Bildung für nachhaltige Entwicklung

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Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eine Bildungsoffensive. Sie soll es dem Individuum ermöglichen, aktiv an der Analyse und Bewertung von Entwicklungsprozessen mit ökologischer, ökonomischer und sozio-kultureller Bedeutung teilzuhaben, sich an Kriterien der Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu orientieren und nachhaltige Entwicklungsprozesse gemeinsam mit anderen lokal wie global in Gang zu setzen.

Von 2005 bis 2014 haben sich die Vereinten Nationen mit der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" dazu verpflichtet, die Prinzipien der Nachhaltigkeit in ihren Bildungssystemen zu verankern. Die Deutsche UNESCO-Kommission koordiniert die deutschen Aktivitäten zur UN-Dekade. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Arbeit. Seit 2005 hat die Deutsche UNESCO-Kommission bundesweit über 1.500 Projekte und 14 Kommunen sowie zahlreiche bundesweite Maßnahmen ausgezeichnet. Der Titel wird für zwei Jahre verliehen, danach wird eine erneute Bewerbung überprüft.

Die Entwicklung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) allgemein und die Implementierung der UN-Dekade in Deutschland und international[Bearbeiten]

1972: Gründung des UN-Umweltprogramms (UNEP) auf der ersten Umweltkonferenz in Stockholm.

1987: Veröffentlichung des Brundtland-Berichts: Es ist ein Perspektivbericht zu langfristig tragfähiger, umweltschonender Entwicklung im Weltmaßstab, der in der internationalen Debatte über Entwicklungs- und Umweltpolitik eine maßgebliche Rolle spielte.

1992: Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro (UNCED) und Agenda 21: Auf der Konferenz beschließen über 170 Regierungen ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm für eine weltweite nachhaltige Entwicklung: die Agenda 21.

2002: Weltgipfel Rio + 10 – Johannesburg und Ausrufung der Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“: Die Vereinten Nationen beschließen, die Jahre 2005 bis 2014 als Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auszurufen, mit der Resolution intensive Anstrengungen zu unternehmen, um das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung in allen Bereichen der Bildung weltweit zu verankern.

2003: Hamburger Erklärung der Deutschen UNESCO-Kommission: Aufruf an Bund, Länder, Gemeinden sowie Institutionen der Wirtschaft, Einrichtungen der Forschung und Lehre sowie die Zivilgesellschaft, sich zu einer „Allianz Nachhaltigkeit lernen“ zusammenzufinden.

2004: Deutsche UNESCO-Kommission wird mit Umsetzung der UN-Dekade in Deutschland beauftragt: Auf Grundlage eines einstimmigen Bundestagsbeschlusses wird die Deutsche UNESCO-Kommission mit der Umsetzung der UN-Dekade in Deutschland beauftragt. Sie beruft dafür ein Nationalkomitee als zentrales Steuerungs- und Abstimmungsgremium. Auf Einladung des Nationalkomitees der UN-Dekade kommen rund 100 wichtige Initiativen der Bildung für nachhaltige Entwicklung einmal im Jahr zum Runden Tisch der UN-Dekade in Deutschland zusammen. Die Deutsche UNESCO-Kommission wird für die Umsetzung der UN-Dekade vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

2005: Veröffentlichung des 1. Nationalen Aktionsplans mit dem Ziel,den Gedanken der nachhaltigen Entwicklung in allen Bereichen der Bildung zu verankern: Der Nationale Aktionsplan wird von der Deutschen UNESCO-Kommission herausgegeben und definiert als übergreifendes Ziel der UN-Dekade die Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Bereichen der Bildung. Er wird regelmäßig fortgeschrieben.

