Bildungssystem in Brasilien

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Das Bildungssystem in Brasilien umfasst die Schulen und Universitäten bzw. Hochschulen. Bei der Qualität der Universitäten ist insgesamt ein Süd-Nord-Gefälle zu verzeichnen.

Die Alphabetisierungsrate des Landes lag 2003 bei 88,4 %.

Schulen[Bearbeiten]

Geschichte des Schulsystems[Bearbeiten]

Das brasilianische Schulsystem war lange Zeit in den Händen des Klerus, vor allem des Jesuitenordens. Der Orden unterhielt zwei verschieden Schultypen, einen für die Oberschicht und einen für die indigene Bevölkerung. Mit der Enteignung und Ausweisung der Jesuiten 1759 brach dieses System zusammen. Die Schulen für die Ureinwohner verschwanden, während Priester die Schulen für die Oberschicht übernahmen.

Nach der Unabhängigkeit 1822 kam die geplante Einrichtung allgemeiner kostenloser Primarschulen nicht zustande. Stattdessen konzentrierte man sich auf Kaderschulen. Ein wie heute übliches mehrgliedriges Schulsystem gab es damals noch nicht. Erst unter dem Militärregime in den 1970er Jahren setzte sich der Gedanke durch, allen sozialen Schichten Zugang zu den Schulen zu verschaffen. Getragen wurden diese Anstrengungen nicht zuletzt von dem Wunsch, breiteren Einfluss auf die Erziehung ausüben zu können. Ein zweigliedriges Schulsystem mit einer integrierten Gesamtschule und Gymnasien wurde geschaffen.

Schulsystem[Bearbeiten]

In Brasilien besteht Schulpflicht für Kinder zwischen sieben und vierzehn Jahren, welche jedoch nicht wirklich überwacht wird. Seit einer Bildungsreform 1971 gibt es keine Differenzierungen in verschiedene Schultypen, sondern allgemein eine achtjährige Grundschule und einen dreijährigen Sekundarschulbereich. Dieser kann allgemeinbildend (dreijährig) oder berufsbildend (drei bis vierjährig) durchlaufen werden.

Da die Grundschule tatsächlich von vielen Armen nicht besucht werden kann, da nicht genügend Plätze zur Verfügung stehen oder zu weit entfernt ist, kann ab 14 Jahren der Primar- und ab 21 Jahren der Sekundarbereich im Rahmen der Erwachsenenbildung kostenlos nachgeholt werden.

Situation der Schulen[Bearbeiten]

Schule in Serra Talhada (Pernambuco)

Die Situation der staatlichen Schulen ist insgesamt schlecht. In dünn besiedelten Regionen liegen die Grundschulen häufig weit auseinander, weiterführende Schulen gibt es nur in den größeren Städten. Die einzelnen Schulen sind meist schlecht ausgestattet und baulich in keinem guten Zustand. An der Armut vieler Favela- und Landbewohner, die den Kauf der Schuluniform, von Büchern und Heften und das Fahrgeld unerschwinglich macht, scheitert ein Schulbesuch häufig. So besuchen trotz Schulpflicht 90 % der in der Landwirtschaft tätigen weniger als vier Jahre die Schule, in den Favelas der Großstädte geht nur jedes achte Kind zur Schule. Auch erschweren regelmäßige Lehrerstreiks in den öffentlichen Schulen zwecks Lohnerhöhung (oft einige Monate pro Jahr) den Schulbesuch. Die brasilianische Regierung finanziert ihr Schulwesen mit rd. 3,4 % seines Bruttoinlandprodukts, welches aber nur etwa dem der Niederlande entspricht. Für ein 180 Mio. Volk bei weitem zu wenig.

Neben den öffentlichen Schulen gibt es zahlreiche Privatschulen, meist in katholischer Trägerschaft. Diese Schulen haben ein weit höheres Niveau als die öffentlichen Einrichtungen, verlangen aber auch ein sehr hohes Schulgeld; im Durchschnitt, je nach Region und Qualität zwischen 500,00 und 1500,00 R$. (250,00 - 430,00 Euro, Stand Dez. 2011).

Universitäten[Bearbeiten]

Geschichte des Hochschulsystems[Bearbeiten]

Im kolonialen Brasilien hatte es wenige Gründungen von Fakultäten unter der Kontrolle der portugiesischen Universität Coimbra gegeben. Mit der Vertreibung der Jesuiten, die auch diese Einrichtungen im Wesentlichen getragen hatten, war diesen Ansätzen jedoch ein Ende bereitet worden.

Im Kaiserreich wurden nach 1822 Hochschulen zur Ausbildung von Ärzten, Apothekern, Rechtsanwälten und Ingenieuren eingerichtet. Diese waren jedoch reine Lehrinstitute ohne eigene Forschung zu betreiben.

1837 wurde das angesehene Colégio Pedro II als Modellschule für ganz Brasilien eröffnet. Sie war die höchste Schule des Landes und die einzige Institution für höhere Bildung in Brasilien. Zu dieser Zeit gab es in Brasilien noch keine Universitäten.[1] Der am Colégio Pedro II ausgearbeitete Lehrplan galt de facto als offizieller Lehrplan für alle Schulen, die Diplome ausstellen konnten.[1] Nur Schulen, die dieses Programm einhielten, hatten die Berechtigung Oberschuldiplome auszustellen.[1] Diese Diplome stellten die höchsten Bildungsabschlüsse im Land dar. Die erste Universität Brasiliens, die Universidade Federal do Paraná, wurde im Dezember 1912 gegründet.

