Birger Gerhardsson

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Birger Gerhardsson (* 26. September 1926 in Vännäs, Provinz Västerbottens län; † 25. Dezember 2013) war ein schwedischer Theologe und Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Lund, Schweden.[1] Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der mündlichen Weitergabe der – in die Evangelien des Neuen Testaments mündenden – Berichte über die Worte und Taten Jesu.

Akademische Laufbahn[Bearbeiten]

Gerhardsson erwarb 1952 den Grad eines Bachelor und wurde 1953 zum lutherischen Pastor ordiniert. Er unterrichtete an der Fjellstedtska-Schule in Uppsala (von 1953–58 und 1961–64). Gleichzeitig setzte er sein Theologiestudium fort (Abschluss mit Lizentiat 1956), wurde 1961 zum Doktor der Theologie promoviert und erhielt eine außerordentliche Professur für neutestamentliche Exegese an der Universität Uppsala. Ab 1965 war er Universitätsprofessor für Exegese in Lund.

Gerhardsson war Präsident der SNTS (Society for New Testament Studies). Er ist Mitglied der Nathan Söderblom-Gesellschaft und der Königlichen humanistisch-wissenschaftlichen Gesellschaft von Lund („Kungliga Humanistiska Vetenskaps-Samfundet i Lund“).

Erforschung der Evangelien[Bearbeiten]

Gerhardssons wissenschaftlicher Hauptfokus galt der Weitergabe und Entwicklung mündlicher Überlieferungen der Evangelientexte. Wie sein Lehrer, der Schwede Harald Riesenfeld[2], betonte er das Einprägen der Worte Jesu in Analogie zum Lehrbetrieb jüdischer Rabbinen (die Forschung sprach dann vom „skandinavischen Zugang“[3]).

Ein besonderer Brennpunkt der neutestamentlichen Forschung war das synoptische Problem: Wie sind die großen Ähnlichkeiten, aber auch die Unterschiede zwischen den ersten drei Evangelien zu erklären? Entsprechend der beiden Grundformen zwischenmenschlicher Kommunikation (mündlich und schriftlich) gibt es bei der Beantwortung des synoptischen Problems grundsätzlich zwei Wege (und die Kombination beider). Die Mehrheit der Neutestamentler konzentriert sich auf „literarische“ Lösungen, wobei die Betonung des „Schriftlichen“ sowohl die Form der Weitergabe betrifft als auch die Bewahrung von Informationen auf einem Träger (z.B. Pergament). Die – auch von Gerhardsson bevorzugte – „mündliche“ Lösung umfasst die mündliche Weitergabe sowie das menschliche Gedächtnis als Speichermedium.[4] Gemäß der sogenannten „Traditionshypothese“ sind die ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) das Ergebnis eines vom menschlichen Gedächtnis getragenen mündlichen Überlieferungsprozesses.

Um die Bedeutung des Gedächtnisses bei der Weitergabe der schließlich in den Evangelien festgehaltenen Worte und Taten Jesu ging es bereits in Gerhardssons Doktorarbeit (Memory and Manuscript). Darin griff er das im Unterricht der Rabbinen wichtige Memorieren (Auswendiglernen) auf und verwies auf Ähnlichkeiten im Unterricht Jesu. Außerdem betonte er die überlieferungsbewahrende Funktion des Zwölferkreises.[5] Gegen die Vorstellung eines Auswendiglernens wurde vor allem auf die Unterschiede zwischen den Synoptikern hingewiesen.[6]

Über Gerhardsson wurde gesagt, er habe die Kategorie des Gedächtnisses in die Evangelienforschung eingeführt.[7] Dieser „skandinavische Ansatz“ regte unter anderem Rainer Riesner an, die Doktorarbeit Jesus als Lehrer (1981) zu verfassen. Samuel Byrskog, ein Schüler Gerhardssons, untersuchte hinsichtlich der Jesusworte in den Evangelien die Wechselwirkung von mündlicher und schriftlicher Überlieferung im Altertum, jeweils ausgehend von den Berichten von Augenzeugen.[8] Die Betonung des Faktors „Gedächtnis“, in Verbindung mit der mündlichen Weitergabe, wurde zuletzt von Armin Daniel Baum unter Miteinbezug von Vergleichsmaterial aus Lernpsychologie und Volkskunde ausgearbeitet (Der mündliche Faktor und seine Bedeutung für die synoptische Frage, 2008). Das von Gerhardsson herausgestrichene Einprägen wird mittlerweile in der neutestamentlichen Forschung ernsthaft erwogen. So verweist etwa Ulrich Wilckens darauf, dass „die Menschen damals über eine erstaunliche Gedächtnisfähigkeit verfügten“, wie das „aus den vielerlei Lernvorgängen in den Synagogen und Rabbinenschulen bekannt“ sei.[9] Wilckens geht davon aus, „dass schon zu Jesu Lebzeiten seine Jünger seine Verkündigung und Lehre für sich und für neu Hinzugestoßene im Wortlaut sich eingeprägt haben“. Das gelte aber nicht nur für Jesu Worte, sondern auch für seine Handlungen: „Auch Erzählungen der Wundertaten Jesu sind wohl bereits in vorösterlicher Zeit in relativ festen Formulierungen überliefert ... worden“.

