Blattloser Widerbart

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Blattloser Widerbart
Blattloser Widerbart (Epipogium aphyllum)

Blattloser Widerbart (Epipogium aphyllum)

Systematik
Ordnung: Spargelartige (Asparagales)
Familie: Orchideen (Orchidaceae)
Unterfamilie: Epidendroideae
Tribus: Gastrodieae
Gattung: Widerbart (Epipogium)
Art: Blattloser Widerbart
Wissenschaftlicher Name
Epipogium aphyllum
Sw.

Der Blattlose Widerbart (Epipogium aphyllum),[1] auch Ohnblatt genannt, ist eine der seltensten und ungewöhnlichsten heimischen Pflanzenarten aus der Familie der Orchideen (Orchidaceae).

Beschreibung[Bearbeiten]

Blüten des Widerbarts

Der Blattlose Widerbart ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die Wuchshöhen von 5 bis 30 Zentimeter erreicht. Er ist ein blattloser und chlorophyllfreier Geophyt mit einem fleischigen Rhizom, das stark verzweigt ist und einer Koralle ähnelt. Diese Pflanzenart ist mit ihrer mykoheterotrophen Ernährungsweise lebenslang auf die Pilzsymbiose angewiesen. Der kahle Stängel ist weiß bis schmutzigrosa gefärbt und hat ein bis drei stängelumfassende Schuppenblätter.

Der wenigblütige, ährige Blütenstand trägt eine bis zehn Blüten. Die zygomorphen Blüten sind nicht resupiniert, das heißt die üblicherweise nach unten zeigende Lippe zeigt hier nach oben. Die gelbweißen bis rötlichen Blütenhüllblätter sind 10 bis 15 Millimeter lang. Die Lippe ist 5 bis 10 Millimeter lang, weiß, und mit rötlichen Papillen überzogen. Der Sporn ist dick und sackförmig.

Ende Juli bis Anfang August, seltener auch schon früher, erscheint der Trieb über der Erde. Die Blütezeit beginnt bald darauf und ist meist sehr kurz. Gelegentlich blüht die Pflanze auch unterirdisch.

Die Samenreife erfolgt innerhalb von wenigen Tagen.

Chromosomensatz[Bearbeiten]

Der Blattlose Widerbart besitzt einen Karyotyp von zwei Chromosomensätzen und jeweils 34 Chromosomen (Zytologie: 2n = 68).

Ökologie[Bearbeiten]

Der Blattlose Widerbart bildet mit einem Wurzelpilz eine endotrophe Mykorrhiza.[2] Der Same dieser Orchidee enthält keinerlei Nährgewebe für den Keimling. Die Keimung erfolgt daher nur bei Infektion durch einen Wurzelpilz (Mykorrhiza). Auch im erwachsenen Stadium ist der Widerbart auf den Pilz angewiesen (Vollmykotrophie).

Er kommt nachweislich oft mehrere Jahre hintereinander nicht zur Blüte. Anders als bei anderen einheimischen Orchideen bleibt bei ihm die Blüte ungedreht, so dass die Lippe nach oben zeigt.[2]

Vorkommen[Bearbeiten]

Der Widerbart in einem Fichtenwald in der Baar

Verbreitet, aber generell selten ist der Widerbart in Europa und Vorderasien mit Ausnahme der mediterranen Gebiete, nach Osten bis Sibirien, Japan, Halbinsel Kamtschatka und dem Himalaya. Florenelemente: submediterran, mittel-atlantisch, subatlantisch, zentraleuropäisch, karpatisch, sarmatisch, mittel-sibirisch, skandinavisch (nach BUTTLER).

In Deutschland befinden sich die dichtesten Vorkommen auf der Schwäbischen Alb, dem Alpenvorland und in der Mitte Deutschlands, wo Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen aufeinandertreffen. Außerhalb dieser Gebiete wurden nur wenige größere Vorkommen nachgewiesen. Viele sind seit längerer Zeit unbestätigt oder erloschen. In der Schweiz hauptsächlich in alpinen Regionen, aber auch außerhalb wurden Pflanzen an mehreren Fundorten nachgewiesen. Viele dieser Fundorte sind seit langem unbestätigt.

