Bierjunge

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Als Bierjunge (auch Bierskandal, Bierduell, Biermensur oder Trinkmensur) bezeichnet man einen studentischen Brauch des kompetitiven Trinkens von Bier, wie er heute noch in Studentenverbindungen gepflegt wird.

„Bierduell“ von Georg Mühlberg (1863–1925): links und rechts stehen die Kontrahenten, in der Mitte der Unparteiische

Historisches[Bearbeiten]

Es lässt sich heute nicht mehr feststellen, wann Studenten angefangen haben, Bier um die Wette zu trinken. Der Ausdruck „Bierjunge“ ist in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, als die Corps in ihren Senioren-Conventen (SC) schriftlich die Regeln des studentischen Zusammenlebens in SC-Comments festgelegt haben. Hier waren auch alle Fragen der Satisfaktion und des studentischen Duells geregelt. Sogar die Schwere von Beleidigungen war genau festgesetzt und wie man auf sie zu reagieren hatte, in der Regel natürlich mit der blanken Waffe. Als leichteste Beleidigung galt in den meisten Fällen der Ausdruck „Du bist ein dummer Junge!“

Als sich im Laufe der Zeit die Überzeugung bildete, dass ein Student auf jeden Fall seine Ehre zumindest einmal mit der blanken Waffe verteidigt haben müsse, auch wenn er nicht in Streitfälle verwickelt wurde, bildete sich eine Standardbeleidigung heraus, die nicht mehr als Angriff auf die Ehre betrachtet wurde, sondern nur noch als Aufforderung zum Fechten. Diese Standardbeleidigung war der „dumme Junge“.

Am Biertisch wurden bald die Regeln und Formalismen der Comments parodiert. Aus dem SC-Comment wurde der Bier-Comment, aus dem „Ehrengericht“ das „Biergericht“, statt in den „SC-Verruf“ oder „Verschiss“ kam man in den „Bierverschiss“, aus der Mensur wurde die „Biermensur“, der „dumme Junge“ wurde zum „Bierjungen“.

Siehe auch: Bierstaat

Im Laufe der Zeit übernahmen auch andere Korporationen den Brauch als Parodie auf die Gepflogenheiten der Corpsstudenten. Diese pflegen die Biermensur normalerweise noch deutlich unernster.

Gustav Schwabs damals bekanntes „Gewitterlied“ wurde von Kurt Luch umgedichtet.[1] In der 2. Strophe des „Syphon“ heißt es:

Leibfuchs spricht: Morgen ist
Frühschoppentag,
Wie ich da wieder saufen mag,
Wie will ich spinnen und trinken Rest,
Das Bierjungetrinken ist mir ein Fest –
Dem Bierjungen, dem bin ich hold –
Hört ihr’s, wie der Syphon grollt?

Solche Einzelgesänge wurden durch sog. Bummellieder unterbrochen, die der Senior anstimmte:[2]

Unserm alten Hause, unserm alten Hause
Ist ein Schißmalheur passiert.

Oder:

Saufen ist das allerbest
Schon zu Christi Zeit gewest.

Bekannt war die Königsberger Bier-Routine, der Saufcomment in Albertinas Burschenbrauch von 1824.[3]

Friedrich Nietzsche, Burschenschafter in Bonn, verabscheute den „Biermaterialismus“ seiner Kommilitonen.[4]

Ausführung[Bearbeiten]

Der Stellenwert des Bierjungen unterscheidet sich bei den unterschiedlichen Verbindungstypen. Corpsstudenten pflegen im Gegensatz zu anderen Studentenverbindungen eine vereinfachte Praxis, die sich mittlerweile immer weiter ausbreitet. So ist es für ältere Verbindungsstudenten auch nicht denkbar gewesen, dass ein Fuchs einem Burschen von sich aus einen Bierjungen anträgt. Unter Corpsstudenten gelten manierierte Gepflogenheiten als „buxig“. Vielmehr pflegen sie den Bierjungen in einfacher Form.

Rituelle Austragung[Bearbeiten]

Wird ein Verbindungsstudent mit dem Wort „Bierjunge“ zu einem solchen gefordert, erwidert er mit dem Wort „hängt“ um anzuzeigen, dass er annimmt. Vor allem Schweizer Studentenverbindungen haben noch den Trinkzwang. Die maximale Zeit zum Erledigen des Bierjungens beträgt fünf Bierminuten. Der Bierjunge wird in unterschiedlichen Varianten ausgetragen, so zum Beispiel – je nach Wahl – in An- oder Abwesenheit eines Unparteiischen oder Biergerichts. Diese Entscheidungsinstanz kann weitere Siegbedingungen festlegen, zum Beispiel „Fünf freundliche Worte an den Kontrahenten nach dem Absetzen.“ Zuweilen wird auch vor dem Trinken ein Zweizeiler verlangt. Oft werden auch Sekundanten hinzugezogen. Sieger ist, wer sein Gefäß als erster vollends austrinkt und senkrecht abgesetzt hat. Bei knappen Entscheidungen wird die Menge des verschütteten Bieres und der Reste im Bierglas bewertet. Ist immer noch keine Entscheidung möglich, kann ein weiterer Bierjunge zur Entscheidung festgelegt werden.

