Biokraftstoff

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Rapsfelder. In Deutschland ist Rapsöl für die Biokraftstoffherstellung bedeutend.
Zuckerrohrplantage. In Brasilien ist Bioethanol aus Rohrzucker der bedeutendste Biokraftstoff.

Biokraftstoffe (auch Biotreibstoffe, Agrotreibstoffe) sind eine Form der Biomasse. Es handelt sich um flüssige oder gasförmige Kraftstoffe, die aus Biomasse hergestellt werden. Sie kommen für den Betrieb von Verbrennungsmotoren in mobilen und stationären Anwendungen zum Einsatz. Ausgangsstoffe der Biokraftstoffe sind nachwachsende Rohstoffe wie Ölpflanzen, Getreide, Zuckerrüben oder -rohr, Wald- und Restholz, Holz aus Schnellwuchsplantagen, spezielle Energiepflanzen und tierische Abfälle.[1][2] Das Präfix Bio weist hier nicht auf eine Herkunft aus ökologischer Landwirtschaft hin, sondern auf den pflanzlichen (biologischen) Ursprung im Gegensatz zu Mineralöl. Die Klimaneutralität und ökologische Vorteilhaftigkeit von Biokraftstoffen ist umstritten.

Biokraftstoffarten[Bearbeiten]

Es werden häufig Biokraftstoffe der ersten und zweiten, gelegentlich auch der dritten Generation, voneinander unterschieden. Diese Klassifizierung ist jedoch problematisch, da es klare Abgrenzungen nicht gibt. Für die Erzeugung von Kraftstoffen der ersten Generation wird nur die Frucht (Öl, Zucker, Stärke) für die Kraftstoffproduktion genutzt, ein Großteil der Pflanze wird als Futtermittel verwendet. Bei Kraftstoffen der zweiten Generation wird fast die vollständige Pflanze verwendet, teilweise einschließlich der schwer aufschließbaren Cellulose. Bei Algenkraftstoff wird auch vom Kraftstoff der dritten Generation gesprochen, da Algen eine deutlich höhere Biomasse-Produktivität pro Fläche aufweisen als Pflanzen. Kraftstoffe der zweiten und dritten Generation erfordern einen meist deutlich höheren technischen und finanziellen Aufwand und können daher bisher, außer Biomethan, noch nicht wirtschaftlich erzeugt werden.

Wichtige Faktoren bei der Bewertung des Potentials und der Nachhaltigkeit von Biokraftstoffen sind der Ertrag (Äquivalente fossiler Kraftstoffe) und der Preis:

Vergleich von Biokraftstoffen in Deutschland
Biokraftstoff Ertrag/ha Kraftstoffäquivalenz
[l][3][* 1]
Kraftstoffäquivalent
pro Fläche [l/ha][* 2]
Fahrleistung
[km/ha][3][* 3]
Pflanzenöl (Rapsöl) 1590 l[3] 0,96 1526 23300 + 17600[* 4]
Biodiesel (Rapsmethylester) 1550 l[4] 0,91 1411 23300 + 17600[* 4]
Bioethanol (Weizen) 2760 l[3] 0,65 1794 22400 + 14400[* 4]
Biomethan 3540 kg[4] 1,4 4956 67600
BtL (Biomass to Liquid) 4030 l[4] 0,97[* 5] 3909 64000
  1. 1 l Biokraftstoff bzw. 1 kg Biomethan entspricht dieser Menge konventionellen Kraftstoffs
  2. ohne Nebenprodukte
  3. separate Berechnung, nicht auf den anderen Daten basierend
  4. a b c mit Biomethan aus Nebenprodukten Rapskuchen/ Schlempe/ Stroh
  5. auf Basis von FT-Kraftstoffen


Erste Generation[Bearbeiten]

Pflanzenöl-Kraftstoff
besteht aus unbehandeltem oder raffiniertem Pflanzenöl in Reinform. Seine Eigenschaften sind in der DIN-Norm DIN 51605 beschrieben. In Deutschland ist der Grundstoff in der Regel Rapsöl (Rapsölkraftstoff). In den chemischen Eigenschaften unterscheidet es sich vom Dieselkraftstoff, weshalb eine Anpassung der Motoren an diesen Kraftstoff erforderlich ist. Die Herstellung von Pflanzenöl erfolgt sowohl großtechnisch (Ölextraktion) als auch in kleineren, dezentralen Ölmühlen (Kaltpressung).
Biodiesel
ist ein Fettsäuremethylester (FAME), der aus Pflanzenölen hergestellt wird. Seine Eigenschaften sind in der Norm EN 14214 beschrieben. Mit Biodiesel kann Dieselkraftstoff substituiert werden. In Deutschland ist der Grundstoff meistens Rapsöl, deshalb wird Biodiesel oft als RME (Rapsöl-Methylester) bezeichnet. Biodiesel ist in seinen chemischen Eigenschaften an diejenigen des Dieselkraftstoffes angepasst worden. Die Herstellung von Biodiesel erfolgt in der Regel in großtechnischen Anlagen.
Bioethanol
wird durch Vergärung biogener Rohstoffe und anschließende Destillation hergestellt. Eine Qualitätsbeschreibung liegt seit August 2008 mit der DIN 51625 vor. Benzin kann durch Bioethanol substituiert werden. In Deutschland werden für die Herstellung von Bioethanol vorwiegend Zuckerrüben und Getreide (Weizen, Roggen) verwendet, Mais und andere Rohstoffe haben nur eine geringe Bedeutung. In Brasilien deckt Ethanol aus Zuckerrohr einen großen Teil des nationalen Treibstoffbedarfs, in den USA wird vorwiegend Mais verwendet. Die chemischen Eigenschaften unterscheiden sich vom Benzin, weshalb eine Anpassung der Fahrzeugmotoren erforderlich ist. Die wichtigste Einsatzform von Bioethanol in Europa ist die Beimischung zu Benzin. So wird zu Superbenzin mit bis zu 5% Bioethanol gemischt, E10 mit bis zu 10%. Daneben gibt es noch den Ethanol-Kraftstoff, welcher aus 85% Ethanol und 15% Benzin besteht und von Flexible Fuel Vehicles verwendet werden können. Manche dieser Fahrzeuge, wie der Koenigsegg Agera R bringen ihre maximale Leistung sogar nur mit dem hochprozentigen Ethanolgemisch.[5][6][7]

Zweite Generation[Bearbeiten]

