Bewusstseinsstrom

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Bewusstseinsstrom (englisch stream of consciousness, oft fälschlich mit dem inneren Monolog gleichgesetzt) bezeichnet in der Literaturwissenschaft eine Erzähltechnik, die in ungeordneter Folge Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt. Sie wurde von Leo Tolstoi für seinen Roman Anna Karenina erfunden. Bekannte Beispiele sind Ulysses von James Joyce und Virginia Woolfs Die Wellen.

Definition[Bearbeiten]

Der Ausdruck „stream of consciousness“ beschreibt ein literarisches Verfahren. Ein solcher Text versucht, die Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühle und Reflexionen einer Erzählfigur subjektiv so wiederzugeben, wie sie ins menschliche Bewusstsein fließen. Die Entwicklung dieses Verfahrens geschah in Anlehnung an die Erforschung psychologischer Tatsachen durch William James, der im Bereich der Psychologie die auf Charles S. Peirce[1] zurückgehende Idee eines kontinuierlich ablaufenden „Bewusstseinsstroms“ hatte[2]

Der Bewusstseinsstrom wurde auch schon als die „Radikalisierung personalen Erzählens“ bezeichnet, da auch dort die Innenwelt der Figur kommentarlos präsentiert wird und der Erzähler aus dem Geschehen zurücktreten soll.

Technik[Bearbeiten]

Die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms ist die direkte Personenrede mit syntaktischer Unabhängigkeit, Verwendung des Präsens als Normaltempus und des Indikativ als Normalmodus. Zur Bezeichnung der denkenden Figur dient die erste Person, es wird also aus der Ich-Perspektive erzählt.

Der allgemeine Begriff für die Mitteilung unausgesprochener Gedanken der Figuren in Form von direkter Rede ist dabei „innerer Monolog“. Der Begriff „Bewusstseinsstrom“ wird jedoch sehr uneinheitlich gebraucht und teilweise als Synonym für den inneren Monolog verwendet.

Den entscheidenden Unterschied des Bewusstseinsstroms zur schlichten direkten Personenrede bilden Stil und Kontext: Es fehlen Verba credendi und Anführungszeichen, denn „Prinzip ist es, das Figurenbewusstsein selbst ‚sprechen‘ zu lassen: Wahrnehmungen, Empfindungen, Assoziationen aller Art, Erinnerungen, Überlegungen, auch bloße Lautfolgen ohne ausdrückliche Ankündigung oder Eingriff einer Erzählinstanz ‚aufzuzeichnen‘.“[3]

Sachverhalte, die der Figur selbstverständlich sind, etwa weil sie sie gerade ausführt, werden nicht genannt und müssen vom Leser selbst rekonstruiert werden.

Der Erzählerbericht hat lediglich die Funktion, die Figur und ihren inneren Monolog in der Außenwelt zu situieren und damit einen Erzählrahmen zu schaffen, den die Figur nicht erzeugen könnte. Aber äußeres Geschehen ist nur als Anreiz und Auslöser innerer Prozesse wichtig.

Ein weiteres Stilmerkmal ist die Aussparung von Information durch psychologisch-syntaktische Verkürzung: Oft fallen Nomen, Personalpronomen oder finite Verbform aus, mitunter auch Artikel, Präpositionen und Konjunktionen.

Auch greifen Bewusstseinsinhalte und -impulse frei assoziiert ineinander, so, wie sie gerade ins Bewusstsein fallen. Sie sind nicht notwendigerweise linear chronologisch geordnet.

