Bosnische Annexionskrise

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Als Bosnische Annexionskrise oder einfach nur als Bosnische Krise bezeichnet man die Krise, welche auf die Annexion der bis dahin völkerrechtlich zum Osmanischen Reich gehörigen Gebiete von Bosnien und Herzegowina durch Österreich-Ungarn im Jahr 1908 folgte.

Vorgeschichte[Bearbeiten]

Bereits seit 1683 schwand die Macht des osmanischen Sultans. Zunächst war das auf die Bemühungen Österreichs und Russlands zurückzuführen, ihr Territorium auf Kosten des Osmanischen Reiches auszuweiten, wobei die Siege Prinz Eugens über die Türken eine entscheidende Rolle spielten. Später dann kamen Unabhängigkeitsbestrebungen der Völker auf dem europäischen Territorium des türkischen Reichs hinzu. Das Osmanische Reich konnte seine europäischen Gebiete im 19. Jahrhundert behaupten, weil sich Österreich und Russland über deren Aufteilung und über ihren Einfluss auf die Nachfolgestaaten nicht einig wurden. Auch die Politik der übrigen europäischen Mächte, die das russische Streben in Richtung auf die strategisch wichtigen Meerengen, den Bosporus und die Dardanellen, zu vereiteln suchten, zum Beispiel im Krimkrieg, trug dazu bei.

1878 sollte das Osmanische Reich nach dem Russisch-Osmanischen Krieg im Vorfrieden von San Stefano auf den Großteil seiner europäischen Gebiete verzichten. Dieser Machtzuwachs zugunsten Russlands rief die übrigen europäischen Mächte auf den Plan. Im Rahmen des Berliner Kongresses wurde zum Missfallen Russlands die europäischen Gebiete des Osmanischen Reichs aufgeteilt. Davon profitierten Serbien und Montenegro sowie das Osmanische Reich selbst, das einen großen Teil seiner europäischen Provinzen behalten konnte. Auch Bosnien und Herzegowina verblieben formell beim Osmanischen Reich, wurden allerdings gemäß Art. 25 des Berliner Friedens vom 13. Juli 1878 unter österreichisch-ungarische Verwaltung gestellt, welche das k.u.k. Finanzministerium ausübte. Der zwischen Serbien und Montenegro gelegene Sandschak Novi Pazar sollte beim Osmanischen Reich bleiben, jedoch behielt sich Österreich das Recht vor, dort Garnisonen sowie Militär- und Handelsstraßen zu besitzen.[1]

Ab dem 29. Juli 1878 begann Österreich-Ungarn mit der Besetzung dieser Gebiete, was vielerorts zu blutigen Auseinandersetzungen mit der Bevölkerung führte. Im Sandschak von Novi Pazar wurden die Städte Priboj, Prijepolje und Bijelo Polje ebenfalls besetzt.

Am 3. Oktober 1903 schlossen Österreich und Russland den Vertrag von Mürzsteg, in dem sie vereinbarten, zusammen für Ruhe auf dem Balkan zu sorgen.

Türkische Karikatur zur Annexion Bosnien-Herzegowinas, erschienen im Januar 1909 in der Satire-Zeitschrift Kalem

Annexionsbeschluss[Bearbeiten]

Am 16. September 1908 verabredeten der österreichische Außenminister Alois Lexa Freiherr von Aehrenthal und der russische Außenminister Alexander Petrowitsch Iswolski auf Schloss Buchlau in Böhmen, dass Österreich Bosnien und Herzegowina erhalten, Russland im Gegenzug die freie Durchfahrt durch den Bosporus und die Dardanellen gewinnen sollte.[2]

