Luftangriffe auf Wien

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Über fünfzig Luftangriffe auf Wien fügten der Stadt Wien während des Zweiten Weltkrieges schwere Schäden zu. Die Luftangriffe wurden von Einheiten der britischen Royal Air Force (RAF) und den United States Army Air Forces (USAAF) ausgeführt. Der schwerste Angriff auf das Gebiet von Groß-Wien war am 12. März 1945, dabei wurden etliche Gebäude und Kulturdenkmäler zerstört oder schwer beschädigt und hunderte Menschen getötet.

Beginn der Angriffe[Bearbeiten]

Der Gefechtsturm im Augarten gehörte zu den sechs großen Wiener Flaktürmen.

Da das Gebiet des „Reichsgaus Groß-Wien“ bis 1944 außerhalb der Reichweite britischer und US-amerikanischer Langstreckenbomber lag, galt die Stadt im Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs lange als „Luftschutzkeller des Deutschen Reiches“. Erst nach der Alliierten Invasion Italiens im September 1943 geriet Wien in Reichweite der im Raum Foggia stationierten 15. US-Luftflotte.

Von Stützpunkten in Nordafrika aus griffen Bomber der 9. US-Luftflotte am 13. August 1943 die Wiener Neustädter Flugzeugwerke an. Sieben Monate nach diesem ersten Luftangriff auf das Gebiet der „Alpen- und Donau-Reichsgaue“ wurde am 17. März 1944 Wien zum Ziel. Primär sollte dabei durch Verminung der Donau die Tank­schifffahrt und die Raffinerie Floridsdorf getroffen werden.

Ab Sommer 1944 wurde aufgrund der „Operation Overlord“, der alliierten Landung in der Normandie am 6. Juni 1944, ein Großteil der deutschen Luftwaffe nach Westen verlegt. Trotz der dadurch verringerten Gegenwehr mussten die amerikanischen und britischen Luftstreitkräfte in dieser Zeit ihre größten Verluste hinnehmen. In einigen Fällen konnte ein Zehntel von 550 Bombern eines Geschwaders zum Absturz gebracht werden. Die deutschen Jagdflugzeuge waren hier trotz ihrer numerischen Unterlegenheit sehr effektiv, da sie im Großraum Wien zwar nur über wenige, dafür aber sehr gut ausgebildete Piloten verfügte. Unterstützt wurde sie von dem Ring aus Flakgeschützen, der um die Stadt angelegt war, sowie den drei Paaren Wiener Flaktürme, die 1944 im Stadtgebiet errichtet worden waren. Der militärische Nutzen der Flaktürme war allerdings fraglich, da die feindlichen Bomber in kaum erreichbaren Höhen flogen.[1]

Wegen des ab Herbst 1944 immer größer werdenden Mangels an hochoktanigem Flugbenzin lag die Luftabwehr hauptsächlich nur noch bei den Flakverbänden der Luftwaffe. Aufgrund der alliierten Bombenangriffe auf Hydrierwerke wie z.B. Moosbierbaum (→ Deutsches synthetisches Benzin) sowie Erdölraffinerien (→ Luftangriffe auf Ploiești) war die Benzinproduktion völlig zusammengebrochen.

Wurden im April 1944 noch 175.000 Tonnen Treibstoff raffiniert, waren es im September nur noch 5.000 Tonnen. Auch mit dem im Juni 1944 aufgestellten Mineralölsicherungsplan („Geilenberg-Programm“) gelang es nicht, dem Treibstoffmangel als schwächsten Punkt in der Kriegsführung der Wehrmacht zu begegnen. Gegen Kriegsende war der Mangel an Motoren- und Flugbenzin allgegenwärtig.

Im Februar 1945 erlangten die Alliierten die absolute Luftherrschaft. Um die Abschüsse durch die Flak zu reduzieren, wurden die alliierten Bomberverbände aufgeteilt und die Angriffe in mehreren, kleineren Formationen geflogen.