Erst 1912 wurde mit der Universidade do Paraná die erste brasilianische Universität gegründet - sehr spät im Vergleich mit dem übrigen Lateinamerika, wo die Spanier schon ab Mitte des 16. Jahrhunderts Hochschulen gegründet hatten. Weitere Universitäten entstanden durch den Zusammenschluss bisher selbständiger Hochschulen. Nur an der 1934 gegründeten Universität von São Paulo wurde unter europäischem, insbesondere französischem Einfluss ein systematisches Forschungssystem institutionalisiert. Die Universität von São Paulo war zunächst die einzige Universität, an der man nach europäischem Muster promovieren konnte.

Die meisten Bundesuniversitäten wurden in den 1930er und 1940er Jahren errichtet, eine zweite Gründungswelle gab es in den 1960ern. In den 1970er und 1980er Jahren entstanden viele neue Bundes- und Länderuniversitäten in den kleineren Bundesstaaten. Seit den 1970er Jahren wurden auch zahlreiche Privathochschulen zugelassen.

Hochschullandschaft[Bearbeiten]

Universidade de São Paulo: Uhrenturm auf dem Campus

In 150 Universitäten werden fast 2,8 Millionen Studenten unterrichtet. Führend ist noch immer die Universität São Paulo, gefolgt von der von Rio de Janeiro. Die Bundesuniversitäten genießen in der Regel ein höheres Ansehen, als Landesuniversitäten. Gegen die Universitäten in den wohlhabenden Süden und Südosten (z.B. Porto Alegre, Florianópolis, Belo Horizonte, Vitória und Campinas) fallen diejenigen in den nördlichen Landesteilen deutlich ab.

Die zahlreichen privaten Hochschulen haben trotz hoher Studiengebühren oft kein großes Renommée, da sie meist ganz auf die Lehre ausgerichtet sind, keine Forschung betreiben und ihre Professoren häufig verhältnismäßig geringe akademische Qualifikationen haben. Auch um Studiengebühren zu sparen, versuchen die meisten Brasilianer an eine der kostenlosen öffentlichen Universitäten zu gelangen. Die Bewerberzahl für das Studium übersteigt meist bei weitem die Anzahl der vorhandenen Studienplätze. Bewerber bereiten sich deshalb nach dem Abitur oft mit sogenannten cursinhos auf die Aufnahmeprüfung (vestibular) vor, die von privaten Bildungseinrichtungen angeboten werden und dementsprechend kostenpflichtig sind. Wegen des großen Konkurrenzkampfes um einen Studienplatz sind hier die Eingangstests an den staatlichen Hochschulen besonders schwierig, so dass die privaten Hochschulen den Ruf haben, weniger begabte, aber reiche Studenten aufzunehmen. Hohes Ansehen genießen unter den privaten Hochschulen allerdings die katholischen Pontifícias Universidades Católicas (PUC), die es in fast jeder größeren Stadt gibt.

Studiensystem[Bearbeiten]

1968 wurde durch ein Hochschulrahmengesetz das Universitätssystem nach europäischem Vorbild zugunsten des amerikanischen abgeschafft. So wurden Credits eingeführt, Professuren im europäischen Sinn gibt es nicht mehr.

Das Studiensystem ist in drei Stufen gegliedert: Die erste Stufe des Studiensystems ist das vierjähriges Graduação, ein vierjähriges Bachelor-Studienprogramme, das zum akademischen Grad Bachelor führt. Studenten der Ingenieurwissenschaften, Psychologie, Jura und Veterinärmedizin erlangen einen Diplom nach fünfjährigem Studium. Ein Medizinstudium dauert insgesamt sechs Jahre. Darauf kommen meistens noch zwei Jahre Residência hinzu, in denen sich der Arzt auf einen Zweig der Medizin spezialisiert.

Die zweite Studienstufe, dem Pos graduação, führt nach einem weiteren Vorlesungsjahr und einer Abschlussarbeit, für die die Studenten in der Regel bis zu zwei Jahre Zeit haben, zu einem postgraduierten akademischen Abschluss, dem Mestrado (Master of Science).

Nach dem erfolgreichen Abschluss der zweiten Studienstufe und einer Aufnahmeprüfung kann man mit dem Doutorado promovieren.

Situation der Universitäten[Bearbeiten]

Die Bibliotheksausstattung der Universitäten beinhaltet meist nur das essenziell für das Erlernen der angebotenen Studienfächer. Fachliche Veröffentlichungen, aktuelle Bücher und Artikel zu Forschungszwecken sind in der Regel nicht vorhanden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerhard Jacob: Universitäten, Wissenschaft und Forschung in Brasilien. In: Brasilien heute. Hrsg. v. Dietrich Briesemeister u.a. Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 1994. S. 384-403.
  • Dietmar K. Pfeiffer: Das brasilianische Bildungswesen. Entwicklungen und Probleme. Berlin (Wiss. Verl. Berlin) 2005. ISBN 3-86573-137-6
  • Stephanie Rauer de Schapiro und Christina Wegener: Studienführer Lateinamerika. Manuskript. Hg. v. DAAD. Bielefeld (Bertelsmann) 2004. ISBN 3-7639-0409-3
  • Achim Schrader: Bildung. In: Brasilien heute. Hrsg. v. Dietrich Briesemeister u.a. Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 1994. S. 404-420.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c João Pitombeira de Carvalho: A Turning Point in Secondary School Mathematics in Brazil: Euclides Roxo and the Mathematics Curricular Reforms of 1931 and 1942 (PDF; 1,9 MB), in: The International Journal for the History of Mathematics Education, 2006, S. 70