Biomethan („Bioerdgas“)
wird aus dem Vorprodukt Biogas hergestellt. Für die Erzeugung von Biogas kommen in der Regel Energiepflanzen, Gülle und/oder organische Reststoffe als Gärsubstrate zum Einsatz. Bei der nachgeschalteten Aufbereitung zu Biomethan werden unter anderem die störenden Bestandteile Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff aus dem Biogas entfernt und das verbleibende Produkt verdichtet (Biogasaufbereitung). Die vollständige Methanisierung des CO2 kann auch mittels EE-Gas aus der Elektrolyse mit erneuerbarem Überschussstrom geschehen. Eine Qualitätsbeschreibung liegt mit der technischen Regel G 260 des DVGW seit Mai 2008 vor. Mit Biomethan kann Benzin oder Erdgas substituiert werden. Fahrzeuge, die für den Einsatz von reinem oder bivalentem Erdgasbetrieb umgerüstet sind, können mit Biomethan betrieben werden.
BtL-Kraftstoffe („Biomass-to-Liquid“, synthetische Biokraftstoffe)
können aus verschiedenen organischen Rohstoffen hergestellt werden. Sie gehören zur Gruppe der synthetischen Kraftstoffe (XtL-Kraftstoffe). BtL-Kraftstoffe können auf die jeweiligen Erfordernisse moderner Motoren zugeschnitten werden und beispielsweise Dieselkraftstoff ersetzen. BtL-Kraftstoffe sind noch im Entwicklungsstadium und noch nicht auf dem Markt erhältlich.
Cellulose-Ethanol
ist chemisch identisch mit Bioethanol. Als Rohstoff wird jedoch Cellulose eingesetzt. Diese macht einen großen Anteil der Biomasse aus, kann aber bisher wegen ihrer schlechten enzymatischen Zugänglichkeit nicht genutzt werden. Aktuell wird versucht, Verfahren zu entwickeln, mit denen auch aus Pflanzenresten, wie Stroh oder aus Holz, der Kraftstoff Ethanol wirtschaftlich gewonnen werden kann.
Biokerosin
ist ein Kraftstoff, der das Kerosin auf der Basis fossiler Kraftstoffe ersetzen soll. Grundlage können verschiedene hydrierte Pflanzenöle sein, wie Raps-, Palm- oder Jatrophaöl. Auch Algen mit hohem Ölanteil werden als Grundlage für zukünftige Entwicklungen diskutiert. Die Planer gehen davon aus, dass „Bio-Kerosin“ frühestens ab dem Jahr 2015 als Regeltreibstoff zum Einsatz kommen kann; ein erster Testflug mit Biodiesel auf der Grundlage von hydriertem Pflanzenöl (HVO) in der zivilen Luftfahrt fand im Januar 2009 durch die Air New Zealand statt. Die Fluggesellschaften Lufthansa und KLM setzen ab Mitte 2011 auf einigen Flügen im kommerziellen Passagierflug eine 50-%-ige Bio-Kerosinmischung ein.[8][9][10] Verschiedene Umweltorganisationen, darunter Rettet den Regenwald, kritisierten die Testflüge massiv und machten darauf aufmerksam, dass diese Projekte weder klimafreundlich noch sozialverträglich seien. Denn für Pflanzenöle, besonders Palmöl, werden all zu oft Regenwälder abgeholzt und Moore trockengelegt. Das führt laut Experten teils zu schädlicheren Auswirkungen als herkömmlicher Treibstoff.[11] [12]
Siehe auch: Algenkraftstoff

Der brasilianische Flugzeughersteller Embraer stellt seit Einführung 2004 nach dem Erstflug der „Ipanema“ durch die Ingenieurgruppe um Vincent Camargo Flugzeuge mit Alcoois (Bioethanol) zweiten Generation bereit.

Die Forschung zu Biokraftstoffen der zweiten Generation ist in vollem Gange. In der Schweiz betreibt das Paul Scherrer Institut und die EMPA Forschung zur Produktion von Biokraftstoffen der zweiten Generation. Dazu werden Rest- und Abfallstoffe wie etwa Gülle, Restholz, Kompost oder auch Nahrungsmittelabfälle aus der Gastronomie verwendet.[13]

Weitere Biokraftstoffe[Bearbeiten]

Eine Reihe weiterer Stoffe gelten gemäß der EU-Richtlinie 2003/30/EG als Biokraftstoffe, haben aber in der Praxis eine untergeordnete Bedeutung.

Ether werden vor allem von der European Fuel Oxygenates Association (EFOA), einer Lobbyorganisation der Produzenten von MTBE, ETBE, TAME und TAEE propagiert.

Bedeutung und Perspektive[Bearbeiten]

Biokraftstoffe können die fossilen Kraftstoffe Diesel, Benzin und Erdgas substituieren. Teilweise müssen Motoren oder Kraftstoffsysteme an die Biokraftstoffe angepasst werden. Biokraftstoffe werden entweder in Reinform oder als Beimischungen zu fossilen Kraftstoffen verwendet.

Die EU-Richtlinie 2009/28/EG (Erneuerbare-Energien-Richtlinie) (Nachfolger der Richtlinie 2003/30/EG) beschreibt und regelt die Verwendung von Biokraftstoffen in Europa. Ein wichtiger Aspekt ist die Kontrolle der Nachhaltigkeit, die bei Biokraftstoffen regelmäßig in der Diskussion ist. Die Umsetzung in deutsches Recht erfolgte mit der Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung. Das Biokraftstoffquotengesetz bzw. das Gesetz zur Änderung der Förderung von Biokraftstoffen schreibt bis 2014 einen Anteil von 6,25 % am Gesamtkraftstoffmarkt vor.

Die zukünftige Bedeutung von Biokraftstoffen hängt unter anderem von folgenden Faktoren ab.

  • Preisentwicklung bei den fossilen Kraftstoffen: Steigende Preise für konventionelle Kraftstoffe erhöhen die Konkurrenzfähigkeit von Biokraftstoffen.
  • Politische Rahmenbedingungen: Durch Gesetze, wie das Biokraftstoffquotengesetz, kann eine Förderung erfolgen.
  • Besteuerung: Biokraftstoffe unterliegen bei reiner Verwendung einer Steuerermäßigung nach dem Energiesteuergesetz. Teilweise wird die Ermäßigung sukzessiv aufgehoben.
  • Regionale und globale Rohstoffpotenziale: Die Größen der nutzbaren Potentiale bestimmen die zukünftige Bedeutung der Biokraftstoffe. Die Größe der Potentiale wiederum wird von vielen Faktoren beeinflusst (dazu Potenziale und Flächenbedarf).
  • Rohstoffpreise: Die Rohstoffpreise schwanken teilweise sehr stark. Landwirtschaftliche Produkte können sich, beispielsweise in schlechten Erntejahren, stark verteuern (Agflation).
  • Herstellungskosten: Durch neue und weiterentwickelte Verfahren können sich die Produktionskosten verringern. Größere Produktionsmengen haben in der Regel den gleichen Effekt.