Taktiken[Bearbeiten]

Über die Ziele der Luftangriffe waren sich die Alliierten bereits 1943 einig, nicht aber über die Art der Bombardements.

Die Royal Air Force flog ihre Angriffe großteils in der Nacht, da die Abschussrate durch Flak und Jäger geringer war, jedoch wurde auch die eigene Treffgenauigkeit eingeschränkt, da nachts strikte Verdunklung vorgeschrieben war. Personen, die ihre Fenster nicht lichtdicht machten, wurden bei der Gestapo angezeigt und oft verurteilt, weshalb es kaum jemanden gab, der sich der Verdunklung widersetzte. Um das Ziel dennoch zu treffen, wurden von speziellen Zielmarkierer-Bombern der RAF zu Beginn des Angriffs Leuchtbomben (sogenannte „Christbäume“) abgeworfen, um das Ziel für die nachfolgende Bomberflotte kenntlich zu machen. Auch flogen die Briten nicht in fixen Formationen wie die Amerikaner, sondern jeder Bomber musste das Ziel selbstständig anvisieren.

Im Gegensatz dazu griff die 15. US-Luftflotte von ihren Basen bei Foggia (Italien) aus fast gänzlich während des Tages an, um sogenannte Präzisionsangriffe ausführen zu können. Auch flogen die amerikanischen Flugzeuge in fixen Formationen, geschützt von Begleitjägern gegen Angriffe durch deutsche Jäger. Der Bombenabwurf geschah auf Befehl der Führungsmaschine.

Selbst gegen Ende des Krieges hatten die Alliierten keinen Konsens in der Taktik gefunden. Das Ergebnis davon war das sogenannte „Around-the-clock-bombing“, da Bomber bei jeder Tageszeit auftauchten.

Anders als deutsche Städte wurden österreichischen Städte von Flächenbombardements mit konventionellen Bomben und Brandbomben weitestgehend verschont. Auch wenn es zu Fehlern kam, wurde auf dem österreichischen Gebiet mit wesentlich mehr Taktik agiert als im „Altreich“. Auch wurden über österreichischem Gebiet viel öfter Flugzettel mit Aufrufen zur Kapitulation abgeworfen. Der Grund hierfür war, dass die Alliierten Österreich als ein Opfer Hitlerdeutschlands sahen, das es vom Nationalsozialismus zu befreien galt.

Auswirkungen[Bearbeiten]

Die Auswirkungen des strategischen Bombardierens wurden von den Alliierten teilweise stark überschätzt. Die Rüstungsindustrie konnte ihre Produktion trotz Bombardierung steigern. Die Fabriken wurden in bombensichere Gebiete verlagert (beispielsweise in die Seegrotte Hinterbrühl) oder versteckt. Der Einsatz von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen in der Rüstungsindustrie bot den Nazis ein ungebrochenes Arbeitskräftepotenzial.

Die großen Ölraffinerien und Hydrierwerke dagegen konnten weder versteckt noch verlagert werden. Auch wurde die Tankschifffahrt durch Verminung der Wasserstraße Donau behindert, so dass die Lieferungen von Erdöl aus den rumänischen Fördergebieten um Ploiești ausblieben. Zwischen dem 13. Juli 1941 und dem 19. August 1944 flogen die Alliierten zahlreiche Luftangriffe auf Ploiești; am 24. August 1944 wurden die Ölanlagen von der Roten Armee besetzt.

Die Verkehrsinfrastruktur, die gegen Ende des Krieges primäres Angriffsziel war, wurde zwar beeinträchtigt, doch kamen Verkehr, Transporte, Versorgung und Nachschub nicht zum Erliegen. Schon vor Beginn des Bombenkriegs wurden Umfahrungen für die Verkehrsknotenpunkte errichtet bzw. ausgebaut.