Entwicklung[Bearbeiten]

Die literarische Technik des Bewusstseinsstroms wurde erfunden von Leo Tolstoi für seinen 1877/78 erschienene Roman Anna Karenina: In Kapitel XXIX des siebten Teils zeichnet er die Gedanken seiner Protagonistin während einer Fahrt zum Bahnhof, wo sie Selbstmord begehen wird, unterschiedslos auf, ob es sich um Reflexionen ihrer ausweglos scheinenden Situation, Beobachtungen aus dem Fenster der Kalesche oder Reklametexte in den Moskauer Schaufenstern handelt.[4] Der Begriff „stream of consciousness“ wurde erstmals von dem amerikanischen Psychologen William James in dessen 1890 erschienenem Hauptwerk „The principles of psychology“ (New York: H. Holt and Company) verwendet. Er beschrieb mit dem Begriff den Roman „Les lauriers sont coupés“ des französischen Schriftstellers Edouard Dujardin (1888 ersch.). Dieser Begriff bezieht sich aber nicht nur auf den bloßen verbalen Vorgang, sondern beachtet auch sinnliche, beispielsweise visuelle, Wahrnehmungen.

Der Begriff „stream of consciousness“ fand auch in einer Rezension der Autorin May Sinclair (1863–1946) Verwendung, um das Werk „Pilgrimage“ von Dorothy Richardson (1873–1957) zu charakterisieren.

Die Technik des Bewusstseinsstroms fand besonderen Anklang im englischen und amerikanischen Modernismus, der sich im späten 19. Jahrhundert als Gegenbewegung zum literarischen Realismus und Naturalismus etablierte. Auch die Surrealisten taten etwas ganz Ähnliches, ausgehend von Europa.

Im deutschen Sprachraum wurde dieses Stilmittel erstmals von Arthur Schnitzler in dessen NovellenLeutnant Gustl“ und „Fräulein Else“ konsequent eingesetzt.

Der Bewusstseinsstrom wurde auch im asiatischen Raum nachgebildet. Er trat nach 1979 mit der politischen Öffnung und der Loslösung von der kommunistisch-sozialistischen Ideologie auch in China auf. Ein typisches Beispiel ist „Das Auge der Nacht“ von Wang Meng.

Der moderne Film und Experimentalfilm blieb davon nicht unberührt, meist außerhalb des Mainstreams.

Bekannte Romane im Stil des Bewusstseinsstroms[Bearbeiten]

Berühmt für die Verwendung dieser Technik sind beispielsweise die Romane:

Der Bewusstseinsstrom kann bei jedem Autor andere charakteristische Merkmale tragen. Bei James Joyce sind es zum Beispiel:

  • verkürzte Syntax
  • persönliches Idiom
  • willkürliche Wortbildungen
  • Lautmalerei
  • Sprachspiele

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Charles S. Peirce: Somme Consequences of Four Incapacities, in: Journal of Speculative Philosophy, 2 (1868), 140-157 = CP 5.289 [„Kurz, das Unmittelbare (…)fließt in kontinuierlichem Strom durch unser Leben; es macht die Gesamtheit des Bewußtseins aus, dessen Vermögen, die seine Kontinuität ist, durch eine real wirksame Kraft zustande gebracht wird, die hinter dem Bewußtsein steht.“] Zitiert nach: Schriften zum Pragmatismus und Pragmatizismus, hrsg. von Karl-Otto Apel, Suhrkamp, 2. Aufl. Frankfurt 1976, 60
  2. William James: The Principles of Psychology, 2 Bände. New York: Henry Holt and Company, 1890, hier Band 1, 336 [the ‘stream’ of subjective consciousness]; ders. Psychology. Briefer Course (1892). New York: Henry Holt and Company, 1907, 159 [Such words as ‘chain’ or ‘train’ do not describe it {the consciousness} fitly as it presents itself in the first instance. It is nothing jointed; it flows. A ‘river’ or a ‘stream’ are the metaphors by which it is most naturally described. In talking of it hereafter let us call it the stream of thought, of consciousness or of subjective life ]
  3. Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie. 2. Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen 1998, S. 182–183.
  4. Vladimir Nabokov: Lectures on Russian Literature. Hrsg. v. Fredson Bowers. New York 1981, S. 117 f. (online, Zugriff am 8. Oktober 2013).

Literatur[Bearbeiten]

  • Jochen Vogt: Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie. 2. Auflage, Westdeutscher Verlag, Opladen 1998.

Weblinks[Bearbeiten]