Einige Biokraftstoffe können auch regional in dezentralen, kleinen Produktionsanlagen wirtschaftlich hergestellt werden, wie Pflanzenöl und Bioethanol auf landwirtschaftlichen Betrieben und in Alkoholbrennereien, aber auch in Großanlagen. Anlagen zur Produktion von Biodiesel und BtL-Kraftstoff dagegen sind in Errichtung und Betrieb komplexer und erfordern größere, überregionale Produktionseinheiten.

Biokraftstoffe kommen als Reinkraftstoffe sowie als Beimischungen zu fossilen Kraftstoffen zum Einsatz. Innerhalb der Europäischen Union werden verbindliche Ziele für den Anteil von Biokraftstoffen am Energiemix des Transportsektors diskutiert. Mit der EU-Richtlinie 2003/30/EG wurden Anteile von 6,25 % bis 2014 gefordert (2 % bis 2005, 2,75 % bis 2006 und 5,75 % bis 2010). Wegen der mangelnden Umsetzung wurde in der EU-Richtlinie 2009/28/EG (Biokraftstoffrichtlinie) ein verbindlicher Wert von 10 % erneuerbarer Energie im Verkehrssektor bis 2020 festgelegt, wobei sich dieser Wert auf alle erneuerbaren Energien (Biokraftstoffe, erneuerbarer Strom, erneuerbarer Wasserstoff usw.). im gesamten Verkehrssektor bezieht (Straße, Schiene, Binnenschifffahrt). Der Flugverkehr bleibt allerdings jeweils ganz von den Zielen ausgeschlossen.

Gemäß Biokraftstoffquotengesetz müssen Biokraftstoffe in Deutschland derzeit (bis 2014) einen Anteil von 6,25 % am gesamten Kraftstoffmarkt haben. Dies kann durch Beimischung oder den Absatz von Reinkraftstoffen erfolgen, das heißt, die Mineralöl verkaufenden Unternehmen können Biokraftstoffe ihren fossilen Kraftstoffen beimischen (B7, E5, E10,…), um die Mindestnutzung von 6,25 % zu erfüllen oder sie können Reinbiokraftstoffe (B100, E85, Pflanzenöl,…) vertreiben, um die Mindestnutzung zu erfüllen. Die Einführung des Kraftstoffs E10 mit 10 % Bioethanol statt der bis dahin zugesetzten 5 % stieß jedoch auf Akzeptanzprobleme.

Nachhaltig erzeugte Biokraftstoffe können Wissenschaftlern zufolge im Energiemix der Zukunft eine wichtige Rolle spielen. In ambitionierten Klimaschutzszenarien könnten bis 2030 etwa 20 Prozent und bis 2050 etwa 70 Prozent eines bis dahin deutlich reduzierten Kraftstoffbedarfs aller Verkehrsträger in Deutschland nachhaltig und ohne Nutzungskonkurrenzen oder zusätzliche Importe gedeckt werden. Das bedeutet, dass Biokraftstoffe entweder aus Reststoffen oder aus der Produktion auf langfristig frei gewordenen Flächen stammen, sich nicht negativ auf die Artenvielfalt auswirken, nicht den Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln verringern und kein Wiesen- oder Weideland umgewandelt wird. Weltweit könnte sich der Biokraftstoffbedarf von 2010 bis 2050 gar verzehnfachen.[14] Für die EU wurden zusätzliche Flächenpotenziale für Energiepflanzenanbau von 20 Millionen Hektar ermittelt; die Potenziale übersteigen demnach das politische Ausbauziel von 10% der Biokraftstoffe.[15][16]

Neben der EU setzen auch andere Länder wie die USA, Brasilien, China, Kanada oder Argentinien vermehrt auf Biokraftstoffe. 2010 ersetzten weltweit 86 Mio. Liter Bioethanol und 19 Mio. Liter Biodiesel rund 2,7 % fossile Kraftstoffe, mit steigender Tendenz.[17] In den USA wirbt das American Security Project aus Gründen der Importabhängigkeit von fossilen Rohstoffen, welche die nationale Sicherheit gefährde, für höhere Anstrengungen für Biokraftstoffe.[18]

Besteuerung[Bearbeiten]

Die Besteuerung von Biokraftstoffen ist in Deutschland im Energiesteuergesetz (§50) geregelt. Als Beimischung in fossilen Kraftstoffen unterliegen Biokraftstoffe dem vollen Steuersatz für Kraftstoffe. Für reine Biokraftstoffe dagegen ist die Energiesteuer reduziert. Für Bioethanol als Reinkraftstoff und Biomethan gilt eine Steuerermäßigung. Für Pflanzenöl-Kraftstoff und Biodiesel muss ein Steueranteil gezahlt werden, der jährlich ansteigt, bis der volle Steuersatz für fossile Kraftstoffe erreicht ist. Die Besteuerung der zuvor steuerbefreiten Biokraftstoffe (ursprünglich bis 2009 Mineralölsteuerbefreiung, ab 2010 von der nachfolgenden Energiesteuer befreit) ab August 2006 war zunächst umstritten. Die Wirtschaftlichkeit vieler Produktionsanlagen war dadurch nicht mehr gegeben. Durch das Bundesverfassungsgericht wurde allerdings die Rechtmäßigkeit der Besteuerung festgestellt.[19]

Die rot-grüne Bundesregierung hat 2003 mit einer Steuerbefreiung die reinen Biokraftstoffe unterstützt. Die große Koalition ab 2005 nahm die Steuerbefreiung im Jahr 2007 zurück und verfolgte die Beimischung in fossile Kraftstoffe, also die Beimischung von Biodiesel in fossilen Diesel bzw. von Bioethanol zu fossilem Ottokraftstoff/Benzin. Hierauf versiegte die dezentrale Erzeugung und Vermarktung reiner Biokraftstoffe, was den Markt zugunsten der Mineralölkonzerne veränderte.[20]

Welche Bedeutung die Höhe der Steuer für den heimischen Biodieselmarkt hat, zeigt die Erfahrung der Branche aus der jüngsten Vergangenheit: Wegen einer raschen Anhebung des Steuersatzes ist der Markt für den reinen Biodiesel (B100) von 2007 bis 2011 um 97 Prozent eingebrochen. Diese Entwicklung hat zahlreichen mittelständischen Produzenten von Biokraftstoff massive wirtschaftliche Probleme bereitet. Auch zur Erreichung von bereits zugesagten Klimazielen wird daher zumindest in der Schweiz die Ausdehnung der dort bereits erhobenen Lenkungsabgaben auf Treibstoffe gefordert.[21] Neben einer Verschärfung der Grenzwerte für Neuwagen auf 120 g CO2 pro 100 km im CO2-Gesetz der Schweiz könne diese Ökosteuer die Abhängigkeit vom fossilen Erdöl verringern, so etwa Greenpeace.[22]

