Bleicherode

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Wappen Deutschlandkarte
Wappen der Stadt Bleicherode
Bleicherode
Deutschlandkarte, Position der Stadt Bleicherode hervorgehoben
51.43944444444410.571388888889237Koordinaten: 51° 26′ N, 10° 34′ O
Basisdaten
Bundesland: Thüringen
Landkreis: Nordhausen
Höhe: 237 m ü. NHN
Fläche: 28,27 km²
Einwohner: 6437 (31. Dez. 2012)[1]
Bevölkerungsdichte: 228 Einwohner je km²
Postleitzahlen: 99752,
99759 (Elende, Obergebra)Vorlage:Infobox Gemeinde in Deutschland/Wartung/PLZ enthält Text
Vorwahl: 036338
Kfz-Kennzeichen: NDH
Gemeindeschlüssel: 16 0 62 002
Adresse der
Stadtverwaltung:
Hauptstraße 37
99752 Bleicherode
Webpräsenz: www.bleicherode.de
Bürgermeister: Frank Rostek (CDU)
Lage der Stadt Bleicherode im Landkreis Nordhausen
Thüringen Bleicherode Buchholz Ellrich Etzelsrode Friedrichsthal Görsbach Großlohra Hainrode (Hainleite) Harztor Harzungen Heringen/Helme Herrmannsacker Hohenstein Kehmstedt Kleinbodungen Kleinfurra Kraja Lipprechterode Neustadt/Harz Niedergebra Nohra Nordhausen Sollstedt Urbach Werther Wipperdorf WolkramshausenKarte
Über dieses Bild
Rathaus
Stadtkirche
Die Hauptstraße ist die zentrale Ader der Altstadt, zeigt aber dennoch einen gewissen Leerstand
Die Gebäude des Kalischachts in Bleicherode Ost
Bahnhof Bleicherode Ost

Bleicherode ist eine Kleinstadt im Landkreis Nordhausen (Thüringen, Deutschland) mit etwa 6000 Einwohnern umgeben von den Bleicheröder Bergen.

Zur erfüllenden Gemeinde Stadt Bleicherode gehören die eingemeindeten Ortsteile Elende und Obergebra, sowie die Gemeinden Etzelsrode, Friedrichsthal, Kehmstedt, Kleinbodungen, Kraja, Lipprechterode und Niedergebra.

Geographie[Bearbeiten]

Der Ort liegt zwischen Harz und Hainleite und ist in die Bleicheröder Berge, einem Teil des Ohmgebirges eingebettet. Im Norden liegt in geringer Entfernung der Harz, im Osten die Goldene Aue.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit war die Umgebung von Bleicherode besiedelt, wovon noch heute Reste von Wallanlagen auf den umgebenden Bergen zeugen. So trägt der Lorenzenberg eine umfangreiche Wallanlage. Funde stammen aus dem frühen bis hohen Mittelalter und der frühen Neuzeit. In diese frühgeschichtliche Anlage wurde im Mittelalter eine kleine Burg gebaut, weil von diesem Standort der Talkessel zwischen Windleite, Bleicheröder Bergen, Hainleite und Dün kontrollierbar war. Der Löwenberg ist der nordöstliche Sporn der Bleicheröder Berge, auf dem die Löwenburg stand. Von dort aus besteht eine weite Sicht in Richtung Oberharz, sodass eine gute Kontrolle des Geländes möglich war. Auf dem Berg fand man urgeschichtliche und mittelalterliche Scherben. Wälle, die auf der West- und Südseite das Gelände sicherten, sind noch erhalten.[2] Der Vogelberg ist der am weitesten nach Osten vorgelagerter Berg der Bleicheröder Berge. Von der Höhe ist das Wippertal gut zu überblicken. Der Bergsporn wurde mit einem bogenförmigen Wall und Graben nach Westen gesichert. Der Abschnittswall der frühgeschichtlichen Anlage ist gut erhalten.[3]

Erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ort als Blicherode im Jahr 1130. 1303 erwarb Heinrich der IV. von Hohnstein den Ort und verlieh 1322 begrenzte Marktrechte. Bereits vier Jahre später wurde die Siedlung erstmals als Stadt erwähnt (Recht zur Führung eines eigenen Siegels und Wappens). Im Dreißigjährigen Krieg wurde Bleicherode durch Truppen des Grafen von Pappenheim geplündert und in Brand gesteckt (3. Oktober 1632). In der Not behalfen sich die Bleicheröder mit der Zucht von Weinbergschnecken, die nach Leipzig gebracht und von dort exportiert wurden. Dieser Umstand brachte den Einwohnern den Ortsnecknamen Schneckenhengste ein, da angeblich ein besonders gieriger Kaufmann ein zweites Mal nach Leipzig wollte, aber unterwegs die Schnecken aus dem Winterschlaf aufgewacht waren und so die ganze Wagenladung Schnecken verloren ging. 1648 wurde Bleicherode brandenburgisch und 1699 direkt dem preußischen König unterstellt. Preußenkönig Friedrich II. (der „Alte Fritz“) besuchte 1754 die Stadt.

Am 18. April 1822 wurde in Bleicherode August Petermann geboren. Er war einer der bedeutendsten Kartografen seiner Zeit.

Nachdem 1888 im Raum Bleicherode Kalilager nachgewiesen worden waren, begann man 1899 mit der Förderung von Kalisalzen. Die Kaliindustrie prägte die Stadt bis 1990, als infolge des politischen und wirtschaftlichen Umschwungs die Kaliförderung größtenteils eingestellt wurde. Auf einem kleinen Rest wird noch Versatzbergbau betrieben; die ehemalige Rückstandshalde wird in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen mittelfristig begrünt. Dazu wird in terrassenförmigen Stufen Bau- und Erdaushub aufgetragen. Von 1911 bis zum Zweiten Weltkrieg war die Stadt ein staatlich anerkannter Luftkurort. Am 9. November 1938 wurde die Synagoge in Brand gesteckt und brannte aus. Im Zuge der Novemberpogrome 1938 verlor die Stadt ihre große jüdische Gemeinde. An der Stelle der abgerissenen Synagoge erinnert seit 1986 ein Gedenkstein an sie. Ein jüdischer Friedhof am Vogelberg befindet sich außerhalb des Stadtgebietes und ist nicht öffentlich zugänglich.

Im Jahr 1944 wurde auf Befehl des zuständigen SS-Gruppenführers Hans Kammler die Raketenforschung und -produktion der V2-Rakete von Peenemünde nach Bleicherode verlegt. In Bleicherode konnten die Anlagen in den Stollen untergebracht, versteckt und so vor Luftangriffen geschützt werden. Bis 1945 wurden 5000 Raketen des Typs V 2 hergestellt, und zwar mit Hilfe vieler Zwangsarbeiter, die in einem eigens dafür eingerichteten KZ Dora-Mittelbau in Nordhausen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten mussten. Andere Kriegsgefangene aus dem Vereinigten Königreich und Frankreich sowie 350 Frauen und Männer vorwiegend aus der Sowjetunion mussten in Bleicheröder Unternehmen Zwangsarbeit leisten: in den Technischen Werkstätten Lange & Weinhold, im Kaliwerk, in der Schachtanlage von Velsen in der Baumwollweberei Werner Vogel KG, in der Weberei Gelpke & Klein, bei den Firmen Kulemann und Tölle. Im heutigen Kulturhaus war ein Außenkommando von Dora-Mittelbau mit Militärinternierten aus Italien untergebracht, das beim Hoch- und Tiefbauunternehmen Ohl & Vattrodt eingesetzt war.[4]

