Bildungssystem in Russland

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Bildungssystem in Russland

Das Bildungswesen in Russland umfasst die Schulen und Hochschulen des Landes. Es gliedert sich in vier Abschnitte, die allgemeine Schulausbildung, die Berufsausbildung, die Hochschulausbildung sowie die Postgraduierte Ausbildung

Schulen[Bearbeiten]

Die Allgemeine Schulausbildung untergliedert sich in die Abschnitte Grund-, Haupt- und Oberstufe.

Der Schuleintritt erfolgt im Alter von sieben Jahren. Das vorgezogene Schuleintrittsalter von sechs Jahren wird durchschnittlich etwa 35 % der Kinder nach einem psychologischen Gutachten empfohlen. Die vierjährige Primarstufe der Grund- oder Anfangsschule absolvieren die mit sieben Jahren eingeschulten Kinder binnen drei Jahren. Sie gelangen auf diese Weise aus dem dritten sofort in das fünfte Schuljahr.

Danach folgt eine obligatorische sechsjährige Hauptschulstufe. Sie führt zum Erwerb der „grundlegenden allgemeinen Bildung“ - in der Regel am Ende der neunten Klasse und nach dem Erreichen des Pflichtschulalters von 15 Jahren. Dieser Abschluss berechtigt zum Besuch der oberen Sekundarstufe (zweijährig), deren Abschluss durch das „Zeugnis über die vollständige mittlere Bildung“ (das traditionell so genannte „Reifezeugnis“) - zu Deutsch: Abitur, eine Studiumaufnahme ermöglicht.

Nach der neunjährigen Pflichtschulbildung kann statt der Oberschulstufe auch eine Berufsausbildung an der mittleren Fachschule (Berufsschule) beziehungsweise dem Technikum gemacht werden. Diese Einrichtungen stehen im vertikal durchlässigen gesamten beruflichen Bildungswesen weiterhin für den Erwerb der vollständigen mittleren Bildung zur Verfügung (dualer Ausbildungsgang). Denn zusätzlich zu den berufsspezifischen Fächern auch die allgemeinbildenden Fächer unterrichtet werden, inhaltlich allerdings an der beruflichen Ausrichtung orientiert.

Hochschulen[Bearbeiten]

Geschichte[Bearbeiten]

Von 1920 bis 1950[Bearbeiten]

In den 20er Jahren wurde das Bildungswesen entsprechend dem föderalistischen Staatsaufbau der UdSSR dezentralisiert. Es entstanden kleine, fachlich eng spezialisierte Hochschuleinheiten, die an einzelne Wirtschaftsbranchen oder Großbetriebe angebunden waren. In dieser Weise wurde gesichert, dass den Betrieben immer genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen (vgl. Kuebart 2002, S. 94). Die Kompetenzen für das Bildungswesen lagen bei den Volksbildungskommissariaten der Republiken (vgl. Kuebart 2002, S. 9). In den 30er Jahren erfolgte eine Neuorganisation und es wurde ein speziell für das Hochschulwesen zuständiges Staatsorgan gegründet. Während die Kompetenzen für die fachlich spezialisierten Hochschulen bei den Branchenverwaltungen lagen, fielen die Universitäten in die Zuständigkeit des Hochschulressorts. Wegen des Mangels an Arbeitskräften und adäquater Qualifikation wurde 1940 das System der „Staatlichen Arbeitsreserven“ eingeführt, wodurch ein zentral gelenktes Berufsbildungs-wesen geschaffen wurde. Die Kompetenzen für das Bildungswesen lagen beim Rat der Volkskommissare der UdSSR, der die Planung der Ausbildungskontingente, die Organisation und Rekrutierung von Schülern und die Verteilung der Absolventen auf die Betriebe über-nahm. Besonders nach dem Kriegsende erfolgte eine Zwangsrekrutierung von Schülern, um die Planziele des Wiederaufbaus zu erreichen (vgl. Kuebart 2002, S. 10f).