Bewertung von Biokraftstoffen[Bearbeiten]

Konkurrenz zur Bereitstellung von Nahrungsmitteln[Bearbeiten]

Hauptartikel: Flächenkonkurrenz

Der Anbau von Energiepflanzen kann in Konkurrenz zum Anbau von Nahrungsmitteln treten. So wird die erhöhte Biokraftstoff-Nachfrage zu den Faktoren gezählt, welche die Nahrungsmittelpreiskrise 2007–2008 teilweise mit auslösten.[23][24][25] Vor allem die Nutzung von Mais in den Vereinigten Staaten geriet damals in die Kritik.[26] Neben dem verstärkten Anbau von Energiepflanzen waren jedoch vornehmlich andere Faktoren ausschlaggebend, namentlich Bevölkerungswachstum, steigender Fleischkonsum in Schwellenländern wie China und Indien, Dürren in bedeutenden Weizenanbauregionen und niedrige Vorräte, wie FAO und der OECD berichten. [27][28][29] Insbesondere Spekulationsgeschäfte mit Nahrungsmitteln hätten für die Preiskrise gesorgt, erklärten Welthungerhilfe[30], Oxfam[31], UNCTAD[32], die Weltbank[33] sowie der Börsenmakler Dirk Müller bei einer Sachverständigenanhörung des Bundestags.[34]

Nach Ansicht verschiedener Beobachter sei der Welthunger nicht von mangelnder Produktion verursacht, sondern von ungerechter Verteilung. Laut Vereinten Nationen werden jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel in dem Müll geworfen, was rechnerisch etwa viermal so viel wie nötig wäre, um das Hungerproblem in der Welt zu lösen. Demnach werden 28 Prozent des gesamten weltweiten Ackerlandes genutzt, um Nahrung zu produzieren, die nie gegessen wird. Allein die in den Industrienationen weggeworfene Menge von 300 Millionen Tonnen jährlich würde reichen, um alle hungernden Menschen zu ernähren.[35][36] Trotz steigender Nahrungsmittelüberschüssen im Jahr 2013 kommen die erhöhten Bestände nicht den Hungernden in der Welt zugute.[37]

Flächenkonkurrenz kann durch Nutzung von Nebenprodukten aus der Pflanzenöl- und Ethanolproduktion vermieden werden. So werden mit dem Anbau von Energiepflanzen auf einem Viertel der weltweiten degradierten Flächen (900 Mio. ha) mehr als 500 Mio. Tonnen eiweißreiche Futtermittel erzeugt. Demgegenüber beträgt der heutige Futtermittelbedarf 700 Mio. Tonnen. Der Anbau von Energiepflanzen auf degradiertem Weideland kann auf diese Weise auch einen Baustein zur Nahrungsmittelsicherheit liefern.[38] Ohne die Koppelprodukte aus der Biokraftstoffproduktion müsste Deutschland fast 50 Prozent mehr Soja-Futtermittel importieren. Auf den Getreidemärkten ist die EU dagegen ein Nettoexporteur auf den Weltmärkten. Für das Wirtschaftsjahr 2012/13 wird mit EU-Weizenexporten von 16 Millionen Tonnen gerechnet, gegenüber Importen von 5,5 Millionen Tonnen.[39]

Ein weiterer Weg, um Flächenkonkurrenz zu vermeiden, ist die Beschränkung der Biospritherstellung auf bislang extensiv genutzte Bereiche und Stilllegungsflächen und die Förderung von Treibstoffen aus pflanzlichen Abfallstoffen (z. B. Cellulose-Ethanol, BtL-Kraftstoffe).

Klimabilanz[Bearbeiten]

Wird für Palmölplantagen Urwald gerodet, ist der PME (Pflanzenöl-Methylester, eine Form des Biodiesels) 2,5-mal so klimaschädlich wie Diesel aus fossilem Erdöl. Wachsen die Palmen auf vorher nicht genutztem Grasland, verbessert sich die Klimabilanz.[17]

Pflanzen nehmen während des Wachstums das Treibhausgas CO2 auf. Bei der Zersetzung oder Verbrennung der Biomasse wird nur die gebundene Menge frei, so dass der Kohlenstoff-Kreislauf geschlossen, und die CO2-Bilanz somit neutral ist.

Beim agroindustriellen Anbau werden große Mengen an fossilem Treibstoff sowie Stickstoffdünger benötigt, was die Klimabilanz verschlechtert; sie bleibt jedoch deutlich positiv gegenüber fossilen Alternativen.[40] Wenn Regenwaldflächen gerodet oder Torfmoore trockengelegt werden, um Flächen für den Anbau von Energiepflanzen zu erschließen, verschlechtert sich die Klimabilanz deutlich. Die Nutzung von degradierten Böden verbessert die Klimabilanz dagegen.[41][42] Zudem ist das bei Stickstoffdüngung freiwerdende Lachgas an der Zerstörung der Ozonschicht beteiligt.[43][44]

Biokraftstoffe führen zu Klimagas-Einsparungen von 50 % bis 70 %, je nach konkreten landwirtschaftlichen Anbaumethoden und eingesetzter Pflanze (Raps, Mais, Zuckerrohr), es sei denn, sie verdrängen Regenwaldflächen.[40][45][46][47][48][49][50][51][52][53][54] Biokraftstoffe müssen die gesetzlich vorgeschriebenen Kriterien erfüllen (Nachhaltigkeitsverordnung) und nachweislich zu einer Mindest-Treibhausgas-Einsparung in Höhe von 35 % bzw. 50 % im Vergleich zum jeweiligen fossilen Referenzkraftstoff führen.[55] Laut Erhebungen der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung beträgt die durchschnittliche Treibhausgaseinsparung von deutschen Biokraftstoffen rund 44 % gegenüber fossilem Diesel und übertrifft damit die EU-Standards deutlich. Im Jahre 2011 wurden dadurch rund fünf Mio. Tonnen CO2 vermieden.[56]

In der Zukunft wird eine stärkere Nutzung von unkonventionellen Ölressourcen, wie Ölschiefer, Ölsande erwartet. Deren CO2-Bilanz ist deutlich schlechter als bei konventionellem Öl, so dass das Potential von Biokraftstoffen bezüglich einer Vermeidung zusätzlicher Treibhausgase gegenüber fossilen Kraftstoffen zunehmen wird.[57] Aktuell stößt das in Deutschland eingesetzte Bioethanol nicht nur die in der Nachhaltigkeitsverordnung gesetzlich vorgeschriebenen 35 % weniger Treibhausgase aus als fossiles Benzin, sondern 50 % bis 85 % .[58]