Als Standort bevorzugt der Widerbart schattige Laub- und Nadelwälder mit hoher Luftfeuchtigkeit, höherer Bodenfeuchte, dicker Humusauflage und Totholz.

Er findet sich in den Pflanzengesellschaften: Unterverband Asperulo-Fagenion (Mull-Buchenwälder), Unterverband Galio-Abietenion (Labkraut-Tannenwälder), Verband Vaccinio-Piceion (Heidelbeeren-Fichtenwälder).

Naturschutz und Gefährdung[Bearbeiten]

Der Blattlose Widerbart ist durch nationale und internationale Gesetze streng geschützt.

Rote Liste Deutschland:2
Rote Listen Baden-Württemberg:V (Vorwarnliste), Bayern:2, Hessen:2, Nordrhein-Westfalen:2, Rheinland-Pfalz:2, Sachsen-Anhalt:4, Thüringen:1, Mecklenburg-Vorpommern: 1. In den übrigen Ländern kommt diese Art nicht vor.

Die Bestände sind rückläufig. Gründe sind unter anderem Klimaveränderung und Kahlschläge. Unerwarteterweise war die Blüte im Jahrhundertsommer 2003 sehr langanhaltend und zahlreich. Die Auswirkungen machten sich erst im darauffolgenden Jahr bemerkbar: es erschienen deutlich weniger Pflanzen.

Um auf die besondere Schutzwürdigkeit dieser seltenen Art hinzuweisen, wurde der Blattlose Widerbart von den Arbeitskreisen Heimische Orchideen (AHO) zur Orchidee des Jahres 2014 gewählt.

Taxonomie[Bearbeiten]

Die Erstveröffentlichung erfolgte 1753 durch Carl von Linné in seinem Werk Species Plantarum als Satyrium epipogium. Satyrium ist heute der wissenschaftliche Name einer hauptsächlich im südlichen Afrika vorkommenden Orchideengattung. Der gültige botanische Name ist Epipogium aphyllum Sw. 1814. Der botanische Gattungsname Epipogium leitet sich von den altgriechischen Wörtern ἐπί (epi) für auf, oben, nach oben, aufwärts und ὁ πώγων, -ωνος (pōgōn) = der Bart ab; das Artepitheton aphyllum von ἄφυλλος (áphyllos) bedeutet blattlos.

Weitere Synonyme für Epipogium aphyllum Sw. sind Epipogium gmelinii (L.) Rich. 1817 und Orchis aphylla F.W.Schmidt 1791.

Literatur[Bearbeiten]

Standardliteratur über Orchideen
  • AHO (Hrsg.): Die Orchideen Deutschlands. Verlag AHO Thüringen Uhlstädt – Kirchhasel, 2005, ISBN 3-0001-4853-1.
  • H. Baumann, S. Künkele:Die wildwachsenden Orchideen Europas. Frankh, 1982, ISBN 3-4400-5068-8.
  • Karl-Peter Buttler: Orchideen, die wildwachsenden Arten und Unterarten Europas, Vorderasiens und Nordafrikas. Mosaik Verlag 1986, ISBN 3-5700-4403-3.
  • Robert L. Dressler: Die Orchideen - Biologie und Systematik der Orchidaceae. (1996) – gutes Werk zum Thema Systematik [deutsch]
  • Hans Sundermann: Europäische und mediterrane Orchideen. Brücke-Verlag, 2. Auflage: 1975, ISBN 3-8710-5010-5.
  • J. G. Williams: Orchideen Europas mit Nordafrika und Kleinasien. BLV Verlag, ISBN 3-4051-1901-4.
Spezielle Literatur
  • Fritz Füller: Limodorum, Epipogium, Neottia, Corallorhiza (Orchideen Mitteleuropas, 7. Teil). 3. Auflage (unveränderter Nachdruck der 2. Auflage von 1977). Westarp Wissenschaften, Hohenwarsleben 2002 (Die Neue Brehm-Bücherei, Band 385), ISBN 3-89432-491-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Blattloser Widerbart. In: FloraWeb.de.
  2. a b  Dietmar Aichele, Heinz-Werner Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas. 2. Auflage. Band 5: Schwanenblumengewächse bis Wasserlinsengewächse, Franckh-Kosmos, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-08048-X.

Bildergalerie[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Blattloser Widerbart (Epipogium aphyllum) – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Siehe auch