Von 1950 bis 1980[Bearbeiten]

Nach Stalins Tod im Jahre 1953 wurde das Bildungswesen dem Kulturministerium untergestellt. Nach einem Jahr wurde jedoch diese Entscheidung wieder rückgängig gemacht und während das Hochschulwesen einem Unionsministerium untergestellt wurde, fiel die Hauptverwaltung der Arbeitsreserven wieder in die Zuständigkeit des Ministerrats der UdSSR. 1958 wurde versucht, bestimmte Reformen durchzusetzen. Das System der Arbeitsreserven wurde abgeschafft und durch beruflich-technische Schulen ersetzt. Im Rahmen der regionalen Dezentralisierung wurden die wirtschaftlichen Leitungskompetenzen von den zentralen Ministerien auf die Ministerräte der Unionsrepubliken übertragen. Dadurch erfolgte eine starke Einschränkung der Kompetenzen des Staatskomitees für beruflich-technische Bildung. Nach Chruschtschows Sturz wurde der Wirtschaftsapparat reorganisiert, was auch bestimmte Änderungen im Bildungswesen mit sich brachte. 1965 verschwanden die regionalen Volks-wirtschaftsräte und das Staatskomitee für beruflich-technische Bildung wurde wieder dem Ministerrat der UdSSR untergestellt. Die Kompetenzen dieses Komitees wurden jedoch weiter abgestuft. In den 70er Jahren wurde erneut versucht, die Kompetenzen in der Berufsausbildung beim Staatskomitee zu konzentrieren und dadurch eine einheitliche staatliche Berufspolitik einzuführen. Dieser Versuch scheiterte jedoch, weil die führenden Wirtschaftsfunktionäre und –wissenschaftler die dezentrale, betriebliche Ausbildung unterstützten (vgl. Kuebart 2002, S. 13-20).

1980er Jahre[Bearbeiten]

Wesentliche Veränderungen im Bildungswesen erfolgten 1984, als ein neuer Reformplan für die allgemeinbildenden Schulen und Berufsschulen erstellt wurde. Im nächsten Schritt wurde 1986 ein Richtlinienentwurf für die Umgestaltung des Hoch- und Fachschulwesens vorgelegt. Die Reform war aus drei Gründen notwendig[1]

In den 1960er und 1970er Jahren erfolgte eine rasche Expansion des Hochschulwesens und damit wurde der gesellschaftliche Bedarf an Hochschulabsolventen bereits Ende der 1970er Jahre gesättigt. Die Nachfrage nach Hochschulabsolventen unterlag jedoch regionalen und sektoralen Ungleichgewichten. Während in manchen Sektoren ein Überangebot an qualifizierten Arbeitskräften bestand, mangelten Branchen wie Elektronik und Robotik an Ingenieuren. Um die Anzahl der Absolventen auf dem Niveau des Jahren 1980 zu „einzufrieren“, wurden Bremsmaßnahmen in der Hochschulzulassungspolitik eingeführt. Während das Steigen der Anzahl der Hochschulabsolventen zum Stehen gebracht werden konnte, konnten die sektoralen Ungleichgewichte nicht beseitigt werden. Ein Grund dafür war die Lohnpolitik, die die Arbeit des Ingenieurs teilweise niedriger bewertete als diejenige eines Facharbeiters (vgl. Kuebart 2002, S. 26ff).

Ein weiteres Problem stellte die Qualität der Ausbildung und die fachliche Kompetenz der Absolventen dar. In den 70er Jahren entstand aus lokalen Prestigegesichtspunkten und durch die Aufwertung bestehender Institutionen eine Vielzahl von neuen Hochschulen, die jedoch über keine Mittel für qualitative Ausbildung verfügten. Manche solche Hochschulen hatten keinen einzigen Professor. Dies hatte nicht nur für die Effizienz der Hochschulen negative Konsequenzen, sondern auch für die Forschungsaktivitäten. Deswegen wurde die Modernisierung der Ausbildung zu einem Kernpunkt des Reformplans. Mit der Einführung von Perestrojka am Ende der 1980er Jahre wurden neue Leitvorstellungen und Akzentsetzungen in das Bildungswesen eingebracht. Ein Kernpunkt der Reformpläne war die Integration von Hochschulbildung, Industrie und Wissenschaft. Im Rahmen dieser Kooperation sollten die Hochschulen die Betriebe mit der benötigten Anzahl von Absolventen mit bestimmten Qualifikationsprofilen „beliefern“, während die Betriebe Finanz- und Sachausstattung den Hochschulen zur Verfügung stellen sollten. Auch die Hebung des Qualitätsniveaus wurde erneut zum Ziel gesetzt. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden den Hochschulen mehr Freiheitsspielräume für die Unterrichtsgestaltung eingeräumt und eine externe Evaluation („Attestierung“) eingeführt. Auch die Weiterbildung und Umqualifizierung gewannen an Bedeutung und dadurch sind alternative Bildungsformen, wie z.B. die „Offene Universität“ entstanden [2].