Kritisch beurteilt wird die Neuerschließung von Agrar-Anbauflächen für das Gebiet der Europäischen Union unter anderem in einer Studie [59] des Institute for European Environmental Policy (IEEP) (Institut für europäische Umweltpolitik). In der Studie untersuchte das Institut die offiziellen Pläne von 23 EU-Mitgliedstaaten zum Ausbau der erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020. Bis dahin will Deutschland den bisherigen Kraftstoffen Benzin und Diesel etwa 5,5 Millionen Tonnen Biokraftstoff beimischen, das ist mehr als in Großbritannien, Frankreich und Spanien geplant ist. In ganz Europa sollen bis 2020 etwa 9,5 % der Energie, die für den Verkehr benötigt wird, aus Biokraftstoff stammen. Dieser wird fast komplett aus Ölsaat, Palmöl, Rohr- und Rübenzucker und Weizen produziert. Um dies zu ermöglichen, müssten der Studie zufolge bis zu 69.000 Quadratkilometer neues Ackerland entstehen. Das entspricht einer Fläche, die mehr als doppelt so groß ist wie Belgien. Bei einer Kultivierung in einem derartigen Ausmaß würden pro Jahr bis zu 56 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt werden, was etwa 12-26 Millionen zusätzlichen Autos auf Europas Straßen entspricht.[60] Insbesondere das Umfunktionieren von Brachland zur Gewinnung von Agrar-Anbauflächen für Biokraftstoff wird als Beeinträchtigung der Klimabilanz aufgefasst, da durch die andersartige Behandlung und Bewirtschaftung solcher Gebiete in der Bilanz in Böden und Biomasse durch Verlust an organischer Bodensubstanz weniger Kohlenstoffverbindungen absorbiert bleiben können und darüber hinaus bei der Kultivierung dieser Gebiete CO2 anfällt. In der Studie wird in einer Expansion in kultivierte Fläche hinein, und damit verbunden, in intensiver Agrarbodennutzung eine potentielle Gefahr für die Biodiversität gesehen.

Treibhausgasemissionen von Biokraftstoffen als CO2-Äquivalente1 in g/kWh 2[17] Quelle: Öko-Institut, 2010
Kraftstoff 3
Nutzungsauswirkung
Emissionen1
Diesel Vergleichsgröße 291
Palmöldiesel mit direkter Landnutzungsänderung des Grünlandes 46
BtL-Diesel ohne Landnutzungsänderung (2030) 50
Palmöldiesel mit indirekter Landnutzungsänderung des Grünlandes 112
BtL-Diesel mit indirekter Landnutzungsänderung des Ackers (2030) 130
Biodiesel ohne Landnutzungsänderung 144
Palmöldiesel ohne Landnutzungsänderung 157
Palmöldiesel mit direkter Landnutzungsänderung des Regenwaldes 771
Biodiesel mit direkter Landnutzungsänderung des Ackers 265
Palmöldiesel = Palmölmethylester, Biodiesel = Rapsölmethylester
BtL-Diesel = Biomass-to-Liquid-(Fischer-Tropsch-)Diesel aus Kurzumtriebsplantagen
Kraftstoff3
Rohstoff
Wirkung
Emissionen1
Benzin Vergleichsgröße fossil 316
Ethanol Stroh, aus Lignozellulose (2020) (Abfall) 24
BioCNG Gülle (Abfall) 86
Ethanol Zuckerrohr (Brasilien) ohne Landnutzungsänderung 111
Ethanol Weizen ohne Landnutzungsänderung 138
Ethanol Zuckerrohr (Brasilien) mit direkter Landnutzungsänderung des Grünlandes 161
BioCNG Mais ohne Landnutzungsänderung 184
BioCNG Mais mit direkter Landnutzungsänderung des Grünlandes 248
Ethanol Zuckerrohr (Brasilien) mit direkter Landnutzungsänderung der Savanne 449
BioCNG = aufbereitetes und komprimiertes Biogas

*Anmerkung1: CO2-Äquivalent: sämtliche treibhausgaswirksamen Emissionen, nicht nur die direkten CO2-Emissionen, umgerechnet auf die Klimawirksamkeit von CO2

  • Anmerkung2: kWh hier als Input: erzeugte Energie in kWh unabhängig von der Effizienz der verwendeten Motoren: der Kraftstoff wird komplett umgewandelt.[17]
  • Anmerkung3: als Kraftstoff genutzt in PKW mit Stand 2010

Indirekte Landnutzungsänderungen sind in der Tabelle berücksichtigt.[17] „Wird in Brasilien eine Savanne hierfür [für den Zuckerrohranbau] gerodet, ist das Bioethanol aus dem geernteten Zuckerrohr etwa 1,4-mal klimaschädlicher als Benzin auf fossiler Basis, Wächst Zuckerrohr hingegen auf vorher überweidetem Grasland, sinken die Treibhausgasemissionen um die Hälfte“ (Fritsche (Öko-Institut))[17] siehe auch Grafiken dazu

Regenwälder[Bearbeiten]

Im Kontext des Energiepflanzenanbaus wird eine mögliche Landnutzungsänderung diskutiert (indirect land use change / iLUC), d.h., dass beispielsweise Regenwälder dem steigenden Anbau von Energiepflanzen zum Opfer fallen.[61]

Für die Einrichtung von Palmölplantagen beispielsweise in Indonesien werden häufig Regenwaldflächen gerodet, die eine Klimagas-Senke darstellen und eine große Artenvielfalt beherbergen.[62] Weltweit werden jedoch nur 5 % der Palmölproduktion energetisch genutzt; der Großteil wird für Lebensmittel (Margarine,…) und Gebrauchsgegenstände (Kosmetika, Seifen,…) verwendet.[63] Palmöl ist in Mittel- und Nordeuropa nicht als Treibstoff nutzbar, da der Treibstoff sich bei niedrigen Temperaturen verfestigt. Es wird jedoch als Treibstoff in der Strom- und Wärmeerzeugung eingesetzt.

Im Amazonas ist dagegen der Energiepflanzenanbau (z.B. von Zuckerrohr) keine bedeutende Gefährdung der Regenwälder, sondern vielmehr der Anbau von Futtermitteln sowie Weideflächen. Laut Greenpeace gehen insgesamt 80 Prozent des Regenwaldverlustes im Amazonasgebiet auf das Konto der Tierhaltung.[64]

Für in Deutschland verwendete Biokraftstoffe wird kein Regenwald abgeholzt: Bioethanol wird zu 90 % aus Getreide und Zuckerrüben hergestellt, die in Deutschland und der EU angebaut und auch verarbeitet werden. Weitere 10 Prozent werden aus Zuckerrohr hergestellt, der auf Plantagen außerhalb des Regenwaldes angebaut wird.[65][66]. Die Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung schreibt gesetzlich vor, dass ein Nachweis über die Herkunft und Produktionsbedingungen der in der EU verwendeten Bioenergie vorgelegt werden muss.