Das Jahr 1908 erschien als ein günstiger Zeitpunkt für Österreich-Ungarn sich der beiden Provinzen zu bemächtigen, da das Osmanischen Reich nach der Revolution der Jungtürken politisch geschwächt war. Diese Schwäche nutzten die Balkanstaaten aus: Kreta proklamierte einseitig seinen Anschluss an Griechenland, das suzeräne Bulgarien erklärte sich für unabhängig, sein Fürst Ferdinand I. nahm den Titel eines Zaren an.[3] Auch Österreich-Ungarn wurde nun aktiv. Als Vorwand diente ihm der Beschluss der Jungtürken vom Juli 1908, in das von ihnen wiedereingesetzte Parlament Abgeordnete aller Provinzen zu entsenden. Darunter eben auch aus Bosnien-Herzegowina, das ja formal immer noch Teil des Osmanischen Reiches, aber seit dreißig Jahren von Österreich verwaltet, aufgebaut und modernisiert worden war. Daher beschloss man in Wien, es nun auch offiziell dem Reichsgebiet einzuverleiben. Anlässlich seines Namenstages am 4. Oktober verfügte der seit 1848 regierende Franz Joseph I. per Handschreiben „die Rechte Meiner Souveränität auf Bosnien und die Herzegowina zu erstrecken und die für Mein Haus geltende Erbfolgeordnung auch für diese Länder in Wirksamkeit zu setzen, sowie ihnen gleichzeitig verfassungsmäßige Einrichtungen zu gewähren“.[4] Dieser Beschluss wurde am 5. Oktober 1908 vollzogen.

Die Annexion richtete sich nicht nur gegen das Osmanische Reich, sondern auch gegen Serbien, das versuchte, alle Südslawen in einem Staat zu einen (Panserbismus). Zwischen beiden Ländern bestand seit 1906 außerdem ein scharfer Zollkonflikt, der sogenannte Schweinekrieg.[5] Im Verlauf der Krise 1908 schlug Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf mehrmals vor, bei der Gelegenheit auch Serbien zu erobern. Montenegro sollte ebenfalls ausgeschaltet werden oder wenigstens eine „Einengung“ erfahren. Die Südslawen sollten einen Komplex im Rahmen der Monarchie bilden und dem Habsburgerreich, wie Bayern dem Deutschen Reich, untergeordnet werden. Weiters strebte er damals die Gewinnung Albaniens, des westlichen Mazedoniens und Montenegros an, mit dem strategischen Ziel, Saloniki als österreichische Bastion an der Ägäis zu etablieren. Sein imperialistisches Ziel war die Vereinigung aller West- und Südslawen unter österreichischer Herrschaft, was er mit der missionarischen Idee einer Stärkung der christlichen Kultur rechtfertigte.[6]

Politische Auswirkungen[Bearbeiten]

Karikatur der Satire-Zeitschrift Karagöz: Ein aufgedunsener Kaiser Franz Joseph leidet unter dem osmanischen Boykott
Französische Karikatur im Oktober 1908: Sultan Abdülhamid II. sieht hilflos zu, wie Kaiser Franz Joseph Bosnien-Herzegowina und Zar Ferdinand Bulgarien aus dem Osmanischen Reich herausreißen

Die Annexion führte zu wütenden Protesten im Osmanischen Reich, in Serbien sowie in Russland, wo panslawistische Strömungen verbreitet waren. Die dem Zarenreich als Gegenleistung zugesprochene freie Durchfahrt durch die Dardanellen scheiterte am Einspruch der Briten. Daher fühlte sich Russland zum zweiten Mal seit dem Berliner Kongress hintergangen. Es bestand einige Wochen lang akute Kriegsgefahr, da das Vereinigte Königreich und Russland damit drohten, das Osmanische Reich zum Nachteil Österreichs in seiner alten Rechtsstellung wieder einzusetzen.

Das Osmanische Reich selbst reagierte mit einem Handelsboykott gegen österreichische Waren, was den österreichischen Handel in dieser Region schwer schädigte. Der Legitimitationsverlust der jungtürkischen Regierung, die sich nachsagen lassen musste, in ihrer kurzen Amtszeit mehr preisgegeben zu haben als Sultan Abdülhamid II. in den Jahrzehnten seiner Alleinherrschaft, war so groß, dass konservative Kräfte mit dem Vorfall vom 31. März (nach gregorianischem Kalender: vom 13. April) 1909 versuchten, die zweite osmanische Verfassungsperiode zu beenden. Ihr Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.[7]