Seit den 1990er Jahren[Bearbeiten]

Die Transformation des Wirtschaftssystems von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft und die Fehlschläge der früheren Bildungsreformen führten zu einer Kritik der Rigidität des staatlichen Bildungsmonopols und zur öffentlichen Forderung nach pädagogischen Alternativen. Heute besteht schon eine Vielzahl von unterschiedlichen nichtstaatlichen Bildungsangeboten. Diese Pluralität kann auf zwei Gründe zurückgeführt werden[3]

Die allgemeinbildende Sekundarschule war während der sowjetischen Ära als Massenschule konzipiert, d.h. sie erfüllte die gestiegenen Qualitätsanforderungen der 90er Jahre nicht. Deswegen verbreitete sich immer mehr die Praxis eines privaten Nachhilfeunterrichts als Vorbereitung auf die Hochschule in den wohlhabenden Gesellschaftsklassen.

Zweitens bildete sich auch eine pädagogische Reformbewegung, die versuchte, das Schulwesen von unten zu reformieren. Das Ziel dieser Bewegung war, das Schulleben und den Unterricht innovativer zu gestalten.

Als Ergebnis entstand eine Reihe von Privatschulen, die die individuellen Bedürfnisse der Schüler und Studenten berücksichtigte, Wahlmöglichkeiten im Bildungsbereich anbot und einen Nachfrage orientierten Bildungsmarkt schaffte. Ein wesentlicher Schritt in der Förderung der Privatisierung des Bildungswesens war der Erlass von Boris Jelzin im Jahre 1991, der den nichtstaatlichen Bildungseinrichtungen erstmals ausdrücklich staatliche Unterstützung zusicherte. Dies markierte das formelle Ende des staatlichen Bildungsmonopols nach sowjetischem Muster. Der Plan der Gesamtprivatisierung des Bildungswesens wurde jedoch von der Gesellschaft abgelehnt, weil einerseits eine Bereicherungskampagne, andererseits der Verlust der Möglichkeit auf kostenlose Bildung befürchtet wurde. Deswegen beschloss der Duma 1995 ein dreijähriges Moratorium für jegliche Privatisierung staatlicher Bildungseinrichtungen. Bei der Beseitigung der bürokratischen Machtstrukturen der sowjetischen Ära spielt die Dezentralisierung eine wichtige Rolle. Im Bildungswesen wurde die Regionalisierung durch drei Entwicklungen gefördert [4]:

  • I. Verlagerung der politisch-administrativen Kompetenzen nach unten.
  • II. Transformation der Wirtschaftsstruktur von Planwirtschaft zu Marktwirtschaft und damit Verringerung der Bedeutung der Fachkräfteausbildung und verstärkte Ausrichtung am Bedarf der regionalen Arbeitsmärkte.
  • III. Krise der staatlichen Finanzierung des Bildungswesens, die die Inanspruchnahme von anderen Finanzierungskonstruktionen notwendig machte.

Die Regionalisierung brachte jedoch Rationalisierungseffekte mit sich. Durch die horizontale Integration wurden kleinere Hochschulen unterschiedlicher Profile und Spezialisierungen zu einer Volluniversität zusammengefasst, an größeren Hochschulstandorten Universitäten mit Schwerpunktprofil gebildet und bislang selbständige Hochschulen in eine bestehende Universität eingegliedert, um dadurch das Angebot dieser Universität zu vervollständigen. Es erfolgte auch eine vertikale Integration, wobei Hochschulen Bildungseinrichtungen anderer Ebenen organisatorisch an sich zu binden versuchten, um dadurch ihre eigene Position zu sichern. Um den Wunsch der Studenten nachzukommen, in der Nähe des Wohnortes studieren zu können, wurden auch Filialen von den Universitäten gegründet.