2007: Internationale Konferenz in Berlin und Launch des Internetportals www.bne-portal.de: Im Rahmen der Deutschen EU-Ratspräsidentschaft findet die internationale Konferenz "UN-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung – Der Beitrag Europas" in Berlin statt. Ziel der Tagung ist es, den europäischen Beitrag zum weltweiten Vorhaben UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" zu identifizieren und dabei die globale Verantwortung Europas zu berücksichtigen. An der Konferenz nehmen über 200 Vertreter aus allen EU-Ländern, aus anderen Weltregionen und von internationalen Organisationen teil. Als einen weiteren Beitrag zur UN-Dekade realisiert die Deutsche UNESCO-Kommission das Internet-Portal zur Bildung für nachhaltige Entwicklung.

2008: Erste Bundesweite Aktionstage und Neufassung des Nationalen Aktionsplans: Auf Initiative des Nationalkomitees der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ finden erstmals die bundesweiten Aktionstage Bildung für nachhaltige Entwicklung mit mehr als 320 unterschiedlichen Veranstaltungen statt.

2009: Weltkonferenz Bildung für nachhaltige Entwicklung: Die Weltkonferenz Bildung für nachhaltige Entwicklung setzt den Startschuss für die zweite Halbzeit der UN-Dekade. Die UNESCO (Paris) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung organisieren die Konferenz. Kooperationspartner ist die Deutsche UNESCO-Kommission (Bonn). 700 Teilnehmer aus allen Weltregionen nehmen an der Konferenz teil.

2011 Neufassung des Nationalen Aktionsplans (deutsch/englisch): Neben den aktualisierten Teilzielen enthält die dritte Fassung des Nationalen Aktionsplans der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" in Deutschland auch die von den Akteuren gemeinsam erarbeitete Strategie für die zweite Dekade-Hälfte umfasst. Seinen Schwerpunkt bildet darüber hinaus eine Sammlung der wichtigsten politischen Grundsatzpapiere, die im Vorfeld zur Dekade herausgegeben oder in ihrem Verlauf erarbeitet worden sind.

Februar 2012 Internationaler Workshop „Horizont 2015“: 50 Experten aus fünf Kontinenten fordern die Vereinten Nationen auf, die Fortsetzung der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ über 2014 hinaus sicherzustellen und empfehlen der UN-Generalkonferenz die baldige Verabschiedung einer Resolution. [1]

April 2012 Förderung von Folgeaktivitäten zur UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (2005 – 2014) sollen eingeleitet werden: Mit seinem Beschluss vom 26. April 2012 fordert der Deutsche Bundestag die Bundesregierung auf, sich für Folgeaktivitäten zur laufenden UN-Dekade einzusetzen. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) versetze Menschen in die Lage, die Werte, Kompetenzen, Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben, die heute für die Gestaltung einer zukunftsfähigen Gesellschaft im Einklang mit dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung erforderlich seien, heißt es in dem von CDU/CSU, SPD, FDP und Bündnis 90/Die Grünen beschlossenen Antrag. [2]

Juni 2012 Rio+20-Gipfel und die Schlüsselrolle der Bildung für nachhaltige Entwicklung: Im Abschlussdokument des Rio+20-Gipfels wird die Bedeutung von Bildung für nachhaltige Entwicklung mehrfach betont. Wichtige Aufgaben werden dabei den Bildungseinrichtungen zugewiesen. Aber auch über den Bildungssektor hinaus sollen die UN-Mitgliedstaaten dafür sorgen, dass BNE noch mehr ins Bewusstsein der Menschen rückt. Besonders hervorgehoben wird die UNESCO als treibende Kraft auf diesem Gebiet. [3]

Entstehungshintergrund[Bearbeiten]

Auf der Grundlage des Nachhaltigkeit-Konzeptes des Brundtland-Berichts von 1987 wurde auf der Rio-Konferenz („Umwelt und Entwicklung“) der Vereinten Nationen 1992 die Agenda 21 verabschiedet, in der die nachhaltige Entwicklung als gemeinsames Leitbild der Menschheit für das 21. Jahrhundert dokumentiert wird. In Kapitel 36 widmet sich die Agenda 21 der „Förderung der Schulbildung, des öffentlichen Bewusstseins und der beruflichen Aus- und Fortbildung“ und stellt damit die erste offizielle Verknüpfung von nachhaltiger Entwicklung mit der Bildung dar.

