Boßeln
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Boßeln ist eine Kugelsportart, die in regionalen Varianten vor allem an der deutschen Nordseeküste, in Teilen von Holland, in Irland, in Mittelitalien und in der spanischen Provinz Saragossa gespielt wird. Ziel des Spiels ist es, eine Kugel mit möglichst wenigen Würfen über eine festgelegte Strecke zu werfen. Boßeln kann als Mannschafts- und Einzelsportart betrieben werden und wird auf öffentlichen Straßen und befestigten Wegen gespielt.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Geschichte
Das Straßenboßeln entwickelte sich in Deutschland Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Klootschießen. Es nahm an Beliebtheit schnell zu, als immer mehr Straßen befestigt wurden und weil es einfacher zu spielen war als das Klootschießen mit seiner technisch anspruchsvollen Wurftechnik. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden auch die ersten Boßel- und Klootschießervereine, zum Freizeit- und Breitensport wurde das Boßeln aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg.
Unklar weil noch unforscht ist, ob sich die regionalen Boßelvarianten unabhängig voneinander entwickelt oder gegenseitig beeinflusst haben. Direkter Einfluss ist allerdings dort sicher, wo das Boßeln wie in Teilen der USA und in Nordrhein-Westfalen durch Einwanderer oder Zugezogene eingeführt wurde.
[Bearbeiten] Wurfgerät
Je nach Region wird mit Kugeln unterschiedlicher Größe und aus unterschiedlichen Materialien geboßelt. Für die Verwendung in offiziellen Wettkämpfen sind Material, Gewicht und Größe vorgeschrieben. In Ostfriesland und im Oldenburger Land wird mit Gummi- und Kunststoffkugeln geworfen. Die Kunststoffkugel heißt dort auch "Holz", weil sie im Wettbewerb den früher üblichen Pockholter, Kugeln aus dem harten Holz des Guajak-Baumes, abgelöst hat. Ebenfalls aus Holz oder Kunststoff, aber kleiner ist die Boccia (auch Boccetta genannt) in Italien sowie die Kugel in der spanischen Variante Tiro de Bola. In Schleswig-Holstein und in den Niederlanden wird mit kleinen Holzkugeln, die einen Bleikern haben, geworfen, und in Irland ist die Eisenkugel das traditionelle Wurfgerät. In der Grafschaft Bentheim wird keine Kugel, sondern eine Holz- oder Kunststoffscheibe mit Bleikern zum Kloatscheeten verwendet.
[Bearbeiten] Regeln
Im klassischen Boßeln spielen zwei Mannschaften (bei Wettbewerben in 4 Gruppen mit je 4 Werfern besetzt) gegeneinander. Dabei gibt es keine feste Wurfbahn, sondern die Wettbewerbe finden auf Straßen statt. Jeder Werfer setzt mit seinem Wurf an dem Landepunkt des Vorwerfers seiner Mannschaft an. Ziel ist es die jeweilige Boßelstrecke mit möglichst wenigen Würfen zu überwinden. Die Mannschaft, die dafür die wenigsten Würfe benötigt, hat gewonnen. Bei gleicher Wurfanzahl wird das Spiel als unentschieden gewertet. Die Streckenlänge ist unterschiedlich, da je nach Straßenbeschaffenheit die Wurflänge unterschiedlich ausfällt. Sie sollte aber so sein, dass jeder Werfer zwischen 10 und 12 Würfe zu absolvieren hat. Dabei ist eine Gesamtstreckenlänge von ca. 8 Kilometern nicht selten.
Daneben gibt es die Einzelvariante mit festen Wurfbahnen, welche oft bei Preiswerfen gewählt wird.
[Bearbeiten] Technik
Die Wurftechnik beim Boßeln lässt sich im Wesentlichen mit der beim Kegeln bzw. Bowling vergleichen, d. h. der Arm wird beim Werfen zunächst nach hinten bewegt und anschließend mit einer schnellen Bewegung wieder nach vorne geschnellt, um die Boßel mit einer hohen Geschwindigkeit loszulassen.
Im Gegensatz zum Kegeln findet diese Bewegung jedoch im vollen Lauf statt, um der Kugel eine höchstmögliche Geschwindigkeit mitzugeben, vergleichbar dem Anlauf beim Speerwurf. Der Werfer kann dabei einen beliebig langen Anlauf nehmen, wobei die Boßel beim Erreichen der Abwurfmarkierung die Hand des Werfers verlassen haben muss, ansonsten ist der Wurf ungültig. Nachdem die Kugel losgelassen wurde, darf der Werfer die Markierung zum Auslaufen übertreten, ohne bestraft zu werden.
Während eines Wettkampfes kann es zum Beispiel vor einer Kurve hilfreich sein der Kugel eine Rotation mitzugeben, um ihr eine Richtung vorzugeben. In diesem Zusammenhang spricht man im Plattdeutschen von „övert Duum“ (übersetzt: über den Daumen) und von „övert Finger“ (übersetzt: über den Finger). Diese beiden Begriffe geben an über welchen Finger die Boßel beim Loslassen gerollt wird. Will ein Rechtshänder zum Beispiel der Kugel einen Linksdrall mitgeben, so dreht er beim Loslassen der Boßel das Handgelenk entgegen des Uhrzeigersinns, so dass die Kugel über seinen kleinen Finger (övert Finger) rollt.