Das Gesamtausmaß der Kriegssachschäden an Gebäuden wurde 1946 vom Wiener Stadtbauamt erfasst und ist heute in Form eines elektronischen Stadtplans frei zugänglich. [2]

Schwerster Angriff am 12. März 1945[Bearbeiten]

Das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus an der Stelle des zerstörten Philipphofs

Am Jahrestag des Anschlusses bestand zunächst die Hoffnung, dass Bombardements aufgrund des herannahenden schlechten Wetters ausbleiben würden. Dennoch bereitete sich die US-Luftwaffe in Foggia auf den größten Bombenangriff vor, der je gegen das österreichische Gebiet geflogen wurde.

Geplantes Ziel war die Ölraffinerie in Floridsdorf, die von Norden her angeflogen werden sollte. 747 Bomber, begleitet von 229 Jagdflugzeugen, bombardierten 1½ Stunden lang die Stadt. Die Ölraffinerie, das eigentliche Ziel, bekam aber keinen schwerwiegenden Treffer ab. Getroffen wurde aber zum Teil das Zentrum der Stadt: Die Staatsoper und das Burgtheater brannten aus, der Heinrichshof, die Albertina und der Messepalast trugen größere Gebäudeschäden davon und der Philipphof stürzte komplett in sich zusammen. Rund 200 Menschen, die in dem als besonders sicher geltenden Luftschutzkeller dieses Gebäudes Schutz gesucht hatten, kamen ums Leben. Bis heute liegen die meisten dieser Opfer unter dem Platz begraben, auf dem nun das 1988 von Alfred Hrdlicka errichtete Mahnmal gegen Krieg und Faschismus steht.[3]

Das Naziregime verurteilte dieses Bombardement als „Terror gegen Wien“ und beschuldigte die Alliierten außerdem, dass sie die Löschmannschaften mit Tieffliegern beschossen hätten.

Offiziell war die Sicht wetterbedingt zu schlecht, um das Ziel exakt anvisieren zu können. Doch Fotos des Angriffs, direkt nach dem Angriff, zeigen einen wolkenlosen Himmel. Militärexperten glauben heute, dass die Bomben noch abgeworfen wurden, als die Flieger schon nach Süden abdrehten. Da zwischen Floridsdorf und der Inneren Stadt nur 15 Flugsekunden liegen, gilt diese Theorie heute als bestätigt.

Statistik[Bearbeiten]

Stadt Angriffe Bomben Tote Gebäudeschäden in % des Bestandes
Graz 56 1980 1200 33
Innsbruck 22 504 344 60
Klagenfurt 48 477 434 69
Linz 22 1679 691 33
Salzburg 16 531 423 32
St. Pölten 10 591 71 39
Villach 37 ca. 42.500 266 478 85
Wien 53 über 100.000 8769 6214 28
Wr. Neustadt 29 ca. 55.000 790 1707 88

Die Treffergenauigkeit hing sehr vom Wetter ab. Bei guter Sicht schlugen rund 40 % Prozent der Bomben innerhalb von 300 Metern ein, weitere 20 % innerhalb von 600 Metern und 40 % außerhalb von 600 Metern. Bei totaler Bewölkung trafen trotz Zielgerät nur 0,2 % der Bomben das Ziel in einem Radius von 300 Metern.

Um einen Bomber vom Boden aus abzuschießen, wurden etwa 5000 Schuss mit dem leichten und etwa 3400 Schuss mit dem schweren Kaliber abgeschossen. Bei Tag wurde nur eine von 125 Maschinen abgeschossen, bei Nacht eine von 145. Allerdings wurden rund ein Drittel der Maschinen stark beschädigt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Flakturm wird zu Serverzentrum, Artikel auf ORF.at vom 24. Februar 2013
  2. Wien Kulturgut: Kriegssachschäden. In: Kriegssachschäden an Gebäuden, Wiener Stadtbauamt 1946.
  3. Der Philipphof am Albertinaplatz (Version vom 28. September 2007 im Internet Archive) (Version aus dem Internet Archive vom 28. September 2007, da Original nicht mehr verfügbar)

Literatur[Bearbeiten]

  • Marcello La Speranza: Bomben über Wien. Zeitzeugen berichten. Ibera, 2003.

Weblinks[Bearbeiten]