Warum wird diese Verknüpfung als notwendig angesehen?

Zur Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung seien gesteuerte Wandlungsprozesse auf politischer Ebene und innovative Produktionsverfahren sowie weitere naturschonende Maßnahmen auf der wirtschaftlichen Ebene allein nicht ausreichend. Darüber hinaus sei auf individueller und gesellschaftlicher Ebene ein Engagement für nachhaltige Entwicklung, veränderte Konsum- und Verhaltensmuster sowie ein verändertes Gerechtigkeitsempfinden und Umweltbewusstsein nötig. Insgesamt sei dies alles nur über einen umfassenden mentalen und kulturellen Wandel zu bewerkstelligen [4] Dieser mentale Wandel als Prozess veränderter Bewusstseinsbildung der Individuen zur Umgestaltung gesellschaftlicher Leitbilder sei aber ohne eine weltweite Bildungsinitiative nicht machbar, denn eine „Selbstveränderung setzt eine gezielte Steuerungspolitik voraus - und Institutionen die solche Veränderungen bewirken können.“ [5]

Die Zielsetzung der Agenda 21 jedenfalls wurde seit Mitte der 1990er Jahre konzeptionell als Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bzw. als Education for Sustainable Development (ESD) ausgearbeitet. BNE verbindet zwei gesellschaftliche Problemfelder: ökologische Notwendigkeiten und entwicklungspolitische Einsichten. Sie führt folglich Aspekte der Umwelt- und Entwicklungspolitik in einem entsprechenden Bildungskonzept zusammen.

Im Bereich der Umweltfragen wurde wegen der seit den 1960er Jahren verstärkt beobachtbaren und prognostizierten Krisenphänomene ein Bedrohungsszenario in Bezug auf mögliche zukünftige Ressourcenknappheit (durch Ressourcenverschwendung), vermehrte Umweltschädigungen und -katastrophen aller Art mit irreversiblen ökologische Folgen für Mensch und Natur im globalen Maßstab sowie ein zunehmendes Artensterben diagnostiziert. Es wurde prognostiziert, dass diese Phänomene durch die rasant wachsende Weltbevölkerung noch zusätzlich verstärkt würden. Diese Aspekte umreißen die Inhalte, die von Bildungskonzepten wie der Umwelterziehung oder der Ökopädagogik inhaltlich und didaktisch aufgenommen wurden [6] Dagegen stand im Fokus der entwicklungspolitischen Bildung die Ungerechtigkeit im Hinblick auf die Verteilung der Lebenschancen und Reichtümer zwischen dem reicheren industrialisierten Norden der Welt und den ärmeren Entwicklungs- und aufstrebenden Schwellenländern der südlichen Halbkugel.

Klar war, dass ein Ausgleich zwischen Nord und Süd dringend nötig ist. Hinzu kommt aber die Erkenntnis, dass sich die Wirtschafts- und Lebensweise des Nordens aus ökologischen Gründen nicht einfach globalisieren lässt, da die verfügbaren Ressourcen nicht ausreichen und die Umweltverschmutzung rapide ansteigen würde [7][8]. Anstatt vom Bedrohungsszenario der Umweltbildung und dem Elendszenario der entwicklungspolitischen Bildung auszugehen, verfolgt die Bildung für nachhaltige Entwicklung eine positive Strategie: Es geht dabei um Schonung der natürlichen Ressourcen „um die gerechte Verteilung der Lebenschancen“ bzw. der natürlichen Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben „aller derzeit auf der Erde lebenden Menschen (intragenerationelle Gerechtigkeit) und um die gerechten Chancen für die zukünftigen Generationen (intergenerationelle Gerechtigkeit)“ [8]. Dies soll aber erreicht werden, ohne zugleich auf ökonomische Prosperität zu verzichten; vielmehr ist ökonomische Prosperität in vielen Ländern Voraussetzung für die Schaffung gerechterer Verhältnisse. In der BNE werden vor diesem normativen Hintergrund die Umweltbildung und das globale Lernen zusammen gedacht.