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die wegen zweier Reservelazarette "freie Stadt" kampflos von US-amerikanischen Streitkräften besetzt. Anfang Juli wurden diese von der Rotern Armee abgelöst. 1945 kam der „Vater“ der sowjetischen Raketentechnik Sergei Pawlowitsch Koroljow in die Zentralwerke nach Bleicherode. Die Raketenproduktion wurde vor Ort wieder aufgenommen. Mit Plänen deutscher Konstruktionen und deutschen Raketenkonstrukteuren kehrte Koroljow am 22. Oktober 1946 in die Sowjetunion zurück. Neben anderen arbeiteten in dieser Zeit der Assistent Wernher von Brauns, Helmut Gröttrup und der Aerodynamiker Werner Albring unter der Leitung Koroljows auf der Insel Gorodomlia im Seligersee (russisch озеро Селиге́р/osero Seliger) (Oblast Kalinin) an der Entwicklung der Raketentechnik. Anders als die Amerikaner, die deutsche Wissenschaftler mit ihrer Operation Overcast in die USA brachten und bereits ab 1946 mit der Operation Paperclip (Büroklammer) für die Einbürgerung und den Verbleib der Wissenschaftler in den USA sorgten, schöpfte Koroljow nur deren Wissen ab und nutzte es bei den entscheidenden Schritten für die sowjetische Raumfahrt. Erst zwischen 1951 und 1956 durften die Verschleppten in ihre Heimat zurückkehren.

Bis zur Wiedervereinigung Deutschlands war die Stadt Teil der Sowjetischen Besatzungszone und ab 1949 der DDR.

1997 wurde der Ort in die Deutsche Fachwerkstraße aufgenommen. Im Jahre 2005 beging Bleicherode sein 875-jähriges Stadtjubiläum. Höhepunkt war ein Festumzug der Vereine aus Bleicherode.

Am 1. Dezember 2007 wurde Obergebra nach Bleicherode eingemeindet.[5]

Politik[Bearbeiten]

Kommunalwahl 2009[6]
Wahlbeteiligung: 51,5 % (2004: 43,4 %)
 %
60
50
40
30
20
10
0
57,0 %
22,9 %
14,8 %
5,4 %
Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 2004
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 12
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  -6
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+12,0 %p
-8,5 %p
-8,8 %p
+5,4 %p
Vorlage:Wahldiagramm/Wartung/Anmerkungen
Anmerkungen:
b 2004: PDS

Stadtrat[Bearbeiten]

Der Stadtrat in Bleicherode besteht aus 20 Ratsmitgliedern:

(Stand: Kommunalwahl am 7. Juni 2009)

Partnerstädte[Bearbeiten]

Wappen[Bearbeiten]

Beschreibung: „In Gold ein silber geharnischter Ritter mit einem geschlossenen gotischen Helm vor auf einem Stück grünen Boden stehend.“

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten]

Mit Erschöpfung der Hartsalzvorkommen und unter dem Druck der großen internationalen Konkurrenz wurde der Kaliabbau im untertägigen Bergbau eingestellt. Die Firma Deusa fördert jetzt Sole aus Untertage und stellt daraus verschiedene Produkte aus Kaliumchlorid, Natriumchlorid und Magnesiumchlorid her. Neben der Firma Deusa haben sich jetzt mehrere mittelständische Firmen niedergelassen. Die große Rückstandshalde zeigt aber weiterhin, dass hier über Jahrzehnte Kalibergbau betrieben worden war.

Verkehrsanbindung[Bearbeiten]

Der Bahnhof Bleicherode Ost liegt an der Bahnstrecke Halle–Hann. Münden. Hier halten sowohl die Regionalexpresse wie auch die Regionalbahnen der Deutschen Bahn AG. Die ehemalige Bahnstrecke Bleicherode–Herzberg über Bleicherode Stadt nach Großbodungen wird seit 2001 nicht mehr bedient. Bleicherode liegt ca. 3 km von der Bundesstraße 80 (Halle – Kassel) und ca. 1 km von der Bundesautobahn 38 (Südharzautobahn) entfernt. Die Stadt hat einen eigenen Autobahnzubringer.

Gesundheitswesen[Bearbeiten]

Die Helios Klinik Bleicherode ist ein Fachkrankenhaus für Orthopädie mit vier Zentren: Gelenkzentrum, Wirbelsäulenzentrum, Zentrum Traumatologie und Zentrum für Osteologie, Rheumaorthopädie und Schmerztherapie.