[Bearbeiten] Saison
Die übliche Saison für das Boßeln liegt im Winter und am Beginn des Frühjahrs. Der Grund für die Wahl der Jahreszeit ist, dass im Winter die Gräben, die sich in Norddeutschland beiderseits der Boßelstrecke befinden, zugefroren sind und daher das Bergen der Kugel vereinfacht wird. Da Pockholz eine höhere Dichte als Wasser hat, gehen die Boßel in Straßengräben unter. Um die Kugeln trockenen Fußes bergen zu können sind spezielle Klootsoeker (Kugelsucher, auch Kraber) in den 'boßelnden' Regionen im Handel erhältlich. Diese bestehen aus einer Stange (z. B. Besenstiel) mit einem daran befestigten Korb für die Aufnahme der Boßel.
[Bearbeiten] Verbreitung
Hochburgen des Boßelns in Deutschland sind Ostfriesland, Teile des Oldenburger Landes, Dithmarschen sowie Nordfriesland. Weitere Gegend, in denen geboßelt wird: die Grafschaft Bentheim, Osnabrück, Rotenburg (Wümme), Sulingen, Stormarn, das Land Hadeln, das Emsland, das Land Wursten, die Stader Geest, das Alte Land, einigen Orte in Nordrhein-Westfalen sowie in der Gegend um die Gemeinde Lehre im Osten von Braunschweig.
Außer als Breiten- und Leistungssport wird vielfach, und in einigen Gegenden ausschließlich auch als gesellige Tätigkeit geboßelt, etwa im Rahmen von Feiern oder der regionaltypischen Kohlfahrt.
[Bearbeiten] Leistungssport
In Deutschland wird Straßenboßeln in Ostfriesland und im Oldenburger Land als Leistungssport betrieben. Organisiert wird der Spielbetrieb von den beiden Landesverbänden des Friesischen Klootschießer-Verbands (FKV), dem Landesklootschießerverband Ostfriesland (LKV) und dem Klootschießerlandesverband Oldenburg (KLV), und deren 13 Kreisverbänden. Dem LKV Ostfriesland gehören 146 Vereine mit rund 25 800 Mitgliedern an, der KLV Oldenburg ist Dachverband für 115 Vereine mit 15 400 Mitgliedern. Die Saison dauert von September bis März.
[Bearbeiten] Punktspiele
Wie in anderen Sportarten gibt es einen regulären Punktspielbetrieb mit Ligen-Einteilung in verschiedenen Altersklassen, in Ostfriesland in einigen Kreisverbänden von Männer V (über 70 Jahre) bis hinunter zur F-Jugend (acht Jahre und jünger). Höchste Spielklassen sind die Landesligen.
Auf der Ebene des Friesischen Klootschießer-Verbands treten die Meister der beiden Landesverbände in den verschiedenen Altersklassen nach Abschluss der Punktspielsaison bei den FKV-Mannschaftsmeisterschaften gegeneinander an. Für die so genannten Königsklassen - Landesliga Männer und Landesliga Frauen - gibt es, in etwa vergleichbar mit der Champions League im Fußball, die FKV-Finalrunde, für die sich die drei besten Landesliga-Mannschaften qualifizieren. Mit insgesamt 17 FKV-Titeln bei den Männern ist der Verein "Gute Hoffnung" Pfalzdorf der Rekordmeister.
Neben dem Punktspiele-Betrieb richtet der LKV Ostfriesland jedes Jahr einen Pokalwettbewerb für Vereine aus. Amtierender Pokalsieger (Saison 2008/2009) ist "Gute Hoffnung" Pfalzdorf.
Die Nordhorner Sport-Kloatscheeter Vereinigung (ca. 300 Mitglieder in 13 Vereinen) hat einen Spielbetrieb mit vier Ligen (Männer, Damen, Senioren, Jugend). Dazu gibt es den Bürgermeisterpokal-Wettbewerb und ein Einladungsturnier sowie Einzelwettbewerbe. Im Klootschießer- und Boßelverband Nordrhein-Westfalen gibt es eine Männer-Liga mit sechs Mannschaften.
[Bearbeiten] Einzelmeisterschaften
Die Landesverbände Ostfriesland und Oldenburg tragen neben dem Punktspielbetrieb für Mannschaften jährlich Einzelmeisterschaften in allen Alterklassen aus. Die Sieger qualifizieren sich für die FKV-Einzelmeisterschaften. Im Klootschießer- und Boßelverband Nordrhein-Westfalen werden die Einzelmeister in einer Championstour ermittelt.