Entwicklung von BNE in Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit 1994 als Staatsziel in Art. 20a Grundgesetz verankert, allerdings noch ohne explizite Erwähnung der Bildung. Erste konzeptionelle Arbeiten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in den 1990ern stammen aus der Umweltbildung. Die erste offizielle bildungspolitische Publikation zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland war der Orientierungsrahmen „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ [9]. Es folgte ebenfalls im Auftrag der Bund-Länder-Kommission die Publikation "Bildung für eine nachhaltige Entwicklung – Gutachten zum Programm" [10], die die Grundlage für das BLK-Programm 21 bildet, das im Schulbereich einen großen Anschub der Bildung für nachhaltige Entwicklung bewirkte. Mit dem Bundestagsbeschluss „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ von 2000 [11] wurde die Bundesregierung aufgefordert, die Gestaltung der bundesdeutschen Gesamtpolitik am Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ auszurichten und diese Zielsetzung mit konkreten Maßnahmen im Bildungsbereich zu verwirklichen.

Im Hinblick auf die Zusammenführung von den Bereichen Umweltbildung und Globales Lernen ist eine von allen relevanten Akteuren akzeptierte Verortung unter dem „Dach“ der Bildung für nachhaltige Entwicklung zunächst nur langsam voran gekommen. Immerhin hat im Juni 2007 ein von der Kultusministerkonferenz (KMK) veröffentlichtes bzw. verabschiedetes Papier beide Linien aufgenommen: gemeinsam mit der Bundesregierung hat sich die KMK auf einen "Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung" geeinigt. Die einen Tag später von der KMK gemeinsam mit der deutschen UNESCO-Kommission verabschiedete Empfehlung zur „Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule“ wurde in die Publikation des Orientierungsrahmens aufgenommen. Der Rahmen selbst bezieht sich ausdrücklich auf Bildung für nachhaltige Entwicklung.[12]

Entwicklung von BNE in der Schweiz[Bearbeiten]

Auch in der Schweiz wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit als Staatsziel in Art. 73 Schweizerische Bundesverfassung fest verankert. Die Aufgabe der Bildung (für nachhaltige Entwicklung) wird an dieser Stelle nicht explizit erwähnt. Es die Eidgenössische Konferenz der Erziehungsdirektor/innen (EDK), welche über die Koordination von Projekten einen Beitrag zur Integration der Bildung für Nachhaltige Entwicklung in Schule und Unterricht leistet.

Im Vordergrund steht dabei eine Zusammenarbeit mit Bundesämtern, welche im Bereich der Bildung für Nachhaltige Entwicklung tätig sind, sowie mit der Stiftung éducation21[13]. Ziel ist es, den Einsatz der vorhandenen Mittel auf nationaler Ebene zu koordinieren und dabei konkrete Projekte zu unterstützen. Die Absprachen dazu finden in der Schweizerischen Koordinationskonferenz BNE statt. Die Stiftung éducation21 ist Trägerin des neugeschaffenen nationalen Kompetenzzentrums Bildung für Nachhaltige Entwicklung. éducation21 ist im September 2012 aus einer Fusion der Stiftungen Bildung und Entwicklung (SBE) und Umweltbildung Schweiz (SUB) hervorgegangen.

Ziele[Bearbeiten]

Ziel der BNE ist es, dass die Individuen Kompetenzen erwerben, um aktiv und eigenverantwortlich die Zukunft im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung gestalten zu können. In diesem Zusammenhang spielen ebenso rationale, emotionale wie auch handlungsbezogene Komponenten und der Erwerb von Urteilsfähigkeit eine entscheidende Rolle.

