Bierstaat

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Bierstaat (oder auch Bierherzogtum, Bierkönigreich etc. genannt) war ein unter Studenten bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts übliches karnevalistisches Spiel, das sich über mehrere Tage erstrecken konnte und mit übermäßigem Alkoholgenuss einherging. Thema war die Parodie der herrschaftlichen Strukturen des Heiligen Römischen Reiches, der Aristokratie und des Klerus. Hauptorte dieser Gebräuche waren Jena und Leipzig, aber auch Breslau. Thematisch verwandt waren auch weiter verbreitete, einfachere, kürzere Trinkspiele, die unter den Namen Fürst von Thoren oder Papstspiel bekannt waren und vermutlich als Vorläufer der Bierstaaten anzusehen sind. Erste Trinkerreiche scheint es schon im 16. Jahrhundert gegeben zu haben.

Diese Spiele sind das Thema zahlreicher Darstellungen und literarischer Erwähnungen vor allem aus der Endphase der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Typisch für diese Veranstaltungen war die Kombination von karnevalistischer Parodie, kabarettistisch-literarischem Vortrag (Spottreden) und exzessivem Alkoholgenuss. Die meisten dieser Veranstaltungen überschritten aus heutiger Sicht bei weitem die Grenzen des guten Geschmacks und waren ein Beispiel für die ungezügelten Sitten der studentischen Kultur bis ins angehende 19. Jahrhundert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Versuche, zumindest die Jenenser Tradition der Bierherzogtümer in Westdeutschland wiederzubeleben, was aber, mit Ausnahme des nach Regensburg umgezogenen Corps Franconia Jena, misslang. Heute sind diese Veranstaltungen weitgehend vergessen, und es existiert nur noch ein einziger Bierstaat, der zu Henneberg-Wöllnitz, dessen Herrscher jährlich unter der Ägide der Jenenser Franken in Regensburg gefunden wird. Andernorts geriet er in Vergessenheit oder ist Gegenstand studentenhistorischer Abhandlungen.

Bierkönig ist auch die Bezeichnung für den jeweiligen Teiler einer Tour beim Quodlibet, einem traditionellen Kartenspiel.

Bierherzogtum[Bearbeiten]

Bierherzogtum Leipziger Studenten um 1847
Bierherzogtum Lichtenhain
Hoftag des Corps Silesia 1852 in Breslau

Bierherzogtümer sind als größere, manchmal mehrtägige Veranstaltungen vor allem aus Jena, Leipzig und Breslau überliefert. Jenenser Studenten fuhren dazu aus der Stadt in die Ausflugsdörfer der Umgebung (sogenannte Bierdörfer), wie Lichtenhain, Ziegenhain, Ammerbach oder Wöllnitz. Berühmt war das Bierherzogtum Lichtenhain des Corps Thuringia Jena, dem immer ein Herzog namens „Tus“ vorstand. Der Überlieferung zufolge rührt der Name vom ersten „Herzog“ her, der mit bürgerlichem Vornamen „Justus“ hieß. Das Corps Franconia Jena feiert seit dem 3. März 1823 den Hoftag, der zu Jenenser Zeiten mit einem großen Umzug durch Jena begangen wurde. Mitglied des Bierstaates konnte jeder ehrenhafte Mann werden, so waren einige alte Bauern aus Wöllnitz hochangesehene Ritter. Der Herrscher des Bierstaates zu Henneberg-Wöllnitz heißt „Popp“. Er ist unbeschränkter Herrscher über den Biercomment und entscheidet bei einem Biergericht über die rechte Auslegung des sich ständig verändernden Biercomments.

Nach Jenenser Vorbild zelebrierte das Corps Lusatia Leipzig 1841–1844 in einem Dorf bei Leipzig die Biergrafschaft Zschocher. Auf der abgebildeten Lithographie von 1847 residiert der Theologe und spätere Politiker Friedrich Heinrich Immisch als Graf Strolch II.[1] Einen ähnlichen Mummenschanz trieb das Corps Marchia Berlin mit seinem Bierkönigreich Flandern und Brabant, mit dem es sich in der vormärzlichen Verbotszeit tarnte.[2]

Viele dieser Spiele funktionierten so, dass gesellschaftliche Rollen unter den Beteiligten verteilt wurden, wobei dann verschiedene Rituale durchgespielt wurden, die regelmäßig mit Biergenuss zu tun hatten. Je höher der gesellschaftliche Status der jeweiligen Rolle, desto mehr musste der Inhaber dieser Rolle trinken. Der Bierherzog hielt zum Beispiel eine Thronrede und verteilte Bierorden. Ein Hofnarr machte Witze über die Beteiligten. Ein Bischof hielt den Anwesenden ihre Sünden vor. Verstöße gegen das Protokoll wurden mit Bierstrafen geahndet. Teilweise wurde die Bieracht verhängt.

In den Strophen 2 und 3 des traditionellen Studentenliedes Sind wir nicht zur Herrlichkeit geboren wird das Konzept des Bierstaates im Detail ausgeführt:

Ganz Europa wundert sich nicht wenig,
Welch ein neues Reich entstanden ist.
Wer am meisten trinken kann, ist König,
Bischof, wer die meisten Mädchen küßt.
Wer da kneipt recht brav, heißt bei uns Herr Graf;
Wer da randaliert, wird Polizist.
Unser Arzt studiert den Katzenjammer,
Trinkgesänge schreibt der Hofpoet;
Der Hofmundschenk inspiziert die Kammer,
Wo am schwarzen Brett die Rechnung steht;
Und der Herr Finanz liquidiert mit Glanz,
Wenn man contra usum sich vergeht.
(Text und Melodie: Hermann Wollheim 1835)

„Welch eine Qualität den Mann erhöht“: Papstspiel und Bierkönig[Bearbeiten]

Papstspiel[Bearbeiten]

Eine frühere Version waren Spiele, bei denen die gesellschaftliche Hierarchie durch eine Art von Wetttrinken ausgemacht wurde. Wer am meisten vertrug, erreichte die höchsten Ehren. Wobei es auch üblich sein konnte, dass der „Papst“, also der Gewinner, am Ende zum Beispiel durch Einqualmen mit Tabakrauch absichtlich zum Erbrechen („Pabsten“) oder zur Bewusstlosigkeit gebracht wurde. Die erste Beschreibung eines Papstspiels stammt aus dem Jahre 1644.

Eine Erinnerungsspur an dieses Spiel hat sich noch bis heute in der Sprache der Verbindungsstudenten gehalten. Noch heute heißt bei Verbindungsstudenten das Speibecken „Pabst“.

Einen Hinweis auf dieses Spiel liefert Goethe in seinem Drama Faust I in der Szene „Auerbachs Keller in Leipzig“. Hier hatte Goethe in den 1760er Jahren Rechtswissenschaften studiert und kannte die zeitgenössischen studentischen Gepflogenheiten genauestens. Die Szene gibt eine Gesellschaft von Studenten wieder, die sich im Gasthaus langweilen und nach Unterhaltung suchen:

B r a n d e r. Ein garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied!
Ein leidig Lied! Dankt Gott mit jedem Morgen,
Dass ihr nicht braucht fürs Röm’sche Reich zu sorgen!
Ich halt es wenigstens für reichlichen Gewinn,
Dass ich nicht Kaiser oder Kanzler bin.
Doch muss auch uns ein Oberhaupt nicht fehlen;
Wir wollen einen Papst erwählen.
Ihr wisst, welch eine Qualität
Den Ausschlag gibt, den Mann erhöht.
(Johann Wolfgang von Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil, Vers 2092–2100)

Mit „Qualität“, die den Ausschlag für die Erhöhung des Mannes gibt, wird hier deutlich auf den Faktor „Trinkfestigkeit“ hingewiesen.

Bierkönig[Bearbeiten]

Auch der amerikanische Schriftsteller und Satiriker Mark Twain berichtet noch aus dem Jahre 1878 Ähnliches in seinem Werk „A Tramp Abroad“ (deutsch: „Bummel durch Europa“), in dem er Erlebnisse mit den Heidelberger Corps schildert. Aus diesem Anlass erzählt er auch von der Sitte, einen „Beer King“ („Bierkönig“) zu erwählen.

Walter Francis Brown, The Beer King, Illustration zu Mark Twains A Tramp Abroad
Kneips are held, now and then, to celebrate great occasions, like the election of a beer king, for instance. The solemnity is simple; the five corps assemble at night, and at a signal they all fall loading themselves with beer, out of pint-mugs, as fast as possible, and each man keeps his own count — usually by laying aside a lucifer match for each mug he empties.
The election is soon decided. When the candidates can hold no more, a count is instituted and the one who has drank the greatest number of pints is proclaimed king. I was told that the last beer king elected by the corps — or by his own capabilities — emptied his mug seventy-five times. No stomach could hold all that quantity at one time, of course — but there are ways of frequently creating a vacuum, which those who have been much at sea will understand.
(Mark Twain, A Tramp Abroad, Chapter IV, „Beer King“, 1878)
„Kneipen“ wurden ab und zu abgehalten, um große Ereignisse zu feiern, wie zum Beispiel die Wahl eines Bierkönigs. Der Ablauf einer solchen Feierlichkeit ist einfach; die fünf Corps versammeln sich am Abend, und auf ein Signal fangen sie alle an, sich mit Bier volllaufen zu lassen, aus Halbliter-Krügen, so schnell wie möglich, und jeder Mann führt seine eigene Zählung durch – üblicherweise dadurch, dass er für jeden Krug, den er leert, ein Streichholz beiseite legt.
Die Wahl ist schnell entschieden. Wenn die Teilnehmer nicht mehr können, wird eine Zählung abgehalten und derjenige, der die meisten Krüge getrunken hat, wird zum König ausgerufen. Mir wurde erzählt, dass der letzte Bierkönig, der von den Corps – oder besser durch seine eigenen Qualitäten – erwählt wurde, seinen Krug fünfundsiebzig Mal geleert haben soll. Natürlich kann kein Magen eine solche Menge auf einmal aufnehmen – aber es gibt Möglichkeiten, sich von Zeit zu Zeit zu entleeren, was diejenigen, die öfter zur See gefahren sind, verstehen werden.

Aus dieser Darstellung wird jedoch deutlich, dass Mark Twain eine solche Kneipe nicht selbst miterlebt hat. Er war zwar von den Corps zu einem Pauktag eingeladen, wo er scharfe Mensuren miterleben durfte, eine Kneipe kannte er aber wohl nicht vom Augenschein. Damals entwickelte sich bereits die ausgefeilte Kneipetikette und der komplexe Biercomment der Corps, so dass sich eine solche Veranstaltung nicht in einem Wetttrinken erschöpft haben dürfte. Der Autor ist hier wohl eher den Aufschneidereien seiner Informanten aufgesessen.

Fürst von Thoren[Bearbeiten]

Fürst von Thoren, kolorierte Lithographie von J.F. Lentner um 1848

Zu dem ziemlich einfachen Spiel „Fürst von Thoren“ (auch: „Fürst von Thorn“) gibt es viele Darstellungen und ein Lied, das bei der Durchführung gesungen wurde. Offensichtlich war beim Fürsten von Thoren der Genuss von Wein üblich.

Das Spiel funktioniert im Prinzip durch das Absingen des Liedes und das Reihumtrinken der einzelnen Teilnehmer mit dem vorher festgelegten „Fürsten“, dessen Rolle im Laufe des Spiels weitergereicht wurde. Der jeweilige „Fürst“ saß dabei auf einem „Thron“, meist ein auf den Tisch gestellter Stuhl. Studentische Kneipdarstellungen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen öfter einen der Trinker auf einem auf dem Tisch stehenden Stuhl sitzen, was auf die Popularität dieses Spiels hindeutet.

E i n e r: Ich bin der Fürst von Thoren,
Zum Saufen auserkoren.
Ihr andern seid erschienen.
Mich fürstlich zu bedienen.
A l l e: Eu’r Gnaden aufzuwarten
Mit Wein von allen Arten,
Euch fürstlich zu bedienen,
sind wir allhier erschienen.

Der „Fürst von Thoren“ gilt als Ursprung der später weiter ausgearbeiteten Konzepte der „Bierstaaten“, sozusagen als primitive Urform. Er ist bereits für das Jahr 1697 belegt. Das Lied erschien 1815 zum ersten Mal im Druck, und zwar im Leipziger Commersbuch von C. Hinkel.

Siehe auch[Bearbeiten]

Bützower Hoftag, Königsberger Bierreich, Studentenverbindung, Geschichte der Studentenverbindungen, Kneipe (Studentenverbindung), Studentenlied, Kommersbuch, Bierdoktor und Doctor cerevisiae

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans Haccius: Ein Hoftag der Jenenser Westphalen. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Band 6 (1961), S. 62–66

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bierstaat – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Egbert Weiß: Eine Klarstellung zum Leipziger Bierstaat. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Band 45 (2000), S.19 ff.
  2. Erich Röhlke: Die Bierkönigreiche bei Marchia Berlin. In: Einst und Jetzt, Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung, Band 9 (1964), S.153 ff.