Bocage

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Bocage (Begriffsklärung) aufgeführt.
Bocage-Landschaft im französischen Département Pas-de-Calais
Bocage-Landschaft in der Normandie
Karte der Normandie und der alliierten Front mit eingezeichneter Bocage-Landschaft, angefertigt von der US Army
Amerikanische Soldaten vor einer Wallhecke in der Normandie, 1944
Ein Sherman-Panzer mit angeschweißten Krallen durchquert eine Wallhecke

Als Bocage bezeichnet man in Frankreich einen Landschaftstyp, der sich durch eine große Anzahl an Hecken oder Wallhecken als Begrenzung landwirtschaftlicher Felder auszeichnet. Die Bocage kommt vorwiegend in den französischen Atlantikregionen Normandie, Bretagne und Poitou-Charentes vor, vereinzelt aber auch im Zentralmassiv und im Nordosten Frankreichs. Der Begriff Bocage findet auch in anderen westeuropäischen Ländern wie Belgien oder Großbritannien Anwendung, in denen es großflächige Heckenlandschaften gibt. Durch ihre große Diversität an kleinräumigen Landschaftsstrukturen spielt die Bocage heute eine wichtige Rolle für den Erhalt der biologischen Artenvielfalt.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Hecken wurden durch keltische Bauern vor etwa 2.000 Jahren als Flurgrenzen angelegt. In dieser Zeit wurden aus den Hecken bis zu drei Meter breite, im Normalfall jedoch etwa einen Meter breite und bis zu dreieinhalb Meter hohe Wälle. Die Wallhecken sind mit verschiedenen Straucharten wie Brombeer- oder Ligustersträuchern bewachsen, sodass sie insgesamt bis zu 4,5 Meter hoch werden können. Von den Landwirten wurde ein Großteil der Hecken über die Jahrhunderte mit Baumreihen aus zum Beispiel Eichen und Eschen bepflanzt, die heute das charakteristische Bild der Bocage dominieren.

Durch die Flurbereinigung in Frankreich sowie die zunehmende Zersiedelung von Naturräumen im 19. und 20. Jahrhundert ist die Bocage zunehmend degradiert worden. Heute ist sie vor allem in den Gebieten großflächig erhalten geblieben, in denen Viehzucht eine große Bedeutung hat und die Hecken als natürliche Einhegung der Viehherden dienen.

Ökologische Bedeutung[Bearbeiten]

Die Bocage stellt durch ihre Vielfalt an Landschaftsstrukturen einen wichtigen Lebensraum für die lokale Flora und Fauna dar. Insbesondere die Hecken spielen eine wichtige Rolle als ökologische Korridore, die es Tier- und Pflanzenarten ermöglichen, zwischen Habitaten zu wandern. Aber auch kleine Flussläufe und Tümpel, Auwälder, Baumgruppen oder isolierte Bäume sowie Waldränder sind für die Biodiversität der Bocage von zentraler Bedeutung.

Die Hecken schützen die oft wenig fruchtbaren Böden der Bocage vor Bodenerosion und bieten den Landwirten Holzvorrat und Futter für das Vieh. Wegen der vielen ökologischen Vorteile der Hecken begann man ab Mitte des 20. Jahrhunderts, alte Hecken zu erhalten, degradierte wieder aufzubauen und neue anzupflanzen.

Militärhistorische Bedeutung[Bearbeiten]

Die Hecken der Bocage boten während der alliierten Invasion in der Normandie gute Verteidigungspositionen für die deutschen Truppen. Die Wallhecken im Abstand von 100 bis 200 Metern schränkten das Sicht- und Schussfeld der alliierten Truppen ein. Außerdem stellten sie ein nahezu unüberwindbares Hindernis für die alliierten Panzer dar. Auf den Wegen stellte die Wehrmacht Panzerabwehrgeschütze auf, sodass der alliierte Vormarsch stark verlangsamt wurde. Hinzu kam, dass Artilleriebeschuss wegen der Vegetation größtenteils wirkungslos blieb, da die Granatsplitter in den Hecken steckenblieben, ohne Schaden anzurichten. Der einzige Vorteil der Bocage für die Alliierten bestand darin, dass die Sherman-Panzer den deutschen Tiger-Panzern auf die geringeren Entfernungen erheblich größeren Schaden zufügen konnten als im offenen Gelände.

Der US-Sergeant Curtis G. Culin jr. schweißte zwei stählerne Sicheln aus Schrottresten zerstörter Strandhindernisse an den Bug eines Panzers und durchbrach damit die Wallhecken. General Walter M. Robertson, der Kommandeur der 2. US-Infanteriedivision, berichtete General Omar Bradley von Culins Vorrichtung, woraufhin Bradley befahl, so viele Panzer wie möglich damit auszurüsten. Mit dieser Vorrichtung gelang den Alliierten schließlich unter hohen Verlusten der Vormarsch. Überlebende alliierte Soldaten berichteten, dass jedes einzelne Feld durch heftige Kämpfe erobert werden musste. Sie nannten das Bocage-Gelände „gottverfluchtes Land“.[1]

General James M. Gavin berichtete:

„Obwohl sie [die Wallhecken] schon vor dem Invasionstag in Großbritannien zur Sprache kamen, hatte keiner von uns vorhergesehen, welche Schwierigkeiten sie uns tatsächlich bereiten würden.[2]

Literatur[Bearbeiten]

  • Francoise Burel & Jacques Baudry (2003): Landscape Ecology: Concepts, Methods and Applications, ISBN 1578082145
  • Stephen Hart: The Battle of the Hedgerows: June-July 1944, Zenith Imprint, ISBN 0760311668

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bocage – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tony Hall (Hrsg.): Operation "Overlord", ISBN 3613024071, Seite 119
  2. John Keegan: Der Zweite Weltkrieg, ISBN 0670823597, Seite 573