Zielempfehlungen - Kompetenzen[Bearbeiten]

Vergleichende Analysen zeigen, dass es weltweit eine große Vielfalt an Zielformulierungen für die Bildung für nachhaltige Entwicklung gibt. Im Folgenden können nur einige beispielhaft vorgestellt und in ihrer Bedeutung eingeschätzt werden (eine ausführliche Analyse findet sich in Rieß, 2010 [14]). Auf internationaler Ebene ist die von der UNESCO zur Ausrufung der UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ vorgeschlagene Zielformulierung, die am häufigsten zitierte: „The vision of education for sustainable development is a world where everyone has the opportunity to benefit from quality education and learn the values, behaviour and lifestyles required for a sustainable future and for positive societal transformation” [15]. In enger Anlehnung hierzu wird im Nationalen Aktionsplan für Deutschland als übergeordnetes Ziel der Weltdekade BNE und damit der BNE ganz grundsätzlich vorgeschlagen: „Die globale Vision der Weltdekade Bildung für nachhaltige Entwicklung ist es, allen Menschen Bildungschancen zu eröffnen, die es ermöglichen, sich Wissen und Werte anzueignen sowie Verhaltensweisen und Lebensstile zu erlernen, die für eine lebenswerte Zukunft und eine positive gesellschaftliche Veränderung erforderlich sind“ [16].

Beide Zielformulierungen finden auf nationaler und internationaler Ebene große Zustimmung.

Eine weitere Gruppe an Zielformulierungen orientiert sich am Kompetenzbegriff. Eine Stellungnahme der OECD-Bildungsminister besagt: „Nachhaltige Entwicklung und sozialer Zusammenhalt hängen entscheidend von den Kompetenzen der gesamten Bevölkerung ab – wobei der Begriff ´Kompetenzen` Wissen, Fertigkeiten, Einstellungen und Wertvorstellungen umfasst.“ [17] Ein umfassender Ansatz zur Bündelung mit dem Begriff BNE verbundenen Kompetenzen wurde in Deutschland unter dem Konzept der Gestaltungskompetenz von Gerhard de Haan entwickelt und ausformuliert. „Mit Gestaltungskompetenz wird die Fähigkeit bezeichnet, Wissen über nachhaltige Entwicklung anwenden und Probleme nicht nachhaltiger Entwicklung erkennen zu können. Das heißt, aus Gegenwartsanalyse und Zukunftsstudien Schlussfolgerungen über ökologische, ökonomische, soziale, zusätzlich auch politisch-demokratische und kulturelle Entwicklungen in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit ziehen und darauf basierende Entscheidungen treffen, verstehen und individuell, gemeinschaftlich und politisch umsetzten zu können...“ [18] Die Gestaltungskompetenz lässt sich in 12 Teilkompetenzen aufgliedern:

  1. Empathie für andere zeigen können [18]
  2. Gemeinsam mit anderen planen und handeln können
  3. Interdisziplinär Erkenntnisse gewinnen und handeln
  4. An kollektiven Entscheidungsprozessen teilhaben können
  5. Die eigenen Leitbilder und die anderer reflektieren können
  6. Sich und andere motivieren können, aktiv zu werden
  7. Risiken, Gefahren und Unsicherheiten erkennen und abwägen können
  8. Selbstständig planen und handeln können
  9. Vorausschauend Entwicklungen analysieren und beurteilen können
  10. Vorstellungen von Gerechtigkeit als Entscheidungs- und Handlungsgrundlage nutzen können
  11. Weltoffen und neue Perspektiven integrierend Wissen aufbauen
  12. Zielkonflikte bei der Reflexion über Handlungsstrategien berücksichtigen können

Eine hierzu alternative Zielbestimmung stammt von Rost, Lauströer und Raack: „Bildung für nachhaltige Entwicklung soll Schülerinnen und Schüler befähigen und über die Bewertung von Umweltänderungen motivieren, sich an einer gesellschaftlichen Entwicklung zu beteiligen, die die Lebensqualität der jetzt lebenden Menschen einander angleicht und die Entfaltungsmöglichkeiten zukünftiger Generationen nicht einschränkt“ [19]. Um Menschen hierfür zu befähigen, bedürfen sie nach Ansicht der Autoren dreier Teilkompetenzen: a) einer Systemkompetenz (verstanden als die Fähigkeit und Bereitschaft einzelne Phänomene als einem größeren System zugehörig zu erkennen, Systemgrenzen und Teilsysteme sowohl zu erkennen und zu bilden, die Funktionsweise von Systemen zu verstehen und Vorhersagen über die Entwicklung von Systemen machen zu können), b) der Gestaltungskompetenz (s.o.) und c) einer Bewertungskompetenz (verstanden als die Fähigkeit, in Entscheidungssituationen unterschiedliche Werte erkennen, gegeneinander abwägen und in den Entscheidungsprozess einfließen lassen zu können).