Dass es nicht zu einem Krieg kam, lag letztlich am militärischen Ungleichgewicht zwischen dem Zweibund und dem durch den verlorenen Krieg gegen Japan geschwächten Russland. Frankreich, das seit 1894 mit Russland verbündet war, sah den Bündnisfall als nicht gegeben an. Das Deutsche Reich stellte sich dagegen bedingungslos hinter seinen Partner – Reichskanzler Bernhard von Bülow sprach am 29. März 1909 vor dem Reichstag zum ersten Mal von der „Nibelungentreue“ im deutsch-österreichischen Verhältnis – und zwang so Russland zum Nachgeben.[8]

Die Annexion brachte Österreich-Ungarn mehr Nachteile als Vorteile, was im Wiener Reichsrat auf Empörung stieß. Zunächst war unklar, ob Transleithanien oder Cisleithanien die Souveränität über Bosnien und Herzegowina bekommen sollte. Denn durch die Annexion war die fragile innerstaatliche Machtbalance bedroht. Die ungarische Regierung beanspruchte die neuen Provinzen, weil Bosnien im Mittelalter zeitweise Teil der Gebiete der Stephanskrone gewesen war. Aber auch kroatische Nationalisten sahen ihre Chance gekommen. Sie forderten, dass Bosnien zum teilautonomen Königreich Kroatien und Slawonien geschlagen werden sollte, welches nach ihren Vorstellungen dann, zusätzlich vermehrt um Dalmatien, aus der ungarischen Hegemonie gelöst und zum dritten Teilstaat der Donaumonarchie erhoben werden sollte.[9] Damit wäre die im Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867 errichtete dualistische Staatskonstruktion zu einem Trialismus geworden. Schließlich wurde entschieden, dass Bosnien und die Herzegowina durch beide Reichshälften gemeinsam verwaltet und damit auch de jure (wie zuvor schon faktisch) gewissermaßen reichsunmittelbar werden sollte.

Mit der Annexion hatte Österreich-Ungarn sich außerdem die Last aufgebürdet, das Gebiet gegen jeden Angriff von außen und gegen innere Unruhen zu verteidigen. Beide Fälle waren 1908 wegen der russischen und serbischen Interessen einerseits, sowie der Haltung der bosnischen Serben gegenüber Österreich-Ungarn andererseits, keineswegs unwahrscheinlich. Darüber hinaus war der Herrschaftsanspruch der k. u. k. Monarchie über Bosnien und Herzegowina lediglich auf einen Rechtstitel gegründet, den in Europa zunächst niemand anerkannte – ganz im Gegensatz zu der europaweit garantierten Rechtsstellung des Reiches in den Provinzen vor der Annexion. Das Habsburgerreich lief daher Gefahr, im Falle eines Angriffs auf Bosnien und die Herzegowina ohne die Hilfe von Verbündeten dazustehen.

Innenpolitisch und wirtschaftlich wurde Österreich-Ungarn durch die Annexion geschwächt. Es handelte sich um bitterarme Provinzen, in denen wirtschaftlich nur wenig zu holen war. Der Wirtschaftsboykott und die Mobilisierung der Armeen des österreichisch-ungarischen Gesamtstaates hingegen belasteten die Wirtschaft erheblich.

Infolge der akuten Kriegsgefahr im Zuge der Annexionskrise sahen Nationalisten aller Schattierungen – nicht nur der Südslawen – die Chance auf Durchsetzung ihrer nationalstaatlichen Ideen näher rücken, während die deutschen Österreicher über die weitere Slawisierung Österreich-Ungarns klagten. In Wien, Prag, Laibach und weiteren Städten der Monarchie kam es aufgrund dieser nationalen Aufwallungen zu zahlreichen Krawallen vor allem an den Universitäten. Von Prag griffen diese Unruhen auf zahlreiche weitere böhmische und mährische Städte über, wo sich Deutsche und Tschechen gegenseitig gewaltsam attackierten. In Prag führte das so weit, dass der Ausnahmezustand verhängt werden musste. Die Annexion hatte innenpolitisch also großen Unfrieden geschaffen und der Nationalismus der Völker war aggressiver statt schwächer geworden.