Vermeidung von Sojaimporten durch Biokraftstoffe[Bearbeiten]

Beim Anbau von Bioenergie aus Raps, Getreide und Zuckerrüben in Deutschland fallen neben dem Kraftstoff selbst auch sog. Koppelprodukte an, die als Futtermittel verwendet werden. Rapsschrot bzw. Rapskuchen aus der Biodieselherstellung sowie Getreidetrockenschlempe und Rübenschnitzel/-melasse aus der Bioethanolherstellung eignen sich in der Viehzucht als wertvolle Eiweißfuttermittel, und ersetzen damit Importe von Sojaschrot aus Übersee. Dadurch vermindert sich der Druck auf Anbauflächen in anderen Ländern und mindert den Druck zur Rodung von Regenwäldern. Derzeit (2010) wachsen in Deutschland auf einer Fläche von 1,2 Mio. ha Pflanzen für die heimische Biokraftstoffproduktion. Damit wurden 2,0 Mio. t Biokraftstoffe sowie gleichzeitig 2,3 Mio. t Futtermittel hergestellt (Soja-Futtermitteläquivalent). Um die in Deutschland gehaltenen Rinder, Schweine und Hühner zu versorgen, wurden 2010 insgesamt 5,1 Mio. t Soja-Futtermittel importiert, davon 4,2 Mio. t aus Südamerika und 0,9 Mio. t aus dem Rest der Welt. Insbesondere in Südamerika wird der Sojaanbau häufig mit der Regenwaldzerstörung und nicht nachhaltigen Anbaumethoden in Verbindung gebracht.[67]

Gesetzliche Nachhaltigkeitanforderungen[Bearbeiten]

Durch die seit August 2009 in Deutschland gültige Biomassestrom-Nachhaltigkeitsverordnung (BioSt-NachV) und der seit September 2009 gültigen Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung (Biokraft-NachV) soll eine nachhaltige Produktion sichergestellt werden. Grundlage der Verordnungen sind entsprechende Anforderungen gemäß der EU-Richtlinie 2009/28/EG (Erneuerbare-Energien-Richtlinie).[68]

Flüssige Biomasse, die zur Stromerzeugung eingesetzt und nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet wird, kann demnach nur gesetzlich vergütet werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass beim Anbau verbindliche ökologischer und sozialer Nachhaltigkeitsstandards beachtet wurden. Biokraftstoffe im Verkehrssektor, die auf die gesetzlichen Quoten angerechnet werden, müssen ebenfalls die vorgeschriebenen Nachhaltigkeitskriterien erfüllen und nachweislich zu einer Treibhausgas-Einsparung in Höhe von mindestens 35 % bzw. 50 % im Vergleich zum jeweiligen fossilen Referenzkraftstoff führen.

Der Nachweis, dass die Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllt werden, ist durch ein Zertifizierungsverfahren zu erbringen. Die Ausstellung ist an die Einhaltung anerkannter Zertifizierungssysteme gebunden und wird von unabhängigen und akkreditierten Zertifizierungsstellen wie Bureau Veritas[69] oder dem TÜV überwacht. Die Hersteller müssen u.a. nachweisen, dass sie ihre Produkte im Interesse des Umwelt-, Klima- und Naturschutzes herstellen und keine schützenswerten Flächen zerstören.

In Deutschland gibt es derzeit zwei von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) anerkannte Zertifizierungssysteme für Biokraftstoffe: International Sustainability & Carbon Certification (ISCC)[70] und REDcert[71].

Der Direktor des Umweltbundesamtes, Jochen Flasbarth, erklärte: „Würden an alle landwirtschaftlichen Nutzungen so hohe Anforderungen wie an den Biosprit gestellt, dann lebten wir in einer besseren Welt.“[72]

Reformpläne[Bearbeiten]

Die EU-Kommission plant gemäß ihrem im Oktober 2012 vorgestellten Vorschlag zur Änderung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (EG), die Einbeziehung der aus Nahrungsmittelpflanzen gewonnenen Biokraftstoffe bei der Erreichung der Mindestquoten im Jahr 2020 von 10 % auf 5 % zu reduzieren. Dadurch soll die Entwicklung alternativer so genannter Biokraftstoffe der zweiten Generation auf Non-Food-Basis gefördert werden. Diese werden z. B. aus Abfall oder Stroh gewonnen, und haben daher keine direkten Auswirkungen auf die globale Nahrungsmittelproduktion. Zum ersten Mal sollen bei der Bewertung der Treibhausgasbilanz von Biokraftstoffen auch die geschätzten Folgen der globalen Landnutzungsänderungen (Indirekte Landnutzungsänderung − "ILUC") berücksichtigt werden, die etwa zur Verdrängung von Regenwäldern oder Nahrungsmittelanbau zugunsten von Biokraftstoffen führen könnten. Darüber hinaus will die Kommission die Mindestschwellenwerte für die Treibhausgasreduktion bei neuen Anlagen auf 60 Prozent erhöhen.[73]

Mehrere Wissenschaftler, Bauernverbände und die Biokraftstoffbranche kritisierten den Vorschlag als nicht sachgerecht. Die Reduzierung der Mindestquoten von Biokraftstoffen auf Food-Basis auf 5 % sei willkürlich und die Abgrenzung zu Kraftstoffen auf Non-Food-Basis schwierig. Die nach Deutschland importierten Biokraftstoffe stammten zudem nicht aus ökologisch wertvollen Flächen, sondern von ehemals stillgelegten Flächen in Osteuropa.[74] Die zugrundeliegenden Studien wie des International Food Policy Research Institut (IFPRI)[75] stießen auf Kritik aufgrund methodischer Schwächen. So würde den Schlussfolgerungen der Studie zufolge die Produktion von Raps für Biodiesel etwa in Brandenburg über Verdrängungseffekte dazu führen, dass Regenwald in Indonesien abgeholzt werde, was nach Ansicht von Kritikern nicht nachvollziehbar sei.[76][77] In einer gemeinsamen Stellungnahme lehnten 16 Verbände der Land- und Bioenergiewirtschaft, einschließlich des Deutschen Bauernverbands und dem Bundesverband Erneuerbare Energie, die „überstürzten“ Reformpläne der EU als nicht zielführend ab.[78]

Kritik[Bearbeiten]

Die Bürgerrechtsorganisation Lobbycontrol kritisierte 2009 den Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V. für Maßnahmen verdeckter Öffentlichkeitsarbeit (so genanntes Astroturfing). Die PR-Agentur Berlinpolis hatte u.a. in den Zeitungen Junge Welt, der FAZ, der Frankfurter Rundschau und auf Focus Online vorgebliche Leserbriefe veröffentlicht.[79][80] Auftraggeber von Berlinpolis war die Lobbyagentur European Public Policy Advisers GmbH (abgekürzt EPPA).

Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore erklärte es im November 2010 als Fehler, dass er während des Wahlkampfes im Jahre 2000 mehr auf die Stimmen der amerikanischen Farmer als auf die Folgen für die Umwelt geachtet habe. Er bereue im Nachhinein seine Unterstützung für den Maisanbau, der nur der Erzeugung von Biokraftstoff diente.[81]

In der Publikation Agrotreibstoffe - weder öko noch fair [82] der entwicklungspolitischen Organisation Aktion 3. Welt Saar wird neben dem Argument der Verteuerung der Nahrungsmittel eingewandt, dass große Unternehmen wie zum Beispiel die Deutsche Bank vermehrt in Kulturland investierten, um darauf in Zukunft Energiepflanzen für die Biokraftstoffproduktion anbauen zu können. Laut Aktion 3. Welt Saar würde gerade auch in solchen Gebieten in Landkauf investiert, „die bisher von bäuerlicher Landwirtschaft geprägt waren und deren Besitzverhältnisse - wie überwiegend in West- und Zentralafrika - durch traditionelle und nicht durch schriftlich fixierte Landrechte geregelt sind“. „Landvertreibung und Landflucht, Monokultur und gentechnisch veränderte Pflanzen, Verschmutzung von Wasser, schlechte Arbeitsbedingungen für die oft eingewanderten Arbeiter“ seien nicht selten „die Folge solcher Landaufkäufe“.