Insgesamt kann man im Hinblick auf die vorgestellten Zielformulierungen zu folgendem vorläufigen Urteil kommen: a) die in Deutschland aktuell dominierende Zielformulierung "Gestaltungskompetenz" findet im internationalen Raum kaum Resonanz. Dort orientiert man sich eher an der Formulierung der UNESCO; b)gleichwohl ist das Bestreben übergeordnete Zielformulierungen einer BNE in messbare Kompetenzen zu übersetzen eine Notwendigkeit, wenn man beispielsweise Wirkungen von Konzepten der Bildung für nachhaltige Entwicklung nachweisen oder begründete Empfehlungen für die Gestaltung einer Bildung für nachhaltige Entwicklung geben möchte. Bedauerlicherweise erfüllen die bisher vorliegenden Kompetenzformulierungen noch nicht das Kriterium der Messbarkeit.

Praxisbeispiele[Bearbeiten]

Wie die Förderung dieser Gestaltungskompetenzen in der Praxis aussehen könnte, zeigen unter anderem das einstige BLK-Programm 21 und sein Nachfolgeprojekt Transfer 21. Deren Werkstattmaterialien und Projektvorschläge orientieren sich stark an den Gestaltungskompetenzen und bewegen sich hauptsächlich in den Bereichen

  • interdisziplinäres Lernen,
  • Partizipation im lokalen Umfeld
  • und innovative Strukturen in der Schule.

Die für die BNE relevanten Themen sind äußerst vielseitig, von Sitten und Bräuchen in anderen Ländern über das Biotop in der eigenen Gemeinde bis zum schulinternen Kiosk, in dem Pausensnacks aus biologischem Anbau sowie fairem Handel verkauft werden. Methoden wie fächerübergreifende Projektwochen, Schülerfirmen, Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen, Elternpartizipation oder Planspiele (beispielsweise simulierte Stadtratssitzungen) erhalten im Hinblick auf die Ziele der BNE einen immer größeren Stellenwert [20].

Außerhalb von Schule führt die Arbeitsgemeinschaft Natur und Umweltbildung Deutschland e.V. ANU seit 1999 mit überwiegender Förderung durch das BMU Projekte durch, um das Thema Nachhaltigkeit in der Bildungspraxis - insbesondere der außerschulischen Umweltbildungseinrichtungen - zu verankern. Im Ergebnis sind eine Vielzahl praktischer Beiträge entstanden, die nach Schwerpunktthemen gegliedert sind und laufend ergänzt werden.[21]

Zu den wichtigen Themen einer Bildung für nachhaltigen Entwicklung im außerschulischen Bereich gehören insbesondere Bauen und Wohnen, Energie und Klimaschutz, Geld/Wirtschaft/ökonomische Bildung, Mobilität, Wasser, Naturschutz, Landwirtschaft / Ernährung / Gesundheit, Konsum, Partizipation. Wichtig ist eine genaue Zielgruppenansprache, die sich u.a. an der Lebenswelt, den Wertorientierungen und Einstellungen der Bildungsteilnehmenden orientieren muss. Eingesetzt werden partizipative Methoden wie z.B. Open Space, Zukunftwerkstatt oder Philosophieren mit Kindern.[22]

Immer wichtiger wird neben dem formalen sowie dem nicht-formalen Bildungssektor auch der Bereich des Informellen Lernens. Dabei handelt es sich um ein mehr "beiläufiges" Lernen, das andere Methoden nutzt als das typische Lehrer-und-Schüler-Verhältnis, aber auch pädagogisch gestaltet werden kann. Beispiele sind Wettbewerbe oder der Familienbesuch in einem Zoo.[23]