Beilegung der Krise[Bearbeiten]

Aufgrund des unerwartet starken Widerstands nicht zuletzt des Osmanischen Reiches zeigte sich die Regierung in Wien bald zum Einlenken bereit. In den Verhandlungen stellte Österreich-Ungarn in Aussicht, sich für die Aufhebung der Kapitulationen einzusetzen, ungleichen Handelsverträgen, die das Osmanische Reich seit dem 16. Jahrhundert belasteten. Am 26. Februar 1909 einigten sich beide Staaten darauf, dass die Österreicher 50 Millionen Kronen zahlten und sich komplett aus dem Sandschak Novi Pazar zurückzogen. Dafür nahm das Osmanische Reich die Annexion hin.[10]

Obwohl ein europäischer Krieg noch vermieden werden konnte, ist die Annexionskrise als wichtiger Schritt auf dem Weg zum Ersten Weltkrieg anzusehen. Ein großer Krieg um den Balkan war in Sichtweite gerückt. Ein „Balkankrieg“ brach 1912 aus, wenngleich vorerst noch nicht unter direkter Beteiligung der Großmächte. Aus dem Frieden in Europa war endgültig ein „Vorkrieg“ geworden. Außerdem hatte sich gezeigt, wie sehr Österreich-Ungarn in den meisten Beziehungen auf das Deutsche Reich angewiesen war.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Adam: Großbritanniens Balkandilemma. Die britische Balkanpolitik von der bosnischen Krise bis zu den Balkankriegen 1908–1913, Hamburg 2009, ISBN 978-3-8300-4741-4.
  • Holger Afflerbach: Der Dreibund. Europäische Großmacht- und Allianzpolitik vor dem Ersten Weltkrieg, Wien u. a. 2002, ISBN 3-205-99399-3.
  • Jürgen Angelow: Kalkül und Prestige. Der Zweibund am Vorabend des Ersten Weltkrieges, Köln u. a. 2000, ISBN 3-412-03300-6.
  • Jost Dülffler, Martin Kröger, Rolf-Harald Wippich: Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg 1865–1914, München 1997, ISBN 3-486-56276-2.
  • Horst Haselsteiner: Bosnien-Hercegovina. Orientkrise und südslavische Frage, Wien 1996, ISBN 3-205-98376-9.
  • Noel Malcolm: Geschichte Bosniens, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-10-029202-2.
  • Helmut Rumpler: Eine Chance für Mitteleuropa. Bürgerliche Emanzipation und Staatsverfall in der Habsburgermonarchie. (=Österreichische Geschichte 1804–1914), Wien 1997, ISBN 3-8000-3619-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stephan Verosta: Theorie und Realität von Bündnissen. Heinrich Lammasch, Karl Renner und der Zweibund (1897–1914). Europa-Verlag, Wien 1971, ISBN 3-203-50387-6, S. 76.
  2. Holger Afflerbach: Der Dreibund. Europäische Großmacht- und Allianzpolitik vor dem Ersten Weltkrieg. Böhlau, Wien 2002, ISBN 978-3-20599399-5, S. 628.
  3. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 251 f.
  4. Gerhard Zimmer: Gewaltsame territoriale Veränderungen und ihre völkerrechtliche Legitimation. Duncker & Humblot, Berlin 1971, ISBN 3-428-02568-7, S. 117.
  5. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 252.
  6. Feldmarschall Conrad: Aus meiner Dienstzeit 1906–1918. Band 1: Die Zeit der Annexionskrise 1906–1909. Wien/Berlin/Leipzig/München 1921, S. 59 und 537 und 615; Heinz Angermeier: Der österreichische Imperialismus des Feldmarschalls Conrad von Hötzendorf. In: Dieter Albrecht (Hrsg): Festschrift für Max Spindler zum 75. Geburtstag. München 1969, S. 784.
  7. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 252 f.
  8. Klaus Hildebrand: Deutsche Außenpolitik 1871–1918. Oldenbourg, München 1989, S. 36.
  9. Josip Frank: Die Eingliederung Bosniens und der Herzegowina. In: Alfred von Berger et al. (Hrsg.): Österreichische Rundschau. Band XVII, Oktober–Dezember 1908. Fromme, Wien/Leipzig 1908, ZDB-ID 528560-4, S. 160–163. – Online.
  10. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985, S. 252.