„Der dümmste Leim, auf den man kriecht, ist ein betrunk´nes Biergericht.“

Alte Weisheit [5]

Vereinfachte Ausführung[Bearbeiten]

Mit „Kieler Comment“ wird das Trinken eines Bierjungen bezeichnet, bei dem auf einen Unparteiischen, Sekundanten und sonstige rituelle Ausführung verzichtet wird. Der Klang des Glases beim Anstoßen gilt hierbei als Startsignal. In dieser Form ist der Bierjunge seines rituellen Charakters entledigt. In dieser vereinfachten Variante folgt auf das Hängen eines Bierjungen auch oft als Replik „hängt doppelt“, „hängt vierfach“ usw. Dabei sollte die Anzahl der Biere stets verdoppelt werden, ein „hängt dreifach“ gilt als „buxig“. In dieser vereinfachten Version fassen die Gläser 0,2 oder 0,3 Liter. Es können aber auch größere Gläser verwendet werden, bis hin zur Karaffe (ein 1,8 l-Luminarc-Achteck). Neben Bierjungen gibt es auch Weinlümmel, Sektmädel und alle möglichen anderen Arten von -lümmel/-mädel, die sich nach persönlicher Präferenz richten. Dabei ist es nicht zwingend erforderlich, dass für den Wettstreit etwas Trinkbares verwendet wird. Grundsätzlich werden alle in den Wettstreitigkeiten verwendeten Speisen und Getränke außer Bier mit der Endung „-lümmel“ tituliert.

Überstürzen[Bearbeiten]

Wie im Kieler Comment dargelegt, kann ein einfacher Bierjunge statt mit der Antwort „hängt“ angenommen mit der Erwiderung „hängt doppelt“ (bei einigen Verbindungen „Pabst“) überstürzt werden. Der Vorherige, welcher den Bierjungen angetragen hat, kann nun wieder mit einem „hängt vierfach“ überstürzen.

Stafette[Bearbeiten]

Klar zur Afsluitestafette bei Flaminea

Zu mehr oder weniger besonderen Anlässen trinken Mitglieder von Studentenverbindungen, aber auch von Schülerverbindungen so genannte Stafetten. Eine Stafette (auch „Bier-Stafette“ genannt) ist die Mannschaftsversion des Bierjungen.

Bei einer Stafette stellen sich jeweils zwei (möglichst gleich starke) Gruppen gegenüber auf und trinken der Reihe nach ihr Bier „auf ex“, also in einem Zug aus. Sobald das Glas des gerade Trinkenden den Tisch berührt, nimmt der nächste der Stafette sein Glas in die Hand und trinkt dieses. Das letzte „Glied“ einer Stafette ruft nach dem Absetzen „durch“. Wenn beide Gruppen gleich schnell sind (a tempo ital. „gleichzeitig“), sollte die Stafette wiederholt werden.

Vor einer Stafette wird üblicherweise „durchgezählt“, d. h. jeder zählt zunächst die linke Seite (vom Biergericht aus gesehen, falls vorhanden, sonst egal) in aufsteigender Reihenfolge durch, der letzte fügt noch ein „Durch!“ an.

Es haben sich viele Unterarten der Stafette entwickelt, wie z. B. die doppelte Stafette, bei der jeder Teilnehmer zwei Gläser oder „Gemäße“ vor sich hat, welche er nacheinander austrinkt.

Eine Entwicklung des Telekommunikationszeitalters ist die Telefonstafette, die Anfang der 1970er Jahre entstanden ist. Hier trinken zwei Gruppen in verschiedenen Städten gegeneinander, wobei die Ansage „durch“ per Telefon übermittelt wird. Spontane Überprüfungen des angezweifelten Ausgangs schließen sich ad hoc oft an. Auf diese Weise pflegen manche befreundete Verbindungen ihre Beziehungen.

Ebenso eine Neuerung des Internetzeitalters ist die sogenannte Videostafette, bei welcher über einen Messenger (z. B.Skype) eine Überprüfung des Ausganges möglich ist. Im Jahr 2014 breitete sich über Facebook das an den Brauch angelehnte Trinkspiel „Biernominierung“ aus.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bierjunge – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das Gewitter auf Wikisource
  2. Karl Heinrich: Festschrift zum 75. Stiftungsfest des Corps Masovia, Königsberg 1905
  3. Königsberger Bier-Routine (PDF; 45 kB)
  4. Nietzsche und der Biermaterialismus
  5. zitiert nach Siegfried Schindelmeiser, Corps Baltia, Bd. 2, S. 243
  6. Paul Middelhoff: Social Beer Game. Das hat dem Internet noch gefehlt. In: faz,net vom 4. Februar 2014