[Bearbeiten] Championstour
Für seine Spitzen-Boßler hat der Friesische Klootschießer-Verband in der Saison 2000/2001 ein Ranglistenwerfen, genannt Championstour, eingeführt. In zehn (ab der Saison 2009/2010 acht) Wettkampfrunden ermitteln je 30 Werfer (Männer und Frauen getrennt) nach einem Punktesystem die "Boßler des Jahres". In Jahren mit nationalen oder internationalen Wettbewerben gilt das Ranglistenwerfen gleichzeitig als Qualifikation für den Kader des FKV.
| Boßler des Jahres | ||
|---|---|---|
| 2000/01 | Jörg Gronewold | Kerstin Friedrichs |
| 2001/02 | Karsten Biermann | Simone Davids |
| 2002/03 | Frido Walter | Kerstin Friedrichs |
| 2003/04 | Ralf Rocker | Rena Ahlrichs |
| 2004/05 | Robert Djuren | Sonja Kotte |
| 2005/06 | Frido Walter | Kerstin Friedrichs |
| 2006/07 | Ralf Klingenberg | Sandra Schimanski |
| 2007/08 | Henning Feyen | Simone Davids |
| 2008/09 | Thorsten Held | Simone Davids |
[Bearbeiten] Nationale Meisterschaften
Deutsche Meisterschaften im Boßeln werden seit 1999 (in Meldorf) alle zwei Jahre ausgetragen. Danach fanden sie 2001 in Blomberg, 2003 in Willich, 2005 in Nordhorn, 2007 in Wewelsfleth und 2009 in Zetel statt. Teilnehmende Verbände sind der FKV (Friesischer Klootschießerverband), VSHB (Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler), NSKV (Nordhorner Sport-Kloatscheeter Vereinigung) und der KBV-NRW (Klootschießer- und Boßelverband Nordrhein-Westfalen). Die Titel werden in vier Wettbewerben (Standkampf und Feldkampf im Klootschießen sowie Straßenboßeln mit der Gummi- und der Kunststoffkugel) mit je vier Alterklassen (Frauen, Männer, weibliche und männliche Jugend) ausgetragen.
[Bearbeiten] Internationale Meisterschaften
Die International Bowlplaying Association (IBA) richtet - seit 1980 alle vier Jahre - eine Europameisterschaft aus. Als "Nationen" treten dabei der Friesische Klootschießer-Verband, der Verband Schleswig-Holsteinischer Boßler, der irische Verband Bol Chuman Na h'Eireann, der Nederlandse Klootschieters Bond sowie die Associazione Bocchetta Italiana su Strada an. Es gibt Einzel- und Mannschaftswettbewerbe in vier Alterklassen (Frauen, Männer, weibliche und männliche Jugend) und in drei Disziplinen (Stand- und Feldkampf, Straßenboßeln). Eine Besonderheit ist dabei, dass bei den EM-Wettbewerben im Straßenboßeln mit der sogenannten irischen Eisenkugel (5,8 Zentimeter Durchmesser, 800 Gramm schwer) geworfen wird.
Austragungsorte der letzten EM 2008 war Cork, Gastgeber der Europameisterschaft 2012 ist Italien.
[Bearbeiten] Boßeln in der Literatur
Eine Beschreibung der Stimmung während eines Boßelspiels im 19. Jahrhundert findet sich in Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter von 1888:
„Gesprochen wurde von all den Menschen wenig; nur wenn ein Kapitalwurf geschah, hörte man wohl einen Ruf der jungen Männer oder Weiber; oder von den Alten einer nahm seine Pfeife aus dem Mund und klopfte damit unter ein paar guten Worten den Werfer auf die Schulter: »Das war ein Wurf, sagte Zacharies und warf sein Weib aus der Luke!« oder: »So warf dein Vater auch; Gott tröst ihn in der Ewigkeit!« oder was sie sonst für Gutes sagten.“
– Theodor Storm: Der Schimmelreiter
[Bearbeiten] Literatur
- Ihno Alberts, Harm Wiemann, Ursula Basse-Soltau: Das alte Friesenspiel ist jung, Klootschießen und Boßeln einst und jetzt. Norden 1988
- Helge Kujas: Klootschießen, Boßeln, Schleuderball. Oldenburg 1994
- Bernhard Uphoff/Martin Stromann/Helmut Behrends: Freesensport. Klootschießen, Boßeln und Schleuderballwerfen in Ostfriesland und Oldenburg. Norden 2004
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Weblinks
- International Bowlplaying Association
- Friesischer Klootschießer-Verband
- Landesklootschießerverband Ostfriesland
- Klootschießerlandesverband Oldenburg
- Nordhorner Sport-Kloatscheeter Vereinigung
- Klootschießer- und Boßelverband Nordrhein-Westfalen
- Bol Chumann na hEireann (Irish Road Bowling Association)
- Associazione Boccetta Italiana su Strada
- Nederlandse Klootschietersbond
- Provincia de Zaragoza: El Tiro de Bola en Calatorao
- Ergebnisdienst und Pressespiegel (bosseln-online.de)
- Ergebnisdienst und Pressespiegel (friesensport.de)