Forschung[Bearbeiten]

In der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (DGfE) existiert seit 2003 eine Kommission "Bildung für nachhaltige Entwicklung"[24]. Sie hat im Jahr 2004 ein Forschungsprogramm für die BNE aufgelegt und begründet. Dort werden vier Forschungsfelder ausgebracht: a) die Survey-Forschung, b) die Innovations-Forschung, c) die Qualitäts-Forschung und d) die Lehr-Lernforschung.

Grundlagen der empirischen Forschung zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung werden von Rieß (2006) formuliert[25]. Demnach ist die Forschung zur Bildung für nachhaltigen Entwicklung der Gruppe der Realwissenschaften zuzuordnen. Sie untersucht als zentralen Gegenstand Handlungen im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung und ihre Wirkungen. Dabei können in Abhängigkeit vom Untersuchungsgegenstand sehr verschiedene Forschungsmethoden (qualitative und quantitative Verfahren) der empirischen Sozialforschung zum Einsatz kommen. Das übergeordnete Ziel der Forschung im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung ist, wie in den anderen Wissenschaften auch, der Erkenntnisgewinn.

Es lassen sich demnach vier Teilaufgaben ausmachen:

  1. die Beschreibung der Sachverhalte (Deskription), die im Bereich der BNE zu ermitteln sind (bspw. die Bestimmung der Anzahl von Unterrichtsstunden, die im Rahmen der BNE an öffentlichen Schulen jährlich gehalten werden),
  2. die Erklärung (Kausalanalyse) von Ursache-Wirkungsbeziehungen zwischen Gegebenheiten im Bereich der BNE (bspw. die Bestimmung der Wirksamkeit von Unterrichtsmethoden zur Förderung nachhaltigkeitsfreundlicher Einstellungen),
  3. die Prognose, bei der auf der Grundlage von bekannten Ursache-Wirkungsbeziehungen und der Kenntnis der aktuellen Gegebenheiten zukünftige Ereignisse vorausgesagt werden (bspw. im Zusammenhang mit der Frage welche Wirkungen werden von einem Nachhaltigkeitsaudit auf die Mitglieder eine Institution ausgehen), und
  4. die Erstellung einer Technologie in Form von bewährten Verfahrensweisen, Mitteln, Methoden und Regeln zur Hervorbringung erwünschter Sachverhalte im Feld der BNE (bspw. Empfehlungen für die Arbeit von Mitarbeiter/-innen an außerschulischen Lernorten im Rahmen der BNE).