Bildung[Bearbeiten]

In Bleicherode gibt es einen Sprachheilkindergarten "Albert Schweizer", eine Grundschule (Staatliche Grundschule „August Petermann“), ein Gymnasium (Staatliches Gymnasium „Friedrich Schiller“), eine Förderschule (Staatliches Förderzentrum „Dr. Albert Schweitzer“) und eine Haupt- und Realschule (Staatliche Regelschule „Löwentorschule“).

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Museen[Bearbeiten]

Ein 1968 von der Stadt erworbenes Ackerbürgerhaus in der Hauptstraße wurde zum Heimatmuseum ausgebaut und bietet heute dem Besucher einen vollständigen stadtgeschichtlichen Überblick. Hierbei kann der Museumsverein auf eine sehr umfangreiche Sammlung mit über 20.000 Objekten verweisen.[7]

Bauwerke[Bearbeiten]

  • Das historisches Rathaus wurde um 1540/41 erbaut.
  • An die hundertjährige Bergbautradition erinnern im Stadtbild einige sanierte Übertageanlagen.
  • Das sogenannte Waldhaus Japan besitzt einen Repräsentationsraum mit einer französischen Bildtapete aus dem frühen 19. Jahrhundert.
  • Bereits im 15. Jahrhundert entstand die jetzt als evangelische Stadtkirche genutzte St.-Marien-Kirche.
  • Die katholische Pfarrkirche St. Mathias wurde 1907 erbaut.
  • Die Alte Kanzlei war der Sitz des Stadtschultheißen. Dort befand sich von 1792 bis 1890 die Synagoge.
  • Die im Ortsteil Elende gelegene Rosenkirche war im Mittelalter eine bekannte Wallfahrtsstätte. Als Ziel galt zunächst ein Bildstock, dann eine kleine Kapelle, die mit einem als Rosenwunder überlieferten Ereignis berühmt wurde. Reliquienverehrung und Ablassbriefe verhalfen der Kirchgemeinde zu einem gewissen Wohlstand. Bereits 1419 wurde der Ausbau zur Rosenkirche vollzogen, dort befand sich ein wundertätiges Marienbild.[8]

Gedenksteine[Bearbeiten]

  • Gedenkstein aus dem Jahr 1946 zur Erinnerung an die Blutopfer des Faschismus 1933–1945 in der Grünanlage Braustraße/Ecke Talstraße, seit 1993 umgewidmet den Opfern der Kriege und Gewaltherrschaften.
  • Gedenkstein aus dem Jahr 1986 in der Obergebraer Straße zur Erinnerung an die beim Novemberpogrom 1938 zerstörte Synagoge.
  • Gedenktafel aus dem Jahr 1988 an der Marienkirche in der Maxim-Gorki-Straße, auf der die evangelische Kirchgemeinde Selbstkritik zum Schweigen von Christen angesichts der Ermordung jüdischer Mitbürger bekundet.

Persönlichkeiten[Bearbeiten]

Söhne und Töchter der Gemeinde[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thüringer Landesamt für Statistik – Bevölkerung der Gemeinden, erfüllenden Gemeinden und Verwaltungsgemeinschaften nach Geschlecht in Thüringen (Hilfe dazu)
  2. Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag, 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 177/178.
  3. Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze Jenzig-Verlag, 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 258/259.
  4. Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945 (Hg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Reihe: Heimatgeschichtliche Wegweiser Band 8 Thüringen, Erfurt 2003, S. 181, ISBN 3-88864-343-0
  5. StBA: Namens- und Gebietsänderungen der Gemeinden, siehe 2007
  6. http://www.wahlen.thueringen.de/datenbank/wahl1/wahl.asp?wahlart=GW&wJahr=2009&zeigeErg=GEM&wknr=062&gemnr=62002
  7.  Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen (Hrsg.): Museen in Thüringen. Frankfurt a.M. 1995, S. 34.
  8.  Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen (Hrsg.): «Elende, Rosenkirche». In: Kulturelle Entdeckungen. Landkreis Eichsfeld, Kyffhäuserkreis, Landkreis Nordhausen, Unstrut-Hainich-Kreis. Band 1 (Thüringen), Schnell & Steiner, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7954-2249-3, S. 65.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bleicherode – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien