Biergarten

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Traditioneller Biergarten am Hofbräukeller in München
Biergarten in Bonn, nahe Rheinufer
Biergarten (im übertragenen Sinn) auf der Zugspitze (2964 m)

Der Biergarten (auch Bierkeller und „auf dem Bierkeller“) entstand aus dem Ausschank von Bier durch den Brauer aus einem Bierkeller ohne das für den Betrieb einer Schänke erforderliche Krugrecht. Der Ausschank aus den Kellern wurde erstmals 1812 im Isarkreis, dem heutigen Oberbayern offiziell zugelassen. Diese Entstehung prägt das bis heute bestehende Erscheinungsbild eines traditionellen Biergartens, in dem der Gast unter Schatten spendenden Bäumen sitzt und seine Speisen selbst mitbringen darf.[1]

Im weiteren Sinn wird die Bezeichnung „Biergarten“ auch für andere gastronomische Einrichtungen im Freien verwendet, die in Bayern und in Österreich „Wirtsgarten“ oder „Gastgarten“ genannt werden.

Entwicklung[Bearbeiten]

Max Liebermann: Münchner Biergarten, 1884

Biergärten entstanden in Bayern im 19. Jahrhundert in München, als vorwiegend untergäriges Bier getrunken wurde. Dieses konnte nur in den kalten Monaten hergestellt werden, da die Gärung bei Temperaturen zwischen vier und acht Grad erfolgen musste (ebenso die Lagerung - das nicht-pasteurisierte Bier wurde bei höheren Temperaturen schnell schlecht).[2] Bereits in der bayerischen Brauordnung von 1539 und im Anschluss hieran im Jahr 1553 per Dekret durch Albrecht V. wurde festgeschrieben, dass nur vom 29. September, dem Feiertag des heiligen Michael, bis zum 23. April , dem Feiertag des heiligen Georg, Bier gebraut werden durfte. Der Grund war, neben den für die Gärung notwendigen niedrigen Temperaturen, vor allem die Brandgefahr. Die heißen Siedekessel lösten im 16. Jahrhundert mehrere Brände in den Brauereien aus. Daher wurde das Bierbrauen während der Sommermonate verboten. Um auch im Sommer Bier auszuschenken, legten Münchner Bierbrauer in den Flussterrassen der Isar tiefe Bierkeller an, in denen man das Bier ganzjährig mit Eis kühl halten konnte. Daher stammt die Konzentration der Biergärten an der Schwanthalerhöhe und in Haidhausen.[3] Um die Durchschnittstemperatur des Lagers weiter zu senken, streute man auf dem Boden des Hangs Kies und pflanzte Kastanien, die im Sommer Schatten werfen. Die flachen Wurzeln der Kastanien schädigten außerdem das Kellergewölbe nicht.[4]

Dekret Maximilian I. vom 4. Januar 1812 mit der Erlaubnis Bier von den Kellern auszuschenken
Gebackene Schweinshaxn und Obatzter sind typische bayerische Biergarten-Spezialitäten

Neben der Lagerung wurden die Bierkeller bald auch für den Ausschank genutzt, indem man einfache Bänke und Tische unter die Bäume stellte. Diese Plätze wurden bald ein beliebtes Ausflugsziel der Münchner, sehr zum Verdruss der kleineren in München verbliebenen Bierbrauer. Um der zunehmenden Abwanderung von Gästen entgegenzuwirken, traten sie über den Generalkomissär des Isarkreises an König Maximilian I. heran, der am 4. Januar 1812 verfügte, dass die Bierkeller des Kreises rund um München weiterhin Ausschank betreiben, jedoch keine Speisen außer Brot servieren durften.

Märzenkeller
Das Gästesetzen und den Minuto-Verschleiß der Brauer auf denselben.
Den hiesigen Bierbrauern gestattet seyn solle, auf ihren eigenen Märzenkellern in den Monaten Juni, Juli, August und September selbst gebrautes Märzenbier in Minuto zu verschleißen, und ihre Gäste dortselbst mit Bier u. Brod zu bedienen. Das Abreichen von Speisen und anderen Getränken bleibt ihnen aber ausdrücklich verboten.
Verord. v. 4. Jänner 1812“

Originaltext der Verfügung

Von diesen Kellerbiergärten sind noch der Augustinerkeller, der Paulaner am Nockherberg sowie der Hofbräukeller erhalten. Die Keller von Bürgerbräukeller und Franziskaner bilden heute die Tiefgaragen der Motorama- und Franziskanerhof-Komplexe.

1825 wurde das bayerische Gewerberecht liberalisiert, wodurch bisher reine Schankbetriebe das Recht zur Abgabe von Speisen erlangten. Zeitgleich wurden im Biedermeier die großen öffentlichen Gärten und Parks in München ausgebaut. So entstanden eine Vielzahl von Gartenwirtschaften in der Stadt und vor den Mauern, die zu beliebten Ausflugszielen wurden.[5] Einige gingen aus Jagd- und Forsthäusern hervor, andere aus Poststationen oder Schwaigen. Vor der Stadt wurden „Tanzsäle, Unterhaltungsplätze, Kegelbahnen, Karussells, Arkaden lauschige Lauben und schattige Baumgruppen“[6] errichtet. In der Folge verschwamm der Unterschied zwischen den traditionellen Kellerwirtschaften und den Gartenwirtschaften. Inzwischen bezeichnen Wirte überall in Deutschland und auch in touristischen Regionen in aller Welt Schankflächen im Freien als „Biergarten“.

Die Tradition, dass der Gast seine Brotzeit in den Biergarten selbst mitbringt und nur die Getränke erwirbt, hat sich insbesondere in Oberbayern rund um München und in Bierfranken bis heute erhalten. Oft gibt es einen Bereich des Gartens, in dem eine normale Bewirtschaftung stattfindet, und einen anderen, der sich durch andere Tische – oft Biergarnituren – abhebt, und in dem mitgebrachte Speisen verzehrt werden dürfen. In der Regel gibt es außer einer Schenke für die Getränke auch, je nach Größe des Biergartens, eine oder mehrere Buden, die Hend'l, Obatztn und Wurstsalat verkaufen.

Bedeutung[Bearbeiten]

Die Bayerische Staatsregierung spricht dem traditionellen Biergarten in der Bayerischen Biergartenverordnung eine wichtige soziale Funktion zu. Biergärten seien „beliebter Treffpunkt breiter Schichten“ der Gesellschaft und ermöglichten soziale Unterschiede zu überwinden.[1] Da die Biergärten in den Augen der Regierung für die Verdichtungsgebiete ein Naherholungsziel darstellen, definiert die Biergartenverordnung einige Ausnahmen für traditionelle Biergärten in Hinsicht auf Nachtruhe und Lärmschutz.

Im Zusammenhang der Debatten um die Biergärten, die zu der Bayrischen Biergartenverordnung führten, weist die Volkskundlerin Birgit Speckle darauf hin, dass die Vorstellung des soziale Unterschiede überwindenden, geselligen Biergenusses ein populäres Stereotyp des 19. Jahrhunderts sei. Dabei würden jedoch Brüche ausgeblendet und unlogische Schlüsse gezogen.[7] Dem stehen jedoch zeitgenössische Quellen gegenüber, in denen auswärtige Besucher Münchens oder neu Zugezogene darüber berichten, wie Münchner am Biertisch über alle Standesgrenzen hinweg kommunizieren. Für die Biedermeierzeit könne man feststellen, dass sie in München anders verlaufe als in anderen deutschen Städten wie auch Wiens.[8] so dass der Volkskundler Volker D. Laturell von der „Verwischung von Standesunterschieden im Wirtshaus oder im Biergarten“ spricht.[9] Er schränkt dies mit Quellen aus dem 19. Jahrhundert allerdings auf das Bürgertum und die Arbeiterschaft ein, die Oberschicht war nur bei besonderen Anlässen wie Gartenfesten vertreten.

Bekannte Biergärten in und um München[Bearbeiten]

Biergarten am Chinesischen Turm im Englischen Garten
Hauptartikel: Biergärten in München

Der größte traditionelle Biergarten der Welt ist der Münchner Hirschgarten. Der bei Münchnern und Touristen bekannteste und zugleich zweitgrößte Biergarten liegt im Englischen Garten am Chinesischen Turm. An zentraler Stelle in der Stadt befindet sich im Viktualienmarkt ein Biergarten. Der Biergarten auf dem Nockherberg ist durch die Paulaner-Fernsehwerbung bundesweit bekannt geworden.

Im Landkreis München liegen die Kugler Alm bei Oberhaching, die für sich die Erfindung des Radlers beansprucht, und die Waldwirtschaft bei Pullach, die durch die Biergartenrevolution auch überregional bekannt wurde, weil anhand der Auseinandersetzungen über Lärmschutz in ihrer Nachbarschaft die Biergartenverordnung und die Definition eines traditionellen Biergartens entwickelt wurden.

Bekannt sind Biergärten, die zu Klöstern gehören. Dazu gehören Kloster Andechs und Kloster Weltenburg. Dort sind häufig Brauerei und Biergarten in unmittelbarer Nähe gelegen.

Der Münchner Taxisgarten bei Nacht

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Ferdinand Döllinger: Das Brauwesen, Brantweinbrennen und der Malzaufschlag im Königreiche Bayern in polizeilicher und kameralistischer Beziehung. C. H. Beck, Nördlingen 1850 OCLC 162796066.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Biergarten – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Biergarten – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Auszug aus der Begründung der Bayerischen Biergartenverordnung (PDF; 22 kB) vom 20. April 1999: Kennzeichnend für den bayerischen Biergarten im Sinne der Verordnung sind vor allem zwei Merkmale: der Gartencharakter und die traditionelle Betriebsform, speziell die Möglichkeit, dort auch die mitgebrachte, eigene Brotzeit unentgeltlich verzehren zu können, was ihn von sonstigen Außengaststätten unterscheidet.
  2. Astrid Assel, Christian Huber: München und das Bier. Volk Verlag, 2009, ISBN 978-3-937200-59-0, S. 76–80.
  3. Volker D. Laturell: Volkskultur in München. Buchendorfer, 1997, ISBN 3-927984-63-9, S. 57, 62.
  4. 120 Minuten sind nicht genug. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 22. Mai 2012, S. 7.
  5. Volker Laturell: Volkskultur in München. Buchendorfer, 1997, ISBN 3-927984-63-9, S. 122, 124.
  6. Volker Laturell: Volkskultur in München. Buchendorfer, 1997, ISBN 3-927984-63-9, S. 127.
  7. Birgit Speckle: Streit ums Bier in Bayern: Wertvorstellungen um Reinheit, Gemeinschaft und Tradition. Band 27 von Münchener Universitätsschriften: Műnchner Beiträge zur Volkskunde, Waxmann Verlag, München 2001, S. 185.
  8. Marianne Bernhard: Das Biedermeier. Econ, 1983, ISBN 3-430-11313-X, S. 177.
  9. Volker Laturell: Volkskultur in München. Buchendorfer, 1997, ISBN 3-927984-63-9, S. 144 f.