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Becker, Gerhard: Urbane Umweltbildung im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung. Theoretische Grundlagen und schulische Perspektiven. Ökologie und Erziehungswissenschaft Bd. 7, VS Verlag, 2001, ISBN 3810028347 - erhältlich nur noch hier: http://www.umweltbildung-os.de/verlag (mit digitalen Erweiterungen 2012)
  • Beyer, Axel (Hrsg.): Fit für Nachhaltigkeit? Biologisch-anthropologische Grundlagen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung. Leske + Budrich, Opladen 2002. ISBN 3-8100-3293-X
  • de Haan, Gerhard (2004): Ergebnisse und Perspektiven des BLK Programms "21". In: Dokumentation der Abschlussveranstaltung des BLK-Programms "21". Berlin. Seiten 25-31
  • Gorbatschow, Michail: Mein Manifest für die Erde. Frankfurt/M. 2003 ISBN 3-593-37215-0
  • Kultusministerkonferenz: Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung. Bonn 2007, siehe BNE-portal.de: Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung(PDF 2MB)
  • Kyburz-Graber, Regula; Hofer, Kurt & Wolfensberger, Balz (2006): Studies on a socio-ecological approach to environmental education – a contribution to a critical position in the education for sustainable development discourse. In: Environmental Education Research, 12(1), 101-114. doi:10.1080/13504620500527840
  • Lude, Armin (2001): Naturerfahrung und Naturschutzbewusstsein, Studien-Verlag, Innsbruck/Wien/München
  • Overwien, Bernd, Rathenow, Hanns-Fred (Hrsg.):Globalisierung fordert politische Bildung. Politisches Lernen im globalen Kontext. Unter Mitarbeit von Ghassan El-Bathich, Nils Gramann, Katja Kalex. Opladen 2009
  • Peter, Horst; Moegling, Peter; Overwien, Bernd: Politische Bildung für nachhaltige Entwicklung. Bildung im Spannungsfeld von Ökonomie, sozialer Gerechtigkeit und Ökologie. Immenhausen 2011
  • Reheis, Fritz: Nachhaltigkeit, Bildung und Zeit. Zur Bedeutung der Zeit im Kontext der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung in der Schule. Hohengehren: Schneider Verlag 2005
  • Rieß, Werner & Apel, Heino (2006) (Hrsg.): Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Aktuelle Forschungsfelder und -ansätze. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. doi:10.1007/978-3-531-90192-3
  • Rieß, Werner (2010). Bildung für nachhaltige Entwicklung. Theoretische Analysen und empirische Studien. Münster: Waxmann
  • Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung Bildung für eine nachhaltige Entwicklung: Orientierungsrahmen, BLK-Heft 69, 1998 (PDF 220kB)
  • Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Gutachten zum Programm von Gerhard de Haan und Dorothee Harenberg, Freie Universität Berlin, BLK-Heft 72, 1999 (PDF 320kB)
  • ökopädNEWS, Zeitschrift für Umweltbildung, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Globales Lernen

Weblinks[Bearbeiten]

Deutschland

Österreich

Schweiz

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/en/07__International_20Workshop_202012/International_20Workshop.html
  2. http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/04__Aktuelles/02__Meldungen/Meldungen__national/PM__20123004__Bundestagsbeschluss_20BNE_20nach_202014,sourcePageId=9418.html
  3. http://www.bne-portal.de/coremedia/generator/unesco/de/04__Aktuelles/02__Meldungen/Meldungen__national/20120628__Rio_2B20-Nachbericht,sourcePageId=9418.html
  4. BLK-Heft 72, 1999, S. 25f.
  5. Gerhard de Haan: Politische Bildung für Nachhaltigkeit
  6. BLK-Heft 72, S. 18
  7. BLK-Heft 72, S. 14
  8. a b Reheis 2005, S. 14
  9. BLK-Heft 69
  10. BLK-Heft 72
  11. Bundestagsdrucksache 14/3319, 10. Mai 2000 (PDF; 80 kB)
  12. vgl. KMK/BMZ 2007.
  13. éducation21
  14. Rieß, Werner (2010). Bildung für nachhaltige Entwicklung. Theoretische Analysen und empirische Studien. Münster: Waxmann.
  15. (UNESCO, 2005, S. 26)
  16. (Nationaler Aktionsplan, 2005, S. 1)
  17. OECD.org: Definition und Auswahl von Schlüsselkompetenzen, S. 6 (PDF 380KB)
  18. a b Programm Transfer 21: Orientierungshilfe Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Sekundarstufe I (PDF; 358 kB) Englisch: Transfer-21 Programme: Guide Education for Sustainable Development at Secondary Level (PDF; 259 kB)
  19. (Rost et al., 2003, S. 10)
  20. Materialien des Transfer-21 sowie Übersicht Werkstattmaterialien (PDF; 112 kB)
  21. www.umweltbildung.de/projekte
  22. www.umweltbildung.de/nachhaltigkeit.html
  23. Hamburg lernt Nachhaltigkeit / Informelles Lernen
  24. Kommission BNE in der DGfE
  25. Rieß, Werner (2006). Grundlagen der empirischen Forschung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). In W. Rieß & H. Apel (Hrsg.), Bildung für nachhaltige Entwicklung. Aktuelle Forschungsfelder und -ansätze (S. 9-16). Wiesbaden: VS-Verlag.