Am Anfang der 1990er Jahre erfolgte eine statusbezogene Ausdifferenzierung im nichtuniversitären Sektor, die zur strukturellen Veränderungen führte. Vielen Hochschulen (in Russland „Institute“ genannt) gelang es, den Status einer Universität oder einer Akademie (als neuem Hochschultyp, z.B. Plechanow-Akademie für Wirtschaft Moskau) zu erlangen. In dieser Weise konnten diese Hochschulen ihre Wettbewerbsfähigkeit auf dem neu geschaffenen Bildungsmarkt verbessern und ihre internationalen Kontakte stärken. Weiterhin erhielten sie die Möglichkeit, Post Graduate Studiengänge anzubieten. Grundsätzlich gibt es drei Arten von Hochschulen in Russland: Universitäten, Akademien und Institute. Universitäten und Akademien „führen die Ausbildung, Umschulung und Höherqualifizierung von Personen mit einer Qualifikation auf höchster Ebene durch, betreiben nicht nur angewandte Forschung, sondern auch Grundlagenforschung, verfügen über eine Aspirantur und (oder) eine Doktorantur und sind führende wissenschaftliche und methodische Zentren auf ihren jeweiligen Fachgebieten.“ [5]. Der Unterschied zwischen Universität und Akademie besteht darin, dass die Universität ein viel breiteres Ausbildungsbereich hat als eine Akademie, die sich auf ein bestimmtes Gebiet konzentriert. Die Tätigkeitsbereich eines Instituts ist auch beschränkt, aber es muss nicht „ein führendes Zentrum auf seinem Fachgebiet sein, Personen mit einer Qualifikation auf höchster Ebene auszubilden, über eine Aspirantur und eine Doktorantur zu verfügen und auf jeden Fall Grundlagenforschung durchzuführen“ [6]. Die wichtigsten Zielsetzungen der Bildungsreform der 90er Jahre waren die Demokratisierung, Entideologisierung, Entstaatlichung, Diversifizierung, Dezentralisierung, Autonomie, Humanisierung und Individualisierung der Bildung. Die Demokratisierung der Bildung sollte durch die Abschaffung des Einheitscharakters der sozialistischen Bildung und durch die Ausrichtung der Bildung an den individuellen Ansprüchen der Studenten erreicht werden. Die Pluralisierung des Bildungsangebots hatte das Ziel, den privaten Bildungssektor zu fördern. Außerdem erhielten die Bildungseinrichtungen durch die Autonomiespielräume die Möglichkeit, eigene inhaltliche Schwerpunkte zu setzen und spezielle Profile zu entwickeln. Die Durchführung der Dezentralisierung führte jedoch zu einer Verlagerung der finanziellen Verantwortung auf Kommunen- und Bildungseinrichtungsebene. Wegen der Schwierigkeiten der staatlichen Bildungsfinanzierung waren die Bildungsinstitutionen gezwungen, die Erzielung zusätzlicher Einnahmen anzustreben. Dies erfolgte vor allem durch die Vermietung der Räumlichkeiten an private Firmen, Verkauf der in den Werkstätten hergestellten Produkte und durch die Einführung von Studiengebühren. Immer mehr verbreitete sich die Praxis, neben den staatlich finanzierten Studienplätzen weitere Studienplätze anzubieten, deren Gebühren jedoch von den Studenten selbst getragen werden mussten. Heute werden bis zu 40 % der Studienplätze an Selbstzahler vergeben. Dies führte zu einem verstärkten Wettbewerb zwischen den Universitäten [7]. In dieser Hinsicht sind die russischen Hochschulen immer mehr bestrebt, sich als Marke auf dem Bildungsmarkt zu positionieren, um dadurch die Anzahl der Studierenden und die Höhe der eingenommenen Studiengebühren zu steigern.

Diese Entwicklung des russischen Hochschulsystems entspricht den internationalen Tendenzen, wo die Hochschulen die Charakteristiken eines Dienstleistungsunternehmens besitzen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Smolin, O.: Das Hochschulwesen Russlands: Gesetzgebung, Realität, Kooperationspotenzial. In: Hochschulrektorenkonferenz: Hochschulpolitik in Russland und Deutschland: Redebeiträge im Rahmen der Deutsch-Russischen Hochschulbörse, 1999/11, Bonn, 1999.
  • Kuebart, Friedrich: Von der Perestrojka zur Transformation – Berufsausbildung und Hochschulwesen in Russland und Ostmitteleuropa, Leipziger Universitätsverlag, Leipzig, 2002.

Weblinks[Bearbeiten]

Bildungs- und Hochschulpolitik in Russland in Russlandanalysen Nr. 132 (PDF; 287 kB), Russlandanalysen Nr. 162 (PDF; 427 kB), Russlandanalysen Nr. 228 (PDF; 1,1 MB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Kuebart 2002, S. 25
  2. (vgl. Kuebart 2002, S. 25-34)
  3. Kuebart 2002, S. 46f
  4. Vgl. Kuebart 2002, S. 93
  5. (Smolin 1999, S. 51f.)
  6. (Smolin 1999, S. 52)
  7. (vgl. Kuebart 2002, S. 101-106)