Seine theologischen Publikationen verfasste Gerhardsson vor allem in englischer Sprache, z.T. aber auch in Deutsch, Französisch und in seiner schwedischen Muttersprache.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Deutsch:

  • Die Anfänge der Evangelientradition. R. Brockhaus, Wuppertal 1977 (Abdruck von vier 1976 gehaltenen Vorträgen; mit einem Vorwort von Klaus Haacker und Otto Michel).
  • Der Weg der Evangelientradition. In: Peter Stuhlmacher (Hrsg): Das Evangelium und die Evangelien (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testamtent; 28). Mohr, Tübingen 1983, S. 79-102.

Englisch:

  • Memory and Manuscript. Oral Tradition and Written Transmission in Rabbinic Judaism and Early Christianity (Acta Seminarii Neotestamentici Upsaliensis; 22). Uppsala 1961 (Dissertation), 2. Auflage 1964.[10]
  • Tradition and Transmission in Early Christianity (Coniectanea Neotestamentica; 20). C.W.K. Gleerup, Lund 1964.
  • The Parable of the Sower and its Interpretation. In: New Testament Studies 14 (1967/68) S. 165-193.
  • The Origins of the Gospel Traditions. Fortress Press, Philadelphia 1979.
  • The Shema in the New Testament. Deut 6:4-5 in significant passages. Novapress, Lund 1996 (Sammelband mit 17 früheren Aufsätzen).
  • The Reliability of the Gospel Tradition. Hendrickson Publishers, Peabody (Mass.) 2001.
  • The Secret of the Transmission of the Unwritten Jesus Tradition. In: New Testament Studies 51 (2005), S. 1-18.

Französisch:

  • Jésus livré et abandonné d'après la passion selon Saint Matthieu. In: Revue Biblique 76 (1969) S. 206-227.

Schwedisch:

  • Ur Matteusevangeliet [Kommentar zu Matthäus 1-2, 5-7, 26-28]. In: Lars Hartman (Hrsg.): Ur Nya Testamentet. Lund 1970, S. 113-206.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Biographische Angaben in: Svensk biografisk handbok, 1969
  2. Harald Riesenfeld: The Gospel Tradition and its Beginnings (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur Bd. 73), Berlin 1959, S. 43-65.
  3. William David Davies: Reflections on a Scandinavian Approach to the Gospel Tradition. In: Festschrift für Oscar Cullmann. Leiden 1962, S. 14-34.
  4. Erläutert von Franz Graf-Stuhlhofer in: European Journal of Theology 19 (2010) S. 97-99.
  5. Craig Blomberg: Die historische Zuverlässigkeit der Evangelien. VTR, Nürnberg 1998, S. 44f.
  6. Blomberg: Die historische Zuverlässigkeit, S. 45.
  7. So Werner H. Kelber: The Works of Memory: Christian Origin as MnemoHistory – A Response. In: Alan K. Kirk, Tom Thatcher (Hrsg.): Memory, Tradition and Text. Uses of the Past in Early Christianity (SBL Semeia Studies; 52). SBL, Atlanta 2005, S. 229–248, dort S. 231–235.
  8. Samuel Byrskog: Story as History – History as Story. The Gospel Tradition in the Context of Ancient Oral History (WUNT 123). Mohr Siebeck, Tübingen 2000.
  9. Ulrich Wilckens: Kritik der Bibelkritik. Wie die Bibel wieder zur Heiligen Schrift werden kann. Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2012, S. 164.
  10. Wichtige Rezensionen zu seiner Dissertation sind aufgelistet in Gerhardsson: Anfänge, S. 66.