Untergrund war, die Haare blond gefärbt hatte. Insbesondere fand sie das bisher unbekannte Fahndungsfoto von Meinhof mit der blonden Frisur. Diese Glosse nahm die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Anlass für Kritik am Stil dieser öffentlichkeitswirksamen Abrechnung mit der 68er-Generation. Dabei wurde Röhl als „Terroristentochter“ bezeichnet. Röhl wehrte sich vor dem Oberlandesgericht München zunächst erfolgreich gegen diese Bezeichnung, bevor der Bundesgerichtshof das Urteil mit der Begründung aufhob, eine „Schmähung, bei der nicht die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung des Betroffenen im Vordergrund stehe“, liege nicht vor.[15]

RAF-Ausstellung[Bearbeiten]

Röhl beteiligte sich mit Artikeln in Die Welt[16], im Tagesspiegel[17], in der Rheinischen Post ab 2003 und bis Januar 2005 mit einem Artikel in der Zeit[18] und einem Interview für die taz und mehreren Fernsehinterviews an der langjährigen Diskussion über eine umstrittene RAF-Ausstellung von Klaus Biesenbach, Ellen Blumenstein und Felix Ensslin, die schließlich 2005 unter dem Titel „Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF-Ausstellung“ in Berlin stattfand und sich mit der Positionierung bildender Künstler zur RAF befasste.[19] Des Weiteren kam es im Oktober 2006 im Rahmen der Uraufführung von Elfriede Jelineks RAF-Farce Ulrike Maria Stuart zu einer Auseinandersetzung mit dem Hamburger Thalia Theater. Da Jelineks Text bzw. Nicolas Stemanns Inszenierung – wenn auch stark verzerrt und stilisiert – auf biografische Details der Familie Röhl/Meinhof zurückgreift, soll Bettina Röhl ihre Persönlichkeitsrechte verletzt gesehen, Textänderungen gefordert und das Erwirken einer einstweiligen Verfügung gegen die Aufführung angedroht haben. Nachdem das Thaliatheater sämtliche von Bettina Röhl monierten persönlichen Stellen sie und ihre Schwester betreffend vor der Premiere herausgestrichen hatte, einigten sich das Theater und Bettina Röhl gütlich.

Feminismus[Bearbeiten]

Bettina Röhl schrieb im April 2005 für die Zeitschrift Cicero die Trilogie Die Sex-Mythen des Feminismus[20], Die Gender Mainstreaming-Strategie[21] und Der Sündenfall der Alice Schwarzer?,[22] in der sie als Kritikerin des Gender Mainstreaming und des von Alice Schwarzer in ihrem Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen propagierten radikalen Feminismus der 1970er Jahre hervortrat.

Anlässlich der Verleihung des Theodor-W.-Adorno-Preises an die Queer-Theoretikerin, Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Judith Butler sprach sich Röhl in ihrer Kolumne „Bettina Röhl direkt“ in der Wirtschaftswoche gegen die, so Röhl, „Gender-Ideologie“ aus und schrieb „[i]n Norwegen [sei] die staatlich mit fast 60 Millionen Euro jährlich subventionierte Gender-Forschung gerade Knall auf Fall quasi wegen erwiesener Scharlatanerie gestrichen worden.”[23] In einer späteren Veröffentlichung bezeichnete sie die feministischen Strömungen als ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ und Gender Mainstreaming als "geistige Brandstiftung".[24]

Veröffentlichungen (Auszug)[Bearbeiten]

Dokumentarfilm[Bearbeiten]

  • So macht Kommunismus Spaß. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret (25 Min.), Spiegel-TV, 2007.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bettina Röhl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stefan Aust liest nicht, sondern erzählt die RAF-Geschichte; in: Schwäbische Zeitung vom 5. März 2009. Eine andere Sicht bietet Jutta Ditfurth in: Julia Jüttner: Missbrauchsvorwürfe: „Ulrike Meinhof hatte Angst um ihre Kinder“; Interview mit Jutta Ditfurth; Spiegel Online, 7. Mai 2010.
  2. Bettina Röhl: Meine Eltern. In: Der Spiegel, Ausgabe 22/2010, Seiten 120-123
  3. a b Fabienne Hohl: Verbrannt an der Fackel der Wahrheit: Analyse des Falls Joschka Fischer und Bettina Röhl. In: Medienheft vom 28. November 2001, abgerufen am 27. Oktober 2013
  4. Herr Kleinhans, wie heftig schlug Joschka Fischer wirklich zu? In: Die Welt vom 7. Januar 2001, abgerufen am 28. Oktober 2013
  5. a b Andreas Cichowicz und Volker Steinhoff: Die Akte Joschka Fischer - Eine Journalistin auf Wahrheitssuche. In: Panorama (NDR) vom 11. Januar 2001, abgerufen am 26. Oktober 2013
  6. Christoph Schult: Meinhof-Tochter: Anzeige gegen Fischer wegen Mordversuchs. In: Spiegel Online vom 8. Januar 2001, abgerufen am 28. Oktober 2013
  7. "Röhl darf Fischer-Fotos nicht mehr verbreiten", Schwäbische Zeitung, 10. Januar 2001
  8. "Einstweilige Verfügung: Röhl darf Fischer-Fotos nicht mehr verbreiten", Spiegel, 10. Januar 2001
  9. Andreas Cichowicz: Neue Zeugen, brisante Bilder - Joschka Fischer und seine Vergangenheit. In: Panorama (NDR) vom 1. Februar 2002, abgerufen am 26. Oktober 2013
  10. Vasco Boenisch: Strategie:Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert - und wie ihn die Bildzeitung betreibt. Herbert von Halem Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-938258-45-3, S. 185 ff.
  11. Kiepenheuer & Witsch kündigt Vertrag mit Bettina Röhl: Angriffe gegen Joschka Fischer seien nicht hinnehmbar Meldung auf BuchMarkt.de vom 12. Januar 2001, abgerufen am 28. Oktober 2013
  12. Politbarometer: FDP Gewinner des Monats. In: Welt vom 21. Juli 2001, abgerufen am 28. Oktober 2013
  13. Andreas Förster: Wer war Ulrike Meinhof? In: Berliner Zeitung. 9. November 2002, S. 3, abgerufen am 16. Oktober 2011.
  14.  Jürgen Dahlkamp: Toter Winkel. In: Der Spiegel. Nr. 47, 2002, S. 72 (18. November 2002, online).
  15. BGH, Urteil vom 5. Dezember 2006, Az. VI ZR 45/05
  16. Bettina Röhl: Die Macht der Sympathisanten. In: Die Welt, 11. August 2003.
  17. Bettina Röhl: Die geilen Täter. In: Der Tagesspiegel, 15. August 2003.
  18. Bettina Röhl: Terror verkauft sich. In: Die Zeit, 27. Januar 2005.
  19. Thomas Eller: Ästhetischer Vampirismus. In: artnet, 31. Januar 2005.
  20. Die Sex-Mythen des Feminismus, Cicero, April 2005
  21. Die Gender Mainstreaming-Strategie, Cicero, April 2005
  22. Der Sündenfall der Alice Schwarzer?, Cicero, April 2005
  23. Bettina Röhl: Judith Butler - systemkonforme Genderkönigin. Wirtschaftswoche, 4. September 2012, abgerufen am 9. September 2012.
  24. Der Irrsinn der Entmännlichung unserer Gesellschaft. Wirtschaftswoche, 3. Juli 2013, abgerufen am 11. Oktober 2013.