Die Agentur für Erneuerbare Energien hat zu verschiedenen Kritikpunkten Stellung genommen.[83]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Biokraftstoff – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Susanne Klaiber: Kaninchen als Heizmaterial: Kuschelbrikett mit Ohren. In: sueddeutsche.de. 23. Oktober 2009, abgerufen am 25. Oktober 2011.
  2. Helena Merriman: Swedes divided over bunny biofuel. In: BBC News. 15. Oktober 2009, abgerufen am 25. Oktober 2011 (englisch).
  3. a b c d Biokraftstoffe Basisdaten Deutschland, Stand Oktober 2009 Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR), Gülzow, 2009, 14-seitige Broschüre, als pdf verfügbar
  4. a b c Biokraftstoffe Basisdaten Deutschland, Stand Januar 2008 Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR), Gülzow, 2008, Broschüre, wegen aktualisierter Version nicht mehr als pdf verfügbar
  5. Einsatzmöglichkeiten. (Version vom 3. November 2011 im Internet Archive)
  6. Bericht bei Johannes B. Kerner über E85
  7. Firmenseite zum Supersportwagen Koenigsegg Agera
  8. http://www.airliners.de/technik/forschungundentwicklung/klm-setzt-biotreibstoff-ein/24546
  9. http://www.bild.de/geld/wirtschaft/lufthansa/fliegt-jetzt-mit-oeko-sprit-18783698.bild.html
  10. PM Lufthansa
  11. Pressemitteilung von Rettet den Regenwald e.V. http://www.regenwald.org/pressemitteilungen/3638/lufthansa-auf-dem-irrflug-agrosprit-bedeutet-umweltzerstoerung-und-menschenrechtsverletzungen
  12. Reuters Bericht zu Studien über Biokraftstoffen http://www.reuters.com/article/2011/07/08/us-eu-biofuels-idUSTRE76726B20110708
  13. Sendung Kontext von Radio DRS 2 vom 21. Juli 2010
  14. Studie des Instituts für Nachhaltigkeitsanalysen und -strategien (IINAS) und dem Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg GmbH (ifeu) im Auftrag von Shell, 2012
  15. Alterra/IIASA: Atlas of EU biomass potentials. Download (PDF)
  16. EU-Forschungsprojket 4FCrops
  17. a b c d e f Ralph Ahrens: Biokraftstoffe sind weltweit ein Hit. In: VDI-nachrichten vom 9. September 2011, Heft 36, S. 10.
  18. Security Project: Advanced Biofuels and National Security
  19. http://www.bverfg.de/pressemitteilungen/bvg07-084.html Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Besteuerung von Biokraftstoffen ab 1. August 2006, erlassen am 25. Juli 2007
  20. Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage von H.J. Fell; Berichterstattung in der Main-Post
  21. Oebu Schweiz: Vernehmlassung zur CO2-Verordnung, 2012
  22. Alex Hauri, greenpeace Schweiz, Kommentar zum Beschluss des Nationalrates zur CO2-Gesetz-Revision, 1. Juni 2010
  23. Meldung auf der Seite des Nachhaltigkeitsrats
  24. OECD: Growing bio-fuel demand underpinning higher agriculture prices, says joint OECD-FAO report, 4. Juli 2007; bezogen auf OECD-FAO: OECD-FAO Agricultural Outlook 2007-2016 (PDF; 779 KB)
  25. Mitchell, Donald: A Note on Rising Food Prices. April 8, 2008
  26. Hildegard Stausberg: Ethanol-Durst der USA löst Tortilla-Krise aus. In: Die Welt Online. 5. Februar 2007
  27. Growing bio-fuel demand underpinning higher agriculture prices, says joint OECD-FAO report, 4. Juli 2007; bezogen auf OECD-FAO: OECD-FAO Agricultural Outlook 2007-2016 (PDF; 779 KB)
  28. Florian Krebs: UN-Konferenz zur Nahrungskrise Informationsdienst Wissenschaft, 2. Juni 2008
  29. UN-Energy: Sustainable Bioenergy. A Framework for Decision Makers (S. 36 PDF; 1,01 MB. (Version vom 8. April 2011 im Internet Archive))
  30. Welthungerhilfe-Nahrungsmittelstudie
  31. Oxfam Fact Sheet (PDF; 200 kB)
  32. UNCTAD (2009): The global economic crisis: systemic failures and multilateral remedies. Chapter III: Managing the financialization of commodity futures trading. S. 38
  33. John Baffes, Tassos Haniotis, Placing the 2006/08 Commodity Price Boom into Perspective, Policy Research Working Paper, The World Bank Development Prospects Group, July 2010, S. 20
  34. Videoaufzeichnung; „Transparenz hilft gegen Rohstoffspekulation“, Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, 27. Juni 2011; Stellungnahme von Dirk Müller
  35. "Lebensmittel wegzuwerfen ist sinnlos". Bericht auf Zeit Online, 22. Januar 2013
  36. Augsburger Allgemeine: Nahrungsmittelverschwendung führt zu Umweltschäden
  37. Renews Kompakt: Agrarmärkte 2013 (PDF; 923 kB)
  38. Agentur für Erneuerbare Energien: Globale Bioenergienutzung – Potenziale und Nutzungspfade. Berlin 2009, S. 9
  39. Information der Agentur für Erneuerbare Energien
  40. a b Uwe R. Fritsche, Kirsten Wiegmann: Treibhausgasbilanzen und kumulierter Primärenergieverbrauch von Bioenergie-Konversionspfaden unter Berücksichtigung möglicher Landnutzungsänderungen. WBGU, Berlin 2008 (Expertise des Öko-Instituts zum WBGU-Gutachten 2008)
  41. http://www.reuters.com/article/2011/07/08/us-eu-biofuels-idUSTRE76726B20110708
  42. Joseph Fargione, Jason Hill, David Tilman, Stephen Polasky, Peter Hawthorne: Land Clearing and the Biofuel Carbon Debt. Englisch. In: Science, 7. Februar 2008. Online auf sciencemag.org.
  43. Nora Schlüter: Financial Times Deutschland: Lachgas ist Ozonkiller Nummer Eins. In: Financial Times Deutschland. 28. August 2009, archiviert vom Original am 12. Januar 2010, abgerufen am 24. November 2012 (deutsch).
  44. Ravishankara, A. R. et al.: Nitrous Oxide (N2O): The Dominant Ozone-Depleting Substance Emitted in the 21st Century.. In: Science. Epub ahead of print, 2009. PMID 19713491.
  45. Süddeutsche Zeitung: Alternative Energiequellen – Klimakiller vom Acker, 26. September 2007
  46. Die Zeit: Ernüchternde Klimabilanz, 26. September 2007
  47.  P. J. Crutzen, A. R. Mosier, K. A. Smith & W. Winiwarter: N2O release from agro-biofuel production negates global warming reduction by replacing fossil fuels. In: Atmos. Chem. Phys. Discuss. 7, 2007, S. 11191–11205 (Abstract).
  48.  P. J. Crutzen, A. R. Mosier, K. A. Smith & W. Winiwarter: N2O release from agro-biofuel production negates global warming reduction by replacing fossil fuels. In: Atmos. Chem. Phys. 8, 2008, S. 389-395 (Abstract und vollständige Veröffentlichung als PDF).
  49. Manfred Wörgetter, Marion Lechner, Josef Rathbauer: Ökobilanz Biodiesel. Eine Studie der Bundesanstalt für Landtechnik im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft. März 1999. S. 19 (PDF; 79 kB)
  50. Ökologische und wirtschaftliche Aspekte des Einsatzes von Biodiesel, Studie des Fraunhofer-Instituts
  51. http://www.unep.fr/scp/rpanel/pdf/Assessing_Biofuels_Full_Report.pdf
  52. Edelmann et al.: Ökologischer, energetischer und ökonomischer Vergleich von Vergärung, Kompostierung und Verbrennung fester biogener Abfallstoffe. 2000
  53. SRU: Klimaschutz durch Biomasse. Sondergutachten. 2007
  54. R. Zah et al: Ökobilanz von Energieprodukten. 2007
  55. Kosten und Ökobilanzen von Biokraftstoffen
  56. Pressemitteilung Agentur für Erneuerbare Energie, 22. Juni 2012
  57. Wolfgang Gründinger: Die Energiefalle. Rückblick auf das Erdölzeitalter. München 2006, Kapitel 2
  58. Biokraftstoffproduzenten kritisieren einseitige Debatte um E10 Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V., Pressemitteilung, 24. Februar 2011
  59. Catherine Bowyer: Anticipated Indirect Land Use Change Associated with Expanded Use of Biofuels and Bioliquids in the EU – An Analysis of the National Renewable Energy Action Plans Institute for European Environmental Policy, November 2010 (englisch) (PDF; 607 kB)
  60. Melanie Hahn: Klima-Studie: Biosprit schädlicher als fossile Brennstoffe DailyGreen-Internetportal, 7. November 2010
  61. Renews Kompakt: Indirekte Landnutzungsänderung - Problem oder Trugbild? 2012
  62. Scientists warn on biofuels as palm oil price jumps (englisch) Reuters, 1. Juni 2006
  63. US Dep. of Agriculture 2008
  64. Greenpeace Brazil (Hrsg.). Amazon Cattle Footprint, Mato Grosso: State of Destruction
  65. Informationsseite des BMU
  66. Broschüre der Agentur für Erneuerbare Energien: „Der volle Durchblick in Sachen Bioenergie“; wissenschaftliche Studien: Factsheet zu zentralen Kritikpunkten an der Studie des Institute for European Environmental Policy (IEEP) “Anticipated Indirect Land Use Change Associated with Expanded Use of Biofuels and Bioliquids in the EU – An Analysis of the National Renewable Energy Action Plans” Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie e.V. (PDF)
  67. Zahlen und Grafik bei der Agentur für Erneuerbare Energie
  68. Information zur Nachhaltigkeitverordnung-Biomassestrom und -Biokraftstoff Umweltgutachter-Ausschusses (UGA) des BMU, abgerufen am 25. November 2009
  69. Nachhaltigkeitsprüfung von Biomasse und Biokraftstoffen
  70. Willkommen beim ISCC-Projekt. (Version vom 16. Januar 2010 im Internet Archive)
  71. http://www.redcert.org/
  72. Tagesspiegel, 7. März 2011; vgl. auch Renews Kompakt Okt. 2013, S. 8
  73. Neuer Vorschlag der Kommission zur Verbesserung der Klimabilanz bei der Herstellung von Biokraftstoffen
  74. VDB: Willkürlicher Entwurf: EU-Kommission will Biokraftstoffproduktion stutzen. 17. Oktober 2012
  75. IFPRI-Studie (PDF; 2,4 MB)
  76. Renews Kompakt: Indirekte Landnutzungsänderung - Problem oder Trugbild? 2012
  77. Stellungnahme VDB
  78. Verbände: 16 Verbände lehnen überstürzte Änderung der Biokraftstoffziele ab, online auf biomasse-nutzung.de vom 7. Oktober 2012.
  79. Erneut verdeckte Meinungsmache - heute: Biosprit www.lobbycontrol.de-Internetportal, 10. Juli 2009
  80. Peter Nowak: Greenwashing für Biosprit aufgedeckt. Die Biospritbranche hat monatelang mit PR-Aktionen in eigener Sache die öffentliche Meinung zu beeinflussen versucht. Telepolis online, Rubrik „Energie & Klima-News“, 14. Juli 2009
  81. Politics Daily, 23. November 2010 (englisch)
  82. Agrotreibstoffe - weder öko noch fair, Aktion 3. Welt Saar, Frühjahr 2012 (PDF; 377 kB)
  83. Hintergrundpapier: Kritik an Biokraftstoffen im Faktencheck (Oktober 2013)